Meine Angst soll sie nicht spüren

Am Samstag, 7. Oktober, dem jüdischen Feiertag Simchat Tora, begann der Angriff der radikalislamischen Terrororganisation Hamas auf Israel mit über tausend Opfern und Hunderten verschleppten Geiseln – darunter auch Frauen und Kinder. Der Terrorakt ist genau 50 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg der arabischen Nachbarn gegen Israel ein tiefer, wohl traumatisierender Einschnitt in das fragile Gefüge im Nahen Osten. Hier der Facebook-Eintrag von Rahel Meshorer-Harim.


Zeilen von heute Nacht um 4 Uhr: Ich würde gerne schlafen, aber in meinen Ohren dröhnen die Flugzeuge und Helikopter, die fast unablässig über uns hinwegfliegen. Was führen sie wohl mit sich? Hilfsgüter für den Süden oder Bomben für Gaza? Wir sind bei der Schwiegerfamilie in Israel, in einem Vorort von Jerusalem. Am Samstagmorgen habe ich für meine Tochter und ihre Cousins Bananenpancakes gemacht und währenddessen einen türkischen Kolibri aus dem Küchenfenster beobachtet. So geht Urlaub, sagte ich zur kaffeetrinkenden Schwiegermutter, und da fingen die Sirenen das erste Mal an zu heulen und plötzlich war – Krieg.

Den Samstagmorgen haben wir daraufhin im Luftschutzkeller verbracht, immer wieder heulten die Sirenen. Für die Kinder hieß das jeweils, dass sie nun Playmobil spielen durften in dem kleinen stickigen Raum mit der dicken Tür. Wir hörten, wie die Flugabwehr ‹Iron Dome› Raketen der Hamas abfing und sie in der Luft explodieren ließ. Wir hörten und spürten, wie eine Rakete im Ort einschlug.

Später sah ich auf ‹Zeit Online› zufällig ein Bild der Einschlagstelle. Ich weiß nicht genau, wo und in welcher Entfernung von uns die Rakete niederging. Im Moment des Einschlags ließ uns die Erschütterung glauben, dass das Nachbarhaus getroffen worden war.

Seither ist es hier sogenannt ‹ruhig›, das heißt: Seit Samstagmittag gab es in unserer Region keinen Raketenalarm mehr und ich bin dankbar dafür. Wo es nicht ruhig ist, ist in unseren Köpfen und Herzen.

Da ich nur Einblick in meinen Kopf und mein Herz geben kann, bitteschön: Mein Körper ist seit zwei Tagen im Alarmzustand, an Schlaf ist kaum zu denken. Vom sprichwörtlichen Knoten im Magen, über den man in Texten so gerne liest, weiß ich nun, dass es ihn wirklich gibt, vor Angst und Anspannung. Ich war hier zu jedem Zeitpunkt so gut wie sicher. Wie geht es wohl den Menschen nun in Gaza, die über keine Schutzräume verfügen, in einer sowieso schon maroden Stadt? Wie ging es den Menschen im Süden Israels, als Hamas-Terroristen auf den Straßen patrouillierten und wahllos Zivilisten abschlachteten?

Die Instagram-App auf meinem Smartphone habe ich schon mehrmals gelöscht und wieder runtergeladen – alles an Neuigkeiten zu lesen und zu sehen macht mich krank und doch geht es mich an. Ich muss mich zusammenreißen, nicht alle paar Minuten die Onlinezeitungen zu aktualisieren. Ich kriege die Videos von entführten Kindern und Frauen nicht mehr aus dem Kopf – wenn ich die Augen schließe, schaue ich in die ihrigen, erfüllt von Todesangst und Entsetzen.

Ich bin zu müde – akut und chronisch, um mir Gedanken über Politik, über Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld machen zu können.

Gestern suchte ich stundenlang Rückflüge in die Schweiz, geplant kämen wir erst in einer Woche zurück. Ich habe alle Flughäfen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Spanien versucht. Ich habe Kopenhagen, Amsterdam, Lissabon, Porto, Budapest, Split, Athen versucht. Dreimal dachte ich, wir hätten Flüge erwischt, jedes Mal wurde mir während des Eintippens der Kreditkartendaten mitgeteilt, dass dieser Flug gerade von jemand anderem gekauft wurde. Die frühesten freien Tickets gab es am Freitag. Mit Glück haben wir schließlich Flüge für Donnerstag gekriegt.

Und währenddessen dachte ich die ganze Zeit: Wir können zurück nach Hause, an einen sicheren Ort – unser größtes Problem zu Hause könnte sein, dass die Katzen während unserer Abwesenheit eine Maus in die Wohnung gebracht haben. Unsere Familie bleibt zurück. Die alten gebrechlichen Großeltern, die zweijährigen Neffen. Die Kinder in Gaza, die nicht einmal zu Binnenflüchtlingen werden können wie die Menschen im Süden Israels.

Ich glaube, ich bin zu müde – ganz akut, aber auch chronisch, bezogen auf das Weltgeschehen –, um mir Gedanken über Politik, über Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld machen zu können. Jeder Mensch, der einen anderen mit Absicht verletzt, foltert, vergewaltigt, ermordet oder schändet, verdient diese Bezeichnung nicht mehr, auf allen Seiten. Eure Gründe sind mir egal. Jeder Mensch trägt die Verantwortung für sein eigenes Handeln.

Ich möchte noch mehr schreiben, aber meine Tochter neben mir wird langsam wach und vielleicht ist das auch gut so. Dieses Erleben von Krieg ist so anders als beim letzten Mal 2014, als ich als Freiwillige in Be’er Scheva gearbeitet habe. Es ist dieses Mal viel schlimmer: Ich habe nicht nur Angst um mich, sondern auch um mein Kind. (Und wieder: Wie geht und ging es wohl den Müttern im Süden und in Gaza?) Ich möchte es beschützen und es meine Angst nicht spüren lassen. Und gerade deshalb ist es auch gut, dass es anders ist als noch vor neun Jahren: Ich muss im Handeln bleiben, den Tag strukturieren und gestalten, ganz simpel: für meine Tochter verfügbar sein.

Vielleicht verstehe ich nun ein bisschen, weshalb man sagt, dass Kinder Hoffnung bedeuten.


Grafik Fabian Roschka

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