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Herausforderung Hass

Digitale Technologie verstärkt und erweitert Fähigkeiten über das menschliche Maß hinaus; die ethische Reife müsste sich mindestens im selben Tempo wie die Technologie entwickeln. Das zeigt sich nicht zuletzt bei Hasskommentaren.


Zum republikanischen Prinzip gehört, Macht zu teilen und Meinungsvielfalt als Wert an sich zu sehen. Bezeichnend ist, dass sich dieses Prinzip nicht nur auf Politik erstreckt. Etwa, wenn nicht mehr nur Adlige in Kutschen über das Kopfsteinpflaster, sondern viele mit dem Auto selbst durch die Straßen fahren. Oder wenn Computer nicht mehr von Ingenieuren, sondern von vielen als Alltagsgegenstand besessen und bedient werden. Und so verhält es sich auch mit dem professionellen Umgang mit Information – spätestens mit dem allgemeinen Bereitstehen der digitalen Infrastruktur ist weiträumiges Veröffentlichen kein Privileg der Verlage und des Journalismus mehr.

Eine Anwendung verliert ihre Exklusivität, wird Allgemeingut. Damit steht die durch den Beruf (hoffentlich) erworbene ethische Befähigung für den Einsatz von Technik jedoch noch nicht zur Verfügung. Und das kann beispielsweise beim Autofahren tödlich enden: für einen selbst oder für andere.

Allein durch quantitative Sprünge haben sich die Möglichkeiten der Informationstechnologie qualitativ verändert: Heute sind Datenspeicher nicht mehr rar, sodass Daten nicht mehr gelöscht werden müssen, um weiterarbeiten zu können; zugleich können Daten aus verschiedenen Quellen schier beliebig verknüpft und verbreitet werden. Mit dem Zuwachs an ‹Handlungsmacht› müsste auch im Handhaben der Informationstechnologie die moralische Kompetenz zunehmen.

Wut zieht Aufmerksamkeit an

Das zeigten Beiträge beim Schweizer Journalismustag 2019 am 4. November in Winterthur. Mit Ländern wie den USA und Brasilien richtete sich der Blick auf Gesellschaften, in denen derzeit permament systematisch interessengeleitete Behauptungen und Meinungen sowie verbale Angriffe verbreitet werden, statt Meinungen anderer zu integrieren. Hier wird viel ‹Müll› ausgeschüttet, den aufzuräumen viel Zeit bindet, die dann für das Setzen eigener, relevanterer Themen nicht zur Verfügung steht.

Dabei wird ein Reflex im Journalismus ausgenutzt. Medien sind ja nicht nur Werkzeuge der Aufklärung und zum Aufdecken von Skandalen da; sie sind als Wirtschaftsunternehmen zudem reichweitenorientiert und damit an aufwerksamkeitsweckenden Themen interessiert. «Ob bad, ob good News – es geht um Klicks», fasst es sinngemäß der Journalist Richard Gutjahr zusammen. Ingrid Brodnig, Journalistin mit Expertise zur gesellschaftlichen Rolle des Internets, beschreibt das Wirkprinzip in sozialen Medien mit «Emotionalität bekommt Aufmerksamkeit» und «Wut führt zu Klicks, Links und Kommentaren». Damit bekamen Hasskommentare (‹Hate Speech›) eine zentrale Stellung beim Journalismustag.

Dass es sich dabei nicht um nur einzelne Vereinsamte handelt, die mal im Schutz der Anonymität ‹die Sau› herauslassen, machte Richard Gutjahr deutlich. Nachdem er 2016 von den Attentaten in Nizza und in München vor Ort berichtet hatte, wurde ihm in sozialen Netzwerken vorgeworfen, in die Anschläge selbst verstrickt zu sein. In diesem Zuge wurden auch seine Frau und seine Tochter verunglimpft. Der Journalist berichtete, dass er es dabei auch mit gebildeten Menschen, beispielsweise mit Psychotherapeuten und Chefärzten, zu tun hat.

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In ihrer Intensität scheinen mir Hasskommentare ins Destruktive geleitete schöpferische Kräfte zu sein. […] Die krampfhafte Ausrichtung auf den Angegriffenen wirkt wie eine unerfüllte Liebe.

Ungestillter Hunger nach Beziehung

Seine Beobachtung: «Hass motiviert. Er gibt dir Macht, anderen das Leben zur Hölle zu machen.» Die Angriffe verändern die Seele des Adressierten. Während ältere Journalisten in ihrer aktiven Berufszeit entsprechende Angriffe ignorierten, finden Hasskommentare in den sozialen Netzwerken heute immer jemanden, der auf sie eingeht. Aushungern geht heute nicht mehr, sie durch Aufmerksamkeit nähren, ist auch nicht empfehlenswert. Vielmehr gelte es, so Richard Gutjahr, sich mit anderen zu verbünden (etwa Initiative #ichbinhier) und mit Freunden zu treffen, also das Potenzial einer Gemeinschaft zu nutzen.

Vor allem empfahl er, die Seiten im Internet, die einen verleumden, mit Identifikationsnummer per Screenshot zu sichern (ohne Details vom eigenen Computer) und als Kommentar unter dem Hass-Eintrag zu posten. Damit signalisiere man, dass man ab jetzt Beweismaterial in der Hand hat. Richard Gutjahr machte aber auch deutlich, dass keine schnellen Erfolge zu erwarten sind.

Mit dem Thema Hass griff der Journalismustag eines der bedeutendsten Themen des Informationszeitalters auf. Bereits am 26. August 1916 (GA 170) sprach Rudolf Steiner vom «Fall in die Unwahrhaftigkeit», dem gegenüber bis 1916 noch nicht die rechten Gegenmittel zur Verfügung standen – bis ins Verdrehen, «in das Missverstehen der Worte tönt der Impuls des Ahriman hinein», so Rudolf Steiner. Hass differenziert nicht, integriert nicht, sondernwill Macht über andere ausüben.

In ihrer Intensität scheinen mir Hasskommentare ins Destruktive geleitete schöpferische Kräfte zu sein. Sie sind schöpferisch, insofern sie bei aller Plumpheit raffiniert einfallsreich im Einsatz der verwendeten Mittel sind. Die krampfhafte Ausrichtung auf den Angegriffenen wirkt wie eine unerfüllte Liebe. Statt Neues zu schaffen – und wäre es im Diskurs, im Streitgespräch –, verhakt sich der Hassende an einem Gegebenen, Gewesenen. Die eigentliche Sehnsucht nach Neuem und Gemeinsamem bleibt ungestillt. Aus ungestilltem Hunger wird Aggressivität.

Die Energie von Hass ist so intensiv, dass beim Hassenden «Zerstörungsprozesse» ausgelöst werden, so Rudolf Steiner (GA 16, siebente Meditation), und was Auswirkungen auf spätere Inkarnationen haben kann, nämlich Leid von außen im nächsten Leben und Stumpfheit im darauffolgenden (GA 235, 24. Februar 1924).

Zu den Voten beim Journalismustag gehörten zwei Botschaften, die die Perspektive noch einmal weiteten. Die investigative Journalistin Daniela Pinheiro aus Brasilien hielt fest: «Menschen wie [der Staatspräsident Brasiliens] Jair Bolsonaro kommen, aber wir bleiben.» Und Caroline Muscat, eine investigative Journalistin von Malta, formulierte vor dem Hintergrund der Tötung der Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe 2017: «Ihr könnt uns töten, aber nicht die Geschichten.»


Bild: ‹Dislike›, Adrien Jutard

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