Sich seiner Freiheit bemächtigen

Sich seiner Freiheit bemächtigen

Eine Rezension des Buches ‹Digitale Zukunft?› von Andreas Neider.


Das von der Akanthos-Akademie Stuttgart herausgegebene 96 Seiten umfassende Taschenbuch zu einer brennenden Zeitfrage kommt zum richtigen Zeitpunkt. Andreas Neider hat darin fünf seiner aktuellen Aufsätze zum Thema digitale Zukunft zusammengefasst und stellt Fragen: Wie werden wir in dieser mehr oder weniger vollständig digitalisierten Umgebung leben? Von wem wird die mit der digitalen Umgebung verbundene immense Datenfülle, die zur Ausbildung der künstlichen Intelligenz entscheidend beitragen soll, beherrscht? Was wird mit der Digitalisierung bezweckt? Wohin soll uns diese allen voran aus dem Silicon Valley kommende technologische Entwicklung führen? Was bedeutet diese digitale Transformation eigentlich? Und in Anknüpfung an Harald Welzers Buch ‹Smarte Diktatur› die Frage nach der fehlenden Bürgerbeteiligung bei den bereits getroffenen Entscheidungen für 5G, das Vorantreiben der Smart City, den Digitalpakt für Bildung etc. Die digitale Zukunft kommt so selbstverständlich, ja hat längst begonnen, und wer will da schon der Rückständige sein?

Diese Fragen werden von fünf verschiedenen Gesichtspunkten untermauert und mit wertvollen Literaturhinweisen und Zitaten zum Thema so bereichert, dass die Leser in die Lage versetzt werden, selber zu möglichen Antworten zu kommen. Im ersten Beitrag wird der Kulturpessimismus des internationalen Bestsellerautors Yuval Noah Harari kenntnisreich herausgearbeitet und sein Beitrag zur digitalen Zukunft analysiert. Dabei wird aber auch deutlich, wie fatal es ist, wenn man am Sinn der materialistischen Kulturentwicklung vorbeigeht, bei der Entlarvung ihrer destruktiven und inhumanen Schattenseiten stehen bleibt und dementsprechend das Heil nur in einer buddhistischen Meditationsform sehen kann, die den Ursprung allen Übels in der Hinwendung zum materiellen Dasein sieht.

Neider bezieht in seine Analyse auch die anthroposophischen Konzepte vom Doppelantlitz des Bösen mit ein. Er macht deutlich, dass es für die anstehenden Zukunftsfragen nicht reicht, wenn man nur sich selbst durch Meditation in die Balance bringt, obwohl das ja schon ein wesentlicher Schritt in Richtung spiritueller Selbsterfahrung ist. Durch diese doch letztlich selbstbezogene luziferische Einseitigkeit wird einem der Blick auf den Sinn der materialistischen Entwicklung im Hinblick auf die notwendige Befreiung des Menschen auch vom Bewusstsein seiner göttlichen Führung verstellt. Angesichts des ahrimanisch Bösen braucht es zudem noch einen klaren Begriff vom Kulturauftrag der Menschheit in der Evolution, den damit zusammenhängenden großen Macht- und Führungsfragen des sozialen Lebens und der Frage, welche Formen spiritueller Gemeinschaftsbildung es braucht, um den ahrimanischen Mächten entgegentreten zu können. Die vielen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten und Bestrebungen erscheinen hier in ihrem notwendigen zukunftsorientierten Licht. Entsprechend werden auch Bestrebungen für eine Bürgerbewegung für humane Bildung erwähnt, wie sie die Europäische Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie (Eliant) zusammen mit dem Bündnis für humane Bildung auf den Weg gebracht hat.

 
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Es bräuchte aber auch länderübergreifende Kulturbewegungen, die den Zeitgenossen bewusst machen, dass sich so gut wie jeder und jede heute entscheiden und mitverantwortlich erklären muss, für welche Art von Menschheitszukunft und Entwicklungsperspektive man leben und arbeiten möchte. Im Beitrag zur geplanten Smart City Stuttgart, für die der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann bereits grünes Licht gegeben hat, wird deutlich gemacht, dass mit diesem Plan nicht nur technische Erleichterungen, selbstfahrende Autos, das Internet der Dinge und die vielerorts diskutierten gesundheitlichen Risiken der 5G-Vernetzung gemeint sind, sondern auch die damit gegebene Datensammlung, um die künstliche Intelligenz weiter voranzutreiben und nicht zuletzt natürlich auch die Möglichkeit grenzenloser Überwachung des Einzelnen in all seinen kleinen und großen digital gesteuerten Aktivitäten.

Die drei folgenden Beiträge sind dann dem Kernanliegen des Buches gewidmet: der Frage nach Wesen und Substanz des menschlichen Ich, von dem Rudolf Steiner in seiner Theosophie sagt, dass es Wesen und Bedeutung von dem empfängt, womit es verbunden ist. Was geschieht zum Beispiel mit all den Spuren, die jeder und jede Einzelne von uns im Internet hinterlässt? Wie hängt dies mit dem ahrimanischen Doppelgänger zusammen, den Rudolf Steiner eingehend beschreibt? Neider geht in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der achten Sphäre ein, für die Luzifer und Ahriman all das zusammenholen und für ihre menschheitlichen Zukunftsziele verwenden, was ihnen die Menschen an Kraft und Wesenssubstanz zugewendet haben. Er beschließt seine lesens- und bedenkenswerten Ausführungen mit dem Gedanken: Die Auseinandersetzung mit der künstlichen Intelligenz und der digitalen Transformation immer größerer Teile unserer Umgebung fordert den Menschen tatsächlich dazu heraus, sich seines eigenen geistigen Wesens bewusst zu werden, und nicht nur das – er wird auch immer mehr aus diesem Wesen heraus handeln lernen müssen, sich also seiner Freiheit tatsächlich zu bemächtigen, denn sonst könnte ihm diese Freiheit in nicht allzu ferner Zukunft womöglich wieder verloren gehen.


Andreas Neider, Digitale Zukunft? Kritische Betrachtungen zur digitalen Transformation und wie wir ihr wirksam begegnen können. Akanthos-Akademie- Edition, Stuttgart 2019.

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