Lebenswelten ‒ Initiationszeiten

Lebenswelten ‒ Initiationszeiten

Möglichkeiten sind modern. Wir haben sie heute zuhauf und mehren sie fortwährend. ‹Ich bin möglich, also bin ich›, sagt der moderne Mensch – und überlegt sich, ob er lieber so oder doch anders sein will.


Das ist alles andere als selbstverständlich. In Möglichkeiten zu denken war lange Zeit ziemlich unwirklich. In der heiligen Ordnung der Götter und Berufe, in der Generationenfolge ebenso wie in der Lebensgestaltung war über Jahrhunderte für den Einzelnen nichts anderes als Wirklichkeit zu finden: Er hatte einen Gott, einen Beruf, eine Familie – eine Wirklichkeit. Sind Möglichkeiten modern, so ist die Wirklichkeit vormodern. Sie ist die Grund­erfahrung der Vormoderne und die Ausnahmeerscheinung der Moderne, ebenso wie Möglichkeiten die Ausnahmeerscheinung der Vormoderne und die Grunderfahrung der Moderne sind. In vormoderner Zeit galt das Mögliche als Verrat an der Wirklichkeit. Es gefährdete die heilige Ordnung. In ‹modern times› wirkt die Wirklichkeit bedrohlich: bedrohlich fest, bedrohlich klar – bedrohlich wirklich. Möglichkeiten als Ausnahmeerscheinung der Vormoderne ließen sich auch als vormoderne Einweihung beschreiben: Wer sich mit seinen Möglichkeiten konfrontiert sah, erkannte darin ungeahnte Freiheiten. Das Leben wurde plötzlich möglich – und dadurch ganz anders wirklich. Und heute? Heute ließe sich Wirklichkeit als Ausnahmeerscheinung der Moderne entsprechend als moderne Einweihung beschreiben: Ich verliere die Freiheit der Möglichkeiten – und gewinne die Wirklichkeit der Freiheit. ‹Ich bin wirklich, also bin ich›, sagt der moderne Mensch, der die Moderne überwindet.

Architektur in Entwicklung

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Joseph Beuys und Echnaton, ein wechselseitiges Verhältnis im Zeitenstrom

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