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Tiefer in die Landschaft schauen

Gespräch zur ‹Faust›-Inszenierung angesichts der Coronapandemie.


Gerade als das ‹Faust›-Ensemble die großen Szenen in ‹Faust II› auf der Bühne entwarf, kam mit dem Coronavirus der Stopp. Seitdem sind nur noch Einzelproben möglich. Der Aufführungstermin der Premiere am 20. Juni rückt immer näher und zugleich mit weiteren Wochen der Unterbrechung in die Ferne. «Es ist keine Unterbrechung», korrigiert Andrea Pfaehler, Regisseurin des großen Bühnenprojektes. «Vielmehr ist es ein umfassendes Innehalten – eine unendliche Ruhe, die uns künstlerisch sehr guttut. Mit einem Mal gelinge eine Konzentration von allen über lange Zeit, wie es vorher nur für Momente möglich war. Wir nutzen die Zwangspause und nehmen uns die Figuren von Margarethe bis Mephisto einzeln vor.» Was so viele Menschen im Privaten erleben, dass man neu und tiefer auf sich selbst und sein Leben blickt in dieser Auszeit, das gelte für sie jetzt künstlerisch. Sie habe, so sagt sie weiter, ein Temperament, das ihr jetzt helfe, die Umstände zu nehmen, wie sie sind. Auch das Aufführungskonzept mit thematischem Rahmen komme noch einmal auf den Prüfstand. «Ist es richtig, im Sommer den ‹Faust› zu spielen? Auf jeden Fall» – und jetzt ist es wohl ihre Cholerik, die spricht – «werden wir im Sommer die Premiere feiern!» Und sie ergänzt: «Wenn wir mit den Proben erst im Mai anfangen dürfen, ist das dann möglicherweise nicht am geplanten Termin im Juni, sondern erst im Juli. Jetzt sei noch alles ungewiss, sodass man wohl erst nach Ostern das Publikum informieren könne.

Zuerst, so erinnert sich Andrea Pfaehler, habe sie die Pandemie wie einen Schlag von Mephistos Mantel empfunden – diese unsichtbare Bedrohung! Dann entdeckte sie, welche Möglichkeit in der verordneten Pause und Stille liege. Es sei eine Einladung, sich zu vergewissern, was zähle, was wesentlich sei, und dazu ist das Theater eine Schule. Auch leiblich: Wenn geistige Arbeit das Immunsystem stärke, dann sei Theater, dann sei Schauspiel und Eurythmie auf der Bühne das Mittel dazu. Dann greift sie zum Bild: Wir hatten einen ehrgeizigen Probenplan. Wir waren im Schnellzug unterwegs. Jetzt, wo wir mit einem Mal im Schritttempo fahren, sehen wir reicher und tiefer die Landschaft.» – «Ich bin dankbar, in dieser wirren Zeit, in all den Proben und szenischen Untersuchungen Goethes Sprache und auch Goethe selbst an meiner Seite zu haben.»


Bild: Lucia Hunziker

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