Kunstschaffen in Zeiten von Corona

Anfang Juli wurde am Goetheanum die große Ausstellung ‹Aufbruch ins Ungewisse – Kunstschaffen in Zeiten von Corona› eröffnet. Die Idee zu dieser Ausstellung war in den Monaten zuvor entstanden, als das Goetheanum schließen musste. Barbara Schnetzler, seit Anfang dieses Jahres für Ausstellungen am Goetheanum verantwortlich, war erstaunt zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Künste in den ersten Monaten der Coronakrise als ‹nicht systemrelevant› beiseitegelegt wurden.


(1) Francisco Delgrado Suàrez, Landschaft

Ihre Idee für die Ausstellung war so einfach wie auch inspirierend. Die Coronapandemie und die Maßnahmen, die gegen ihre weitere Ausbreitung ergriffen wurden, berührten das Leben aller. Sie behinderten den gewohnten Lauf der Dinge, verunsicherten und verängstigten viele Menschen und stellten uns individuell und als Gesellschaft vor unbekannte Herausforderungen. Für die meisten Menschen mag der Umgang mit so vielen Unsicherheiten beunruhigend sein, aber es gibt eine Berufsgruppe, deren tägliche Arbeit darin besteht, aus prekären Situationen heraus Neues zu schaffen. Das sind die Künstlerinnen und Künstler. Enthalten die Künste, die so leicht als ‹nicht systemrelevant› abgetan wurden, nicht in Wirklichkeit eine Kraftquelle, die uns helfen kann, diese Krise mit neuen Augen zu sehen und neue Perspektiven darauf zu entwickeln? Barbara Schnetzler schrieb daraufhin an die Adressdatenbank der Sektion für Bildende Künste, appellierte in internationalen News­lettern und lud einzelne Künstlerinnen und Künstler ein, Werke einzureichen, die während der Corona-Ära entstanden sind und sich damit auseinandersetzen.

(2) Esther Gerster, Himmelfahrt

Allein dieser Schritt war schon ein ‹Aufbruch ins Ungewisse›, denn ob und in welcher Qualität Werke eingereicht werden würden, war völlig ungewiss. Aber die Resonanz war überwältigend. Mehr als 50 Künstler und Künstlerinnen aus der ganzen Welt haben über 80 Werke eingereicht. Überraschenderweise befanden sich darunter viele Kunstschaffende, mit denen die Sektion noch nie zuvor Kontakt hatte. Noch größer war die Überraschung über die Vielfalt und Qualität der Werke. Die Teilnehmenden hatten sich mit sehr unterschiedlichen Aspekten der Coronakrise auseinandergesetzt und eigene Wege gefunden, mit ihr umzugehen.

(3) Astrid Oelssner, Spannung

Naturerfahrung

In vielen Ländern war es ein wunderschöner sonniger Frühling gewesen, der dazu einlud, die Natur intensiv zu erleben. Zum Beispiel schickte Francisco Delgado Suàrez aus Ecuador eine Serie von fünf Gemälden ein, die das Spiel von Licht und Wolken am Himmel darstellen, einem Himmel, der in diesen Wochen außergewöhnlich klar war (1). Wegen des fehlenden Verkehrslärms bemerkten viele Menschen auch, dass die Vögel besser zu hören waren. Hans Georg Aenis hat dieses Thema in sein Werk ‹Vogelgezwitscher› aufgenommen. Die Natur wurde in diesen Monaten von vielen Menschen als Kraftquelle erlebt, aber auch unsere Verantwortung gegenüber der Natur wurde stärker empfunden.

In diesem strahlenden Frühling gab es drei wichtige christliche Feste. Die aufgezwungene Pause dieser Wochen eröffnete auch die Möglichkeit, sich intensiver mit diesen Festen auseinanderzusetzen. Esther Gerster zum Beispiel brachte eine Serie von drei Gemälden aus einer vertieften Erfahrung von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten ein (2). Aus Ungarn kamen mehrere religiös inspirierte Leinwände, in denen die Coronakrise in ein spirituelles Licht gestellt wird.

(4) Barbara Schnetzler und Duilio A. Martin, ausgehöhlter Baumstamm mit Bienenwachs

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte die
Schweizerin Sibylle Birkenmeier mit ihrer Arbeit ‹Delirieren mit Viren›, die auf Hieronymus-Bosch-ähnliche Weise den Blick nach außen richtet und genau aufzeigt, was die Angst vor dem Virus beim Menschen anrichten kann.

Inneres Leuchten

Neben Zeichnungen und Gemälden wurden auch Architekturentwürfe, Fotografien, Papierskulpturen und Skulpturen eingereicht, wie zum Beispiel die Skulptur ‹Spannung› von Astrid Oelssner, mit der die Ausstellung im ersten Stock als eine Art Torwächterin beginnt (3). Zu sehen sind auch mehrere Skulpturen von Barbara Schnetzler selbst. Darunter ist ein gemeinsam mit Duilio. A. Martin geschaffenenes, bereits etwas älteres Werk, das somit aus dem eigentlichen Ausstellungsrahmen herausfällt, aber inhaltlich schön dazu passt. Es besteht aus einem ausgehöhlten Baumstamm, der außen schwarz verkohlt und innen mit Wachs überzogen ist, wodurch er innen goldgelb zu leuchten scheint (4). Ist das nicht ein Bild für unsere Aufgabe, inmitten all dieser äußerlichen Begrenzungen, von Innen heraus leuchten zu lernen? Ein solches Thema spielt auch in der Arbeit von Barbara Groher eine Rolle, die zwischen Bild und Text den Menschen auffordert, nach neuen Wegen zu suchen. Ein Augenöffner in dieser Hinsicht war für mich ihr Werk ‹MeT AMOR PHOSE›, das uns darauf hinweist, dass die verwandelnde Kraft in jedem Veränderungsprozess die Liebe ist (5).

(5) Barbara Groher, MET AMOR PHOSE

Auf diese Weise macht die Ausstellung deutlich, dass für viele Künstlerinnen und Künstler der kreative Schaffensprozess selbst eine Quelle der Kraft ist, um der Angst und der Unsicherheit, die von außen kommen, entgegenzuwirken. Damit verbunden ist natürlich auch die Hoffnung, dass sich diese transformierende Wirkung im Prozess der Kunstbetrachtung auch auf die Betrachter und Betrachterinnen übertragen lässt.

Ausstellungsräume im
ersten Stock des Goetheanum

Es wird keine leichte Aufgabe gewesen sein, all diese so unterschiedlichen Kunstwerke zusammenzufassen und sie in den verschiedenen Räumen des Goetheanum zur Geltung zu bringen. Barbara Schnetzler hat dies jedoch mit großer Feinfühligkeit getan. Thematisch, stilistisch und farblich ist ein facettenreiches Ganzes entstanden, das in einen schönen Einklang mit den teilweise farbintensiven Ausstellungsräumen am Goetheanum kommt.6 So wurde das Goetheanum drei Monate nach seiner Zwangsschließung mit neuem Schwung und voller Kunst wieder eröffnet. Kunst, die aus dem Zeitgeschehen geboren wurde und die die Menschen ermutigen, sie dazu bringen will, die Welt mit neuen Augen
zu betrachten und ihre eigenen inneren Kraftquellen zu entdecken.


Die Ausstellung Aufbruch ins Ungewisse – Kunstschaffen in Zeiten von Corona ist noch bis Sonntag, 8. November 2020, zu sehen.

Die Ausstellung wurde in der Zeitschrift Stil (Michaeli 2020) ausführlich dokumentiert. Das Heft kann hier bestellt werden: abo.stil@goetheanum.ch

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