Warum machte Rudolf Steiner keine Abschlussprüfung an der Technischen Hochschule?

Rudolf Steiner studierte acht Semester lang an der Technischen Hochschule in Wien – als Hörer der Allgemeinen Abteilung, die es dort neben den Fachabteilungen Ingenieurschule, Bauschule, Maschinenbauschule, chemische Schule gab. Die Allgemeine Abteilung umfasste alle Fächer, die nicht klar einer der bestehenden vier genannten Fachschulen zugeordnet werden konnten. Dazu gehörten um 1880 Mathematik, Darstellende Geometrie, Physik, außerdem allgemeinbildende und Ergänzungsfächer wie Deutsche Sprache und Literatur, Geschichte, Kunstgeschichte, Nationalökonomie, Rechtsfächer, Sprachen u. a.1


Die Studenten der Allgemeinen Abteilung mussten – anders als ihre Kommilitonen in den Fachabteilungen – weder einen festen Studienplan absolvieren noch eine Abschluss- bzw. Staatsprüfung ablegen. Sie mussten es nicht und konnten es nicht – denn das war für diese Abteilung gar nicht vorgesehen, ebenso wenig wie das «Absolutorium». Dies war ein Studiennachweis, in dem dokumentiert wurde, dass man alle für den jeweiligen Studiengang vorgesehenen Vorlesungen, Seminare und Praktika besucht hatte. Das Absolutorium war die Voraussetzung zur Anmeldung für die Staatsprüfung.

Abschließende Staatsprüfungen gab es an der Technischen Hochschule Wien überhaupt erst seit dem Studienjahr 1878/79. Die Prüfungen waren zunächst noch fakultativ und als «Berufszugangsberechtigungen» gedacht; ein Anspruch «zur Führung eines geschützten akademischen oder Berufstitels»2 war damit nicht verknüpft. Denn in Österreich gab es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein überhaupt nur einen einzigen akademischen Grad, nämlich das Doktorat, das man im 19. Jahrhundert nur als Gymnasialabsolvent erwerben konnte. An der Technischen Hochschule Wien wurde es erst 1902 eingeführt.3

Rudolf Steiner, 1882, Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach.

In Rudolf Steiners erstem Studienjahr 1879/80 unterzogen sich 166 der insgesamt 1585 Studenten den staatlichen Abschlussprüfungen. Von größerer Bedeutung schienen damals noch die sogenannten Einzelprüfungen in den belegten Fächern zu sein. Die Anzahl dieser Prüfungen wurden im ‹Jahresbericht der Technischen Hochschule 1879/80› an erster Stelle referiert – geordnet nach den Fakultäten der Technischen Hochschule. So wurden in der Allgemeinen Abteilung von insgesamt 149 Studierenden 509 Einzelprüfungen absolviert4– acht davon von Rudolf Steiner, der damit eine sehr hohe Prüfungsquote vorweisen konnte.5 Er musste allerdings auch für den Bezug des ihm vom Österreichischen Architekten- und Ingenieursverein zugesprochenen sogenannten Ghega-Stipendiums seine Studienerfolge fortlaufend nachweisen.

Auch in den nächsten Jahren legte Rudolf Steiner viele dieser Einzelprüfungen ab – sechs im Studienjahr 1880/81 und fünf im Studienjahr 1881/82. Zehn seiner insgesamt 19 Einzelprüfungen wurden mit der Note ‹vorzüglich›, drei mit ‹sehr gut›, sechs mit ‹gut› bewertet. Im letzten Studienjahr belegte er zwar noch zwölf Fächer, legte aber in keinem mehr eine Prüfung ab. Vermutlich war er durch seine Herausgabearbeit von ‹Goethes naturwissenschaftlichen Schriften› daran gehindert, das Studium weiterhin so intensiv zu betreiben wie in den ersten drei Jahren.

Dass Rudolf Steiner sich in der Allgemeinen Abteilung eingeschrieben hatte, hing mit seinem Studienziel Realschullehrer zusammen, wie er in ‹Mein Lebensgang› berichtet: «Ich beschloss, auf das Realschullehramt hinzuarbeiten.» Über die «Lehramtscandidaten» heißt es im ‹Programm der K. K. Technischen Hochschule 1879/80›: Sie «gehören der allgemeinen Abtheilung an, wenn sie es nicht vorziehen sollten, ihre Aufnahme in eine Fachschule zu erwirken». Vielleicht hätte Rudolf Steiner sich in eine der Fachschulen – z. B. in die Ingenieurschule – eingeschrieben, wenn er mehr Zeit für das Studium gehabt hätte: «Mathematik und darstellende Geometrie zu studieren, entsprach meiner Neigung. Ich musste auf die letztere verzichten. Denn deren Studium war verbunden mit einer Anzahl von Übungsstunden im geometrischen Zeichnen während des Tages. Aber ich musste, um mir einiges Geld zu verdienen, Zeit dazu haben, Nachhilfestunden zu geben. Das vertrug sich damit, Vorlesungen zu hören, deren Stoff man nachlesen konnte, wenn man sie versäumen musste, nicht aber damit, regelmäßig die Zeichenstunden in der Schule selbst durchzusitzen.»6 Die Darstellende Geometrie, die er so gerne belegt hätte, umfasste wöchentlich vier Stunden Vorlesungen und zehn Stunden «constructives Zeichnen»!7 Damit war von vornherein ausgeschlossen, dass er in einer der Fachabteilungen studieren konnte, denn in diesen gehörte (außer in der chemischen Schule) die Darstellende Geometrie zum Pflichtkanon.

«Wenn ich daran denke an die verstand- und geistlose Citatenarbeit, die da für mich kommen soll – ich meine die schriftliche –, da grauts mir. Doch ich muß es tun, will es tun, tue es.»

Doch auch wenn für die Lehramtskandidaten als Hörer der Allgemeinen Abteilung an der Technischen Hochschule keine Abschlussprüfung vorgesehen war, mussten sie nach dem Studium die 1849 für das mittlere und höhere Lehramt eingeführte Lehramtsprüfung absolvieren. Diese umfasste einen schriftlichen und einen mündlichen Teil und stand unter der Leitung einer besonderen, von der Technischen Hochschule unabhängigen staatlichen Kommission.8 Dass Rudolf Steiner die Lehramtsprüfung ursprünglich nach dem achten Semester ablegen wollte, darauf deutet sein Brief vom 21. Juni 1882 an seinen Freund und ehemaligen Lehrer Albert Löger hin: «Nun werde ich hoffentlich auch dies letzte Jahr der Fadheiten an der mir unlieben techn. Hochschule hinter mir haben. Dann kommt erst jene jämmerliche Prüfung über die massenweise in den Bibliotheken aufgetürmte mathematische Weisheit. Wenn ich daran denke an die verstand- und geistlose Citatenarbeit, die da für mich kommen soll – ich meine die schriftliche –, da grauts mir. Doch ich muß es tun, will es tun, tue es.»9

Unten: Erste Seite des Studienbuchs Rudolf Steiners, Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach.

Doch kurz danach kam die Anfrage an ihn, die Herausgabe der Bände von ‹Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften› im Rahmen von Kürschners Deutscher National-Litteratur zu übernehmen – und so legte Rudolf Steiner die Lehramtsprüfung nicht wie geplant direkt nach dem Studium ab. Karl Julius Schröer tituliert ihn in seinen Briefen und Postkarten aber bis in den Herbst 1889 als «Lehramtscandidaten», was darauf hinweist, dass er wohl noch etliche Jahre sein ursprüngliches Ziel im Auge hatte. Dass er 1884 eine Hauslehrerstelle bei Familie Specht antrat, kann in diesem Sinne auch als praktische Vorbereitung für den angestrebten Lehrerberuf gesehen werden. Vermutlich gab er dieses Ziel erst auf, als sich endgültig abzeichnete, dass er 1890 nach Weimar übersiedeln würde, um dort an der ersten Gesamtausgabe von Goethes Werken mitzuarbeiten.

Da sich dadurch ein anderer Berufsweg eröffnete, gab es für Rudolf Steiner keinen Anlass, die Lehramtsprüfung noch abzulegen. Vielmehr strebte er unter den veränderten Umständen ab Mai 1890 das Doktordiplom an. Für seine Promotion an der Universität Rostock 1891 brauchte er dann zwar einen Dispens, aber nicht wegen eines fehlenden Hochschulabschlusses, sondern weil er in seiner Schulzeit keinen Lateinunterricht hatte (dass er sich eigenständig weitreichende Kenntnisse in dieser Sprache angeeignet hatte, zählte in diesem Zusammenhang nicht): «Ich hatte die Realschule, nicht das Gymnasium offiziell hinter mir, hatte mir die Gymnasialbildung, Privatunterricht darin erteilend, auch privat angeeignet. Das schloss in Österreich das Doktorieren aus.»10 In Rostock war es mit Dispens möglich. Als Dokumente seines Bildungsgangs legte Rudolf Steiner dem Promotionsgesuch u. a. sein Maturitätszeugnis sowie «Zeugnisse über vierjährige Studien und Semestralprüfungen»11 bei – ein erster Hochschulabschluss im heutigen Sinne war für das Doktorat also keine Voraussetzung.

Warum strebte er die Promotion an? Zum einen wohl, um neben seinen promovierten Kollegen im Weimarer Archiv einen guten Stand zu haben, dann aber auch, weil damals sein langfristiger Plan war, eine Philosophie-Dozentur anzustreben, wofür die Promotion Voraussetzung war. Wie er den Eltern und Geschwistern am 27. Mai 1895 schreibt, wollte der ihm befreundete damalige Rektor der Wiener Universität, Prof. Laurenz Müllner, «für die Errichtung einer Lehrkanzel für Philosophie an der Wiener technischen Hochschule» wirken «und meine Berufung an dieselbe durchsetzen».12 Dann hätte Rudolf Steiner also an seiner alten Hochschule als Professor für Philosophie unterrichtet! Aber das Schicksal hatte anderes mit ihm vor …

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Fußnoten

  1. Nach Auskunft des Archivs der TU Wien, Dr. Juliane Mikoletzky.
  2. Siehe Juliane Mikoletzky, (Zeit)Zeugnisse. Zeugnisse und Diplome der Technischen Universität Wien und ihrer Vorgängerinstitutionen von 1815 bis zur Gegenwart. Wien 1994, S. 23.
  3. Siehe Anm. 1.
  4. Siehe dazu den Jahresbericht der k. k. Technischen Hochschule Wien 1880 (eingesehen im Archiv der TU Wien). Eine Übersicht über die von Rudolf Steiner besuchten Vorlesungen, die Stundenpläne und die in den Prüfungen erhaltenen Noten finden sich in M. M. Sam, Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend. Dornach 2018, S. 435–442.
  5. Da es keinen Studienplan für die Allgemeine Abteilung gab, gab es auch keine Vorschriften, wie viele Prüfungen insgesamt abgelegt werden sollten.
  6. Rudolf Steiner, Mein Lebensgang [1923–1925]. GA 28, 9. Aufl. Dornach 2000, S. 53 f.
  7. In Rudolf Steiners Studienbuch waren diese Fächer zunächst eingetragen, aber dann – mit Bestätigung des Dekans R. Staudigl – durchgestrichen worden.
  8. Siehe Anm. 1.
  9. Rudolf Steiner, Briefe Band I: 1881–1890. GA 38, 3. Aufl. Dornach 1985, S. 49 f.
  10. Siehe Anm. 5, S. 198.
  11. Rudolf Steiners Dissertation. Hrsg. von David Hoffmann, Walter Kugler, Ulla Trapp. Dornach 1991, S. 195. Mit Semestralprüfungen sind die Einzelprüfungen gemeint.
  12. In: Rudolf Steiner, Briefe Band II: 1890–1925. GA 39, 2. Aufl. Dornach 1987. S. 246.
  1. Ich bin immer sehr dankbar für solche Entdeckungen aus dem Leben Rudolf Steiners, neben dieser zuletzt auch die ergreifenden Schilderungen rund um die Persönlichkeit Rudolf Rons­perger.

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