‹Liebt das Böse gut!› Wie geht das heute?

Goethes ‹Faust› und das Lebensgeheimnis der fünften Epoche.


Morgensterns schöne und rätselhafte Aufforderung aus dem Gedicht ‹Brüder!› wird oft als Kurzformel für einen ganz anderen, neuen Ansatz im Umgang mit dem Bösen gebraucht: umwandeln statt bekämpfen, Liebe statt Hass. Dies dient der Regisseurin Andrea Pfaehler als Motiv ihrer ‹Faust›-Inszenierung. ‹Das Böse gut lieben› klingt fast wie ‹schönreden›. Wenn es ernst gemeint ist, darf man fragen: Wie soll das gehen? Der Zusammenhang des Dichterworts führt weiter:

Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit er erschienen,
Ziel allein!

Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.

«Liebt das Böse – gut!»
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen –
Liebesmut!

«Brüder!» – Hört das Wort!
Dass es Wahrheit werde –
und dereinst die Erde
Gottes Ort.(1)

Christian Morgenstern

Der andere Mensch ist – von den Zeiten des Kain bis heute – zugleich der Bruder und auch der Wirkungsort des Bösen. Nur vom Mitmenschen, der zum Werkzeug böser Mächte wird, gehen die illegitime Gewalt und das Leid und der Hass aus: Denn auch die bösen geistigen Wesen bedürfen des Menschen, um im Erdenleben wirksam zu werden. Und Morgenstern erinnert daran, dass jeder Mörder, Folterer und Unhold einst ein zartes Neugeborenes war, ein Menschenkind aus Licht gewebt, umsorgt und hoffentlich geliebt. Zu diesem Erinnern an das Zarte und Feine im Bruder sollen, so der Dichter, das Dienen und Helfen hinzukommen. Wenn wir die eine der großen Quellen des Hasses, den Neid, rückwärts lesen, enthüllt sich uns sein Gegenmittel: ‹neid› wird zu ‹dien›. Wem ich diene, dem neide ich nicht mehr. Und drittens Mut. Erst wenn echte, rechte Gefahr da ist, kann ein Mensch überhaupt mutig sein. Diese Tugend gibt es nur in der Bewährung, sie ist nie theoretisch. Liebesmut kann auftreten und kräftig, widerstandsfähig und dauerhaft werden wie Stahl, wenn der Hass es fordert. Erinnern, dienen und mutig lieben sind die inneren Elementarteile des Umgangs mit dem Bösen, wie es dem Menschen heute entgegentritt.

Die beiden Grundfragen nachchristlicher Zeit

Dass wir im repräsentativen Drama der Neuzeit, in Goethes ‹Faust›, wieder und wieder auf die Frage des Bösen gewiesen werden, ist Absicht. Der Dichterfürst und sein Genius haben den Faust-Stoff aus dem Mittelalter geborgen und in unsere Epoche hineintransponiert. Die Wirkstoffe des Dramas, besonders die des zweiten Teils, sind modern und vielschichtig, zugleich tiefernst und unterhaltsam, exotisch und bodenständig, politisch und philosophisch, kritisch und naiv: «Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen», so der Direktor im ‹Vorspiel› (Vers 97).

Aus den Proben zur aktuellen ‹Faust›-Inszenierung im Goetheanum. Foto: Wolfgang Held.

Goethe verbindet mit dem ‹Faust› und im Besonderen mit den Figuren des technisch geborenen Homunkulus und des urbösen Mephistopheles die zwei lebensbestimmenden Epochengeheimnisse oder esoterischen Wurzelwahrheiten der griechisch-römischen und unserer gegenwärtigen Kulturepoche. Er verbindet die zwei großen okkulten Grundfragen und Leitmotive der nachchristlichen Zeit: das Geheimnis von Tod und Geburt und das Geheimnis des Bösen. Dazu gehört die Angabe Rudolf Steiners, dass jede vergangene Kulturepoche der Menschheit ein sie beherrschendes, für sie zunächst nicht zu lösendes Geheimnis hatte, dem sie unterlag und das sie prägte: die indische Kultur das Geheimnis des Abgrunds; die persische Kultur das Geheimnis der Zahl; die ägyptisch-assyrisch-chaldäische Kultur das Geheimnis der Alchemie und die griechisch-römische Kultur das Geheimnis von Tod und Geburt.(2) ‹Geheimnis› bedeutet dabei, dass traditionell nur in engsten okkulten Kreisen über diese Geheimnisse gelehrt wurde. Die genannten ersten vier großen Lebensgeheimnisse sind in den theosophischen Schriften des 19. Jahrhunderts beschrieben. Jede Kulturepoche hatte über das epochentypische Unterworfensein unter die Wirksamkeit des jeweiligen Prinzips hinaus nicht nur die Entwicklungsaufgabe, dieses allmählich zu erkennen, sondern musste sich zugleich in der Handhabung und Beherrschung des geheimen Kraftprinzips der vorherigen Epoche üben, sollte dieses Geheimnis meistern und in die Kultur einfügen.

Das Böse ist nur ein versetztes Gutes

Das Geheimnis der in Rudolf Steiners Zählung und Datierung aktuellen fünften, 1413 beginnenden nachatlantischen Kulturepoche – die auch germanisch-angelsächsische Kulturepoche, Bewusstseinsseelenkultur oder mitteleuropäisch-deutsche Kultur genannt werden darf – ist «das Geheimnis des Bösen, das die Apokalypse behandelt.» (Rudolf Steiner, Kosmogonie, GA 94, XVII, 13.6.1906, S. 111) Das Böse ist dabei nie als ein absolutes Wirkprinzip zu verstehen. Mephistopheles offenbart sich recht bald mit den Worten (Vers 1342 ff.): «So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, /Mein eigentliches Element.» Dass damit weniger das makrokosmisch-wesenhafte Böse, sondern das im Vaterunser (‹erlöse uns von dem Bösen›) bezeichnete menschliche Böse gemeint ist, zeigt Rudolf Steiner im Vaterunser-Vortrag vom 6.3.1907 in Köln: «Das Ich ist die Quelle der Selbständigkeit im Menschen und zugleich die Quelle des Egoismus, der Selbstsucht. Das Ich ist in diesem Sinne das Übel [gr. πονηρός (poneros), lat. malum], das Symbolum dafür. Malum heißt ‹Apfel› und ‹Übel›. Der Sündenfall ist das Übel, das Fehlen aus Egoismus.» (GA 97, S. 122). Er weist bereits Jahre früher darauf hin, dass es ein «absolutes Gutes und ein absolutes Böses nicht gibt. Das Böse ist nur eine Art ‹versetztes› Gutes» (GA 92, Gut und Böse, I, 24.6.1904).

Wesentlich ist, dass das Böse im Menschenerdenleben durch die «unrechtmäßige Verwendung der heiligen Verwandlungskräfte» durch uns Menschen entsteht: «Es gestattet wahrhaftig, tiefe Blicke hineinzutun in das Geheimnis des Daseins, wenn man weiß, woher das Unrecht, das Böse, das Verbrechen und das Unheil kommen, das in der Welt geschieht. Dadurch geschieht es, dass der Mensch die besten, heiligsten Kräfte, die vorhanden sind, nämlich die Verwandlungskräfte, in verkehrter Weise anwendet. Es gäbe kein Böses in der Welt, wenn es nicht die heiligsten Verwandlungskräfte gäbe.» (GA 156, III, 5.10.1914, S. 64) Diese Verwandlungskräfte wirken im Geheimnis der Geburt, in Fruchtbarkeit und Reproduktion, also in der Sexualität. Aber sie wirken auch im Empfinden und im Denken, in der Erkenntnisfähigkeit des Menschen nach Zahnwechsel und Pubertät: Wie die ewige Seele des Menschen durch die Geburt in das Erdenleben hineinstirbt, um auf dem physischen Plan zu leben, so stirbt die wirksame Idee durch den Erkenntnisakt in der Begriffsbildung in das menschliche Bewusstsein hinein, um dort und für den physischen Menschen weiterzuleben. Und in einem weiteren Sinne reichen diese Verwandlungskräfte kosmisch weit über das Menschendenken und die Fruchtbarkeit in Pflanze, Tier und Mensch hinaus. Sie bewirken, veranlasst durch Geburt und Tod, auch die wiederholten Erdenleben. Dies wurde von Rudolf Steiner erst später und nur gegenüber den Priestern enthüllt: «Die Kraft, durch die das Schicksal eines Menschen in aufeinanderfolgenden Erdenleben ‹gemacht› wird, das ist keine Naturkraft, das ist keine Vaterkraft – das ist die Kraft des Geistes durch die Vermittlung des Sohnes. Und die Kraft, welche am Altar wirkt bei der Umwandlung des Sanktissimum [Brot und Wein], ist dieselbe.» (GA 346, VII, 11.9.24, 112) Soweit wir diese Kräfte in unserem Erdenleben handhaben lernen, soweit können wir sie auch missbrauchen.

Der Menschheits­repräsentant stellt den Christus nicht in einer Abwehr der bösen Mächte dar, sondern in unmittelbarer Begegnung.

Wenn das wirksame Böse also durch den Missbrauch der heiligsten Verwandlungskräfte in die Welt kommt, durch ein tiefgreifendes Nichtentsprechen von Menschenwille und Weltenplan, wie gehen wir dann damit um? Wie lieben wir das Böse gut? Die Holzfigurengruppe ‹Der Menschheitsrepräsentant› stellt den Christus nicht in einer Abwehr der bösen Mächte dar, sondern in unmittelbarer Begegnung. In einem Notizbucheintrag (Archiv.-Nr. B 105, vgl. GA 264, S. 188 und auch das o. a. Buch von Wiesberger, S. 93) aus dem Jahre 1906 spricht Rudolf Steiner in so nie wiederholter Deutlichkeit über das Lebensgeheimnis der fünften nachatlantischen Kulturepoche und über den rechten Umgang mit dem Bösen: «Die Meister sind nicht ein Schutzwall gegen das Böse, sondern die Führer zur Absorption des Bösen. Wir sollen nicht das Böse aussondern, sondern gerade es aufnehmen und in der Sphäre des Guten verwenden. […] Deshalb ist das Böse als Nicht-Wirkliches zu erkennen. Es gibt kein Böses. Das Böse ist nur ein versetztes Gutes.»

Das Böse, das zum Gesellen wird

Hierin ist vieles enthalten und zu verstehen. Doch entnehmen wir dieser Notiz im Sinne unserer Wie-Frage, dass es im Umgang mit dem Bösen nicht ausschließlich um Abgrenzen, Aussondern, Wegsehen, Schutz und Abwehr gehen kann, sondern dass wir auf eine wiederum rätselvolle Art aufgerufen sind zur ‹Absorption des Bösen›. Darin sind die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen unsere Führer, und diese Geste wirkt ganz anders als der sicher und mit abgewendetem Blick geführte Speer des St. Georg oder Erzengel Michael, mit dem das Böse in zahllosen alten Kirchen getötet, aus dem Himmel ausgeschieden (Offb. 8:3) und vom Guten abgetrennt wurde. Ausgrenzen, Abwehren, Ausstoßen, Wegsehen: Das waren die gültigen Umgangsformen mit dem Bösen für die Essäer und die Menschen des Mittelalters bis ins Jahr 1879. Der zurückgekehrte Michael hat – so wird uns in der Michaelepistel des Kultus gesagt – heute «seine Hand zum Wink gestaltet» und bedeutet dem Menschen, ihm zu folgen zum «höhern Ahnen» des Christuswirkens im Umgang mit dem Bösen (GA 345, handschriftlich, S. 124 f.).

Heute gilt es zu absorbieren, also in sich aufzunehmen und im eigenen Inneren das Böse aufzulösen und zu wandeln. Absorption ist ein chemisch-physikalischer und auch ein medizinischer Begriff, der im Wesentlichen die Prozesse des Aufnehmens und des Lösens oder Auflösens eines Stoffes in ein anderes Wesen oder Ding umfasst. Erscheinungsähnlich beschreibt man in der Physik bei den Strahlungswellen des Schalls oder der elektromagnetischen Kraft und des Lichts eine Absorption als die Aufnahme oder Hereinnahme und Löschung oder Schwächung einer Strahlung in einem Stoff oder in einer anderen Strahlung. Auch die wissenschaftlichen Formen der Logik und der Psychologie kennen den Ausdruck und bezeichnen damit aussagelogisch das Irrelevantwerden eines Satzes, wenn andere, übergeordnete Sätze ihn unnötig machen, bzw. psychologisch das Erlebnis eines gänzlichen Aufgehens des Bewusstseins in einer beanspruchenden, sich selbst unterhaltenden Tätigkeit wie dem ‹Flow›.

Aus den Proben zur aktuellen ‹Faust›-Inszenierung im Goetheanum. Foto: Wolfgang Held.

Wie auch immer die modernen Naturwissenschaften den Absorptionsbegriff konventionell definieren, in geisteswissenschaftlicher Wendung ist dieser Begriff Hinweis auf einen seelisch-geistigen Vorgang, der dem Ich-Menschen zum Motiv werden kann, damit das geschieht, was unter der Führung der Meister im Sinne des Weltenwerdens zu geschehen hat. Es muss also zur Berührung und zur echten Begegnung mit dem Bösen kommen, das sogar in mich hineingelangt. Wenn es im ‹Prolog im Himmel› noch aus dem Munde des Herrn vermeintlich harmlos heißt (Vers 383 ff.): «Von allen Geistern, die verneinen / Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. / Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, / Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; / Drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu, / Der reizt und wirkt, und muss als Teufel schaffen», so ist hier doch nichts Geringeres gemeint, als dass sich der gute, der faustisch strebende, der anthroposophische Mensch zumal, ganz konkret und sozusagen Haut an Haut auf das Böse einlassen muss, das heute zu seinem Gesellen wird. Das bedeutet Berührung und Berührtwerden, Schmerz und Risiko. Und wer dabei noch nicht ganz Apostel geworden ist und die Kraft noch nicht voll in sich ausgebildet hat, um dabei licht und klar und gesund zu bleiben, der geht durch die Absorption des Bösen auch unweigerlich Opfer ein. Denn wer kann heute schon von sich sagen, für ihn gelte, was den Aposteln zuteilwurde (Mk 16:17): «Durch meines Wesens Kraft werden sie Dämonen austreiben, in neuen Sprachen sprechen; sie werden Schlangen aufrichten, und Gifte, die man ihnen zu trinken gibt, werden ihnen nicht schaden.»?

Das Böse berühren, in sich aufnehmen, innen lösen und verwandeln ist offenbar die geforderte, neue Art des Umgangs. Dass das nur mit Opfersinn und mit Liebe aus Freiheit geschehen kann, ist selbstredend. Denn ein mir aufgezwungenes Leid, Gewalt und Unfreiheit lassen mich auf eine Art in Berührung mit dem Bösen kommen, die meine Motivbildung umgeht und die mir die Kräfte raubt, die ich liebend dieser Aufgabe widmen will. Die epidemischen Erscheinungen von Missbrauch, krimineller Wirtschaftstätigkeit und Unwahrhaftigkeit in den friedlichen Gesellschaften des Westens und Nordens und die unrechtmäßigen Kriege und das Elend im Osten und Süden der Welt erscheinen heute als rechte Verhinderer einer Absorption des Bösen. Hier dringt es ungehemmt ein und muss erst abgewehrt und gebannt werden. Erinnern, dienen und mutig lieben sind also gefragt. Denn zuerst sind sicherer Schutz und Rettung notwendig, bevor wir weitergehen können in Freiheit. Was lehrt uns der ‹Faust› hierzu, wenn wir aufmerksam hinschauen?


Goethes Faust 1&2, Premiere am 10.–12. Juli 2020. Weitere Aufführungen 2020: 17.–19. Juli, 24.–26. Juli und 24.–25. Oktober. Weitere Informationen und Tickets.

(1) Christian Morgenstern, ‹Brüder!›, in: Wir fanden einen Pfad, 1914. Christian Morgenstern, Werke und Briefe, Bd. II, Lyrik. Urachhaus, Stuttgart 1992, S. 219.

(2) Siehe ausführlicher: ‹Die sieben großen Geheimnisse des Lebens und die Meister› und ‹Rudolf Steiners Wirken und das fünfte der sieben großen Geheimnisse des Lebens›, in Teil III von: Hella Wiesberger, Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit. Wahrhaftigkeit, Kontinuität, Neugestaltung. Rudolf Steiner Verlag, 1997, S. 82–96.

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