Therapie mit Maske

Mit Maske zu arbeiten steht meiner therapeutischen Grundhaltung und dem, was ich bewirken und ermöglichen will, entgegen. Das spüre ich. Meine Gedanken dazu teile ich hier.


Ich begleite psychotherapeutisch hauptsächlich Kinder, die nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben, weil das Zusammenleben dieser Familien nicht gut gelingt. Es sind Eltern, die ihren Kindern in der Regel (noch) nicht den Halt und die Unterstützung geben können, die sie bräuchten, um sich frei und kräftig zu entwickeln. Gesundes geistiges, körperliches und seelisches Wachstum braucht Zeit, Raum und Beziehung: Zeit, um ein eigenes Tempo zu entwickeln und nicht mithalten zu müssen. Die Möglichkeit, immer wieder neu den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem selbstbestimmt Schritte getan werden können. Raum, Spielraum (auch im sprichwörtlichen Sinn), um hierhin oder dorthin zu wachsen. Möglichkeitsraum, um sich auszuprobieren und übend Neues zu wagen. Naturraum, um sich in diesen hineinzubewegen und sich mit ihm zu verbinden. Freiraum, ein innerer Raum, in dem Kontakt zum Selbst entstehen kann. All das versuche ich im therapeutischen Setting und kraft Beziehungsarbeit zur Verfügung zu stellen.

Zu wenig Rensonanz

Die jungen Menschen, die zu mir kommen, sind aufgrund ihrer Bindungsgeschichte verunsichert, insbesondere deshalb, weil sie zu häufig erfahren haben, dass Kontakt nicht auf sie abgestimmt wurde. Sie haben in frühen Jahren wenig oder unangemessene Resonanz auf ihren emotionalen Ausdruck und ihre Bedürfnisäußerungen erhalten. Hat ein Kind unzureichend Verbundenheit, Sicherheit und Orientierung erlebt, braucht es, um mit Freude zu wachsen und mutig Schritte gehen zu können, neue Erfahrungen und manchmal auch neue Umgebungen.

Durch meine therapeutische Arbeit versuche ich, grundlegende, oft verschüttete Bedürfnisse des Kindes zu beantworten. Ich sehe es zudem als meine Aufgabe, dies auch für die Bezugssysteme transparent zu machen und dort zu initiieren.

Insbesondere sollen folgende ‹Antworten› erfahrbar und vermittelt werden:

«Ich nehme dich wahr, so, dass du dich wahrgenommen fühlst und dich selbst wahrzunehmen lernst. Ich fühle dich, so, dass du dich gefühlt fühlst und beginnst, dich selbst und andere zu spüren. Ich verstehe dich und dein Verhalten, so, dass du dich verstanden fühlst und irgendwann verstehen wirst.»

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies nur mit Spiegelung, in abgestimmter Resonanz und mit professioneller Nähe gelingt – im Kontakt mit dem Kind über Bewegung, Körper und Spiel. Kontakt ist immer eine Form von Berührung und kann sich auf verschiedenen Ebenen ereignen (Wahrnehmung, Empfindung, Sprache, Körper etc.).

Der körperliche Ausdruck, insbesondere der Gesichtsausdruck, eröffnet den Kontakt. Das heißt, hier lesen wir einander. Was zeigt, signalisiert der Mensch mir gegenüber, was strahlt er aus? Kann ich weitergehen, ziehe ich mich wieder zurück?

In der Kontaktaufnahme sind wir also in einem Fluss von Sich-Öffnen und Sich-Schließen und tarieren dies im weiteren Verlauf immer wieder aus. Wir sind auf unsere Grenzen und auch auf die des Gegenübers bedacht. Viele Kinder, mit denen ich arbeite, haben zu einer gesunden Kontaktaufnahme und -gestaltung wenig Zugang. Sie haben dies nicht oder nicht gut genug gelernt. Sie machten eher gegenteilige Erfahrungen von Grenzüberschreitungen.

Masken erschweren die Lesbarkeit

Trägt ein Mensch eine Maske vor dem Großteil seines Gesichtes, kann ich ihn nicht mehr so gut lesen. Ich kann also nur begrenzt abschätzen, was jetzt adäquat wäre, und nur noch begrenzt eine Resonanz wahrnehmen. Es ist, als prangte in Buchstaben quer über der Maske so etwas wie ‹momentan keine Verbindung›, ‹kein Zugang›. Von Beginn an ist etwas zwischen uns geschoben. Das verunsichert. Wir als einigermaßen gesunde Erwachsene können das möglicherweise kompensieren, wenn ich auch glaube, dass dies über lang anhaltende Zeiträume Spuren hinterlässt. Kinder, insbesondere bindungsverstörte junge Menschen, können das nicht ausgleichen, sie kommen noch mehr aus dem Gleichgewicht.

«Die Beziehung – auch die pädagogische [und die therapeutische, Anm. d. Verf.] – hat unmittelbar zu erfolgen, ohne ‹Dazwischenseiendes›, ohne Mittel, in lebendiger Gegenwart, im Innewerden des anderen.»1

Die Kinder, die zu mir in die Praxis kommen, müssen mein Gesicht lesen können. In der therapeutischen Situation gibt mein Gesicht sichernde Resonanz, um einzuordnen, um sich zu vergewissern, letztendlich um sich selbst zu spüren. Kann ich mit Maske wirklich zusammen mit dem Kind ins freie und heilsame Spiel kommen? Kann ich, wenn ich dabei auf Abstand achten muss, dem Wesen des Spiels noch gerecht werden? Kann ich einen Spielfluss ermöglichen, in dem reinste Gegenwärtigkeit spürbar wird, frei von Konsequenz und Zuschreibung? Ich glaube, dass der kreative Möglichkeitsraum, den ich als Therapeutin eröffne, in dem sich das Kind frei ausprobieren und sich mit seiner inneren Welt zeigen kann, ein anforderungsfreier Raum bleiben muss.

Onlinekontakt

Ich glaube, dass diese Art von Kontakt möglicherweise für einen kurzen Zeitraum überbrückend wirken kann, über einen langen Zeitraum (der es ja inzwischen ist) jedoch verunsichernd wirkt. Im Onlinekontakt höre ich die Stimme meines Gegenübers, sehe den anderen jedoch zeitversetzt. Ich schaue in die Augen meines Gegenübers und erhalte keine Resonanz. Ich höre eine Stimme, aber nicht einen Klang. Es bleibt eine unvollständige Teilbegegnung. Als Erwachsene können wir das eher ausgleichen denn als Kind. Auch wenn ich häufiger höre, dass sich viele kleine Menschen auf diese besondere Art der Kommunikation gut einlassen, nehme ich an, dass es sich hierbei vielfach um eine notgereifte Anpassungsleistung handelt. Das Kind ist existenziell auf Kontakt angewiesen und es muss für diese Anpassungsleistung Bedürfnisse nach Spiel, Umarmung, echter Nähe unterdrücken. Dies gelingt, wenn es oft genug gemacht und zur Normalität und damit zur Gewohnheit wird. Ich befürchte hier Auswirkungen auf neuronaler Ebene, denn Erfahrungen, die ein Mensch macht, bilden in seinem Gehirn neuronale Strukturen und Muster. Solche Bahnungsprozesse sind umso intensiver, je früher sie erfolgen und je häufiger die entsprechenden Verschaltungen bei Herausforderungen und Belastungen aktiviert werden. Eine solche Entwicklung passiert auf Kosten von Lebendigkeit, Eigenwilligkeit und gereifter Autonomie, die nur auf der Grundlage von natürlicher Welterkundung entstehen.

Aktuell fühle ich die Grundbedingungen von Kontakt und Begegnung, sowohl allgemein gesellschaftlich als auch insbesondere in meiner therapeutischen Arbeit bedroht. Zentral ist für mich die Frage nach der Verantwortung für die mir anvertrauten Kinder. Ist das, was ich tun soll (bzw. nicht mehr tun darf), mit der Würde meiner jungen Klienten und Klientinnen und meiner Würde zu vereinbaren? Gerne würde ich über diese und weitere Fragen ins Gespräch kommen und lade hiermit dazu herzlich ein.


Kontakt: Praxis Auf der Freiheit

Foto: Xue Li

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Footnotes

  1. Peter Selg, in ‹Goetheanum› 22/2020.

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