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Sich selbst ein König sein — England als Wegbereiter in die Aufklärung

91 Vorträge zur Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung hielt Joachim Daniel bis zu seinem Lebensende am 17. Oktober 2009. Sein letzter Vortrag handelt von den besonderen Entwicklungsbedingungen Englands. Aus Anlass des bevorstehenden Termins von Großbritannien, die EU zu verlassen, und zugleich, weil sich der Todestag zum zehnten Mal jährt, publizieren wir seine Ausführungen. Textfassung von Wolfgang Held.


Wir alle sind Kinder der Aufklärung, und zur Aufklärung gehören – das ist schon ein Teil der Aufklärung – ihre Schattenwürfe mit Absolutismus, Sklavenhandel, Kolonialismus und den Vorbereitungen, die dann zur größten Umwälzung der Menschheitsgeschichte seit der neolithischen Revolution führten, die industrielle Revolution. Auch wenn wir heute schon von einer digitalen Revolution sprechen, so leben wir zuallererst in den Folgen dieser industriellen Revolution. Die moderne Gesellschaft ist ein Geschöpf der Aufklärung – wir alle sind Kinder der Aufklärung. Unter der Oberfläche des heutigen gesellschaftlichen Lebens ist dabei vieles verborgen: von den ägyptischen Pharaonen, der griechischen Demokratie bis zur Christianisierung Europas und zur Reformation. Denn unter all dem liegt eine Schicht, die im 18. Jahrhundert geschaffen wurde und zu der modernen Welt geführt hat. Deshalb sind heute die Quellen der Existenz verborgen, oder anders, die Kräfte, die einmal zu der Gegenwart führten, in der wir heute leben, sind im Untergrund. Das bedeutet, dass wir in die eigentliche Gegenwart gar nicht einzutreten vermögen. Wir leben nur in den Folgen der Gegenwart, solange wir nicht an diese konstituierenden Kräfte gelangen. Zukunft braucht Herkunft, Gegenwart braucht Erinnerung, wenn sie verstehen will, was die gegenwärtige Wirklichkeit ist.

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Wir leben nur in den Folgen der Gegenwart, solange wir nicht an diese konstituierenden Kräfte gelangen. Zukunft braucht Herkunft, Gegenwart braucht Erinnerung, wenn sie verstehen will, was die gegenwärtige Wirklichkeit ist.

Die Schlagader der Weltwirtschaft im 16., 17., auch noch im beginnenden 18. Jahrhundert war der Raum des Indischen Ozeans. Damals waren Indien, das Mogulreich, und China in der Ming-Dynastie die führenden Weltwirtschaftsmächte. Bis zu 80 Prozent der weltweiten Produktivität stammte aus diesem Raum und Indien, hatte eine hochentwickelte Manufaktur. Wie konnte in erstaunlich kurzer Zeit diese Wirtschaft Indiens dann zugrunde gehen und an ihre Stelle die neue Weltmacht ‹England› treten? Wie kam es dazu, dass das so produktive chinesische Kaiserreich beinahe über Nacht zu einem kranken Gebilde wurde, um das sich die Kolonialmächte stritten? Wie konnte das eigentlich unproduktive England zum Motor der Weltgeschichte werden? Diese Fragen muss man beantworten, wenn man die Moderne, den Aufstieg des Westens und die Genese der modernen Welt begreifen will. Es lohnt sich deshalb, die Geschichte Englands zu kennen, will man die Gegenwart verstehen.

Grenzen des Wachstums

1594 schreibt der spanische Vizekönig von Peru an den König in Spanien: «Chinesische Waren sind so preiswert hier und spanische Güter so teuer, dass ich es für unmöglich halte, den Handel so weit zu drosseln, dass keine chinesischen Artikel in diesem Land mehr konsumiert werden können.» Und hundert Jahre später macht ein Pariser Kaufmann einen Anschlag: «500 Livre für jeden, der auf der Straße den Frauen mit indischen Stoffen die Kleider vom Leibe reißt!»

Europa konnte damals nicht konkurrieren mit diesen ertragreichen Wirtschaften aus Fernost. Die Wirtschaftsproduktion hing – so eigenartig es klingen mag – von der Sonne ab, von all den Naturgrundlagen, die mehr oder weniger direkt von der Sonne erzeugt werden. Dabei gibt es vier Grundbedürfnisse des Menschen: die Nahrung, die Kleidung, die Behausung und die Wärme bzw. Brennstoff. In der klassischen biologischen Lebensordnung der Menschheit bestand der Brennstoff aus Holz, aus gewachsenen Bäumen. Häuser baute man, vor allem, wenn man arm war, ebenfalls aus Holz bzw. beim Fachwerk aus einem Gemisch aus Holz, Stroh und Lehm. Kleidung bestand aus Wolle, Baumwolle und Seide. Getreide, Gemüse und Vieh lieferten die Nahrung. Es gibt in jedem Land nur begrenzte Ackerflächen, begrenzte Menge an Wäldern. Die biologische Lebensordnung ist im 17. Jahrhundert an ihre Grenze gestoßen. Vor allem in Europa war der Raum erschöpft, in dem man anbauen konnte. Es war ein Anbau mit einer problematischen Dialektik: Je mehr man rodete für die Feldwirtschaft, desto mehr schwanden die Wälder für den Hausbau und für Brennstoff – und umgekehrt. Je mehr Städte entstanden und damit Weideland wegfiel, umso mehr war man auf Stoffimporte angewiesen, und die kamen aus Indien. Die Länder China und Indien haben nun eine außerordentlich ertragreiche Natur. Ein Scheffel Saatgut ergab die zwanzigfache Menge an Korn, während es in Europa nur das Achtfache hervorbrachte. Nahrungsmittel waren in Fernost deshalb billig und in Europa teuer. Zur Genese der Neuzeit gehört es nun, dass es gelang, dieses Verhältnis umzudrehen – Indien und China zurückzustufen und Europa mit England voran aufsteigen zu lassen. Es ist ein komplizierter Prozess, den zu verstehen sich lohnt, weil er den Boden für die spätere Aufklärung bildet, denn die geistige Entwicklung Europas, der Menschheit lässt sich nicht trennen von dessen wirtschaftlichem Fortgang. Im 18. Jahrhundert beginnt es nun, dass sich der Energiegewinn von der Sonne unabhängig macht – die Kohle wird genutzt und zum Antrieb der gerade erfundenen Dampfmaschine und des Dampfwebstuhls genutzt.

 


Miniatur von Alfred dem Großen in einer königlichen Genealogie des 14. Jahrhunderts.

Miniatur von Alfred dem Großen in einer königlichen Genealogie des 14. Jahrhunderts.

 

Darauf beruht auch unsere heutige Zivilisation, dass sich die Energiegewinnung von der gegenwärtigen Sonne abgetrennt hat. Ausgerechnet in England finden sich gewaltige Kohlevorkommen und in England werden die Dampfmaschine, die Entkörnungsmaschine für die Baumwolle und der Dampfwebstuhl erfunden. Der Aufstieg Englands ist eingebettet in die europäische Geschichte, wie der Untergang der katholisch-christlichen Einheit des mittelalterlichen Glaubens, wie die Kirchenspaltung in der Reformation. Dennoch lagen die Bedingungen, die die englische Bevölkerung, den englischen Adel, die englische Regierung befähigten, so effektiv und schnell die Neuerung des Aufklärungszeitalters praktisch umzusetzen, in der eigenartigen Geschichte Englands.

Merry Old England

Also ein Ritt durch die Geschichte von Merry Old England. England lebt als Insel in Splended Isolation und ist vor Invasionen geschützt. Während beispielsweise das Elsass in seiner 1000-jährigen Geschichte mehr als zehn Mal seine Besitzer gewechselt hat, blieb England unversehrt. Nur dreimal ist die Insel erobert worden. Das erste Mal durch Julius Caesar; sie war dann bis Schottland unter römischer Herrschaft. Kaum ein Land hat die römische Kultur so tief aufgenommen wie England, was sich bis heute in der Sprache spiegelt. Dann kommen im Zuge der Völkerwanderung die Angeln und Sachsen aus dem heutigen Niedersachsen und Holstein auf die Insel. Hengis und Horsta, die mythischen Anführer, gründen überall kleine Königreiche, ohne sich dabei mit der keltischen Urbevölkerung zu verbinden. Sie morden alles, was lateinisch spricht. Wie es sich für Germanen gehört, bekämpfen diese kleinen Königreiche sich gegenseitig. Alfred der Große, der Karl der Große Englands, einigt dann diese kleinen angelsächsischen Reiche zu einem ersten Großreich. Weil England keine hohen Berge besitzt, sondern nur die Mellow Hills of England, lässt es sich gut beherrschen. Nun hat König Alfred ein Verwaltungssystem geschaffen, das sich damals deutlich unterschied von dem, was als Nachfolge Roms in Frankreich und Deutschland entstand und bis heute nachwirkt. Er teilt sein England auf in Shires, in Distrikte, ähnlich den Schweizer Kantonen. In Städtenamen wir Devonshire, Gloucestershire klingt dieser angelsächsische Name nach. All dieses Land gehört den angelsächsischen lokalen Herrschern. Sie sind die Territorialherren, unterworfen dem König Alfred, der diese Shires zentral organisiert, zum Beispiel dadurch, dass es in England, anders als auf dem Festland, nur eine Münze gibt. ‹Alfred Rex Anglorum› steht darauf. Auch die Gerichte lässt Alfred zentral verwalten. Das gibt einen merkwürdigen Widerspruch. Mehr als in jedem anderen Land Europas dieser Zeit ist die Macht auf den König konzentriert. Gleichzeitig hat er die reale Regierungsarbeit und Gerichtsbarkeit seinen Lords überlassen. In den Shires regiert der jeweilige ‹shire reeve›, der sich aber an den Vorgaben des Königs orientieren muss. ‹Self government at the kings command›, so lautet die Regel. Durch diese lokale Souveränität und bedingte Freiheit wurde das Königtum in England kaum als Unterdrücker empfunden, sondern als Primus inter Pares. Alfred der Große hat jedoch außenpolitisch ein Problem: Im 8. und 9. Jahrhundert stiften die Normannen Unruhe. Als Seeräuber segeln sie die britische Küste entlang, die Flüsse hinauf und rauben und brandschatzen die Dörfer. Hierzu erhob der König das sogenannte Danegeld, das noch heute so heißt. Es ist eine Kriegssteuer, mit der der König Burgen bauen konnte. Die Abwehr der Normanneneinfälle fördert das Gefühl für eine zentrale Schutzmacht. Gleichzeitig bildet sich in der englischen Gesellschaft durch die Shires die sogenannte Territorialisierung der Lebensformen aus. Im Shire, dort wo man lebt, Sicherheit und Schutz genießt, dort gehöre man hin und weniger zur Familie und zum Clan, wie es in Schottland gilt. In der englischen Sprache spiegelt sich, dass man in England für Verwandte zweiten Grades wie Neffe, Großonkel usw. kaum Namen kannte. Es gab Sister und Brother – und dann Relatives, Angehörige. Anders auf dem Festland. Durch die Völkerwanderung fielen die Gesellschaftsformen vom hohen römischen Standes- auf altes Klan- und Sippendenken zurück. Diese Bedingungen im 9. Jahrhundert spielen später eine große Rolle, wenn in England vom ‹Homo Liber›, vom freien Mann, die Rede ist.

 


Karte von Devonshire, einer Grafschaft im südwesten Englands, ca. 1670.

Karte von Devonshire, einer Grafschaft im südwesten Englands, ca. 1670.

 

Wenn sowohl König als auch Adel herrschen

Entsprechend wird übrigens in England ein Adelstitel nicht einfach an die nächste Generation weitergegeben. Er ist an die Person gebunden und muss extra ‹vererbt› werden. Dadurch besitzt England ein viel älteres, aus viel älteren Quellen gewonnenes Verhältnis zur eigenständigen Persönlichkeit. 1066 geschieht es dann doch: König Harald kommt nach seinem Sieg über Dänemark erschöpft nach England zurück, da fällt Wilhelm der Eroberer ein und unterwirft in einem Kriegszug das ganze Land. Der angelsächsische Adel wird aus allen Schaltstellen verdrängt. Robin Hood ist solch ein Adliger. An ihre Stelle setzt Wilhelm sein aus Frankreich mitgebrachtes, von den deutschen Königen gelerntes Lehenssystem. Für zwei Generationen wird England von gut zehn normannischen Familien beherrscht, wobei das alte Shire-System bestehen bleibt. Die Normannen wussten zu gut, dass sie dieses über Jahrhunderte gewachsene Lebensgefühl nicht brechen durften. Nur wurde aus Shire nun County. Und die neuen Herrn sind Lehensherren, also keine Grundbesitzer wie die Angelsachsen. Wenn sie sterben, geht der Besitz, zumindest pro forma, an den König zurück. Wer bei einer Schlacht vielleicht zu wenig Soldaten schickte, dem konnte der König sein Lehen entziehen. Nun gehört England allein dem König. So etwas gibt es auf dem Festland erst im Absolutismus. Die Counties in den Provinzen herrschen dort nach eigenem Gutdünken, solange sie sich mit dem König nicht überwerfen. Dadurch braucht der englische König keinen großen Staatsapparat. Er besitzt nur wenige Verwaltungsbeamte. Auch die Königsarmee ist deshalb klein und der englische Adel sieht sich als Grundbesitzer und nicht als Ritter. Der Adel als Inhaber der Verwaltung herrscht über alle Maßen. Die englische ist die feudalistischste Gesellschaft, gleichzeitig genießt der Adel hohe Zustimmung aus der Bevölkerung, auch weil der Adelstitel durch Leistung und nicht durch das Blut verliehen wird. Es gibt in der englischen Geschichte nur wenige Aufstände gegen eine lokale Herrschaft.

Wenn man nun einige Jahrhunderte überspringt, kommt man in die Zeit des mächtigsten Papstes aller Zeiten, Innozenz III., der die Albigenser als Ketzer in Frankreich ausrotten lässt. Es ist die Zeit von Franz von Assisi, es ist das Jahrhundert der großen gotischen Kathedralen, das Jahrhundert, in dem Thomas von Aquin lehrt. In dieser Zeit hat England den ausschweifenden König King John, der seinen Bruder Richard Löwenherz verraten hatte. Gegen ihn wendet sich Robin Hood, mehr Mythos als Geschichte. Im deutschen Sprachraum hieß er Johann Ohneland, weil er im Krieg mit Frankreich, auf das er Ansprüche anmeldet, alle englischen Ländereien verliert.

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In Immanuel Kants wunderschöner Schrift über den ewigen Frieden: «Jeder Mensch wird von einem König regiert – und dieser König heißt Vernunft.» Daher brauchen wir keine Könige auf Thronen. Oder besser: Daher braucht der freie Mensch keinen König auf dem Thron.

Der gefürchtete König war daraufhin so geschwächt, dass sich die Mächtigsten des englischen Adels in einem Brief an den Papst wenden, damit er ihnen gegen König John beisteht. Dieser schickt King John den Kardinal Steven Langton, ein Verwaltungsgenie, mit dem Auftrag, den zerrütteten englischen Staat wiederherzustellen. Gleichzeitig versucht John, für weitere Kriege Geld aus den englischen Grafschaften zu pressen, was deren Counts verweigern. Hier zeigt sich wieder die Stärke der Shires. John lässt sie foltern und töten, um das letzte Geld aus England zu pressen. Doch er verliert die entscheidende Schlacht. Mit Innozenz’ Hilfe zwingen die Adeligen den mittellosen König zu Zugeständnissen und schreiben – in dieser Zeit einzigartig – eine Verfassung, die als Magna Carta Libertatis in die Geschichte eingeht, die ‹große Freiheitsurkunde› mit zwei Forderungen. Der König darf nur noch mit Zustimmung der Counts und Lords Steuern erheben. Sie seien die ‹Gleichen›. Vom Lateinischen ‹pares› (= Gleiche) wurde daraus ‹peer›, der später zum übergeordneten Begriff für den Adel wurde. Für diese Abstimmung über die Steuern muss der König all diese Peers einladen, damit sie mit ihm über die Steuer reden können. Aus Französisch ‹parler› = reden wird das Parlament. Außerdem darf der König nicht selbst Recht sprechen. Es passiert etwas, was in der mittelalterlichen Geschichte einzigartig ist: im Jahr 1215 eine Art Verfassung. Es wird mit einem Prinzip gebrochen, das auf dem Festland Europas noch drei-, vierhundert Jahre in Kraft ist, dass der König (rex) ‹supra legem› sei, über dem Gesetz stehe. In England ist der König ‹sub lege›, unter dem Gesetz. Über dem König steht das Gesetz und nicht umgekehrt, wie in allen anderen Ländern. Das gab es nur in England.

 


Silbermünze mit Alfred dem Grossen, ca. 880

Silbermünze mit Alfred dem Grossen, ca. 880

 

Eine Zeitreise zu Immanuel Kant in seine wunderschöne Schrift über den ewigen Frieden: Da gibt es den Satz: «Jeder Mensch wird von einem König regiert – und dieser König heißt Vernunft.» Daher brauchen wir keine Könige auf Thronen. Oder besser: Daher braucht der freie Mensch keinen König auf dem Thron.

Mit der Glorious Revolution am Ende des 17. Jahrhunderts, der friedlichen Revolution hundert Jahre vor der Französischen Revolution, den Bill of Rights geht England und später Großbritannien große Schritte zum modernen Parlamentarismus und den Bedingungen, dass jeder Mensch seinen König hat. Die einzigartige Mischung aus lokaler Souveränität und der Einheit, wie sie eine Insel stiften kann, die Besonderheit einer friedlichen Revolution, gaben England die Möglichkeit, die ganze Welt in die Neuzeit zu führen.


Der vollständige Vortragszyklus von Joachim Daniel: Sentovision, 91 Vorträge auf MP3-DVD (Audio), Laufzeit ca. 90 Stunden, ISBN 978-3-03752-084-0

Titelbild: Karte (bearbeitet) von Dorset, einer Grafschaft im südwesten Englands, ca. 1670.

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