Rilke und seine Grenzgänge

Das ‹Stil›-Heft, Ostern 2021, ist Rainer Maria Rilke gewidmet. Könnte es sein, dass die acht Beitragenden in ihren Aufsätzen mit dem Okular der in ihnen lebendigen Anthroposophie ein neues Licht auf Rilkes Leben und seine Kunst werfen?


Rilke (1875–1926) war ein Wanderer, nirgends lange zu Hause, machte sehr viele Reisen und wurde der ‹letzte fahrende Sänger› genannt. Deswegen entschloss ich mich, mit ihm zu verreisen, mit ihm auf den Weg zu gehen durch das ganze Heft hindurch. Die erste Etappe war der Beitrag von Peter Selg über ‹Rilkes Lebensweg und Krankheitsschicksal›. Rilke nannte sich einen verwundeten Menschen, dessen Wunden sich trotz seines Willens nicht schließen konnten. Selg beschreibt einfühlend, wie Rilke furchtbar an seiner Überempfindlichkeit gelitten hat, die sich für ihn bis tief in seine Blutzirkulation hinein fortsetzte, was ihm Hilflosigkeit und Angst bereitete. Die aufgenommenen Eindrücke wirkten weiter in leiblicher und seelischer Hinsicht – und doch setzte er sich willentlich diesen von ihm aufgesuchten Eindrücken aus, als Grundlage seiner Dichtung. Es war sein späteres Leukämie-Schicksal mit den jetzt bekannten langen Vorlaufzeiten, das ihm einen Streich spielte. «Das wäre so gut für mich: einmal einem Arzt begegnen, der mich nicht nach meinen ersten Worten in eine Gruppe einteilt.»1 Er hat ihn nicht gefunden, aber Peter Selg ist postum der Arzt, der seine Seele und seinen Geist für ihn öffnet, mitleidend mitlebt und ergriffen die Fertigstellung der ‹Duineser Elegien› beschreibt. Rilke konnte sie nach zehn Jahren vergeblichen Bemühens als einen «Sturm aus Geist und Herz», der in der Einsamkeit des Turmschlosses Muzot im Wallis im Februar 1922 über ihn kam, als «die größte und reinste ‹Arbeit› seines ‹Herzens›» vollenden. Danach folgte der körperliche Zusammenbruch, mit den unmenschlichen Schmerzen, die wir, innerlich still werdend, bis zu seinem Tode verfolgen.

Rainer Maria Rilke lebte zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Lebenden und Toten, und begegnete Engeln in der ‹großen Einheit›.

Diesseits

Erich Unglaub behandelt den Briefwechsel von Rilke mit dem jungen Dichter Franz Xaver Kappus. Der existenzielle Rat, den Rilke Kappus in zehn Briefen gibt, ist für viele Kunstschaffende zur Richtschnur ihrer schöpferischen Arbeit geworden. Sicher über eine Million gedruckte Exemplare sind in aller Welt an die Leserinnen und Leser gelangt. Für Lady Gaga war ein Zitat aus Rilkes erstem Brief derart existenziell, dass sie es 2009 auf den linken Oberarm tätowieren ließ. Rainer Maria Rilke lebte zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Lebenden und Toten, und begegnete Engeln in der ‹großen Einheit›. René Madeleyn bringt uns diese Wirklichkeit des Engels in vier wunderschönen Gedichten von Rilke zum Bewusstsein, niemals festlegend, immer mitbewegend und empfindend als lyrische Annäherungen an die Anthroposophie. Eine intime, liebevolle Stimmung ist da zu erleben. Während des Lesens trat das Bedürfnis nach einer biografischen Skizze von Rilkes Leben auf. Der Aufsatz von Jaap Sijmons stillte meinen Hunger. Ganz einleuchtend beschreibt er Rilkes biografische Entwicklung, die Hintergründe, die menschlichen Verhältnisse, welche teilweise Spiegelungen seines Lebens in seinem einzigen Roman ‹Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge› (1910) sind. Nach dem Spiegelbild des Engels in Rilkes Leben gelingt es Sijmons, das Spiegelbild Rilkes in Maltes Leben zu veranschaulichen.

STIL, Goetheanismus in Kunst und Wissenschaft: Rainer Maria Rilke – Grenzgänge, Ostern 2021

Jenseits

Und dann geht der Pendelschlag zu den Toten, zu zwei konkreten Rilke bekannten verstorbenen Menschen. In ‹Das Neue Totengehör – Rilkes Requiem-Gedichte von 1908› schreibt Wilbert Lambrechts: «Lebendig werdende Tote erscheinen so in den Gedichten, und werden so angesprochen. Die rhythmischen Worte sind Meditationen, die abgehalten werden in der Gegenwart dieser Verstorbenen. […] Die Toten müssen ihren traumatischen Tod im Gedicht wiedererleben, damit sie ruhig und gelassen tot sein können. Und Rilke hilft ihnen mit seinen Worten dabei.» Seine Gedichte bringen uns an und über die Schwelle, werden beleuchtet durch Rudolf Steiners Erkenntnisse, und auch Lambrechts Erzählung entfaltet sich immer mehr zu einer poetischen Stimmung, ganz nahe an Rilke, sein tieferes Wesen ahnend.

Eintauchen in die Kunst

Ruedi Bind taucht ein in die Worte von Rilke: «Es gibt weder ein Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit, in der die uns übertreffenden Wesen, die Engel, zu Hause sind. […] Unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht. […] Ich lerne anschauen, ein- und nachfühlen, […] bis fast zur eigenen Vernichtung, denn mit der Einfühlung kann man, dessen bin ich gewiss, gar nicht weit genug gehen.»

Christiane Haid legt ihren Fokus auf Rilkes 55 ‹Sonette an Orpheus›. Diese sind kurz vor und nach den ‹Duineser Elegien› in Muzot entstanden. Haid bietet uns innerlich eine helfende Hand, damit wir drei der Sonette, «nahezu die Urgestalt des Dichters und Sängers», ein- und nachfühlen können. Dabei sind auch die Darstellungen Rudolf Steiners für sie sehr fruchtbar. Steiner nannte Orpheus den Vorbereiter des Mysteriums von Golgatha, da er im Ringen mit dem Tod und seiner Überwindung einen Anfang gemacht hatte, der durch Christus seine Vollendung fand. Die Autorin erlebt das Ringen des Orpheus um die Wahrnehmung der übersinnlichen Welt zugleich als ein Ringen um die sinnliche Welt, die ja verwandelt werden will, durch die Einweihung. Christiane Haid bringt uns in ihrem Erleben Rilke sehr nahe, kommt in den wortlosen Strom, in das ‹Zwischen-Liebe-Ganze›. Seele und Herz können lauschend sich öffnen, still werden, offen für den Gesang der Sphären: Gesang ist Dasein. Geboren aus der Stille ist diese Musik der Sprache, diese Magie des Klangs.

Der Klang der Stille

In dem letzten Aufsatz hören wir vom Dichter und Musiker Bruce Donehower (USA), dass Rilkes Poesie versucht, die Grenzen der Sprache zu überschreiten, um uns auf einen Punkt ungeborener Stille hinzuweisen. Rilkes Dichtung, diese Poesie der Stille, ist ein spirituelles Geschenk. Wir kommen zu einer Besinnung auf uns selbst, das heißt zu einer Besinnung auf Geist und Schönheit. «Sie spüren einen größeren Sinn für den Atem; sie bekommen Flügel. Diese Flügel der Seele nähren sich von der Stille, die Rilkes Gedichte und Briefe umgibt und bewohnt.» Und in unserem Zeitalter des universellen Geschwätzes, wie Donehower es nennt, gibt es ein Verlangen nach Rilkes Poesie des Schweigens. In Amerika ist Rilke in den letzten Jahrzehnten zu einem der populärsten Dichter geworden. Ein Verlangen nach dem Geheimnis der Stille, des Todes.

Wir sind den Weg gegangen. Immer waren für mich die Wunden und Schmerzen Rilkes dabei, seine Einsamkeit und Disziplin, seine Toten, die Ungeborenen und Engel, seine wunderschöne Poesie der Stille im Reich der Grenzgänge. Das Rilke-Heft hat ihn gesehen und in mir auferstehen lassen.


STIL, Goetheanismus in Kunst und Wissenschaft: Rainer Maria Rilke – Grenzgänge, Ostern 2021, 43. Jhg., Heft 1, hrgs. Sektion für Schöne Wissenschaften, Sektion für Bildende Künste, Sektion für Redende und Musizierende Künste

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Fußnoten

  1. Alle Zitate stammen aus der Publikation.

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