Begegnung und Bereicherung

Begegnung und Bereicherung

Nachklänge von der Tagung ‹Mysteriendramen weltweit› am Goetheanum von Philip Jacobsen und Maria Vereecke.


Das Wesen erlauschen

Dreizehn Laienensembles in neun Sprachen aus elf Ländern und vier Kontinenten, zwei Projektgruppen mit zwei neuen Mysteriendramen in englischer Sprache und das Projektensemble der Goetheanumbühne trafen zusammen. Die thematische Orientierung an den vier Dramen ermöglichte an den vier Tagen einen organischen Aufbau. Ebenso komplex wie die Dramen war die Organisation, hatte doch jede der elf Gruppen je drei Proben, was hinter den Kulissen hervorragend klappte. Die vier Vorträge mit Demonstrationen durch Elsemarie ten Brink und Bodo von Plato (1. Drama), Christiane Haid und Michael Debus (2. Drama), Richard Ramsbotham und Adrian Locher (3. Drama) sowie Gioia Falk und Wolf-Ulrich Klünker (4. Drama) führten auf anschauliche Weise ein und in zwanzig Workshops wurde weitergearbeitet. Alle Vorträge zeigten die Aktualität der Dramen auf, ihren Bezug zu unserer heutigen Zeit und dass sie dem heutigen Menschen eine Hilfe auf seinem individuellen Schulungs- und Entwicklungsweg sein können.

Während zwölf Stunden spielten gut 250 Spielende insgesamt 35 Bilder aus allen vier Dramen. So war es möglich, bestimmte Bilder in verschiedenen Inszenierungen und Sprachen zu sehen. Sehr berührend – aber auch herausfordernd – war es, der Vielzahl von Sprachen und Kulturcharakteren zu begegnen. Dies wurde zum Beispiel besonders deutlich bei den aufeinanderfolgenden Aufführungen der ersten Mittelalterszene im zweiten Drama durch die italienische und die niederländische Gruppe, die beide ihren volksspezifischen Stil hatten – hier eine gewisse Eleganz, dort viel Gemüt. Durch die Präsenz von Sprachen, die man nicht verstand, ergab sich eine besondere Aufmerksamkeit für den Klang und die Dynamik, für den Sprachcharakter sowie für die Bewegungen auf der Bühne in Mimik, Gestik, Haltung und Gängen. Durch die gemeinsame Grundlage der Beschäftigung mit oder/und der Arbeit an den ‹Mysteriendramen› entstand über die Sprachgrenzen hinweg schnell ein starkes Gefühl von Vertrautheit und gegenseitigem Verständnis. Obwohl man merkte, dass die Gruppen auch an der Sprache arbeiten, wurde zum Schluss die Frage nach der Qualität der Sprache und der Bedeutung der Sprachgestaltung und der dramatischen Angaben Rudolf Steiners im ‹Dramatischen Kurs› (GA 282) gestellt. Damit wird auch die Frage nach der Zukunft der ‹Mysteriendramen› angesprochen: Wie können die Dramen so gesprochen und gespielt werden, dass sie Menschen erreichen? Es wurde deutlich, dass alle Teilnehmenden wichtige Impulse für ihre Arbeit an den Dramen mitnehmen und dass man sich in ein paar Jahren wieder in Dornach zur Vertiefung treffen möchte.

Philip Jacobsen


Schicksalsgemeinschaft rund um die Welt

Die internationale Tagung zur aktuellen Arbeit an den ‹Mysteriendramen› bot intensive Begegnungen mit den Charakteren und ihrem Karma.

Viele Eindrücke der Auftritte sind mir geblieben. Was klingt noch lange nach? Das intensive Drama der geistlichen Gegner, die Harmonie der Seelenkräfte in der Eurythmie, der unbeschwerte Bauerntanz, die israelische Musikkomposition auf Klarinette, Cello und Klavier.

Stellen Sie sich vor, Sie konzentrieren sich auf den Charakter von Theodora, die von ihrer Vision spricht, dann auf Thomas, den Bergmann, gefolgt von Strader, alles auf Schwedisch, von der Järna Mystery Drama Initiative. Es folgte die dramatische Inszenierung des ‹Geistes der Elemente› mit Blitz und Donner durch verschiedene Künstlergruppen aus Japan. Jemand bemerkte später, dass Ahriman immer auf Japanisch gesprochen werden sollte!

Ich erlebte einige der tiefsten Momente während des von Adrian Locher geleiteten Drama-Workshops ‹Arbeiten mit Karma, wie in den vier Mysteriendramen dargestellt›. Durch das Gehen und Sprechen bestimmter Zeilen von Maria oder Johannes traf man eine andere Person und interagierte. Adrian leitete uns in einer Lebensgeschichte für Johannes: «Düsterkeit breitet sich über mein ganzes Leben aus.» Oder als Maria: «Ich bin für mich selbst ein immer düstereres Rätsel.» Wir waren Partner, standen Rücken an Rücken, bis sich die Wärme ausbreitete; dann gingen wir weg und trafen uns wieder mit einem Hauch von Anerkennung. Nach vielen Jahren des Lebens mit dem ‹Mysteriendrama› habe ich nun die Figuren von Maria und Johannes durch diese Erfahrung verstanden.

Rückblickend erinnere ich mich an ein Zitat, das Adam Bittleston zugeschrieben wird: «In den neuen Geheimnissen wird die ganze Erde zum Altar. Die verborgenen Tragödien und Triumphe der Schüler werden zu einer äußeren Tatsache. Unsere Freunde und Kollegen werden für uns, obwohl wir und sie nur wenig davon wissen, die schrecklichen und wunderbaren Schauspieler in der Zeremonie unserer Initiation.»

Maria Vereecke


Foto: Will Grass

Seelische Beobachtung und Meditation

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Verstehen ohne Worte

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