Geometrie der menschlichen Identität

Identität und Identitätspolitik sind Schlüsselbegriffe. Viele Menschen fühlen sich heute in ihrer Identität bedroht, durch Globalisierung, als Migrantin oder als Bürger einer Gesellschaft, die immigrierende neue Mitbürger zu akzeptieren hat. Wie kann Europa sinnvoll und heilend über Identität denken lernen? Es hat ja eine historische Schuld, nach dem Kolonialismus, den beiden Weltkriegen, den hieraus hervor- oder ihnen vorausgegangenen Ideologien des Kommunismus, des Faschismus und des Neoliberalismus und ihren weltweiten Konsequenzen. Könnte die Dreigliederungsidee ein geistiges Exportprodukt werden?


Rudolf Steiner rief auf, die Wirklichkeit immer in ihrer Gliederung denken und gestalten zu lernen. Die drei Ideale der Französischen Revolution sollen je für eines der drei gesellschaftlichen Gebiete gelten, sonst führen sie zu Chaos. Wie können wir zugleich frei sein und doch auch alle gleich? Nur wenn wir einander Freiheit gönnen auf dem Gebiete der Weltanschauung, der Traditionsäußerungen, der individuellen Initiativen und andererseits einander als gleichwertige und gleichberechtigte Mitbürger anerkennen, die alle gleiches Mitbestimmungsrecht haben, können wir in Frieden zusammenleben. Dies ist in einem brüderlichen Wirtschaftsleben möglich, damit jeder eine menschenwürdige Existenz innehat und niemand andere ausbeutet. 1916 schon sprach Steiner über diese drei Ideale, teilte sie aber damals zuerst den Gliedern des dreigliedrigen Menschen zu, noch nicht der Gesellschaft. Freiheit für die Seelen, Gleichheit für die Geister, Brüderlichkeit für die Leiber! Der Mensch sei ja nicht nur Leib, er sei ein geistiges Wesen mit einer Seele und einem Leib, und nur aufgrund dieser Erkenntnis könnten die drei Ideale sinnvoll angestrebt werden.

Sibylle Wissmeyer, Ohne Titel, Gouache auf Karton 20/20, 2009

Hieran anschließend möchte ich die menschliche Identität in ihrer dreigegliederten Gestalt, also trinitarisch betrachten. Auch sie ist keine gemischte Einheit. Der Begriff Identität wird häufig und recht unterschiedlich gebraucht und oft mit unklarem Inhalt. Dass er so aktuell ist, entspricht dem Bedürfnis vieler, sich respektiert zu wissen in ihrem Sein, als Person oder als Gruppe. Zuerst sind da die Faktoren wie Religion, Weltanschauung, Kultur, Tradition, Sprache. Längst nicht alle Staaten sind so weit, die Menschenrechte so zu respektieren, dass sich die Identität frei entfalten kann. Auch meine politische Gesinnung will ich selbst bestimmen, oder zu welchem Verein ich eintrete. In diesen Angelegenheiten möchte ich auch meine Überzeugung oder Zugehörigkeit ändern dürfen.

Ein zweites Feld umfasst unsere leiblichen menschlichen Gegebenheiten. Wo ich hineingeboren bin, in welche Ethnie, welches Volk und welche Familie, mit welchem Geschlecht und welcher sexuellen Orientierung. Körperliche Merkmale bestimmen mich nicht wenig, vor allem, wenn ich eine körperliche oder mentale Beeinträchtigung trage. Hier sind wir nicht frei, aber auch nicht vollständig determiniert. Ich bin mehr als bloß ein Teil eines Volkes oder eine Hautfarbe. Wenn wir andere auf ihre Physis reduzieren, verletzen wir ihre Menschenwürde. Diese zwei Kreise von identitätsbildenden Faktoren, der ‹obere›, immaterielle, und der ‹untere›, leibliche, umfassen aber nur Gruppenmerkmale. Das alles bin ich noch nicht selbst. Es gibt ein Drittes, da, wo ich nur ich selbst bin, einzigartig und individuell. Der unteilbare Kern meines Wesens. Von hier aus entfaltet sich meine ureigene Biografie, aufgrund meiner Talente, Motive und Ideale, in Wechselwirkung mit den beiden genannten Gebieten. Hier ruht meine wirkliche Identität. ‹Identitas› stammt von ‹idem›, dasselbe. Idem stammt von is-dem: eine Verstärkung von is (wie ibi-dem eine Akzentuierung ist von ibi, ‹da!›). Und ‹is› heißt ‹dieser›. Also: Meine Identität, das bin ich und kein anderer. Francis Fukuyama nennt Identität «the true inner self», anschließend an den von Plato geprägten Begriff des Thymos. Neben dem wünschenden und dem berechnenden Teil unserer Seele gäbe es danach einen dritten Teil, von dem aus wir uns selbst beurteilen können und Stolz oder Scham fühlen und dem wir unsere Würde und unser Bedürfnis nach Respekt entleihen. Dieser dritte Faktor gehört in die Mitte zwischen dem oberen und dem unteren Gebiet. Meine Existenz ist ja unten verwurzelt, sie stützt sich auf meinen Leib, ohne ganz von ihm bestimmt zu sein. Nach oben hin sind wir, mindestens potenziell, frei, uns aus allem Geistesleben das für uns Wertvolle zu sammeln, uns daran weiterzuentwickeln und es von da aus an andere zu schenken. Mit all diesen Faktoren ist unser Selbst aber nicht identisch. Es ist sich selbst und trägt als Wesenszug, dass es sich entwickeln kann, aus dem unteren und an dem oberen. Es ist Keim, Kern und Potenz, es ist das Subjekt, das sich mit diesen oder jenen Faktoren mehr oder weniger oder gar nicht mehr identifizieren möchte. Eigentlich ist sein Wesen Aktivität. Wenn es inaktiv wird, bleiben nur Gruppen­identitäten übrig. Das Verb ‹identifizieren› braucht wie alle Verben ein Subjekt, und das kann nur ein ungeteiltes, ein Individuum sein.

Viel mehr als Gen und Einfluss

Nicht selten wird die menschliche Person noch immer als Resultat von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen angesehen. Nature und nurture. Ein ‹dritter Faktor› bleibt unerwähnt; er kann ja auch nur als geistige Entität gedacht werden. Die heutige wissenschaftliche Welt richtet den Blick nur auf materielle Elemente, wie Erblichkeit und Eindrücke aus der umgebenden Kultur. Gehirnorgan und Imprägnierung mit Information. Der belgische Psychologe Paul Verhaeghe spricht von einer genetischen Anlage und einer Entwicklung der Person mittels Assimilation und Separation. Bestimmte Elemente aus der Umgebung werden aufgenommen, von anderen separiert sich der aufwachsende Mensch. Und so bildet sich seine Identität heraus. Aber wo ist die Instanz, die auswählt, was angenommen wird und was nicht? Wer distanziert sich oder umarmt? Von der Kindheit an, vor allem ab der Pubertät, kann man ein individuelles Element hervortreten sehen, das mal gar nicht will, was die Eltern vorhaben, und in ganz andere Richtungen sich entwickelt. Um diesen dritten Faktor zu studieren und zu würdigen, brauchen wir eine ‹vollständige Wissenschaft des menschlichen Geistes› – so eine Wissenschaft nannte Johann Gottlieb Fichte ‹Anthroposophie›. Wenn man aber nur bei den identitätsfärbenden Faktoren stehen bleibt und den Kern nicht sehen kann oder will, entstehen Bilder wie: ‹Jeder Mensch hat eine geschichtete Identität, die entsteht an einer Kreuzung von Teil-Identitäten und Erfahrungen.› Oft wird dabei unsere Identität verglichen mit einer Lasagne. Wie kann aber eine geschichtete Lasagne eine Kreuzung haben? Und doch klingt gleich nachher der gerechte Aufruf: Wenn man Menschen reduziert zu nur einem Aspekt ihrer Identität, schafft man artifizielle Gegensätze.

Nicht selten wird die menschliche Person noch immer als Resultat von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen angesehen. Nature und nurture. Ein ‹dritter Faktor› bleibt unerwähnt; er kann ja auch nur als geistige Entität gedacht werden.

Der eigentliche Quell und Kern der Identität ist verbunden mit einer dritten Art von Gruppenidentität. Gerade diese aber allein würdigt zugleich am umfassendsten unsere individuelle Einzigartigkeit. Es ist die Bürgerschaft eines Staates oder einer Nation. Man ist Bürger eines Landes, und daher bekommt man individuelle Freiheiten und Rechte. Man ist Mitbürger, Mitglied einer Nation, in der alle als gleichwertig betrachtet werden und gleiche Rechte bekommen, und zugleich wird man anerkannt in seiner Unizität. Ausdrucksmittel dafür ist die Identitätskarte, die ein Foto unseres einzigartigen Antlitzes zeigt. ‹Nation› ist hier ein verwirrender Begriff: Er weist hin auf die Herkunft durch Geburt (‹natus›). Aber in modernen Rechtsstaaten können neu Immigrierte bald gleichberechtigte Mitbürger werden, wo immer sie geboren wurden, und man kann seine frühere Nationalität aufgeben und eine neue annehmen. Schon vorher kann man z. B. als Flüchtling gewisse Rechte bekommen, weil man einfach Mensch ist und neuer Einwohner eines Staates.

Sibylle Wissmeyer, Ohne Titel, Gouache auf Karton 27/27, 2009

Die Bürgerschaft wird auf verschiedenen Ebenen organisiert: der regionalen, der nationalen, der europäischen. Als Mitglieder der ganzen Menschheit haben wir einander Menschenrechte zugesprochen. Auf allen lokal-geografischen Ebenen sollten nur auf demokratischem Wege, von unten herauf, von den Bürgern und ihren Repräsentanten die Rechte formuliert und die Staatsstrukturen gestaltet werden.

Der dritte identitäre Faktor ist vollständig unabhängig von den beiden anderen, dem kulturell-religiösen und dem leiblich-ethnischen, und soll es auch sein. Wir akzeptieren nicht mehr, dass Mitmenschen identifiziert, d. h. gleichgestellt werden mit ihrer Religion oder Hautfarbe. Und wir finden es schwierig, wenn Menschen das für sich selbst tun. Wir sind auf der Suche nach dem einzigartigen in jedem Mitmenschen, dem Akteur in ihm oder ihr, der ihn oder sie zu einem frei sich entwickelnden Wesen machen kann. Das Besondere ist, dass dieser Akteur nur da ist, wenn er ein Tätiger ist. Er besteht nur im Tun, sonst gleitet er wieder weg in den Schatten dieser oder jener Gruppenidentität. Er atmet zwischen sich selbst und den anderen und realisiert sich über die Begegnung, mit der Umwelt, in einer vielfarbigen kulturellen Landschaft, verwurzelt in seiner mitbekommenen Natur. Er dürstet nach Freiheit und empfindet zugleich, dass alle Menschen gleich und gleichwertig sind.

Den Menschen als Kreuz verstehen

Wie wäre es, wenn wir einander nicht als eine Summe von Teil­identitäten ohne Kern anschauten wie eine Lasagne, wenn wir uns selbst dabei immer zu zwingen hätten, nur auf eine Teilschicht hinzuschauen, sondern wenn wir einander stattdessen als ein Wesen mit einem Kern betrachteten? Als eine in zehn oder zwölf Stücke zerschnittene Torte, die eine Hälfte anders gefärbt als die andere, die naturhafte und die kulturgeprägte, aber uns vor allem konzentrierend auf das Sahnehäubchen in der Mitte?

Die Identität ist wie ein Kreuz: Eine vertikale Linie verbindet oben (das Kulturleben in seiner Vielschichtigkeit, mich inspirierend und meinen Beitrag in sich aufnehmend) mit unten (die Leibesstütze). Entlang der horizontalen Linie bewege ich mich auf meinem individuellen Weg, als Mensch und Mitmensch.

Die vielschichtige Identität ist wie ein Kreuz: Eine vertikale Linie verbindet oben (das Kulturleben in seiner Vielschichtigkeit, mich inspirierend und meinen Beitrag in sich aufnehmend) mit unten (die Leibesstütze). Entlang der horizontalen Linie bewege ich mich auf meinem individuellen Weg, als Mensch und Mitmensch. Oben möchte meine Seele sich laben an dem reichen Menschheitsgut, und dazu braucht sie Freiheit. Unten möchte sie Ernährung und Pflege bekommen für ihren Leib, und dieser kann nur gedeihen, wenn die Güter der Erde brüderlich verteilt werden. Aber in der Mitte geht sie ihren Weg als gleicher Geist unter Geistern. Wenn Rudolf Steiner 1916 aufrief zur Freiheit für die Seelen und Gleichheit für die Geister, könnte das zuerst befremden. Warum nicht die Freiheit den Geistern (unserem Oberen …) und die Gleichheit den Seelen (unserer Mitte …) zusprechen? Für die Götter sind wir Menschengeister aber alle gleich und gleichwertig. Rudolf Steiners Aussagen zusammenfassend: Durch die gleichen Iche strömt die größte geistige Mannigfaltigkeit. So entwickelt sich ein gemeinschaftlicher Menschheitsstrom im kosmischen Werdegang. Dazu brauchen wir Freiheit für die Seelen, damit jeder frei werden kann. Kunst, Wissenschaft, alles menschliche Schaffen, es sollte ein reges Interesse von Seele zu Seele wecken, im gegenseitigen Begriff können wir zarte Bande untereinander schmieden. Dies geschieht, wenn wir einander ein menschenwürdiges Leben gönnen auf materiell-leiblicher Ebene und brüderlich teilen.


Zur Künstlerin Sibylle Wissmeyer, 1953 im Rheingau geboren. Auf der mütterlichen Farm auf Korsika Ausbildung als Schäferin. Studium der Malerei und anschliessend Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte in München. Forschungen über ‹Kunst und Wissenschaft des Denkers Novalis›.1985 Studium der Eurythmie am Goetheanum bei Christoph Graf. Ab 1995 Bühnenjahr und Ensemblemitglied bei Margrethe Solstad in Oslo. Lebt jetzt bei München. Seit 2000 Schwerpunkt Malerei. Instagram Sibylle Wissmeyer

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare

Facebook