Die rebellische Liebe

Molière wäre dieses Jahr 400 Jahre alt geworden. Trotz der vier Jahrhunderte, die uns von diesem Genie des Humors trennen, können uns seine Gesellschaftskritik, sein Engagement für die menschliche Seele, seine Hellsichtigkeit und die Prüfungen, die er durchmachte, auch heute noch inspirieren.


Jean-Baptiste Poquelin entstammt einer wohlhabenden Pariser Familie und wurde im Januar 1622 im Viertel Les Halles geboren. Sehr früh nimmt ihn sein Großvater regelmäßig mit zum Théâtre de Bourgogne, das gleich neben ihrem Haus liegt und wo die Schauspielerinnen und Schauspieler des Königs spielen. Er erlebt auch die Straßentheaterstücke, die die Passanten zum Lachen bringen. Einige sagen, er habe Philosophie studiert, andere Jura, vielleicht in Clermont-Ferrant, aber die Historiker sind sich nicht sicher.

Am Anfang war die Liebe

Erst die Liebe bringt ihn auf die Bühne, als er die talentierte Madeleine Béjart, seine erste Lebensgefährtin, kennenlernt. Sie verwirklichen gemeinsam ihren Traum und Jean-Baptiste investiert das gesamte Erbe seiner Mutter, um das spätere Illustre Théâtre mitten in Paris zu kaufen. Auf dieser notariellen Urkunde unterschreibt er zum ersten Mal mit ‹Molière›. Niemand weiß, warum er diesen Namen angenommen hat oder woher er stammt.

Das Illustre Théâtre ging schnell bankrott und Molière musste ins Gefängnis, weil er seine Schulden nicht zurückzahlen konnte. Aber er gab nicht auf und ging in die Provinz, um das Abenteuer fortzusetzen. Zwölf Jahre lang perfektionierte er seine Kunst, indem er Elemente der italienischen Commedia dell’Arte einfließen ließ und sich auf die Komödie konzentrierte, einen Stil, in dem er sich auszeichnete. Rudolf Steiner kommentiert: «Molière’sche Komik ist, man möchte sagen, ‹Komik per se›, ‹Komik an sich›.»1 Molière entwickelte auch ein unvergleichliches Talent für das Schreiben. Jeder seiner Verse zeigt eine perfekte Beherrschung, voller Präzision und Freiheit.

Als er nach Paris zurückkehrte, kam er unter den Schutz des einzigen Bruders von Ludwig XIV. Durch seine Vermittlung trat er vor dem Sonnenkönig auf und brachte ihn zum schallenden Lachen. Nachdem er dessen Vertrauen gewonnen hatte, wurde er nach und nach unter den direkten Schutz des Königs gestellt. Seine Truppe wird zur ‹Truppe des Königs›. Bald wird der italienische Komponist Lully mit ihm zusammenarbeiten. Zum dionysischen Element des Theaters kommt das apollinische Element der Musik hinzu. Die Aufführungen werden zu Comédie-ballets, in denen musikalische und tänzerische Intermezzi die Theaterszenen auflockern. Und der Sonnenkönig selbst, der die Kunst des Tanzes perfekt beherrscht, tritt dabei regelmäßig als Tänzer auf. Es entstand ein künstlerisches Trio aus drei brillanten Persönlichkeiten: dem Schauspieler, dem Musiker und dem Tänzer.

In der Mitte war die Liebe

Aber Molières komische Kunst ist nicht nur Unterhaltung: Sie beleuchtet die tiefen Kräfte der menschlichen Seele. Sein Werk bildet eine Art Lehrbuch der Psychologie in künstlerischer Form. Ein solches ‹hellsichtiges› Theater löst bei den Zuschauern teilweise tiefgreifende Erfahrungen aus und ruft eine ‹Katharsis› hervor, eine existenzielle Erfahrung. Es lässt die einen lauthals lachen, kann aber auch andere so empören, dass es einen Skandal auslöst. Mit ‹Le Tartuffe ou l’Imposteur›, in dem das Wesen der Heuchelei anhand der Drangsal eines falschen Frömmlers dargestellt wird, erreichte dieses Phänomen seinen Höhepunkt. Während das Stück dem König gefällt, ist ein Teil des Hofes empört und das Stück muss zensiert werden. Es ist der König selbst, der es schafft, dass die Zensur nach einem Jahr wieder aufgehoben wird. Tatsächlich stört Molière weder die Hocharistokratie noch die kleinen Leute, sondern das Bürgertum. Mit jedem Stück fühlt sich ein anderer Teil der Gesellschaft beleidigt: die Religiösen, die Höflinge, die despotischen Väter, die Geizigen, die Verführer oder die Ärzte … Aber Molière kritisiert nicht nur: Er verteidigt die Frauen, die aufrichtige Liebe, die ehrlichen Menschen, und so oder so wird die Liebe immer der Erlöser sein.

Und apropos Liebe: Das größte Stück, das er für den König inszenierte, war die Tragikomödie ‹Psyche›. Das Projekt ist riesig. Es werden gigantische Kulissen und Maschinen gebaut, um die Figuren fliegen zu lassen – so ehrgeizig, dass Molière die Dienste eines anderen Dichters, Corneille, in Anspruch nehmen muss. Das Stück basiert auf dem Roman von Apuleius und erzählt die Geschichte der jungen Prinzessin Psyche, deren Schönheit die von Aphrodite übertrifft. Aus Eifersucht und Empörung darüber, dass eine Sterbliche mit ihr konkurriert, verdammt Aphrodite sie dazu, sich in ein böses Monster zu verlieben. Sie wird an den Rand eines schrecklichen Abgrunds gebracht, um dort der Kreatur ausgeliefert zu werden. Aber es ist Aphrodites eigener Sohn, Eros (die Liebe), der sich in Psyche verliebt und den Platz des Ungeheuers einnimmt: eine rebellische Liebe. Schließlich wird Psyche von Jupiter vergöttlicht und erlangt die Unsterblichkeit. Diese Geschichte der sterblichen Seele, die durch die Vereinigung mit der Liebe unsterblich wird, ist vielleicht eine Imagination, die sich heimlich durch Molières gesamtes Werk zieht.

Am Ende war die Liebe

In seinem letzten Stück, ‹Der eingebildete Kranke›, sendet Molière eine letzte Botschaft aus. Sie betrifft die Medizin. Ist dies nur eine Kritik an der Medizin seiner Zeit, wie oft behauptet wird, oder ist darin eine universellere Bedeutung verborgen? Rudolf Steiner macht darauf aufmerksam, dass der Materialismus in seiner konkreten Form dazu neigt, «eingebildete Kranke» zu schaffen, die von ihrem physischen Körper wie besessen sind: «In unserer Zeit ist es ja schon einmal eine Wahrheit, dass wir vielleicht nur deshalb keinen Molière haben, der den ‹Eingebildeten Kranken› schrieb, weil wir zu viele Molières brauchten, denn es ist heute ein wahrer Enthusiasmus des Krankseins vorhanden bei jenen Menschen, die Zeit haben, krank zu sein vor allem.»2 So verleiht der Materialismus der Medizin und den Apothekern eine ungeheure Macht, und dieses Phänomen ist heute sicherlich noch aktueller als zu Molières Zeiten.

Molière erlebt seine letzten Momente auf der Bühne, als er die Rolle des eingebildeten Kranken spielt. Er weiß, dass er krank ist, will aber keinen Arzt aufsuchen und will auf jeden Fall spielen, weil er weiß, dass seine Truppe auftreten muss, um bezahlt zu werden und essen zu können. Er zeigt dadurch, dass sein Ideal und seine Hingabe über seiner eigenen Gesundheit stehen. Da er nicht in der Lage war, die Sterbesakramente zu empfangen und sein Leben als Schauspieler offiziell zu bereuen, wie es die Kirche damals noch verlangte, musste sein Leichnam nach seinem Tod in ein Massengrab geworfen werden. Es war wieder einmal die Intervention des Königs, die ihm ein würdiges Grab bescherte, aber das Begräbnis musste nachts stattfinden und der Körper sechs Fuß unter der Erde eingegraben werden, da die christliche Erde nur bis zu fünf Fuß tief reicht. Das Genie stört – und die Mittelmäßigkeit des Bürgertums und der Institutionen kann es nicht dulden.

Molière hat es wie kein anderer verstanden, zu zeigen, dass Humor eine ernste Angelegenheit ist. Humor kann in der Tat auf seine Weise ein spirituelles Licht auf die menschliche Realität werfen. Auch Goethe hatte es bei ihm erkannt: «Ich lese von Molière alle Jahre einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachtete. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer zurückkehren, um solche Eindrücke in uns anzufrischen.»3


Bild Molière. Porträt von Pierre Mignard, Château de Chantilly. CC-BY 4.0

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Footnotes

  1. Rudolf Steiner, GA 287.
  2. Rudolf Steiner, GA 190.
  3. Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Insel-Verlag.

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