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In fremden Häusern eigen sein

Das Rudolf-Steiner-Archiv war in den letzten fünf Jahren an 15 Ausstellungen weltweit beteiligt. Achtzig Prozent der Anfragen kommen aus nicht anthroposophischen Kontexten. Gilda Bartel sprach mit der Kuratorin und Konservatorin Silvana Gabrielli über die Möglichkeiten des unbemerkten Ganges der Anthroposophie in der Welt.


Sie haben seit 2017 Exponate in die Niederland, Island, Japan, in die USA, nach Spanien, Schweden, Deutschland und in die Schweiz verliehen. Ein Privatmuseum in Moskau hat Sie nun angefragt für die Leihgabe von Wandtafelzeichnungen von Rudolf Steiner und die Sammlung von Andrei Belyj und Margarita Woloschina. Wie kommt so etwas zustande?

In fast allen Fällen kontaktieren uns die Museen von außerhalb und fragen konkrete Archivalien an. Sie haben vorher recherchiert, was es bei uns gibt, was für sie von Interesse sein kann. Aber meistens sind sie dann überrascht, wie viel mehr es gibt. Im Moskauer Fall waren die Kuratoren drei Tage da und wir haben viel gesprochen und gezeigt. Meistens herrscht am Anfang eine gewisse Distanz. Die Gäste wissen nicht, was sie erwarten sollen, kommen aber mit bestimmten Vorstellungen. Wenn ein kreativer Dialog entsteht, kann das Archiv auch etwas vorschlagen. So entstehen mitunter sehr interessante Kooperationen für die Museen, aber auch für uns und die Anthroposophie. Die Moskauer haben am Ende ihres Besuches einen größeren Raum in ihrer Ausstellung dem Goetheanum gewidmet. Wir werden Werke von Turgenieff, Woloschina, Belyj und Wandtafelzeichnungen von Rudolf Steiner, Modelle und andere Objekte zu diesem Anlass ausleihen.

Oder letztes Jahr beispielsweise fragte das Jüdische Museum Wien bei uns an. Sie wollten einige Scans von Notizzetteln haben. In ihrer Ausstellung ging es um die Kabbala. Als ich dem Kurator erzählte, dass es Wandtafelzeichnungen von Rudolf Steiner zu dem Thema gibt, war er überrascht. Wir haben ihm eine farbenvolle Wandtafel zum Sephirothbaum und seine Entsprechungen zum dreigliedrigen Menschen zur Verfügung gestellt.

 


‹Lots of tiny people›, Island 2019, Foto: Johannes Nilo

‹Lots of tiny people›, Island 2019, Foto: Johannes Nilo

 

Gibt es das Anliegen, über Ausstellungen die Anthroposophie zu popularisieren?

Das Ethos eines jeden Archivs ist es, seine Archivalien freizugeben, damit die Welt mit ihnen arbeiten kann und sie in Erscheinung treten. Alles, was wir hier haben, soll vermittelbar sein. Es ist jeweils die Aufgabe des Kurators, einen interessanten Weg für die Ausstellung zu finden, bei Besuchern ein Interesse zu wecken. Ein Kurator ist ein Erzähler, die Ausstellung eine Art Erzählung. Das Archiv stellt einfach nur die Dokumente oder Werke zur Verfügung. Manchmal ergibt sich etwas, wie bei den Moskauern oder im Falle der isländischen Ausstellung ‹Lots of tiny people›. Dort war nicht vorgesehen, dass es auch Tafeln von Joseph Beuys geben würde, sondern es hatte sich in der Zusammenarbeit so entwickelt. Danach kam auch die Einladung, in Reykjavik am Symposium teilzunehmen und über Beuys und Steiner vorzutragen.

Die Menschen in der Welt entdecken, was es hier in Dornach gibt, was viel mehr ist, als sie dachten oder annahmen. Es entsteht etwas Bewegliches, Neues oder ein gutes Gespräch, etwas, was der festen Struktur, die man von außen in Dornach vermutet, entgegensteht. In Zusammenarbeit mit nicht anthroposophischen Einrichtungen stelle ich fest, dass sich Vorurteile in Bezug auf die Anthroposophie abbauen.

Mit welchem Motiv zeigen sie die Archivalien und Dokumente der Anthroposophie?

Ausstellungen haben ein bestimmtes Format und eine Art des Narrativs, eine Dynamik, etwas zu vermitteln, wo die Inhalte zum Erlebnis werden können. Im kommenden Jahr zum Beispiel haben wir eine Kooperation mit dem Dresdner Hygienemuseum, das eine Ausstellung zum Thema ‹Food for Future› machen wird. Hierfür haben wir eher Dokumente aus dem Landwirtschaftlichen Kurs ausgeliehen, also keine künstlerischen Dokumente. Außerdem leihen wir Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit, die zeigen, wie über Landwirtschaft und Ernährung gedacht und berichtet wurde, wie die damalige Resonanz zur biodynamischen Landwirtschaft war. In jedem Notizzettel, beispielsweise über die Präparate, in jedem Dokument, jeder Archivalie gibt es etwas Auratisches, weil es ein echtes Dokument ist, nicht eine Kopie. Selbst das Papier ruft in Erinnerung, dass es wirklich jemand in der Hand hatte, dass Steiner wirklich auf diesem Zettel Notizen gemacht hat. Das schafft einen persönlichen Zugang, der erst mal frei ist von weltanschaulichen Bekenntnissen. Es ist, als würde der Besucher anhand eines echten Dokumentes begreifen können, dass sich tatsächlich etwas in der Geschichte ereignet hat. Die Schwelle, etwas Persönliches zu erleben bei einer Ausstellung, ist niedriger, als wenn man sich beispielsweise ein Buch kauft und sich vornimmt, darin irgendwann einmal etwas über biodynamische Landwirtschaft zu lesen.

 


Klein: Performance von Martje Brandsma auf der Vernissage der Ausstellung ‹We Treasure Our Lucid Dreams.› im Garage Museum of Contemporary Art Moskau, , 2020, Foto: Philipp Tok

Klein: Performance von Martje Brandsma auf der Vernissage der Ausstellung ‹We Treasure Our Lucid Dreams.› im Garage Museum of Contemporary Art Moskau, , 2020, Foto: Philipp Tok

 

Es gibt also Wege der Anthroposophie in der Welt, die wir gar nicht wahrnehmen?

Ja, die gibt es. Wir können diese Wege nicht exakt definieren und nachvollziehen, aber sie existieren. Sie sind frei und wir haben nicht den Anspruch, diese Wege zu beeinflussen. So ähnlich ist es auch, wenn eine Zusammenarbeit mit einem Museum beginnt. Dann ist auch erst mal alles offen und beweglich. Und manchmal entstehen ganz unerwartete Dinge.

Welche Quellen bietet das Archiv, die sich für Ausstellungen eignen?

Das hängt von den Dokumenten ab. Man kann alles zeigen, je nach Zusammenhängen und Kreativität ist alles möglich. Ich bin für den künstlerischen Nachlass von Rudolf Steiner zuständig, mit allem, was es diesbezüglich gibt: Zeichnungen, Grafiken, Entwürfe, Skizzen, Wandtafeln, also alles, was mit Kunst zu tun hat. Ich betreue außerdem die Kunstsammlungen von Carl Kemper, Assja Turgenieff, Margareta Woloschina und anderen.

Was ist Ihre Aufgabe?

In erster Linie, ein Konservierungskonzept zu entwickeln und durchzuführen. Das Konservieren bedarf der objektgerechten Lagerung und Aufbewahrung. Stimmen die Klimabedingungen? Gibt es neue Konzepte für Konservierung? Zum Beispiel gibt es mittlerweile säurefreie Schachteln und Materialien, die die Alterung der Dokumente so lange wie möglich verhindern sollen.

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Es entsteht etwas Bewegliches, was der festen Struktur, die man von außen in Dornach vermutet, entgegensteht.

Eine zweite Aufgabe ist die systematische Erschließung, damit die Werke zugänglich gemacht werden können. Unser Bibliotheksbestand wird zum Beispiel seit 2018 elektronisch erschlossen, seit wir uns dem Bibliotheksverbund ids Basel angeschlossen haben. Dann bin ich zuständig für die Ausleihe von Werken. Das heißt, ich schließe Verträge zwischen dem Archiv und Museen und Galerien. Die Ausleihe ist an Bedingungen geknüpft. Die Vertragspartner müssen professionell mit den Archivalien umgehen, Licht-, Klima- und Transportbedingungen müssen stimmen. Nicht jedes Werk braucht dieselben Bedingungen. Das muss konservatorisch bewertet werden und die Leihnehmer müssen sich per Vertrag auf die Einhaltung dieser Bedingungen verpflichten.

Zweimal im Jahr kuratieren Sie im Haus Duldeck Ausstellungen für Anthroposophen. Wie finden Sie die Ausstellungsthemen?

Wenn ich an Ausstellungen denke, denke ich nicht für Anthroposophen, sondern vom Thema aus. Die Themen ergeben sich verschieden. Manchmal entsteht das Thema aus einer Recherche heraus. Zum Beispiel stellte ich fest, dass es mehr als 50 Zeichnungen in den Notizbüchern Steiners gab, die mit der Lemniskate, einem Spezialfall der Cassinischen Kurve, zu tun haben. Das bewog mich, eine Ausstellung dazu zu machen.

Aus ganz verschiedenen Bereichen kommen die Themen für Haus Duldeck: Architektur, Medizin, Eurythmie … Manchmal ist es auch ein Jubiläum oder eine Buchherausgabe, die zu einer Ausstellung führt.

In den Ausstellungen hier versuche ich, kreativ mit den Themen umzugehen, neue Zusammenhänge zu schaffen, um das Werk Rudolf Steiners in lebendiger Art zu vermitteln. In der Ausstellung ‹Zwei Strömungen. Die Cassinische Kurve im Werk Rudolf Steiners› habe ich nicht nur Skizzen, Modelle und Archivalien gezeigt. Ich habe auch zeitgenössische Künstler eingeladen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, und Skulpturen von Christian Hitsch gezeigt.

Oft kommen Menschen aus verschiedenen Ecken der Welt, sehen eine Ausstellung im Haus Duldeck und fragen, ob wir nicht eine Publikation darüber machen können. Sie würden dann gern Übersetzungen in ihren Landessprachen machen. Oder die Künstler werden kontaktiert, nachdem sie die Werke hier in einem Kontext neu entdeckt haben. Aber die Ausstellungstätigkeit ist nicht die Hauptaufgabe des Archivs und von mir, sondern die fachgerechte Konservierung und die Archivierung.

 


Architekturmodelle, Rudolf-Steiner-Archiv Dornach, 2019.

Architekturmodelle, Rudolf-Steiner-Archiv Dornach, 2019.

 

Zu welchem Thema würden Sie persönlich gern ausstellen?

Es gibt Themen, die einem mehr als andere liegen, bei mir ist es Kunst und Architektur. Aber persönlich beobachte ich heute, dass unsere Zeit ein offenes Gespräch über die Krise in den zwischenmenschlichen Beziehungen braucht. Es gibt Angst, Distanz, Intoleranz, sogar Apathie. Ich würde gern zusammen mit Menschen aus verschiedenen Bereichen eine Ausstellung als ein offenes Forum organisieren, die diese Frage in den Fokus stellt: ‹Wie kann der Mensch dem Menschen näherkommen? Wie können wir uns neu begegnen und in der Vielfalt leben?›

Wir haben angedacht, dass es schön wäre, wenn Sie gelegentlich von Ihrer Arbeit erzählen. Worüber würden Sie in der Wochenschrift gern berichten?

Ich würde gern mehr in Erscheinung bringen, in welchen Ausstellungskontexten das Archiv in der Welt auftritt. Ich glaube, das kann für Leser interessant sein. Für mich persönlich sind auch die Begegnungen mit den Kuratoren ein spannendes Feld für Berichterstattung, ihre Augen auf Dornach und die Anthroposophie. Aber auch über die Sammlungen, die wir hier betreuen, ist es lohnenswert, etwas zu wissen.


Titelbild: Kunstbiennale Venedig, ‹Il Palazzo Enciclopedico› 2013, Foto: Johannes Nilo.

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