Eine tief verehrte Persönlichkeit: Carl Hickel und Rudolf Steiner

In vielen Vorträgen und auch in seinem Schulungsbuch ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› führt Rudolf Steiner aus, wie wichtig es sei, dass man als Kind das Gefühl der Verehrung gegenüber Persönlichkeiten entwickeln könne: «Hast du einmal vor der Türe eines verehrten Mannes gestanden und hast du bei diesem deinem ersten Besuche eine heilige Scheu empfunden, auf die Klinke zu drücken, um in das Zimmer zu treten, das für dich ein ‹Heiligtum› ist, so hat sich in dir ein Gefühl geäußert, das der Keim sein kann für deine spätere Geheimschülerschaft. Es ist ein Glück für jeden heranwachsenden Menschen, solche Gefühle als Anlagen in sich zu tragen.»1 Nicht nur wird «später die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis», sondern es wandelt sich dieses Gefühl beim älteren Menschen um in die Fähigkeit zum Segnen.2 So bilden diese «Momente der Ehrfurcht […] Kräfte für das spätere Leben»3 aus.


Ein sonderbarer Arzt

Eine der Persönlichkeiten, an denen der Knabe Rudolf Steiner diese Ehrfurchtskräfte ausbilden konnte, war der Arzt Carl Hickel (1813–1905) aus Wiener Neustadt. Hickel stammte aus Neutitschheim in Mähren und hatte zunächst allgemeine Philosophie in Nikolsburg und Olmütz studiert, bevor er sich 1837 der Medizin zuwandte und 1841 in Wien promovierte. Er verfasste 1861 eine kleine Schrift über den ‹Aepfelwein in diätetischer und therapeutischer Bedeutung›. Eine Anzeige dazu verrät, dass er «Doctor der Medizin und Chirurgie, praktischer Geburtshelfer und Zahnarzt, emerit. Secundarius des allgem. Krankenhauses zu Wien, Mitglied des Doktoren-Kollegiums der medizinischen Facultät zu Wien etc. etc. praktischem Arzte zu Wr. Neustadt» war.4 «Dieser Mann», so Rudolf Steiner, «galt in meinem Elternhause und bei den meisten Leuten, die ihn kannten, als ein Sonderling.»5 Doch war er «eine feinsinnige, außerordentlich menschenfreundliche Persönlichkeit», ein «freigeistiger», «in gewisser Beziehung […] außerordentlich guter Arzt».6

Familie Steiner hatte Carl Hickel schon in Pottschach kennengelernt, denn er war unter anderem auch Bahnarzt im Dienst der Österreichischen Südbahn. In Pottschach passierten «ihm zum Beispiel solche Sachen» aus einer «weitschauenden Lebensauffassung» heraus: «Der Weichenwärter […] hatte einen heftigen Zahnschmerz. Der betreffende Arzt war nun auch Bahnarzt und hatte […] den Weichenwärter zu behandeln. Und siehe da, der gute Arzt wollte recht schnell mit den Sachen fertig werden und schickte ein Telegramm, dass er mit einem bestimmten Zug kommen würde. Er wolle aber nur so lange aussteigen, als der Zug hielte, um in dieser Zeit den Zahn heraus zu expedieren und dann gleich weiterzufahren. Die Sache wurde in Szene gesetzt, der Arzt kam mit dem festgesetzten Zug, zog dem Weichenwärter den Zahn aus und fuhr weiter. Aber nachdem der Arzt abgefahren war, kam der Weichenwärter und sagte: ‹Nun hat er mir halt einen gesunden Zahn ausgerissen, aber der kranke tut mir au nit mehr weh!› Dann hatte der Weichenwärter einmal Magenschmerzen, da wollte ihn der Arzt in ähnlicher Weise abfertigen. Diesmal aber war der Zug, mit dem er kam, ein Schnellzug, der auf der Station nicht hielt. Daher ordnete er an, der Weichenwärter solle sich auf dem Bahnsteig hinstellen und ihm, wenn der Zug vorbeiführe, die Zunge herausstrecken, er wolle dann von der nächsten Station aus Bescheid geben. Das geschah auch: Der Weichenwärter musste sich hinstellen, die Zunge herausstrecken, während der Zug vorüberfuhr, und der Arzt telefonierte dann von der nächsten Station aus das Rezept zurück.»7

Ein sonderbarer Lehrer

Carl Hickel hatte aber auch eine Praxis in Wiener Neustadt und behandelte die Kranken in den umliegenden Dörfern. Nach Neudörfl kam er meist zu Fuß und wartete am Bahnhof, um mit dem Zug zurückzufahren. Dann beschäftigte er sich gern mit dem kleinen Rudolf Steiner, nahm ihn, «nachdem er kurze Zeit unter den Linden ausgeruht hatte, beiseite» und ging mit ihm auf dem Bahnhofplatze auf und ab: «Er sprach nicht gerne von seinem medizinischen Berufe, aber umso lieber von deutscher Literatur. Von ihm habe ich zuerst über Lessing, Goethe, Schiller sprechen gehört. […] Und so kam es, dass mit dem Wiener-Neustädtler Arzt eine ganz neue Welt in meinen Gesichtskreis einzog.» Er sprach «nicht in dozierender, aber enthusiastischer Art von deutscher Literatur. Er entwickelte dabei allerlei Ideen über dasjenige, was schön, was hässlich ist.»8

Später wird die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis.

Wie bedeutsam Rudolf Steiner dieser Unterricht war, wird in den folgenden Sätzen deutlich: «Es ist mir auch dies ein Bild geblieben, das in meinem ganzen Leben in meiner Erinnerung Festesstunden feierte: der hochgewachsene, schlanke Arzt, mit seinem kühn ausschreitenden Gange, stets mit dem Regenschirm in der rechten Hand, den er so hielt, dass er neben dem Oberkörper schlenkerte, an der einen Seite, und ich zehnjähriger Knabe, an der andern Seite, ganz hingegeben dem, was der Mann sagte.»

Etwa 1876, als Rudolf Steiner durch den Besuch der Realschule täglich nach Wiener Neustadt kam, konnte er mit Hickel «in ein näheres Verhältnis treten», den er «durch die Art, wie er bei seinen Neudörfler Besuchen mit mir sprach, sehr lieb gewonnen» hatte. Er schlich «öfter an seiner Wohnung, die in einem Erdgeschoße an der Ecke zweier ganz schmaler Gässchen in Wiener Neustadt lag, vorbei»9, «mit einer rechten Verehrung»: «Da konnte er ihn hinter dem Fenster sehen mit einem grünen Schirm vor den Augen, und unbemerkt konnte er beobachten, wie er vertieft vor seinen Büchern saß und studierte.»10

Dann passierte, was der Jüngling wohl insgeheim erhofft hatte: «Einmal war er am Fenster. Er rief mich in sein Zimmer. Da stand ich vor einer für meine damaligen Begriffe ‹großen› Bibliothek. Er sprach wieder von Literatur, nahm dann Lessings ‹Minna von Barnhelm› aus der Büchersammlung und sagte, das solle ich lesen und dann wieder zu ihm kommen. So gab er mir immer wieder Bücher zum Lesen und erlaubte mir, von Zeit zu Zeit zu ihm zu gehen. Ich musste ihm dann jedes Mal, wenn ich ihn besuchen durfte, von meinen Eindrücken aus dem Gelesenen erzählen. Er wurde dadurch eigentlich mein Lehrer in dichterischer Literatur. […] Ich lernte in der Atmosphäre des liebevollen, für alles Schöne begeisterten Arztes besonders Lessing kennen.»11

Bild: Carl Hickel

Der «liebevolle Berater» entließ Rudolf Steiner dann «immer mit einem liebevollen Wort»: «So war der Arzt […] eine Persönlichkeit, die eine der meistgeachteten in dem Leben des Knaben wurde.»12

Wie bedeutend der Einfluss dieser Persönlichkeit für den Entwicklungsgang Rudolf Steiners war, geht auch daraus hervor, dass er in der Weihnachtszeit 1892/93 das Bedürfnis hatte, dem Verehrten brieflich zu danken für alles von ihm Empfangene. Was mag ihn damals bewogen haben, seinem ersten Lehrer in deutscher Klassik nach so langer Zeit aus Weimar einen Dankesbrief zu schreiben?

Wie wir aus seinen Andeutungen in Briefen und in Vorträgen wissen, war er damals durch seine Beschäftigung mit Goethes Märchen auf etwas gestoßen, was sich «von 1790 bis 1820 in Deutschland still und unsichtbar»13 abspielte. Es war dies die übersinnliche Vorbereitung der Anthroposophie, deren Spuren sich in den Werken der damaligen Zeit zeigten. Das Märchen führte Rudolf Steiner schließlich dazu, dass er miterleben konnte, was sich in den 1890er-Jahren «in dieser Region des Michael»14 abspielte.

Feststunden der Erinnerung

Carl Hickel war nun derjenige gewesen, der den Zehnjährigen wie ein Schicksalsrufer erstmals auf diese Epoche und ihre großen Geister aufmerksam machte!15

Rudolf Steiners Schreiben an ihn liegt nicht vor, doch die Antwort Carl Hickels vom 6. Januar 1893: «Geehrter Herr Doktor! Wollen Sie freundlichst bei folgender Photographie in Ihrem Album ein Plätzchen einräumen, und bei Besichtigung der Gesichtszüge dieses Mannes ein treues Andenken für die Zukunft bewahren. Sie danken mir für das wenige, was ich für Sie tun konnte; was hätte ich erst für Sie getan, wenn ich gewusst hätte, welchen idealen Zielen Sie nachstreben. Sie haben erreicht, was kein österreichischer Realschüler je erreichen wird, und selbst das höchste Ziel Ihrer Wünsche werden Sie durch Ihr Talent und starken Willen erreichen. Nur ein Gedanke macht mir für Ihr Alter Sorge: Ihr großer Ruhm werde nicht durch den Verlust Ihres Augenlichts erworben; denn auch ich bin durch die Überanstrengung meiner Augen um meine Sehkraft gekommen. – Fünf Jahre schon kann ich weder lesen noch schreiben, und diese wenigen Zeilen diktiere ich meiner Frau in die Feder.16Traurig ist das Alter, wenn die Sinne erloschen sind; darum erwägen Sie Ihre Augenkraft mit der Last, die Sie ihnen aufbürden. – Diese wenigen Zeilen sind die letzten Worte, die Sie aus meinem Munde hören, denn in wenigen Tagen habe ich meinen 80. Geburtstag erreicht, und stehe daher knapp am Rande des Grabes; möge ein gütiges Schicksal alle Ihre Wünsche erhören, dies wünscht Ihr gewogener Dr. Carl Hickel. Wiener Neustadt, 6.1.189[3]»17

Die dem Brief beigelegte Fotografie ist erst vor kurzer Zeit im Rudolf-Steiner-Archiv aufgefunden worden. Und so haben wir nun ein Bild jener Persönlichkeit, die Rudolf Steiner so tief verehrt hat, dass die Erinnerung an sie ihm «Festesstunden» bereitet hat!

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Fußnoten

  1. GA 10, S. 20.
  2. Siehe z. B. den Vortrag vom 28.10.1909, GA 58.
  3. Vortrag vom 1.12.1906, GA 55.
  4. Fremdenblatt, 22.12.1861, S. 21.
  5. GA 28, S. 29.
  6. Vortrag vom 4.2.1913, GA 250.
  7. Vortrag vom 4.2.1913, GA 250.
  8. GA 28, S. 29 f.
  9. GA 28, S. 42.
  10. GA 250.
  11. GA 28, S. 42.
  12. GA 250.
  13. Brief vom 30.11.1890, GA 39, S. 37
  14. Vortrag vom 12.8.1924, GA 240; siehe auch den Vortrag vom 16.9.1924, GA 238.
  15. Bedeutsam ist in dieser Hinsicht als ‹Zwischenstation› auch Rudolf Steiners ‹Vision› von Lessing, Herder, Schiller und Goethe 1884. Siehe dazu: Martina Maria Sam, Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend. Dornach 2018, Kap. 5.13.
  16. Seine erste Frau Anna, mit der er drei Kinder hatte, verstarb 1869; 1870 heiratete er Maria Lachenbauer, die für ihn diesen Brief schrieb.
  17. Die Jahresangabe ist falsch; dies ergibt sich aus der Angabe des 80. Geburtstages (13.1.1893). Siehe: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 49/50, Dornach 1975, S. 48.

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