Klimawille

Was wollen Anthroposophen und Anthroposophinnen für das kranke Lebewesen Erde tun?


Wir sind im Begriff, die Voraussetzung für alles Leben auf der Erde zu verlieren. Mehr noch: Nicht allein das Leben auf der Erde ist bedroht, sondern die Erde selbst ist krank.1 Alle ernst zu nehmenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stimmen der als bedrohlich eingestuften Veränderung des Klimas zu. Unklarheit herrscht darüber, ob es noch einen Weg zurück gibt aus dieser Zuspitzung der Krise. Alle Charakteristika eines medizinischen Notfalls2 werden bereits jetzt erfüllt. Die Diagnose ist gestellt, es geht jetzt vor allem um die Frage: Ist der kranken Erde noch zu helfen? Ärzte würden sagen: Die Prognose ist schlecht. Viel spricht dafür, dass das begonnene Fieber der Erde von aktuell ca. 1,3 Grad Temperaturerhöhung in zwei, drei Jahrhunderten bis auf ca. 8 bis 12 Grad über der Temperatur von 1924 liegt. Das wäre dann das Ende allen menschlichen Lebens auf der Erde. Die Weltgemeinschaft müsste in wenigen Jahren ihr Verhalten radikal verändern und vollständig neu ausrichten. Welche Gründe hindern auch kleinere, weitblickende Gemeinschaften wie die der Anthroposophen, für diese heilsame Änderung unseres Verhaltens tätig zu werden? Wieso handeln wir nicht zusammen, geschlossen und entschlossen?

Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob es in der anthroposophischen Bewegung ein Motiv zu entdecken gibt, das zu einer Kraft heranwachsen könnte, um ein wirksames Kippelement und damit Teil einer zivilisatorischen Gemeinschaftsanstrengung zu werden. Das Grundmotiv der anthroposophischen Bewegung ist, der im Menschen veranlagten freien geistigen Wesenhaftigkeit zu weiterer Entwicklung zu verhelfen. Gelänge dies, hätte das Konsequenzen auch über die Menschheit hinaus. Augenfällig ist wohl auch, dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Da gibt es die ca. 40 000 Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die ca. 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung mit ca. 65 000 Mitarbeitenden (I) oder die ‹positiv mit der anthroposophischen Bewegung in Berührung stehenden Menschen›. Hochrechnungen kommen auf ca. eine Million Menschen3, mit denen ‹gerechnet› werden könnte. Die anthroposophische Bewegung ist also auf die Bevölkerung der Erde mit ihren sieben Milliarden Menschen bezogen belächelnswert klein. Aber gibt es nicht dennoch, nach 100 Jahren Anthroposophie, Gründe zur Hoffnung, dass Anthroposophen in diesem größten Notfall der Menschheitsgeschichte ein Kippelement bilden könnten, um über das Menschheitsschicksal mitzuentscheiden?

Die Selbstverbrennung

Eine Krankenschwester kommt in das Krankenzimmer und sieht eine um Luft ringende Frau, bläulich-blasse, schweißige Haut, flattriger schwacher Puls, wirre Blicke, 39,2 Grad. Krankenpfleger und Ärztinnen wissen dann: Jetzt liegt ein medizinischer Notfall vor – und handeln klar und deutlich. Das EU-Parlament hat am 29.11.2019 den Klimanotfall ausgerufen.4 Wo sind all jene, die auf diesen Notfall reagieren – klar, deutlich? Der Klimatologe Hans Joachim Schellnhuber hat 2015 ein monumentales Werk zur kulturgeschichtlichen und klimatologischen Bedeutung von CO2 für den Klimawandel veröffentlicht.5 Die empfindliche Schutzhülle der Luft um die fest-wässrig-lebendige Erde wird durch diesen Energieraubbau aus der Erde um eine homöopathische Dosis des Kohlendioxidgases angereichert (etwa in der Dosisstärke einer D5) und verwandelt bei Fortsetzung dieses Vergasungsprozesses der Kohlenstoffe unseren Heimatplaneten in einen lebensunmöglichen Ort. Selbstverbrennung nennt es Schellnhuber. Trotz dieses gesicherten Wissens verändert sich das Verhalten nicht, und mit jedem Tag stößt die Menschheit megatonnenweise CO2 in die Troposphäre. 1,3 Grad Erderwärmung sind bereits erreicht. Die Klimaziele von Paris werden das fünfte Jahr in Folge in Deutschland um das Vielfache verfehlt. Doch wir alle sind hier Täter. Auch wir, die von der Anthroposophie durchdrungen sind – oder haben Sie schon ihr Leben umgestellt und Ihre CO2-Bilanz ist bereits klimaverträglich? Wieso wirken wir Anthroposophen an diesem Zerstörungsprozess aktiv mit?

Klimawille: Die Haltung zur Natur, zur Erde und unser Handeln im Alltag

Die neu begründeten Einrichtungen in der anthroposophischen Bewegung der letzten 50 Jahre entstanden nicht in Rücksicht auf die sich zuspitzenden Folgen des menschengemachten Klimawandels. Waldorfschulen wuchsen und Eltern und Lehrer bauten wunderschöne Schulen aus Baustoffen, mit Energieversorgung und Inventar, überwiegend ohne eine Auseinandersetzung mit dem spätestens seit 1972 bekannten Wissen.6 Viele Zehntausend Mitarbeitende, Eltern, Lehrer und Lehrerinnen nutzen die gängige Mobilität mit fossilen Treibstoffen. Unzählige Flugreisen wurden für Tagungen unternommen. Die Schulküchen, die Mensen und die Essensversorgung standen der Fastfood-Philosophie der Neuzeit zweifellos immer ablehnend gegenüber. Aber das bestehende Wissen über Nahrungsmittelkreisläufe, Lieferketten und die Bedeutung von regionalen Versorgungsstrukturen wurde den ökonomischen Zwängen untergeordnet. Auch galt es, die Demeter-Bewegung zu stärken, ungeachtet jeglicher CO2-Bilanz, die manchen weiten Transport belastete.

Selbstverständlich studierten Arbeitskreise und Mitarbeitende der Sektionen des Goetheanum Vorträge von Rudolf Steiner, der ja so viel vom Lebewesen Erde, ja über dessen Seelen- und Geistnatur und die damit verbundenen kosmischen Gesetze zu berichten wusste. Haben wir diese Schilderungen des Erdwesens eher als immaterielle Allegorie verstanden? Nun sprechen die Fakten der letzten 50 Jahre eine andere Sprache: Die Erde hat Fieber, sie ist auf dem Weg zu einem Multiorganversagen. Wo sind die Mediziner und Medizinerinnen der anthroposophischen Bewegung? Warum noch einmal gibt es sie, diese ca. 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung?

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Die Why-Frage

Nach dem Warum zu fragen, empfinden wir bisweilen als überflüssige Frage. Lassen wir uns auf sie ein, entstehen Antworten voller Überraschungen. Warum/wofür betreiben wir unsere Schule, unseren Betrieb? Wie schnell verlieren sich Organisationen im Dickicht des Alltags in der Frage: Wie organisieren wir unseren Betrieb und was sind unsere Betriebsziele in diesem Jahr? Die Warum-/Wofür-Fragen lebendig im Alltag zu bewegen, gehört oft nicht zur Unternehmenskultur. Der britische Unternehmensberater Simon Sinek hat darauf hingewiesen, dass es auf die Klärung der Why-Frage ankommt, wenn eine Organisation erfolgreich sein möchte.7 Das ‹Why, How, What›-Modell, der Golden Circle, verläuft primär von innen nach außen, jedoch braucht ein gesundes Unternehmen eine ständige Erneuerung aller drei Ebenen.

In den 10 000 Einrichtungen der anthroposophischen Bewegung scheint die Why-Frage verkümmert zu sein. Gründe hierzu finden sich in zwei Entwicklungsperioden der letzten 100 Jahre.

Die erste Gründungswelle 1919–1970

Das nach dem Ersten Weltkrieg in Trümmern liegende Europa war der Ausgang, von dem aus in Rekordzeit eine erste Gründungswelle anthroposophischer Einrichtungen einsetzte. Es ist zu vermuten, dass diese Pionierinnen und Pioniere dem Why aller Anregungen und der Genialität des Gründers folgen und alle Kraft in das How und das What legen wollten. Der Grundstein der anthroposophischen Bewegung findet die Quelle für seine Why-Frage im inhaltlichen Werk eines einzelnen Menschen und der Beziehung des inneren Gründerkreises zu diesem. Die Beziehung bestand erstaunlicherweise aber fast regelhaft in einer Interaktion und Resonanz von Fragestellungen, die aus dem Gründerkreis an Steiner gerichtet wurden. Erst danach gab Steiner Impulse. Und dies führte zu Organisationen der anthroposophisch inspirierten Landwirtschaft, Heilpädagogik, Medizin und Pädagogik.

Die zweite Gründungswelle 1970–2019

In den Jahren nach 1970 bis 2000 nahm die Frequenz von Neugründungen anthroposophischer Einrichtungen weltweit zu. Die Gründer und Gründerinnen begannen, die Why-Frage auch ohne direkte Impulse aus der Gründerzeit zu verfolgen. Babyboom, Wirtschaftswunder, Liberalisierung führten weltweit zu zahlreichen Neugründungen von Waldorfschulen, sozialtherapeutischen Einrichtungen, Demeter-Landwirtschaftsbetrieben, auch zu Gründungen wie der GLS-Bank (1974) oder zum Ausbau der Heilmittelbetriebe und Kliniken. Die Beziehung zur Why-Frage hatte sich unmerklich verändert. Anthroposophen begannen sich von den Fragen des Warum/Wofür der Gründungsstunden zu lösen. Zwar kannte man zumeist noch jemanden, der jemanden aus der Gründungszeit kannte, und fühlte sich diesem Geiste verpflichtet, und das Bild von Rudolf Steiner hing in jeder Einrichtung, die gegründet wurde, aber die Diskussionen, wozu anthroposophische Einrichtungen entstehen sollten, wurden vielfältiger. Das gewachsene Wissen über die Bedrohungen des Lebens der Erde durch den Raubbau der fossilen Energien der Erde wurde vereinzelt in die Why-Fragen von Neugründungen integriert. So wirkten Anthroposophen wesentlich an der sich gründenden Umweltpartei der Grünen in Deutschland mit, waren aktiv in der Anti-Atomkraft-Bewegung, und die soziale Frage ließ Einrichtungen wie das Forum 3 in Stuttgart oder Der Hof in Frankfurt entstehen – auch als Antwortversuche in der Verarbeitung des nationalsozialistischen und kommunistischen Traumas.

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Die gesellschaftskritische Grundstimmung und eine Bereitschaft, das öffentliche Leben mit- und umzugestalten, bildeten den Ausgangspunkt bei Gründungen. Parallel wuchs aus dem anthroposophischen Sozialimpuls die Frage nach der Befähigung der Mitarbeitenden und der Unternehmensführung, also die How-Frage, heran. Diese Entwicklung hält bis heute an. Was von Bernhard Lievegoed am Beispiel der Einrichtungen in der Heilpädagogik begann8, wurde von Friedrich Glasl9 und Otto Scharmer10 weiterentwickelt. In den letzten 20 Jahren wuchs die Kompetenz zu den Fragen des Wie mitmilfe der modernen Organisationsentwicklung.11 12

Die besondere Rolle der Krankenhäuser

Über 20 größere Gesundheitseinrichtungen der anthroposophischen Bewegung (II) haben sich (mit Hunderten Arztpraxen und Therapeutika) der Medizin verschrieben: dem würdigen Erhalt des Lebens, der Ehrfurcht vor dem Leben und dem tiefen Verständnis der Bedeutung allen Menschenlebens. Krankenhäuser, heilpädagogische Einrichtungen, Heilmittelbetriebe, Pflegeeinrichtungen sind Orte der Wertschätzung des menschlichen Lebens in seinem Kern – und damit zugleich Grenzbereiche. Denn da, wo Leben beginnt, wo es endet, dort, wo es bedroht ist, kommt die Haltung, mit der wir dem Leben gegenübertreten, besonders zum Ausdruck. Den Vorschlag Rudolf Steiners, von einem eigenen Lebensleib (ätherischen Leib) zu sprechen, dem differenzierte Kräfte innewohnen (Bildekräfte), ist dabei auch nach 100 Jahren weder von der Öffentlichkeit noch von der Wissenschaft aufgenommen worden. Leben ist, wissenschaftlich gesehen, letztlich eine unverstandene Qualität. Albert Schweitzer13 und später James Lovelock und Lynn Margulis14 erreichten weit größere Popularität in dieser Frage. Vielleicht ist der aktive Diskurs zwischen anthroposophischen Wissenschaftlerinnen und potenziell Verbündeten zu wenig erfolgt? Oder sind die Begriffe der Lebensorganisation zu abstrakt und nicht tauglich für die Welt? Sind sie sogar noch für die anthroposophischen Einrichtungen eine Überforderung? Denn die heraufziehende Katastrophe durch die Zerstörung des Lebens auf der Erde wurde in den Gesundheitseinrichtungen nicht lebensnah und konsequent erkannt und es gelang bisher nicht, sie in das organisationelle Handeln zu überführen.

In der gleichen Zeit, 1972, als der Club of Rome erstmals auf die nahende ökologische Katastrophe hinwies, kam es zur zweiten Gründungswelle der anthroposophischen Bewegung. Viele erlebten in der Expansion der Einrichtungen den Auftrag, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten. Die vom Club of Rome geforderten «ganz grundsätzlich neuen Vorgehensweisen» und der «Bedarf einer Transformation im Verhalten» (S. 172–173)15 hatten bei den Gründungen in den anthroposophischen Einrichtungen nur geringe Bedeutung. Die Gesundheitseinrichtungen berücksichtigten noch nicht die Lebensbedingungen der Erde im Sinne eines ‹Planetary Health›-Gedankens. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sorge um den Lebensraum der Menschen auf der Erde (die Why-Frage) und des Lebensraums der therapeutischen Gemeinschaft (How-Frage) vielfach von einer dominanten What-Frage verdrängt wurden.

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Trotz aller Anerkennung für die Leistungen in diesen 100 Jahren kommt ein nüchterner Blick auf den Umgang mit den fossilen Ernergieträgern in diesen Einrichtungen zum Ergebnis, dass Gesundheitseinrichtungen den Raubbau an der Lebendigkeit der Erde mitbetrieben haben. Obwohl sich diese Einrichtungen ganz der Gesundheit der Menschen in einem schwer fassbaren, großen kosmischen Kontext der anthroposophischen Weltanschauung verschrieben haben, führte dies nur langsam zu einem veränderten Umgang mit den Lebensgesetzen der Natur. Anders als die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die als visionäre Vorreiterin ihren Blick seit ihrer Gründung in Koberwitz 1924 auf die Erdgesundheit richtete, stand die Natur allenfalls in den Heilmittelbetrieben und nur gering in den Patienteneinrichtungen im Fokus. Es kam nicht zu einer wirklichen und konsequenten Vorreiterfunktion, beispielsweise mit dem Grundsatz: «Die Gesundheit der Erde ist für uns die Basis für alle Gesundheit der Menschen.» Vielmehr galt eher das Narrativ: «Unsere Bedeutung für eine Erweiterung der Medizin rechtfertigt es, die Natur und das Leben der Erde im Einklang mit der Menschheit einzusetzen. Das Wie und das Was erfordern Kompromisse.» Nicht im Einklang mit der Natur (der lebendigen Erde), sondern über weite Strecken im Einklang mit den Handlungsmaximen des Zeitgeistes (Raubbau an der Natur) hat sich die anthroposophische Krankenhauslandschaft über 100 Jahre hin entwickelt. Das ist sicherlich schonungslos formuliert. Anthroposophische Gesundheitseinrichtungen haben (abgesehen von Heilmittelbetrieben und Ausnahmen) von ihrer Gründung an ihre Why-Frage nicht im Blick auf die Erde als lebendigen Organismus mit seinen Beziehungen zum Kosmos (besonders der Sonne) ausgerichtet.

Gesundheitseinrichtungen als Vorbilder für transformatives Handeln

Der Ausgangspunkt der Anthroposophischen Medizin ist also ähnlich wie bei der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auf den Erdorganismus gerichtet. Dass sie diese Beziehung nicht in der gleichen Klarheit wie die Landwirtschaft entwickelt hat, könnte durch die Entwicklung des How und des What der Medizin verursacht worden sein. Die Umwälzungen der Medizin der letzten 100 Jahre bilden eine besondere Ausgangslage für eine Bewegung, die im Kern eine geistige Dimension des Menschen im Auge hat. Heute, 2021, genießen anthroposophische Krankenhäuser höchste Anerkennung in den Medien und in Umfragen der Bevölkerung. Andererseits ist das gewachsene Wissen um die Bedeutung der planetaren Gesundheit inzwischen in aller Munde, ohne dass Krankenhäuser dieses Wissen bereits umsetzen. So ist es höchste Zeit, dass ein neuer ‹unumkehrbarer Wille› aus diesen Einrichtungen mit ‹pandemisch-hochinfektiösem Potenzial› der Zivilgesellschaft vorlebt, wie konkret und praktisch die Gesundheit der Menschen mit der Gesundheit der Erde im Zusammenhang stehend organisiert werden kann.

Dieses Ziel verfolgen zahlreiche Initiativen in der anthroposophischen Bewegung – zum Glück. Braucht unsere Zeit nicht ganz besonders solche entschlossenen und erfolgreichen Beispiele mit zündender und richtunggebender Stahlkraft? Mit diesem Ziel hat das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe einen tiefgreifenden Transformationsprozess begonnen. Am 7. November 2020 führten wir im Krankenhaus ein Symposion durch,16 auf dem wir erklärten: «Wir werden bis zum Jahr 2030 ein Null-Emissions-Krankenhaus werden.» Nach einer zweijährigen Findungsphase war deutlich: Wir wollen alle 1000 Mitarbeitenden auf unserem Campus in einen Transformationsprozess mitnehmen. Die Gruppe konnte auf einen jahrelangen Entwicklungsprozess aufbauen, der mit 10 Prozent der Mitarbeitenden über 20 Jahre durchgeführt, zunächst durch Organisationsentwickler unterstützt und in den letzten Jahren vom kollegialen Leitungskreis der Klinik weitergeführt wurde: Wie wollen wir uns als Gemeinschaft verändern? Schließlich haben wir unsere Unternehmenskultur immer stärker mit der eigenen Befähigung und Entwicklung von uns selbst verbunden. Die Klimakrise sehen wir als eine Kulturfrage der Beziehungen an: Beziehung zur Natur, aber auch in unserem Miteinander. Es geht also auch um die Frage der Selbstentwicklung und Schulung. 70 Mitarbeitende aller Berufsgruppen in Führungspositionen haben sich mit diesen Fragen auf den Weg gemacht und wollen ihn als Einzelperson und zusammen als gemeinsamer sozialer Organismus begehen.

Die Zeit war also vorbereitet und schließlich reif für ein solches Vorhaben: In zwei Schritten und 14 Handlungsfeldern haben wir uns auf den zehnjährigen Weg zu einem klimaneutralen Hospital gemacht. Wir wollen:

• als Betrieb selbständig und klimaneutral werden (ohne fossile Energiegewinnung) und

• alle Mitarbeitenden, Partner und Partnerinnen und Lieferketten in diesen Prozess mit einbeziehen.

Health for Future Havelhöhe

Illustration: Adrien Jutard, Fabian Roschka

Leuchtturmprojekte für Veränderung

Warum und wofür sind Gesundheitsbetriebe geeignet, diesen tiefen Veränderungsprozess anzuführen? Nachhaltig ist eine Medizin, die nicht nur Symptome behandelt, sondern den lebendigen Organismus berücksichtigt. Viele erkennen: Ich kann diese Nachhaltigkeit in der Medizin selbst nicht fordern, ohne die Beziehung zu uns selbst als Natur- und als Geistwesen zu berücksichtigen. Oder anders: Ohne mich genauso um die Gesundheit der Erde zu kümmern, brauche ich mich nicht um die Gesundheit der Menschen kümmern wollen, denn diese Erde ist die Grundlage für jeden Gesundungsprozess der lebenden Menschen. Diesen Transformationsprozess müssen wir aber praktisch und lernbar als Gemeinschaft organisieren. Wir nennen es ‹open mind›. Es gilt, den Sinn für unser Tun in einem Umfeld zu entwickeln. Nur das Wasser aus dem Wasserhahn zu entnehmen, ist zu wenig. ‹Hellsichtigkeit› für den Wasserkreislauf im Menschen und in unserem Krankenhaus-Organismus können Hand in Hand gehen. Warum läuft das Wasser von unseren zahlreichen Gebäuden nicht in die lebende Erde auf dem Gelände, sondern in die Kanalisation? Wie gehen wir mit Schmutzwasser um? Haben wir ein Bewusstsein von unseren Reinigungsprozessen, die dank des Wassers möglich sind? Und weiter: Was bedeutet es für das Gesamtwasser auf der Erde, wenn wir Wasser verbrauchen? Unser Überfluss an Wasser steht im Zusammenhang mit dem Wassermangel in vielen Gebieten der Erde. Welches Wasser trinken unsere Patienten und Patientinnen und wir selbst? Auf diese Weise entsteht ein Projekt im Arbeitsfeld Wasser: Einzelne erklären sich verantwortlich für ein Projekt; die Gemeinschaft begleitet diese Projekte; es entwickelt sich das ‹open heart› der Gemeinschaft.

Wer ein Projekt übernimmt, betritt die Willenssphäre. Der Klimawille ist eine vielschichtige Energie, die sich in fließender Gestaltung entfaltet. Es sind zumeist agile Projekte, und es ist weniger klassisches Projektmanagement gefragt, das in einem iterativen Prozess seine eigene Energie entfaltet: Arbeit am ‹open will› findet statt. Dieser Kontakt zum eigenen Willen schließt an der Unumstößlichkeit an, mit der wir uns mit kleinen Wellen und Strahlenfeldern in einem Opferprozess der Begrenzung wiederfinden, dem Grenzenlosen des Lebens auf der Erde Raum und Zeit zu geben. Diese Transformationsprozesse können eindeutig und unumkehrbar werden!

Anthroposophinnen als Change Agents?

Im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe wollen wir das Ausmaß der CO2-Emission mit unserem Verhältnis zur Why-Frage des Lebens verbinden. In unserer eigenen Unternehmensgeschichte haben wir 1990 6000 Tonnen CO2 in die Troposphäre gesendet. Das bedeutet aber ein Abdichten der Atmosphäre. Das Ziel ist, weltweit geeint die Zwei-Grad-Erwärmung noch bis 2050 zu unterschreiten. Alle gegenwärtigen Analysen deuten darauf hin, dass uns das nicht gelingen wird: Das ist unser Klimanotfall. Nachholen zu einem späteren Zeitpunkt ist unmöglich. Was 1972 vom Club of Rome noch als fernes Szenario beschrieben wurde, ist heute, 50 Jahre später, zum Greifen nah: Sind die Kipppunkte des Lebens einmal überschritten, gibt es keinen Weg zurück. Um die Rettung im Klimanotfall noch zu erreichen, müsste ein globaler Wandel gelingen. Wir Anthroposophen und Anthroposophinnen sind ein zahlenmäßig unwesentliches ‹kleines Häuflein› mit 40 000 Mitgliedern, 65 000 Mitarbeitenden und einer Million Freunden und Freundinnen im Verhältnis zu den aktiv handelnden Menschen der mächtigen Staaten dieser Welt.

Allerdings gibt es trotzdem Grund zur Hoffnung, denn es ist bekannt: Veränderungen laufen nicht linear, und bereits eine kleine Gruppe (ca. 3–5 Prozent) beeinflussen ein Umfeld (‹die Freunde›). Es gilt, das Ziel zu verfolgen, einen ‹sozialen Kipppunkt› zu erreichen, den ca. 20 Prozent für die übrigen 80 Prozent (der handelnden Menschen) benötigen, um die nahende Katastrophe noch abzuwenden. Eine konsequente Transformation der anthroposophischen Einrichtungen könnte diese wie Leuchttürme auf der Erde erscheinen lassen. Zusammen mit anderen Gruppierungen und deren ‹Freunden› könnten die Kipppunkte erreicht werden, um die Beschleunigung der Zerstörung der Lebensbedingungen auf der Erde zu stoppen.

Die Vertreterinnen und Vertreter der anthroposophischen Bewegung wären dann Change Agents für die Menschheit. 100 Jahre hat diese Bewegung die Erderwärmung mit verursacht. Durch die Bestrebungen, die Gemeinschaft der anthroposophischen Einrichtungen auf neue Art durch die World Goetheanum Association (WGA)17 zu vernetzen, ist in den letzten Jahren eine Grundlage gelegt worden, eine solche Kraft als Gemeinschaft aufzubauen, wenn sich die anthroposophische Bewegung in der Why-Frage mit dem Klimawillen verbindet. Die Entwicklung der Menschen zu höheren Fähigkeiten würde enorm wachsen, wenn wir uns auf den Weg machen, ein «atmosphärisches Bewusstsein»18 sowie ‹open mind›, ‹open heart› und ‹open will› zu entwickeln.


I Die genaue Größe der anthroposophischen Bewegung ist unbekannt. Weltweit gibt es ca. 1200 Waldorfschulen mit 30 000 Mitarbeitenden, ca. 1800 Waldorfkindergärten mit 6000 Mitarbeitenden, ca. 3000 Arztpraxen mit 10 000 Mitarbeitenden, ca. 2200 biologisch-dynamische Bauernhöfe mit geschätzt 6000 Mitarbeitenden, 200 sozialtherapeutische Einrichtungen mit geschätzt 2000 Mitarbeitenden, 400 anthroposophische Kleinbetriebe mit 1000 Mitarbeitenden, ca. 20 Krankenhäuser, Rehakliniken und ähnliche Einrichtungen mit 5000 Mitarbeitenden, 5 Heilmittelbetriebe mit geschätzt 2000 Mitarbeitenden, 5 Banken mit 3000 Mitarbeitenden, 50 Altenpflegeeinrichtungen mit 1000 Mitarbeitenden, 500 anthroposophische Zweige mit 1000 Mitarbeitenden sowie ungezählte Selbständige: Summe 65 000 Mitarbeitende.

II Eine Aufstellung aller Gesundheitseinrichtungen der anthroposophischen Bewegung wäre umfangreicher. Hier eine unvollständige Zusammenstellung: Wegman-Klinik (Gründung 1921), Wilhem-von-Zeylmans-Klinik (Gründung 1923), Casa die Salute Raphael (Gründung 1930), Friedrich-Husemann-Klinik (Gründung 1930), Paracelsuskrankenhaus Unterlengenhardt (Gründung 1935/46), Sanatorium Schloss Hamborn (Gründung 1950), Lukas-Klinik (Gründung 1963), Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (Gründung 1969), Klinik Öschelbronn (Gründung 1975), Filderklinik (Gründung 1975), Sanatorium Haus am Stalten (Gründung 1976), Vidarklinik (Gründung 1985), Paracelsusklinik in Richterswil (Gründung 1994), Haus am Stalten (Gründung 1995), Alpenhof (Gründung 1995), Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe (Gründung 1995).

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Fußnoten

  1. James Lovelock, Lynn Margulis, The gaia hypothesis. New York 2007.
  2. Europäisches Parlament ruft Klimanotstand aus.
  3. Anzahl der Anthroposophen weltweit
  4. Europäisches Parlament ruft Klimanotstand aus.
  5. Hans Joachim Schellnhuber, Selbstverbrennung: Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Gütersloh 2015.
  6. ennis Meadows u. a., Die Grenzen des Wachstums. Hamburg 1974.
  7. Simon Sinek, Frag immer erst: warum. Wie Top-Firmen und Führungskräfte zum Erfolg inspirieren. München 2014.
  8. Bernardus Lievegoed, Soziale Gestaltung am Beispiel heilpädagogischer Einrichtungen (Estruturação social como exemplo na educação terapêutica). Frankfurt 1986.
  9. Friedrich Glasl, Das Unternehmen der Zukunft: Moralische Intuition in der Gestaltung von Organisationen. Stuttgart 1994.
  10. Claus Otto Scharmer, Theory U: Learning from the future as it emerges. Heidelberg 2020.
  11. Frédéric Laloux, Reinventing organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München 2015.
  12. , Don Edward Beck, Christopher C. Cowan, Spiral dynamics: Mastering values, leadership and change. Hoboken 2014.
  13. Albert Schweitzer, Ehrfurcht vor dem Leben. München, 2020.
  14. James Lovelock, Lynn Margulis, The gaia hypothesis. New York 2007.
  15. Dennis Meadows u. a., Die Grenzen des Wachstums. Hamburg 1974.
  16. Health for Future Havelhöhe
  17. World Goetheanum Association
  18. Stefan Ruf, Klimapsychologie: Atmosphärisches Bewusstsein als Weg aus der Klimakrise. Frankfurt 2019.
  1. Aus Sicht des global denkenden Wissenschaftlers, der seine Gedanken am Schreibtisch aufarbeitet, ist es völlig richtig, das Klimageschehen in Beziehung zu setzen mit der rechnerisch ermittelten durchschnittlichen Temperaturerhöhung über einen langen Zeitraum.

    Aus Sicht meiner Balkonblumen ist – völlig unwissenschaftlich – viel wichtiger, wenn wegen der zugenommenen Trockenheit meine Gießkanne Wasser spendet.

    Mit anderen Worten – oder besser: aus meiner Sicht – ist es ein Schmarren, den Klimawandel nur global zu erfassen, noch dazu auf die durchschnittliche Temperaturerhöhung zu beschränken.

  2. Ein wichtiger und längst fälliger Beitrag. Er kratzt an einer Art von anthroposophischer Überheblichkeit, die ich in zwei Varianten meine beobachtet zu haben: 1. als Anthroposoph trage man per se schon zur Nachhaltigkeit bei, weil Anthroposophie mit Konzepten für die Landwirtschaft, Medizin, Pädagogik ja nachhaltig wirke; 2. (betrifft v.a. Funktionäre, Vortragsredner aber auch Kulturtouristen usw.) man sieht sich in höherer Mission unterwegs, deshalb sind Umweltsünden (v.a. der Mobilität) a priori verziehen. Ab den 1980-er Jahren lernte ich Menschen aus der Oeko-Bewegung kennen, die ökologisches Verhalten auch im Alltag sehr ernst nahmen. Ich bezweifle, ob sie für Anthroposophen zu Vorbildern wurden. So philiströs-genau wollte man die Ideen dann doch nicht unbedingt umgesetzt sehen. Schliesslich ist ja auch Rudolf Steiner Auto gefahren.

  3. Lieber Christian Grah,

    herzlichen Dank für diesen großen und mutigen Beitrag.
    Es ist Ihnen gelungen, dieses notwendige Thema – ohne Vorwürfe oder Moral – so anzusprechen, dass ich mich motiviert fühle, weitere konsequente Schritte umzusetzen, wo es mir möglich ist.

    Herzliche Grüße
    Fritz Otto

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