In der Bodenlosigkeit

In den letzten Wahlmonaten in den USA ließ sich beobachten, was heute allgegenwärtig als Stimmung lebt: Wer sich seiner Urteilskraft beraubt sieht oder sie freiwillig abgibt, verliert den Boden unter den Füßen.


In den Tagen nach der US-Präsidentschaftswahl 2020 glich das Auszählen der Stimmen einer langsamen, mühsamen Tortur. Als die Ergebnisse eintrudelten, wurden immer mehr Vorwürfe des Wahlbetrugs und manipulierter Wahlen laut. Ich hatte einige der Videos gesehen, in denen behauptet wurde, die Wahl sei gefälscht worden, und was ich sah, erschien mir ziemlich fragwürdig. In einem Video zog ein Mann eine Handvoll Trump-Stimmzettel aus einem Müllsack, verfluchte den Präsidenten und zündete sie an. Die Frage war, waren das tatsächlich Stimmzettel? Oder war die ganze Sache nur inszeniert, um die Anhängerschaft des damaligen Präsidenten zu entflammen? Ich konnte es nicht sagen.

Illustration: Adrien Jutard

Wie die meisten Menschen versuchte ich, die Geschehnisse mithilfe der Nachrichten zu verstehen, insbesondere mithilfe der ‹New York Times›. Was ich las, war jedoch genauso frustrierend wie die Wahl selbst. Denn die ‹Times› nahm von Anfang an die Haltung ein, dass die Betrugsvorwürfe «unbegründet» (Original: «baseless») waren. Warum sie unbegründet seien, sagten sie jedoch nie und verlinkten auch nie auf Artikel, die das taten. Wie sollten sie auch? Solche Behauptungen wurden immer weiter aufgestellt. Später würde es 62 Klagen geben, in denen irgendeine Form von Fehlverhalten unterstellt wurde, von denen 61 letztendlich von den Gerichten abgewiesen wurden (die letzte betraf nur eine kleine Anzahl von Stimmen in Pennsylvania). Aber das hatte die ‹Times› im November nicht wissen können. Dennoch nannten sie all die Behauptungen unbegründet und erwarteten, dass ihre Leserschaft einfach an Bord kommen und ihnen ohne Nachweis glauben würde.

Wahrheit als Grund der Wirklichkeit

Diese Ablehnung der Mainstream-Medien war gewissermaßen ein Musterbeispiel für ‹unbegründet›. Sie stellten eine Behauptung auf, ohne sie zu begründen, also einen Boden für die Wahrheit zu legen. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob sich die Behauptung am Ende als richtig herausstellte; ohne Beweise gibt es für niemanden eine Möglichkeit, zu urteilen. Indem wir sie für bare Münze nehmen, verlieren wir den Halt – wir geben unsere Urteilskraft auf und lassen uns von dem, was andere denken, mitreißen. Dann sind es Trump oder Biden, ‹Fox News› oder die ‹Times›, die für uns denken.

In den USA scheint im Moment vieles bodenlos, nicht auf dem Boden der Wahrheit zu stehen. In der politischen Arena können wir, während der Senat ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump erwägt, zusehen, wie sich die politischen Machenschaften entfalten. Wenn Senatoren und Senatorinnen, die Trump einst unterstützt haben, nun ihre Meinung ändern, geht es wahrscheinlich weniger um ihr Gewissen als um politisches ‹Kalkül› – um das, was im laufenden Rennen um Macht und Machterhalt am nützlichsten ist. In der Wirtschaft steigen, während Millionen von Arbeitslosen sich Sorgen machen, ihre Häuser zu verlieren und ihre Familien nicht mehr ernähren zu können, die Aktienkurse weiter an und jagen davon. Geld treibt Geld ins Grenzenlose, völlig losgelöst von der Realität der tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse.

Verantwortung zu übernehmen, revolutioniert das System

Nichtsdestotrotz gibt es hoffnungsvolle Zeichen. Es ist jedes Mal beeindruckend, wenn jemand aus der Reihe tanzt und sich weigert, das zu tun, was die eigene Seite verlangt. Ich war bewegt, als ich sah, wie republikanische Wahlhelferinnen und -helfer im Bundesstaat Georgia Präsident Trump die Stirn boten und sich weigerten, mehr Stimmen zu ‹finden›. Und ich war besonders bewegt, als ich hörte, wie Peter Meijer, ein Kriegsveteran und neu gewählter republikanischer Kongressabgeordneter aus Michigan, mit einer Art offener Sensibilität über den «bösartigen Zynismus» sprach, den er bei seiner Ankunft in Washington vorgefunden hat.

In diesem Interview1 übernimmt Meijer die Verantwortung für sein eigenes Versagen, die Rhetorik rund um die gefälschten Wahlen einzudämmen, und fährt fort, dass es ohne Rechenschaftspflicht keine Einheit im Land geben kann und dass der scheidende Präsident angeklagt werden sollte, wenn er nicht die Verantwortung für sein Handeln übernehmen will. Natürlich sagen viele, dass er keine Schuld an dem Aufruhr im Kapitol hatte, und über das Ausmaß seiner Schuld lässt sich streiten. Aber es ist auch deutlich, dass Trump eine Rolle bei der Anstiftung des Aufruhrs spielte. Er tat, was er konnte, um die Menschen zu befeuern, und als das Kapitol gestürmt und vandalisiert wurde, rührte er sich für zwei Stunden nicht. Als er dann doch sprach, wandte er sich an diejenigen, die das Gebäude gestürmt hatten – und dabei Fenster einschlugen und Gesetzgebende zur Flucht zwangen –, indem er sagte: «Wir lieben euch. Ihr seid etwas ganz Besonderes.» Es gibt also eindeutig Handlungen, für die er Verantwortung übernehmen sollte.

Ich hoffe, dass mehr und mehr Menschen lernen, in dem Unbehagen des Nichtwissens zu verharren. So werden wir eine Basis in uns aufbauen, auf deren Grundlage uns nichts mehr erschüttern kann.

In der heutigen Zeit Verantwortung zu übernehmen, ist ein revolutionärer Akt. Für die Wahrheit gegen die eigene Fraktion aufzustehen, erfordert eine Menge an Mut, aber Verantwortung für das eigene Fehlverhalten zu übernehmen, erfordert weit mehr. In einem gewissem Sinne bedeutet es, sich gegen sich selbst zu stellen – die eigene Bodenlosigkeit zu erkennen und sich wieder mit der Wahrheit zu verbinden.

Wenn wir vorschnell urteilen, stürzen wir uns kopfüber in größeres Unverständnis und weitere Gewalt. Man kann nur hoffen, dass mehr und mehr Menschen lernen, zu warten, in dem Unbehagen des Nichtwissens zu verharren, bis die Beweise klar sind. Dann werden wir vielleicht eine Basis in uns selbst aufgebaut haben, auf deren Grundlage uns nichts mehr erschüttern kann. Wie Rudolf Steiner sagte: «Eine starke eigene Persönlichkeit erscheint vielleicht nicht so brillant, fällt vielleicht nur zögernd wenige Urteile, diese aber aus sich selbst, aus innerer Überlegung, aus innerer Kraft heraus.»2

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Fußnoten

  1. Interview von Michal Barbaro mit Peter Meijer, ‹Rankly Unfit›: The View From a Republican Who Voted to Impeach. New York Times, 15. Januar 2021.
  2. Aus den Inhalten der esoterische Stunden, Band 1, 1904–1909. GA 266/1, 22. Juni 1908.
  1. Es ist bedauerlich das im Goethenum Amerikanische politik kommentare publiziert werden die sehr einseitig und and der „Democratic mainstream“ media orientiert sind. Mit allem respekt fuer Seth Jordan aber er ist kein ein un-voreingenomener komentator. Ueberlassen wir das doch der NZZ.

  2. Ich habe versucht, diesen Artikel zu verstehen und gewissermassen einzuordnen. Es gelang mir nicht. Vielleicht ist er sogar ein kleines „Kunstwerk“, weil am Schluss das passendste Wort dazu „Bodenlosigkeit“ ist. Wahrheit könne nur auf dem Boden von Beweisen entstehen. Dumm nur, dass viele Beweise unterdrückt werden können und so erst später ans Tageslicht dringen – wenn überhaupt. Die Wahrheit wird sich dann auf ein neues ins scheinbare Gegenteil umdrehen. Die Geschichte ist voll solcher Zeugnisse. Dass Zensur und Medienmacht in diesem Artikel nicht vorkommen, zeugt von Naivität oder Ignoranz der Realität. Auch die oberflächliche Suche nach Beweisen für den Wahlbetrug. Die erwähnten „hoffnungsvollen Zeichen“ sagen viel über die politische Sympathie des Autors aus. Und dass Verantwortung übernehmen ein revolutionärer Akt sei, da kann ich gar nicht folgen. „Verantwortung übernehmen“ ist in seiner Bedeutung einer der schwammigsten Begriffe. Deshalb scheint er auch bei Politikern so beliebt zu sein. Das viel zutreffendere Zitat käme von George Orwell: „In Zeiten universeller Täuschung ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt.“ Womit wir wieder bei der Zensur und Medienmacht angekommen sind.

  3. Was die Bedeutung der Urteilskraft angeht, kann ich mich dem Artikel nur anschliessen. – Ich habe aber Probleme mit dem Kurzschluss zwischen „Wahrheit“ und „Beweisen“. Für sehr viele offensichtliche Wahrheiten, von denen wir überzeugt sind, haben wir keine Beweise, wie sie etwa in wissenschaftlichen Veröffentlichungen oder Aussagen vor Gericht gefordert sind. Die Alternative zu unmittelbar bewiesenen Wahrheiten ist nicht das auszuhaltende Nichtwissen, sondern eine Kultur der epistemischen Arbeitsteilung, in der die Urteilskraft dazu verwendet wird, anderen Menschen zu vertrauen, weil man sieht, dass sie gewisse Qualifikationen haben, oder in Institutionen arbeiten, in denen sie sozialer und rechtlicher Kontrolle unterliegen, oder offenbar zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, oder einfach weil man den Eindruck hat, dass sie so charakterfest sind, dass sie selbständig urteilen und ihre Berichte und Einschätzungen verantworten können. Wenn eine solche Kultur gut funktioniert, kommt es nicht darauf an, zu welcher „Fraktion“ man gehört. Wenn ich die NYT als Teil dieser Kultur wahrnehme, habe ich gute Gründe, ihr in diesem Fall zu glauben, auch wenn ich mir vorbehalte, diese Information aufgrund besserer Informationen zu korrigieren. (Da wird recherchiert, kontrolliert, Behauptungen, die sich als falsch herausstellen, werden zurückgenommen usw.) Die Rede von „Mainstream-Medien“ zieht einer solchen Kultur den Boden unter den Füssen weg. Auch eine Informationskultur ausserhalb des sogenannten Mainstreams baut ja auf epistemischem Vertrauen auf, nicht nur auf einer Beweispflicht, die an den nächsten Link weitergereicht wird. Wer sich aus Medien informiert, denen er oder sie grundlegend misstraut oder zu misstrauen glaubt, dem ist auch mit Beweisen nicht zu helfen.

  4. Aachen, den 9. Februar 2021

    Sehr geehrter Herr Jordan,

    mit großem Interesse las ich Ihren Artikel „In der Bodenlosigkeit“ vom 04.02.21. Ich teile Ihre Warnung vor vorschnellem Urteilen und hoffe ebenso, dass wir lernen im „Unbehagen des Nichtwissens zu verharren“ bis wir den Tatsachen auf den Grund gegangen sind.

    Darum möchte ich auch als Ihre Leserin nicht „einfach an Bord kommen und [I]hnen ohne Nachweis glauben“. Sie kritisieren die New York Times, Trumps Betrugsvorwürfe als „baseless“ dargestellt zu haben, also geurteilt zu haben ohne die Haltlosigkeit der Anschuldigungen Trumps beweisen zu können.

    Als Abonnentin der NYT hatte ich deren Berichterstattung über den Wahlkampf in den USA intensiv verfolgt und habe nach der Lektüre Ihres Artikels noch einmal einige Berichte der NYT zu Trumps Vorwürfen durchgelesen. Das Adjektiv „baseless“ (=haltlos, unbegründet) wird zum Beispiel von Michael Crowley am 06.11.20 in dem Artikel „ Trump’s False Election Fraud Claims Split Republicans“ („false“ wird hier im Sinne von ‚irreführend’ gebraucht) verwendet, um zu verdeutlichen, dass Trump keine Beweise für einen Betrug vorlegen konnte. Dies wird auch von einigen Republikanern wie beispielsweise Senator Patrick J. Toomey angemerkt, der in Crawleys Artikel u.a. zitiert wird. Sie schreiben „ohne Beweise gibt es für niemanden eine Möglichkeit zu urteilen“.

    Trumps Anschuldigungen waren unbegründet, also „baseless“, da keine Beweise für Wahlbetrug vorlagen. Warum darf dies dann nicht so bewertet werden? Die Gerichte haben ja dann später das Urteil gefällt, dass es keine Unregelmäßigkeiten in der Auszählung der Stimmzettel gab. (Das konnte niemand mit Sicherheit vorher wissen.) Dennoch sind treue Trumpanhänger bis heute der festen Überzeugung, dass die Demokraten die Wahl gestohlen haben. Sie lassen sich von Beweisen auch nicht umstimmen. Trump hatte ja schon Monate vor der Wahl Ängste geschürt und vor Wahlbetrug gewarnt, vor allem auch vor der aus Sorge vor Ansteckung durch Corona verstärkt genutzten Briefwahl.

    So halte ich Ihre Kritik an der Berichterstattung der NYT für unbegründet. Nicht die Journalisten stellten unbelegte Behauptungen auf, sie stellten Trumps Vorwürfe lediglich als bar jeder Beweise dar.

    Als kritischer Leser verschiedener Zeitungen, schätze ich die sehr ausführliche, auf Objektivität und Ausgewogenheit bedachte journalistische Arbeit der NYT und fühlte mich jetzt aufgefordert, sie zu verteidigen.

    Sie selbst bedienen sich übrigens der gleichen Stilmittel, die Sie kritisieren. Sie schildern Beobachtungen (siehe Abschnitt 5 : „In den USA…“), ohne Quellen oder Belege anzuführen.
    In Absatz 7 leiten Sie den 2. Satz so ein: „Natürlich sagen viele…“, dann folgen Behauptungen und Urteile, jedoch keine Quellen oder Belege.

    Der moralische Zeigefinger, mit dem Sie schließen, mag ja stimmen, doch lässt er mich frösteln anhand der Unstimmigkeiten bei dem, der ihn erhebt.

    Mit besten Grüßen
    Ulrike Creyaufmüller

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