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Im Kreißsaal des Kosmos

Beteigeuze, Hauptstern des Sternbildes Orion, hat enorm an Helligkeit verloren. Dürfen wir eine Supernova, einen neuen Stern, erwarten?


Der Orion ist das eindrucksvollste Sternbild am Nachthimmel. Sieben Sterne bilden ein Kreuz, vier an den Enden und drei als Gürtelsterne in der Mitte. Die Dynamik und Kraft, die von dem Bild ausgeht, liegt in seiner Asymmetrie. Jeweils um ein Siebtel weicht das Bild vom symmetrischen x-förmigen Kreuz ab. In der Antike wird Orion der höchste Rang zugeschrieben. Als ‹Saach›, als die Barke des Osiris, als Repräsentanten der Sonne in der Nacht verehrten ihn die Ägypter, während man in Babylon in dem Winterbild die Sagengestalt des Halbgottes Gilgamesch sah. Viele steinerne Abbildungen des Mitras-Sonnengottes, der den Stier erlegt und dabei in gespannter Geste zur Sonne blickt, erinnern in römischer Zeit an die Gestalt des Orion. Der Orion liegt (mit dem Sternbild Adler) als einziges Bild auf dem Himmelsäquator, sodass er von allen Orten der Erde zu sehen ist – auch das gehört zu seinem besonderen Rang. Schließlich verbindet er Kraft und Sensibilität. Denn neben den sieben hellen Sternen, die das Kreuz formen, schließt sich rechts daneben ein feiner Halbkreis aus sieben weiteren Sternen an. Häufig als das Schild des Kämpfers Orion dargestellt, wirkt dieses Sternenrund wie ein Ohr. So kommen in dem Bild Tatkraft und Sensibilität zusammen wie bei kaum einer anderen Sternenkonfiguration.

‹Kreißsaal des Kosmos› nennt der Astronom Stanford das Bild, weil sich in vielen Nebelfeldern in dieser Region neue Sterne bilden. Die beiden hellen Hauptsterne des Bildes, unten der blaue Rigel und oben links der rot leuchtende Beteigeuze, betonen dabei die Spannung des Bildes. Doch nun scheint es einen anderen Ausdruck zu gewinnen. Es reicht ein Blick am späten Abend, um die Veränderung zu bemerken: Beteigeuze (arabisch: ‹die Achse von dem, der in der Mitte steht›) hat seit Oktober 2019 deutlich an Helligkeit verloren. Vom siebthellsten Stern am Firmament ist der einst so strahlende Stern auf den 21. Rang gefallen. War er zuvor so hell wie der blaue Rigel, so strahlt er jetzt nur noch in der Helligkeit von dem rechten oberen Stern Bellatrix.

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Es reicht ein Blick am späten Abend, um die Veränderung zu bemerken: Beteigeuze (arabisch: ‹die Achse von dem, der in der Mitte steht›) hat seit Oktober 2019 deutlich an Helligkeit verloren.

Dass der rote Stern in seinem Licht schwankt, ist bekannt, denn Beteigeuze ist mit 20 Sonnenmassen ein Überriese. Seine Größe entspricht mal der Jupiterbahn, dann wieder ‹nur› der Marsbahn. Diese Größe führt dazu, dass der Stern die 10 000-fache Leuchtkraft unserer Sonne besitzt. Denn nur durch solch intensives Brennen kann der Stern das Gleichgewicht zu der enormen Kontraktion der Schwerkraft halten. Deshalb ist die Lebensdauer solcher Sternenriesen nur etwa ein Hundertstel im Vergleich zur Sonne. Ist nach astrophysikalischer Vorstellung im Sterninnern aller Wasserstoff zu Helium fusioniert, beginnt bei großen Sternen Helium zu Kohlenstoff zu brennen, dann Kohlenstoff zu Neon, Neon zu Sauerstoff. Bei jedem neuen Brennen pulsiert der Stern. Am Ende dieses Brennens, bei dem die Sterne enorm an- und abschwellen, bildet sich Eisen. «Beteigeuze hat viel erlebt», sagte deshalb lakonisch der Astrophysiker Harald Lesch. Beteigeuze pendelt in seiner Helligkeit in zwei Rhythmen, in 425 Tagen und in 6,9 Jahren. Diese Rhythmen könnten sich gegenwärtig überlagern. Außerdem könnte abgestoßene Masse den großen Stern gegenwärtig verdunkeln. Da mag bei Astrophysikern der Wunsch der Vater des Gedankens sein, wenn sie den Verlust der Helligkeit als Hinweis darauf sehen, dass das Lebensende von Beteigeuze naht. In diesem Fall entlässt der Stern einen großen Teil seiner selbst in den Umkreis und strahlt als Supernova, als neuer Stern, für einige Wochen oder Monate so hell wie Millionen Sterne zusammen. Dabei müsste der Stern allerdings zuvor nicht schwächer, sondern stärker leuchten. Sollte sich dennoch die Hoffnung der Sternkundigen erfüllen – wie im Jahr 1054, als im Sternbild Krebs eine Supernova zu sehen war, oder im Jahr 1604, als Johannes Kepler im Skorpion einen neuen Stern sah – so wäre der Anblick ungleich gewaltiger. Wegen der geringen kosmischen Distanz würde der Stern auch am Tage heller als der Vollmond zu sehen sein. Ob dies jetzt oder in einem oder in hundert Jahren geschieht, das, so beendete ein Astrophysiker seine Ausführung dazu, stehe allerdings in den Sternen.

Elisabeth Vreede widmete ihr 8. Rundschreiben an astronomisch interessierte Anthroposophen vor 90 Jahren den neuen Sternen (Astronomie und Anthroposophie, Dornach 1980). Sie vergleicht die Helligkeitskurven der veränderlichen Sterne mit den Diagrammen vom Herzschlag und geht dann Rudolf Steiners Hinweisen nach, dass neues und verändertes Sternenlicht sprichwörtlich als ein Licht aus einer höheren Welt zu nehmen sei. So mögen den Wunsch, dass Beteigeuze zu großem Licht kommt, vielleicht nicht nur Astronomen hegen.


Bild: Das Sternbild Orion. Sieben Sterne bilden das Kreuz und sieben Sterne rechts das Schild. Beteigeuze steht oben links, hier noch im alten Glanz. Im sogenannten Schwertgehänge erkennt man den rötlichen Orionnebel.

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  1. Caros Amigos!

    Muito bom poder ouvir sobre Astronomia e a Constelação de Orion, partindo do Goetheanum.
    Meu Sincero Obrigado. (Deutsche Übersetzung: Sehr schön, vom Goetheanum über Astronomie und das Sternbild Orion zu hören. Mein aufrichtiges Dankeschön.)

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