Eine Bildbiografie

«Mit den Bildern wird schnell deutlich, dass die Dinge wirklich geschehen sind», sagte David Marc Hoffmann im Werkstatt-Gespräch mit seinen Mitherausgebenden Albert Vinzens, Nana Badenberg und Stephan Widmer sowie Wolfgang Held von der Wochenschrift über den großen Band ‹Rudolf Steiner 1861–1925. Eine Bildbiografie›. Es gehe um einen «Gang durch ein Leben entlang der Bilder».1


Nun ist der lange erwartete Band mit knapp 500 Seiten und ca. 800 Abbildungen im Rudolf-Steiner-Verlag tatsächlich erschienen – und er ist glänzend gelungen, in einer inhaltlich, aber auch grafisch-ästhetisch außerordentlich ansprechenden Komposition von Bildern, Kurztexten und Originalzitaten, gegliedert in acht werkbiografische Kapitel, in markanter Auswahl und profunder Übersicht. «Wir haben uns bei vielem tief eingelesen, und am Ende kommt als Bildlegende ein Dreizeiler heraus», betonte Nana Badenberg im Gespräch; aber die sogenannten ‹Dreizeiler› zeugen von Einsicht und Umsicht, sind klar und prägnant, und dies auch dort, wo es um so schwierige Dinge wie eine Kurzzusammenfassung des Koberwitzer Kurses oder der Intentionen der ‹Leitsätze› geht. Sie wollten von «ausführlichen Beschreibungen», von «ausgreifenden Deutungen und Interpretationen» absehen, schreiben die Herausgebenden im Vorwort. Statt der Bewertung und Beurteilung sollte in der Bildbiografie etwas «aus der Zeit heraus» sichtbar gemacht werden. Nicht alles ist abbildbar und für viele Ereignisse und Vorgänge im Leben und Werk Rudolf Steiners hat das Archiv, das seinen Namen trägt, keine Dokumente; manches ist per se auch nicht fotografisch oder textlich fassbar. Aber auf der anderen Seite: welche Fülle des Vorhandenen, des Gesichteten und nun für alle sichtbar Werdenden!

Erste Seite des Manuskripts von Steiners Aufsatz ‹Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnisse›, publiziert im Juli 1918 in ‹Das Reich›. © Rudolf-Steiner-Archiv

Leben und Umkreis

Man könnte denken, es gehe nur um Rudolf Steiner selbst; tatsächlich werden in dem neuen Werk jedoch auch Menschen seines Lebensumkreises in ganz neuer Weise ansichtig, auch vor dem Hintergrund der bisher vorliegenden Biografien – durch andere Aufnahmen oder durch sehr viel besser und größer reproduzierte Bilder. Steiners Familie, Freunde und Weggenossinnen und Weggenossen, darunter Persönlichkeiten wie Karl Julius Schröer oder Radegunde Fehr, Hermann Grimm und Ernst Haeckel, Anna Eunike oder Otto Erich Hartleben treten wie neu auf, gewinnen ein Antlitz, das man so noch nie gesehen hatte. Aber auch Rudolf Steiners Lebens- und Wirkensorte – die Straßenschluchten von Wien in eindrucksvollen Aufnahmen oder die Münchner Tonhalle des Kongresses von 1907; schließlich der Dornacher Bau, in Fotografien von Otto Rietmann, die datiert sind – wie die Bilder vom Oktober 1913 oder vom Richtfest im April 1914, Winterbilder im Krieg beim Glashaus und Heizhaus, Bilder der Arbeiter 1919 und außerordentlich sprechende Frühlingsaufnahmen vom Mai 1921, für die Rietmann von St. Gallen angereist war. Dann die Uvachrom-Farbaufnahme der Deckenmalerei des ersten Baues 1922 von Emil Berger – oder Carl Hoffmanns Bilder der brandzerstörten Ruine. Die meisten dieser Baufotografien sind den Freunden und Kritikern von Steiners Werk bekannt; in dem großformatigen und außerordentlich sensibel gestalteten Band aber gewinnen sie eine neue und erstaunliche Ausdruckskraft, ‹Gegenwart und Präsenz› im Sinne Paul Celans. Zu einer ganz anderen Wirkung als bisher gelangen auch die zwei Fotografien aus einem Vortrag Steiners vom 7. Juni 1914 in der Schreinerei, die Max Benzinger in sein Bautagebuch klebte. Zusammen mit Benzingers handschriftlichen Einträgen, auf zwei Seiten groß reproduziert, bilden sie ein singuläres, originales und überaus originelles Zeugnis.

Buchbiografien

Eine überraschende ‹Gegenwart und Präsenz› gewinnen auch Bücher und Manuskripte Rudolf Steiners, darunter die großformatig abgebildeten, nahezu fehlerlos und nur mit wenigen Korrekturen verfassten handschriftlichen Seiten der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› (1910), des Buches ‹Vom Menschenrätsel› (1916), des ‹Memorandums› von 1917 oder der ersten Seite aus ‹Mein Lebensgang› (1923). Faszinierend ist die Gestaltung der Bildbiografie dort, wo mit wenigen Dokumenten Aspekte der Entstehungs- oder Überarbeitungsgeschichte der Werke deutlich werden. Abgebildet werden nicht nur Eduard von Hartmanns ausgreifende Kommentare zu Steiners ‹Philosophie der Freiheit›, sondern auch Steiners handschriftliche Überarbeitungen zur Neuausgabe 1918 – oder die Entstehung des Buches ‹Die Kernpunkte der sozialen Frage› auf der Basis einer Transkription des Zürcher Vortrages vom 5.2.1919, die Steiner bearbeitete und ergänzte. Eindrucksvoll sind die Notizbucheintragungen des ersten autobiografischen Vortrages vom 4.2.1913 in Berlin oder Steiners Randbemerkungen zu Dessoirs Kritik in ‹Vom Jenseits der Seele› (1917), die schließlich in eine Erwiderung mündeten.

Briefumschlag einer Manuskriptsendung Rudolf Steiners an Alexander von Bernus für die Publikation in der Zeitschrift ‹Das Reich›, © Rudolf-Steiner-Archiv

30kg Bücher

Der Band erschließt ‹entlang der Bilder› die großen Entwicklungsschritte, aber auch Details aus Rudolf Steiners Lebens- und Werkwelt werden immer wieder unvermutet sichtbar – unscheinbare, liebenswürdige und kleine Einzelheiten. Wir erfahren, dass er seinem Wiener Freund Fritz Lemmermayer manchmal mithilfe der ‹pneumatischen Expressbeförderung› schreibt, durch ein unterirdisches Rohrpostnetz, das im 20-Minuten-Takt funktioniert – und sehen das Schriftstück. Wir erfahren, dass der Vater nach einem Heimatbesuch des ältesten Sohnes auf dessen Bitte und nach dessen Vorarbeit 30 Kilo Bücher von Horn nach Berlin sendet – und sehen den Frachtbrief. Wir lesen von Steiners Abwesenheit im Berliner Zweig und sehen das Manuskript seines ‹Apokalypse›-Vortrages, den Marie von Sivers am 7. November 1904 an seiner Stelle vorliest. Wir sind erstaunt, dass der besorgte Vater von Jiddu Krishnamurti am 21.3.1912 aus Adyar sich «vertraulich und privat» an Rudolf Steiner wendet – und betrachten den Brief. Wir sehen an der Rechnung einer Berliner Buchhandlung, dass Steiner im Mai 1917 noch weitere acht Bücher von Franz Brentano kauft, ehe er seinen Nachruf schreibt. Wir können den Einschreibe-Briefumschlag (‹per Eilboten›) betrachten, mit dem er sein Manuskript des Aufsatzes ‹Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnisse› im Dezember 1917 an Alexander von Bernus in München für die Zeitschrift ‹Das Reich› sendet – und auf dem Umschlag vermerkt: «Brief mit / Manuskriptbeilage / Wissenschaftlich-philosophischen / nicht politischen Inhalts». Wir nehmen einige der tief betroffenen Beileidstelegramme wahr, die er nach dem Brand des Goetheanum erhält, von den Kölner Zweigen oder der Vidargruppe in Kristiania oder von Jules Sauerwein.

«Dass man dem Gesamtphänomen Rudolf Steiner auch mit einem solchen Buch nicht gerecht wird», betonte Albert Vinzens im Gespräch mit Wolfgang Held. Natürlich stimmen diese Worte, wie sollte es auch anders sein, im Großen und Ganzen, auch in Details. Die ideellen Bewegungen der Schriften und die Inhalte der Kurse, auch ihre besondere Atmosphäre, sind mit Abbildungen nicht mitteilbar. Die Komplexität von Steiners Beziehungen – darunter zum deutschen Generalstabschef Moltke –, seiner Bauentscheidung für Dornach (nach inneren Erlebnissen) oder gar seine Erkrankung nach der Brandzerstörung des Goetheanum können nur schwer zur Darstellung kommen. Friedrich Rittelmeyer wollte, seiner Autobiografie zufolge, keineswegs Steiners Hellsichtigkeit «wissenschaftlich beweisen lassen», als er ein Treffen mit Professor Oswald Külpe auf den Weg zu bringen versuchte; Steiner ‹beendete› auch nicht seine Tätigkeit an der Berliner Arbeiterbildungsschule, sondern wurde, trotz des Widerstands der Arbeiter, entlassen. Er ‹brach› auch nicht bei seiner letzten Ansprache am 28. September 1924 ‹zusammen› – obwohl er sie nach 20 Minuten angesichts seines desolaten Kräftezustandes beenden musste. Der ‹Heilpädagogische Kurs› war keinesfalls um das Karma der besprochenen Kinder zentriert, wie der Text zu evozieren scheint, sondern um ihr aktuelles Zustandsbild und ihre bedingungslose Förderung. Rudolf Steiners Gesamtverfassung in den Pfingsttagen von Koberwitz ist mit den Worten «gute Laune» und «Freude an der Geselligkeit» sicher nicht hinreichend beschrieben; und wenn er es auch lieber gesehen hätte, dass bei der Stuttgarter ‹Klinischen Woche› nur die Ärzte des Klinisch-therapeutischen Instituts, aus ihrer Profession und Eigenständigkeit heraus, gesprochen hätten (und nicht er selbst), so war er doch nicht im üblichen Sinne «verärgert». Er erhoffte sich eine größere Selbständigkeit und Mündigkeit der Mediziner – sie aber waren noch nicht so weit. Wie aber soll man all das in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Für Freunde und Öffentlichkeit

Es ist wie mit fast jedem großen Buch (und wie mit dem Fischer und seiner Frau) – man könnte sich noch mehr und anderes wünschen. Und dennoch: was für eine Leistung und was für ein Gewinn, dieses so reichhaltige und überaus sorgfältig erarbeitete Buch, für Freunde der Anthroposophie und für die interessierte Öffentlichkeit, für beide Gruppierungen zugleich, was eine seltene Meisterleistung bedeutet. Wie vieles wird durch den Bildband so viel deutlicher, mitunter durch eine einzige, trefflich ausgewählte Fotografie – wie die enorme Öffentlichkeit von Steiners großen Vorträgen des Jahres 1921 durch die Abbildung des riesigen Saals der Berliner Philharmonie mit über 2400 ausverkauften Plätzen. Ganze Werk- und Lebensepochen, wie die Monate und Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, bekommen eine eindringliche Signatur durch Bild und Text und die Übergänge sind oft hervorragend gestaltet, inhaltlich und künstlerisch zugleich. So zum Beispiel die Platzierung der ‹Malstunde› mit Pastellkreiden im Februar 1923 nach Schilderung all der schweren, finsteren Brandgeschehnisse zuvor – oder die Zusammenführung der Weihnachtsspiel-Aufführungen im Dezember 1923 mit der Weihnachtstagung selbst.

Albert Vinzens sprach in seinem Interview mit Wolfgang Held nicht nur von den Herausforderungen und Schwierigkeiten des vieljährigen Projektes, sondern nannte es eine insgesamt «wunderbare Sache». Genau das ist das Buch, auf das alles mit so viel Sachverstand und Feinsinn zielte, auch geworden – eine «wunderbare Sache».


Buch David Marc Hoffmann, Albert Vinzens, Nana Badenberg, Stephan Widmer (Hg.) Rudolf Steiner (1861–1925). Eine Bildbiografie, Rudolf-Steiner-Verlag, Basel 2021

Bild Briefumschlag einer Manuskriptsendung Rudolf Steiners an Alexander von Bernus für die Publikation in der Zeitschrift ‹Das Reich›; erste Seite des Manuskripts von Steiners Aufsatz ‹Frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnisse›, publiziert im Juli 1918 in ‹Das Reich›. © Rudolf-Steiner-Archiv

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Footnotes

  1. ‹Leben und Arbeiten, Rudolf Steiner im Bild›, ‹Goetheanum› 35/2021.

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