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Vom Alt-Werden

Zwei Zusammenstellungen von Äußerungen Rudolf Steiners über das Alt-Werden sind kürzlich erschienen. Die Materialsammlung von Gisela Gaumnitz, die schon 1987 publiziert wurde, ist vom Verlag am Goetheanum 2019 in dritter Auflage neu herausgegeben worden. Neu ist die Sammlung ausgewählter Texte, die Franz Ackermann im Rudolf-Steiner-Verlag herausgegeben und kommentiert hat.


Es gibt wohl kaum ein Thema, über das Rudolf Steiner so oft gesprochen hat wie über den Tod. Und damit hängt das Alt-Werden zusammen, ein biografischer Vorgang, der durch das erhöhte Durchschnittsalter der Bevölkerung überall eine dramatische Aktualität erhalten hat. Die Tatsache, dass wir in der Regel nach dem aktiven Berufsleben noch Jahrzehnte im Leben stehen, dass wir dabei unter Umständen dement werden, dass wir auf intensive Hilfe und Pflege angewiesen sind – das alles stellt Fragen nach dem Sinn dieser Lebensphase.

Die Vorträge Rudolf Steiners enthalten eine ungeahnte Fülle von Gesichtspunkten zum Thema. Das reicht von Erziehungmethoden in der Kindheit mit je entsprechenden Folgen im Alter über den Kampf von geistigen Gestaltungskräften mit dem altersbedingten Verfall der Gestaltungskräfte des Leibes bis zu weit über den Tod hinausreichenden Zusammenhängen mit den Erlebnissen in der geistigen Welt und der Ausgestaltung neuen Karmas in der nächsten Inkarnation.

 


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Was bedeutet Alter geistig gesehen? Treten wir durch das Leben hindurch vorbereitet oder mit der Pensionierung plötzlich und unvorbereitet ins Alter ein? Aus vielen Äußerungen Rudolf Steiners kann sich ein tiefes Vertrauen in die letzten Prozesse des Alterns ergeben, ein Reifen des Vertrauens in die geistigen Mächte, in die karmische Berechtigung von Leiden und Altersbeschwerden und in Altersweisheit. Auch die Fragen nach einem frühen Tod in der Kindheit und Jugend oder einem Tod in hohem Alter werden angesprochen, ebenso die Frage, wie wir mit Verstorbenen in eine innere Verbindung treten können.

Die beiden Materialsammlungen unterscheiden sich, obwohl über weite Teile die gleichen Zitate enthalten sind. Die Sammlung von Gaumnitz ist etwas weiter gefasst. Sie verzichtet mit Ausnahme von Zwischentiteln fast ganz auf eigene Kommentare. Die Sammlung ist ganz unter dem Aspekt ‹Studienmaterial› zusammengestellt, das heißt, dass intensive Arbeit nötig ist, um die Inhalte für sich fruchtbar zu machen. Eine gewisse Kenntnis der Grundzüge der Anthroposophie ist Voraussetzung dazu.

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Treten wir durch das Leben hindurch vorbereitet oder mit der Pensionierung plötzlich und unvorbereitet ins Alter ein?

Die Sammlung von Ackermann hingegen enthält zu jedem Themenbereich einführende oder zusammenfassende Kommentare, die den Einstieg in die nachfolgenden Zitate erleichtern. Dadurch bekommt diese Zusammenstellung in gewissem Sinne den Charakter eines ‹Lehrbuchs› und ist für Menschen geeigneter, die an die Thematik herangeführt werden.

Trotzdem kommen beide Sammlungen nicht über das generelle Problem der Zitatesammlungen hinweg. Zitate sind immer aus dem Gesamtzusammenhang eines Vortrags oder gar Vortragszyklus herausgeschnitten. Und eigentlich müssten sie anregen, den ganzen Vortrag zu lesen. Niemand hat Rudolf Steiner nach einem Kurs über das Thema Alter gefragt. Die beiden Zusammenstellungen von Texten aus der Gesamtausgabe sind ein gewisser Ersatz dafür.

 


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Beide Bücher regen eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Alt-Werden an und lassen vieles verstehen, was vorher dumpfe Rätsel waren. Es ist sinnvoll, diese Auseinandersetzung – vielleicht nur in kleinen Portionen – bereits mit dem deutlichen Beginn des Alt-Werdens um das 35. Lebensjahr herum zu beginnen. Damit kann ein biografischer Prozess beginnen, der mit der Altersweisheit zu Dankbarkeit für alles Erlebte, zur Fähigkeit des Segnens und zu Vertrauen aus Verständnis führt.


Hinweis Die 7. Tagung zur Kultur an der Schwelle, ‹Seelenmut und Selbst-Verwandlung an der Schwelle› vom 6. bis 8. Dezember 2019 am Goetheanum, widmet sich den Schwellen von Geburt und Tod. Mehr: www.goetheanum.org/tagungen

Bücher Rudolf Steiner, Alt-Werden. Ausgewählte Texte, herausgegeben und kommentiert von Franz Ackermann, Rudolf Steiner Verlag, 2018. Gisela Gaumnitz (Hg.), Der Zukunft entgegen. Rudolf Steiner über das Alt-Werden. Verlag am Goetheanum 2019.

Titelbild: Fineas Anton

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