Die Rose ist ohne Warum

In aller Ruhe und im Kreise seiner Familie beendete Pierre Della Negra sein irdisches Leben am 4. Oktober 2022 im Alter von 83 Jahren. Eine Persönlichkeit der französischen Anthroposophie hat uns auf sanfte Weise verlassen und eine Schöpfung hinterlassen: das Foyer Michaël.


Jeder, der ihn als Schüler, Mitarbeiter oder Freund kannte, hatte das Gefühl, dass er der geistigen Welt näher als der irdischen zu sein schien. Wenn er Kurse hielt oder einfach nur nachdachte, schien sich eine ganze Sternenwelt auf seiner großen Stirn zu spiegeln, die von vielen lebhaften Linien durchzogen war. Pierre war ausgebildeter Bildhauer, aber er opferte seine künstlerische Berufung, um Lehrer einer originellen Anthroposophie zu werden. Er sagte, dass die Bildhauerei ihn das Denken gelehrt habe. Pierre verbrachte Stunden in seinem Büro und forschte, aber niemand wusste genau, woran er forschte. Er sagte, dass er über die platonischen Körper oder die Geometrie des Gegenraums arbeitete, aber er hinterließ keine Aufzeichnungen. In den anthroposophischen Buchbibliotheken findet man kein Buch von ihm. Was er hinterließ, ist eine lebendige Schöpfung, das Foyer Michaël, eine soziale Kreation, ein anthroposophisch fundiertes Ausbildungszentrum für die Jugend in der grünen Bocage des Bourbonnais in Zentralfrankreich. In gewisser Weise ist sein Leben fast untrennbar mit der Biografie dieses Ortes verbunden, in den er sich mit Leib und Seele einbrachte.

Vor allem das Herzensleben

Ursprünglich, in den 60er-Jahren, ist Simone Rihouët-Coroze, die damalige ‹Patronin› der Anthroposophie in Frankreich, besorgt über die Bedürfnisse der Jugend, die die Anthroposophie sucht und sich weiterbilden will. Es geht ihr sogar darum, die künftigen ‹Führungskräfte› der anthroposophischen Bewegung in Frankreich auszubilden. So entsteht die Idee, eine Ausbildung zur Einführung in die Anthroposophie zu schaffen. Simone Coroze fragt Pierre Della Negra, der damals etwa 30 Jahre alt ist, ob er dieses Projekt übernehmen will. Er bejaht. Es folgen einige Jahre des Bauens und Experimentierens, in denen sich unter der aufmerksamen Aufsicht von Simone Coroze ein eher klassischer Lehrstil der Anthroposophie entwickelt: Studium der Bücher und künstlerische Aktivitäten.

Pierre widmet sich seiner Aufgabe, begleitet von seiner unentbehrlichen Partnerin, seiner Frau Vivien, die er während ihrer Ausbildung am Emerson College in Großbritannien kennengelernt hat. Schon bald spürt das junge Trägerteam das Bedürfnis, sich von der Bevormundung der älteren Generation zu emanzipieren: Mit dem Wunsch nach Kreativität und Freiheit verlässt das Team das ursprüngliche Projekt und gründet ein zweites Zentrum, das Sophia-Zentrum, das mehrere Jahre lang seine gesamte Arbeit auf die künstlerische Praxis ausrichtet. Diese Abspaltung entspringt dem Bedürfnis nach eigener Identität und eigenen Erfahrungen außerhalb des traditionellen anthroposophischen Lebensstils. Sie ist auch Ausdruck einer Bewusstwerdung, dass Anthroposophie nicht in erster Linie den Kopf anspricht, sondern vor allem das Herzensleben; und um das Herz anzusprechen, muss die Kunst in ihrer ganzen Bandbreite Priorität erhalten. Die Jahre der Sezession sind erfüllt von der Freude und dem Enthusiasmus der Pioniere und Entdecker.

Die Sorge für den anderen

Die soziale Frage wird jedoch den nächsten Schritt markieren. Sie wird zu einer Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit Simone Coroze und dem Projekt des Foyer Michaël führen. Für Pierre ist die künstlerische Frage, obwohl sie zentral ist, noch nicht ausreichend. Um Kunst und Anthroposophie im Menschen zu verankern, müssen sie im sozialen Leben verwurzelt sein. Alles geschieht in der menschlichen Begegnung. Trotz der immensen Bereiche, in denen sich sein Denken bewegt, richtet Pierre seine ganze Aufmerksamkeit auf den Brennpunkt des zwischenmenschlichen Raums, diese Substanz, die von Mensch zu Mensch gewoben ist. Für ihn liegt hier die wahre spirituelle Substanz der Zukunft.

Foyer Michaël

Seit über 50 Jahren bietet das Foyer Michaël ein Jahr für allgemeine Orientierung sowie künstlerische und pädagogische Ausbildung auf der Grundlage der Anthroposophie. Es befindet sich in Zentralfrankreich, in der Nähe von Moulins-sur-Allier. Es entstand 1970 aus einer Initiative der Stiftung Paul Coroze, die seit 1972 als gemeinnützig anerkannt ist.

Bild: Das alte Gebäude des Foyer Michaël, vom Garten aus gesehen.

Diese soziale Perspektive veranlasst ihn, auch die populären Künste wie Chanson und Kino, aber auch die Künste des Alltags, die Kunst des Blumenstraußes auf dem Tisch oder die Kunst der Konversation, zu würdigen. All dies mündet in der höchsten Kunst: der sozialen Kunst. Die Kunst muss alle Menschen in ihrem täglichen Leben erreichen. Man sollte die menschliche Begegnung in ihrer Schwierigkeit als einen Raum der Schöpfung erleben. Den anderen als ein unergründliches Geheimnis sehen, das Heilige in jeder menschlichen Biografie spüren. Unseren Nächsten als einen ‹verwundeten› Gralskönig betrachten und ihn innerlich fragen: «Woran leidest du?» Wir sollten die Sorge für den anderen tragen und seine Wunde auch als seine Schönheit sehen.

Die Atemzüge der Natur

Pierre betonte immer wieder: Versuchen wir, besser zu ‹fühlen›. Fühlen, was in anderen Menschen lebt, was in uns selbst lebt, aber auch, und dies war eine weitere große Dimension seiner sozialen Forschung: was in der Natur lebt. Pierre beschäftigte sich mit dem Rhythmus der Jahreszeiten. Er meditierte über den Sonnenzyklus der Erde und die Jahresfeste. Der wöchentliche Kurs, in dem er seine Erlebnisse und Entdeckungen teilte, wurde zu einer echten Institution: ‹Der Kurs der Feste›. Bei diesem Kurs, der für die Studierenden des Seminars stattfand, hörten auch viele Menschen aus der Umgebung zu.

Den Atem der Erde spüren, ihn begleiten, seine Sinne öffnen, keine intellektuellen Vorstellungen auf das Lebendige projizieren, sondern lernen, still zu sein und die Phänomene sprechen zu lassen – das Leben des Kosmos durch die Atemzüge der Natur zu empfinden: Pierre wurde zu einem Spezialisten auf diesem Gebiet. Für ihn war das wichtigste Werk Rudolf Steiners der unvollendete Essay ‹Anthroposophie, ein Fragment›, dieser vollständig auf der Sinneswahrnehmung basierende Ansatz der Anthroposophie. Seine stets bescheidenen und tastenden Beiträge, die konsequent auf innerer Erfahrung beruhten, nahmen dann durch die Ausrichtung der Feste des Jahreszyklus innerhalb der kleinen Studentengemeinschaft eine äußere Form an. Diese bunten Feste, taktvoll und kreativ von seiner Frau Vivien initiiert, wurden so zu einem der originellsten und prägendsten Bestandteile der Ausbildung im Foyer Michaël.

Das wahre Arbeiterdenken

Wenn Pierre über das soziale Leben nachdachte, hatte er auch die Bescheidenheit des Arbeiterstandes vor Augen. Deshalb versuchte er sein ganzes Leben lang, mit seinen Partnern und Partnerinnen zukunftsweisende soziale Formen zu schaffen. Die landwirtschaftlichen Aktivitäten auf dem Bauernhof, der an das Ausbildungszentrum angrenzte, hatten ebenfalls einen ‹wesentlichen› Charakter. Es wurden verschiedene Versuche unternommen, die Ideale eines dreigliedrigen sozialen Lebens zu verwirklichen: die kollektive Verwaltung des Hofes, die Schaffung von Produktionswerkzeugen zur Entwicklung einer Wirtschaft, die das kulturelle Leben des Ortes unterstützen sollte. Einige dieser Projekte scheiterten nach jahrelanger harter Arbeit. Aber wenn das Ideal brennt, sind Misserfolge nur Etappen auf dem Weg.

Pierre sagte manchmal, dass die Anthroposophie das wahre ‹Arbeiterdenken› sei, im Gegensatz zu früheren Denkströmungen, die entweder aristokratisch oder bürgerlich waren, das heißt von der Vergangenheit getragen. Selbst das Denken der Zeit Goethes und ihrer Naturphilosophie war für ihn aufgrund des sozialen und historischen Kontextes noch ein Denken bürgerlicher Natur. Was ist also ein ‹Arbeiterdenken›? Es fiel ihm schwer, dies zu formulieren. Sicherlich: das Denken eines bloßgestellten, sozial entkleideten Menschen, der von der Erde und der Natur abgeschnitten ist, ohne sozialen Status, eines Menschen, der gezwungen ist, sich ganz auf seine eigenen Ressourcen, seine eigene individuelle Erfahrung des Menschseins zu stützen. Seiner Meinung nach war dies der Ausgangspunkt der Anthroposophie, aber auch die Quelle einer echten menschlichen Bruderschaft. Er vermittelte damit einen wesentlichen Einblick in die Natur der Anthroposophie, wodurch diese direkt in das Industriezeitalter und den Zustand des modernen Menschen eingebettet ist.

Weiteres Erblühen

Durch Jahre, Prüfungen, Freuden und Leiden ist dieses soziale Projekt gereift und wurde nach und nach von einem neuen, jüngeren Team übernommen, das heute versucht, die nächsten Entwicklungsschritte zu eruieren. Solche sozialen Projekte sind lebende Organismen, die nicht in einer festen Form verharren können, sondern in ständiger Entwicklung begriffen sind. Das Foyer Michaël besteht nun seit 50 Jahren. Es hat Hunderte von Jugendlichen aus der ganzen Welt ein Jahr lang aufgenommen, damit sie diese intensive soziale Erfahrung machen, die auf einer sehr reichen künstlerischen Erkundung und einer bescheidenen und tiefgründigen Gedankenarbeit beruht. Im Foyer Michaël geht es darum, der Anthroposophie durch die individuelle Erfahrung, durch die Materie, durch die sinnliche Wahrnehmung und durch die anderen zu begegnen.

Anthroposophie kann nicht ‹gelehrt› werden, wie man eine vorgefertigte Theorie lehrt, denn sie ist keine Ideologie. Anthroposophie ist lebendig, sie entsteht aus der Begegnung, wird in der Begegnung geboren und erneuert sich ständig durch die Begegnung, mit dem Geheimnis des einzelnen Menschen in seiner Originalität im Herzen, wie in einem Heiligtum. Durch seinen radikalen Antidogmatismus hinterließ Pierre schließlich das Bild eines wahren Anarchisten, eines ‹weisen Anarchisten›. Ein Mann, der in sich selbst gründete und seinen Schülerinnen und Schülern den Geschmack vermittelte, ihr Selbstvertrauen zu erobern und sich immer aus sich selbst heraus zu entwickeln. Er zitierte gerne die Mystiker, insbesondere diese Worte von Angelius Silesius, die auch mit diesem anarchistischen Nachklang gehört werden können:

Die Ros’ ist ohn’ Warum. Sie blühet, weil sie blühet.  Sie achtet nicht ihrer selbst,  fragt nicht, ob man sie siehet.

Das Leben von Pierre blühte und seine Blüte ermöglichte weiteres Erblühen, insbesondere das dieses außergewöhnlichen Ortes.

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