Wir beginnen mitten auf dem Weg

Mit Beginn des neuen Jahres und eines neuen Jahrhunderts der Anthroposophie trat Mary Stewart ihr neues Amt als Generalsekretärin der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika an. Charles Cross sprach mit ihr über ihre Rolle, die Gründung der Gesellschaft und den Sinn einer Mitgliedschaft.


Was heißt es für Sie, die neue Generalsekretärin der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika zu sein?

Als Generalsekretärin bin ich Vorsitzende des Vorstandes. In diesem Gremium arbeiten Vertreter und Vertreterinnen der drei 1978 festgelegten Regionen der USA (Osten, Mitte und Westen) und weitere Mitglieder, die in den USA als Verantwortungstragende gelten. Damit habe ich selbst auch besondere Verantwortung, sowohl individuell als auch in der Bewegung als Ganzes. Die Landesvertreterinnen und -vertreter sind so etwas wie eine weltweite Erweiterung der Goetheanumleitung. Wir arbeiten in Übereinstimmung miteinander. Wir sind wie Torhüter, die an verschiedenen Kreuzungspunkten der Bewegung stehen, zum Beispiel dort, wo die Bewegung eines Landes der weltweiten Bewegung oder der Bewegung in Dornach begegnet.

Meine neue Position bringt eine erweiterte Sichtweise mit sich, und die immer gegenwärtige Verantwortung, darauf zu lauschen, was sich durch die vielfältigen Zusammenhänge der Bewegung aussprechen will. Das erfordert Beständigkeit und Ruhe, damit man diese Stimme auch wirklich hört, damit Entscheidungen, Planungen und Organisation nicht nur davon beeinflusst werden, was sich durch die Anthroposophie örtlich oder landesweit, sondern auch weltweit äußert. Diese Rolle ist auch von der Person bestimmt, die sie innehat. Die Art, wie wir uns organisieren, basiert auf Menschen und Beziehungen und nicht nur auf Richtlinien und Stellenbeschreibungen.

Was bedeutet die Anthroposophische Gesellschaft für Sie?

Ich nehme an, dass sich mein Verständnis davon aufgrund meiner Erfahrungen erweitern und formen wird. Ich stelle mir die Gesellschaft wie einen Leib vor, dessen Aufbau Rudolf Steiner durch die Weihnachtstagung vor hundert Jahren zum Ausdruck brachte. Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist die Seele in diesem Leib. Die Forschung innerhalb der Hochschule befasst sich mit der geistigen Welt und damit, wie Wege aus dem Geistigen in die Welt entwickelt werden können. Es wird von einzelnen Menschen, die der Gesellschaft beitreten, nicht erwartet, dass sie diese Arbeit leisten, aber es sollte schon ein Austausch untereinander und zwischen dem Menschen und der geistigen Welt bestehen – das gehört zur Mitgliedschaft in der Hochschule, so wie Rudolf Steiner sie konzipierte.

Warum war es so wichtig, dass Rudolf Steiner der Gesellschaft selbst beitrat?

Die ursprüngliche Gesellschaft entstand im Dezember 1912. Den Vorsitz zu übernehmen war 1923 sicher keine leichte Entscheidung für Rudolf Steiner. Ich verstehe es so, dass sich damals Gruppierungen bildeten und dass Rudolf Steiner die schwierige Entscheidung, die Leitung der anthroposophischen Bewegung zu übernehmen, der Harmonie zuliebe traf, um der Anthroposophie die Möglichkeit zu geben, ihren Weg in die Welt und in das Leben der Menschen zu finden. Ich finde es allerdings wichtig zu sagen, dass er nicht nur die Leitung übernahm, sondern dass er Teil der Gesellschaft wurde. Um eine Spaltung der Gesellschaft zu vermeiden, fand er es notwendig, selbst Mitglied zu werden, damit Gruppen zusammenkommen konnten: die Älteren, eine Art ‹Alte Garde›, die an dem festhielten, was ihnen wichtig war, und die jüngere Generation, die von einem noch nicht wirklich erkennbaren Impuls inspiriert war. Rudolf Steiner machte sich selbst zu einer Art Tor zwischen den beiden Seiten. Seine damalige Tat ermöglichte, dass die Wesenheit Anthroposophia sowohl durch die Menschen erscheinen konnte, die das Gefühl hatten, dass sie die Bewegung schon seit langer Zeit trugen, als auch durch jene, die erst neu dazugekommen waren.

All das liegt jetzt hundert Jahre zurück, aber diese Entscheidung, aus geistiger Einsicht etwas für die Menschheit auf sich zu nehmen, lebt weiter. Wir können immer wieder versuchen zusammenzukommen und dabei wissen, dass wir jedes Mal etwas riskieren, wenn wir uns auf die Begegnung mit anderen einlassen. Wir müssen bereit sein, die Konsequenzen dieser Hingabe auf uns zu nehmen – wie Rudolf Steiner es tat.

Mary Stewart, links, mit Christine Burke

Warum sollte man der Gesellschaft beitreten?

Für mich bedeutet Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft, die Einladung zur Mitarbeit an einer guten Sache anzunehmen, die nie zu Ende geht. Es ist ein Schritt, der eine ordnende Wirkung hat. Mitglied zu werden, ist, als würde man sagen: «Ich strebe danach, das Geistige speziell durch die Anthroposophie zu erforschen.» Man mag durchaus ohne Mitgliedschaft Zugang zur geistigen Welt finden, aber wenn man Mitglied geworden ist, wird das Bild schärfer und klarer.

In den Gesprächen, die ich im Laufe der Jahre hatte, war von unterschiedlichen Erlebnissen die Rede, die Menschen haben, wenn sie der Gesellschaft beitreten, und die mit ihrem individuellen Karma zusammenzuhängen scheinen. Das heißt aber nicht, dass es ein bestimmtes Karma gibt, das einem sagt: «Du sollst dies tun oder du sollst es nicht tun.» Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft kann die eigene karmische Beziehung zu diesem geistigen Strom aktivieren. Es ist, als würde man zur geistigen Welt sagen: «Das ist mein Weg, dem ich mein Karma als individueller Mensch zu diesem Zeitpunkt widmen will.» Das ist nicht klar vorgezeichnet und einheitlich. Man sagt eigentlich: «Ich beabsichtige, in diesem schwierigen Augenblick in der Geschichte als geistig wacher Mensch zu stehen und Mitmenschen zu begegnen, die die gleiche Aufgabe auf sich genommen haben.» Wer sind wir füreinander? Und wie verstehen wir den Ruf der geistigen Welt heute? Das Wesen Anthroposophia kann uns auf gezieltere und innigere Art helfen, wenn wir uns willentlich zu dieser Aufgabe verpflichtet haben.

Wurde die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft während der Weihnachtstagung begründet?

Marie von Sivers stellte Rudolf Steiner, als sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts kennenlernten, die Frage, die es ihm ermöglichte, die Beziehung zu der Wesenheit Anthroposophia zu beschreiben. Die Bewegung erhielt also durch ihre Frage nach der christlichen Entwicklung der westlichen Menschheit eine deutlichere Gestalt – das steht in Bezug zur Begründung der anthroposophischen Bewegung. Später war es eine von Ita Wegman gestellte Frage, die zur Einrichtung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft führte, und zu ihrer ersten Klasse im Jahr 1924. Es hatte schon vorher, zur Zeit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft im Jahr 1912, esoterische Stunden gegeben. Aber nach der Weihnachtstagung von 1923/24 nahm dies eine bestimmte Form an. Die ursprüngliche Gesellschaft wurde im Dezember 1912 gegründet und Rudolf Steiner hielt die erste Ansprache an diese neu begründete Gesellschaft im Februar 1913. Nach meinem Verständnis ist das eine der wenigen Stellen, an denen Rudolf Steiner das Wesen Anthroposophia beschrieb. Er schildert sie im Zusammenhang mit Dante und Beatrice und weist darauf hin, dass Beatrice nicht nur als Mensch aus Fleisch und Blut zu verstehen ist. Dante beschreibt sie eher als herabsteigende himmlische Göttin, die in alten Zeiten als Sophia, als Philosophia, erschien. Im Jahr 1913 weist Rudolf Steiner auf das Wesen Anthroposophia hin, das aus der geistigen Welt zur Menschheit herabsteigt und durch den Menschen hindurchgeht. Diese göttliche Weisheit ist zunächst außen, nähert sich dann dem Menschen, taucht in ihn ein und geht durch ihn durch zum höheren Selbst hin. Aus Sophia wird Anthroposophia. Die Gesellschaft wird also 1923 neu begründet, dann folgen 1924 die Freie Hochschule mit ihren Klassenstunden und zur gleichen Zeit die Karmavorträge. Die Klassenstunden und die Freie Hochschule unterstützen unsere Regsamkeit, die durch die Anthroposophie in die geistige Welt führt, und das Wesen Anthroposophia. Indem wir uns als Menschen bewusst entschließen, zu diesen Tätigkeiten zusammenzukommen, bilden wir den Leib für diese Wesenheit.

Wie denken Sie über den Zeitenrhythmus der ersten hundert Jahre?

Als lebendige Strömung hat auch die Anthroposophie ihre Stadien. Es gibt ein Einatmen und ein Ausatmen. Es gibt Knospen, Blüten, Früchte und Samen. Was wird aktiviert durch das hundertjährige Jubiläum der Gesellschaft selbst, durch die Tat der Weihnachtstagung? Und in welchem Stadium befinden wir uns? Hundert ist dreimal 33 ⅓, eine Zahl, die das Mysterium von Golgatha, die Menschwerdung des Christuswesens, mit dem irdischen Menschheitsstrom verbindet. Ein Hinweis auf einen Hundertjahresrhythmus findet sich auch in den Gründungsurkunden des Rosenkreuzerstromes, insbesondere in der Schrift ‹Fama Fraternitatis›, die die sechs Prinzipien auflistet, zu denen sich die Brüder des Rosenkreuzes verpflichten: den Mitmenschen zu helfen; heilend zu wirken (immer unentgeltlich); die Kleidung des Ortes zu tragen, an dem man tätig ist; Zeichen und Siegel des Christian Rosenkreutz zu verwenden; jedes Jahr am Weihnachtstag zusammenzukommen; und den Orden hundert Jahre lang geheim zu halten!

Diese Elemente finden sich auch in der Weihnachtstagung von 1923/24. Der Grundstein wird am Weihnachtstag gelegt und in ihm begegnen wir den Rosenkreuzerworten. Wir erleben das ‹Zeichen› von Christian Rosenkreutz in der eurythmischen Darstellung des Grundsteines, und es sind jetzt hundert Jahre vergangen. Für mich weist das auf eine Realität hin: Es gibt etwas, eine inspirierende Aktivität, die sich fortsetzen will. Wir beginnen immer von Neuem und wie bei allen großen Epen beginnen wir in der Mitte, in medias res, mitten auf dem Weg, der unser Lebensweg ist.


Titelbild Mary Stewart Adams

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