Einkreisungen

Bemerkungen zu Heikedine Günthers Ausstellung ‹Concentric Circles› – noch bis zum 30. September im Goetheanum zu sehen.


Am Anfang stand ein flüchtiger Blick ins Westtreppenhaus. Da hing eine Anzahl Kreise in blauen Farben. Nicht etwas, was im Vorübergehen meine Aufmerksamkeit geweckt hätte. Erst der innere Ruck, mich einzulassen, angeregt durch eine Begegnung, ließ mich innehalten und überhaupt aus dem Treppenhaussteigen austreten, um einen der Kreise als Gegenüber zu wählen. Sofort entstand ein Raum, der gar nichts mehr mit der Treppenhaussituation zu tun hatte, ein intensives Ankommen. Die Sprache verliert manchmal ihre Aussagekraft, daher würde ich gern hinzufügen: ein Ankommen im Ankommen.

Nach einem kurzen Moment ruhigen Schauens begannen die Farben, sich zu verändern. Sie überlagerten sich mit physiologischen Gegenfarben, löschten einander teilweise aus, aber etwas anderes begann mich zu fesseln: der Ruheraum, der sich da auftat, die Wichtigkeit, ja Kraft und Tiefe der Sammlung, vergleichbar einem Lot, das ins Wasser getaucht wird. Ich musste entscheiden, ob ich, mitten im Treppenhaus, gewillt war, mich dieser Reise in die Vertiefung anzuvertrauen, aber natürlich war es bereits entschieden: Gern folgte ich der Einladung zur zutiefst konzentrierten Öffnung in die Wesentlichkeit.

Die leuchtend blaue Ruhe des gewählten Kreises erwies sich allerdings als nicht ganz stimmig für meine momentane Verfassung, sodass ich nach anderen Möglichkeiten der Resonanz Ausschau hielt. Bei den eher dunkel gehaltenen, zwischen rötlich-violetten und grünen Tönen changierenden ‹Rädern› in der Sektionsetage wurde ich fündig. Diese luden mich in eine Region des inneren Ernstes ein, getragen von andächtiger Vertiefung wie im Nachklang eines anthroposophischen Mantrams. Hier hätte ich am liebsten Wurzeln geschlagen. Eine innere ‹Heimat› in einem tief bodenlosen Sinn tat sich auf.

Es schien mir mit diesen Bildern wie bei einer Zaubertür im Märchen, deren (eigentlich verbotene, daher nur durch Ich-Entschluss mögliche) Öffnung direkt die Frage nach der Essenz des eigenen Wesens eröffnet. Die Art, wie diese Bilder wirken, lässt jedoch nicht zu, dieses Wesen lediglich als Punkt aufzufassen. Eher wie ein Herz, das mit dem weiten Umkreis in Resonanz steht bzw. sich überhaupt erst aus diesem weiten Umkreis heraus manifestiert. Dann wieder ist es das Zentrum, das bis außen strahlt, es wechselt und lässt sich nicht in eine Schublade einordnen. So sind die Zentrierungsbilder von einer verblüffenden Vielfalt, immer wieder neu setzt Heikedine Günther an, diesem unergründlichen Rätsel nachzufragen. Ein Weg zum Wesentlich-Werden, ein Hineinhorchen in ein tiefes Rätsel, ja Wunder.

Es schien mir mit diesen Bildern wie bei einer Zaubertür im Märchen, deren Öffnung die Frage nach der Essenz des eigenen Wesens eröffnet.

Kernfragen

Die Neugier war geweckt, so entdeckte ich auch die länglichen ‹Kerne›. Diese erlebte ich vor allem als ‹Du›. In dem Sinne, wie man manchmal beim Weggehen eines Menschen einen Nachklang verspürt wie einen Farbschimmer im Raum. Die ‹An-Wesenheit› war teilweise von einer Dichte, von der ich nicht weiß, ob irgendeine gängige Porträtform sie überhaupt erreichen kann. Der Eindruck, ganz und gar intensiv leuchtende Farbe, ließ nicht entscheiden, ob das Gesehene eher ein Übersinnliches oder ein zutiefst Sinnliches zeigt. Sinnlicher geht nicht, aber übersinnlicher auch nicht. Daher kann es wohl vor allem als ‹Sinnlich-Übersinnliches› bezeichnet werden. Ich fand es beeindruckend, wie eine solche Dichte entstehen kann. Mit einem einzigen solchen Bild in einem Raum ist man nicht mehr ganz allein, das muss man gut wählen. Auch mit diesen Bildern ist es so wie mit Menschen: Sie hinterlassen einen Nachklang. Man darf in einen Zwischenraum hineinlauschen, der bei vielen Ausstellungen ganz unbewusst oder unbeachtet bleibt.

Die Mitte finden

In der anthroposophischen Bewegung leben unzählige Initiativen wie die bekannten auf pädagogischem, medizinischem, landwirtschaftlichem Feld und dazu noch viele unbekannte, aber der innere Vorgang des Innehaltens im Getriebe, des Zur-Ruhe-Findens, des Zentrierens und Sich-Niederlassens scheint immer wichtiger und wesentlicher zu werden. Dass Heikedine Günther genau diese Spur aufgreift, vergleichbar dem Kreis unter dem Rosenkreuz in Rudolf Steiners Mysteriendramen oder den verschiedenen Punkt-Umkreis-Meditationen von ihm, ist ihr hoch anzurechnen und zeigt ein wesentliches, ja wesentlichstes Übungsgebiet auf, dem wir uns gerade in unserer turbulenten und verwirrenden Gegenwart mit Nachdruck widmen dürfen und das zugleich auch die Basis dafür liefert, in den äußeren Anforderungen beispielsweise der Waldorfschulen innerlich zu bestehen. Meines Erachtens steht es dem Goetheanum gut, eine solche Bildsprache, die einen wirklichen Aufruf zu ehrlicher und echter spiritueller Sammlung enthält, auszustellen.

Man ist Heikedine Günther dankbar, dass sie mit dieser Sensibilität, zugleich aber auch mit pragmatischer Nüchternheit an das Thema geht. Es haben für mich an vielen Stellen innere Wirklichkeiten aufgeleuchtet.


Alle Bilder aus der Ausstellung ‹Concentric Circles› von Heikedine Günther im Goetheanum. Foto: Moritz Herzog.

Print Friendly, PDF & Email
Zurück
Dazwischen

Letzte Kommentare