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Die heilende Wirksamkeit der Anthroposophie — Zum Todestag Rudolf Steiners

Das Gedenken an den 95. Todestag Rudolf Steiners fällt in eine besondere Zeit: Die Menschheit steht in einer pandemischen Bedrohung mit unbekannten Auswirkungen auf die Gesundheit, auf die Grundrechte, die wirtschaftliche Existenz des Einzelnen wie auch auf die Weltwirtschaft.


Trotz aller Fortschritte der Medizin wird ihre Machtlosigkeit, dieser Herausforderung zu begegnen, sichtbar. Dabei wird deutlich: Erkranken und Gesunden haben nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche, mitmenschliche Dimension und stellen im Weiteren die Frage nach der gesunden Beziehung des Menschen zur Welt. In der gegenwärtigen Medizin verfügen wir über Arzneimittel, die als ‹konstruierte› Stoffe sich von der Natur entfernt haben und durch ihren weltweiten Einsatz nicht nur das Grundwasser, sondern alle Reiche der Natur belasten. Die Anthroposophische Medizin sucht demgegenüber die Verbindung zu Natur und Kosmos mit dem Ziel, dass der Mensch als Mikrokosmos die heilenden Kräfte durch den Makrokosmos erfahren kann. Dadurch kann sich eine am Menschen orientierte und ökologisch verantwortlich handelnde Heilkunst entwickeln. Wir brauchen eine ökologische Wende auch in der Medizin, wie wir sie für die Landwirtschaft schon lange einfordern.

Erkennen und Heilen

Der anthroposophische Erkenntnisweg möchte das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen.(1) Auch das Heilen verbindet den Menschen mit dem Wesen der Welt des Makrokosmos. Heilen ist Ausdruck der regenerativ wirksamen Lebenskräfte des Menschen. Hans Jonas hat sie als das ‹Prinzip Leben› bezeichnet. Die Nervenorganisation verfügt anders als die Stoffwechselorgane über wenig Lebendigkeit, dafür entwickelt sich hier Bewusstsein. Lebenskräfte unserer Organisation werden in die Kräfte des Denkens metamorphosiert. Die ‹Schulreife› ist die Schwelle, ab der das Kind zu einer ausreichenden Verwandlung dieser Kräfte in der Lage ist. Nun zeigt sich in der von Lewis Terman (2) begonnenen großen Studie ein Zusammenhang zwischen dem Einschulungsalter und der Lebensdauer: Zu frühe Einschulung und damit intellektuelle Bewusstseinsentwicklung geht mit einer Verkürzung der Lebensdauer einher. Mit der wachen Bewusstseinsentwicklung entziehen wir dem Organismus Lebenskräfte und brauchen den regenerierenden Schlaf. In der Geist- und Seelenfähigkeit liegt somit die Ursache des Erkrankens.(3) In der Pflanzenwelt sind diese Lebenskräfte nicht zum Bewusstsein erwacht, sondern können therapeutisch wirken und zu Heilmitteln werden: Was wir durch unser Bewusstsein unserem Organismus als Lebenskräfte entziehen, wird durch die in der Natur wirksamen Lebenskräfte ausgeglichen. Das Geheimnis des Lebendigen besteht in dieser Metamorphose der Lebenskräfte zu den Denk- und Bewusstseinskräften und wird zur Brücke zwischen dem inneren seelischen Erleben und dem äusserem organischen Leben.

Leben und Licht

Die beschriebene Verwandlung des Lebens in die Lichtkräfte des Bewusstseins wird von Rudolf Steiner als die «Ätherisation des Blutes»(4) beschrieben. Während die Blutbildung im Knochenmark über eine enorme Lebendigkeit verfügt (jeden Tag müssen 200 bis 250 Milliarden Erythrozyten gebildet werden), verlieren die reifen roten Blutzellen ihre Teilungsfähigkeit und damit sichtlich an Lebensprozessen, um nach 120 Tagen zu sterben. Im Blut entwickelt sich somit eine fortwährende Opferung von Lebenskräften. Sie verwandeln sich im Bereich des Herzens und seiner Wärme zu Lichtkräften, die im traumhaften Bewusstsein des Fühlens und schließlich – auf der Grundlage des Nerven-Sinnes-Systems – im wachen gedankenklaren Bewusstseinslicht erfahrbar werden. Auf die Beziehung dieses Vorganges zum Auferstehungsmysterium hat Rudolf Steiner hingewiesen.(5) Durch ihn ist der Mensch mit dem Mysterium von Golgatha verbunden und kann sein Ich mit dem Welten-Ich vereinen.(6) Diese Bewusstseinsentwicklung charakterisiert den Wachzustand; im Schlaf beleuchten die höheren Wesensglieder demgegenüber ‹sonnenartig› die ätherische Organisation des Menschen und führen hier geistiges Licht in das Leben.

Heilungskräfte durch die Anthroposophie

Das wache und informationshungrige Bewusstsein verbraucht Lebenskräfte. Anders die Meditation, die vom Leben in Gedanken zu einem Leben in geistiger Wesenheit führen möchte.(7) Diese geistige Tätigkeit entwickelt Lebenskräfte, die heilend auf den Menschen wirken können. Bereits in dem Wort ‹Meditation› ist das andere ‹mederi›, also ‹heilen›, verborgen, von dem sich der Name ‹Medizin› herleitet. Der Geist verzehrt in der wachen Bewusstseinswelt Lebenskräfte, kann dadurch zur Krankheit führen und umgekehrt durch die Tätigkeit des Meditierens auch heilen. Die Entwicklung eines lebendigen Lichtes im Erkennen ist mit der Michael-Wirksamkeit verbunden. Sie führt durch die Sinneserscheinung zum Geistig-Wesenhaften. Die heilende Wirksamkeit des Geistes steht demgegenüber mit der raphaelischen Wirksamkeit in Beziehung. So begleiten der Tagesgeist Michael und der stillere ‹Nachtgeist› Raphael (sein Name leitet sich vom hebräischen ‹rafa› = heilen und ‹el› = Gott ab) die Metamorphose von Leben und Licht.

Heilung der Wesensglieder durch die Anthroposophie

Zweifel, Ratlosigkeit und Sinnsuche fordern uns heraus. Mit dem Erkennen entwickelt sich ein neues Licht, etwas ‹leuchtet ein› und das Bewusstsein erfüllt sich mit neuem Inhalt. Es wächst Sicherheit in der Seele. Demgegenüber führen Unsicherheit und Zweifel zu ihrer Kränkung. Die gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Depression als Nacht oder Finsternis der Seele sind gut bekannt. Wenn wir nach den gesundenden Kräften für den astralischen Leib fragen, so liegen sie in der Sicherheit, der Sinnfindung und der Orientierung, die das Erkennen schenkt. Insofern hat die Wahrheit eine heilende Wirksamkeit, während die Unwahrheit die Seele schwächt und kränkt. Verehrungskräfte der Wahrheit gegenüber, Lebensüberzeugungen, an die wir ‹glauben› können, wirken heilend auf die astralische Organisation.

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Das Erkennen bildet Brücken, verbindet und vereint mit der Welt. Subjekt und Objekt fließen zusammen. Insofern ist die eigentliche Substanz des Erkennens die Liebe, mit der wir uns mit dem Erkannten verbinden. Die Liebe ist dabei nicht blind, sondern wird sehend.

Das Erkennen bildet Brücken, verbindet und vereint mit der Welt. Subjekt und Objekt fließen zusammen. Insofern ist die eigentliche Substanz des Erkennens die Liebe, mit der wir uns mit dem Erkannten verbinden. Die Liebe ist dabei nicht blind, sondern wird sehend, wie es Rudolf Steiner in der ‹Philosophie der Freiheit› ausführte. Liebe wirkt auf die ätherische Organisation und unterstützt ihre Heilungskräfte. Viele Beispiele belegen die heilende Wirksamkeit der Menschenliebe. So stellt soziale Isolation einen Risikofaktor für Herzerkrankungen dar, unaufgelöste Konflikte können zu kardiovaskulären Ereignissen führen und soziale Beziehungen wirken sich auch immunologisch aus.(8) Diese und andere Beobachtungen weisen damit auf die Bedeutung der Liebe als Heilungskraft. Frühkindliche Traumata werden durch Verstehen, Trost und menschliche Wärme in ihren Folgen gemildert. Auch in der Palliativmedizin haben Interesse und Beziehung zum Patienten große therapeutische Bedeutung.

Schließlich entwickelt sich aus dem Erkennen Mut und Hoffnung: Wenn wir von etwas ‹überzeugt› sind und aus dieser Erkenntnis des Handlungsziels heraus tätig werden, wachsen motivierende Kräfte und Hoffnung, «dass gut werde, / was wir aus Herzen / Gründen, / aus Häuptern / zielvoll führen wollen»(9). Hoffnung heilt und jede Heilung braucht Hoffnung. Wer sich aufgegeben fühlt, verliert mit der Hoffnung auch Gesundungskräfte. Heilwille ist von Hoffnung erfüllt und unterstützt die Patienten im Gesunden. Hieraus entwickelt Rudolf Steiner ein Hauptgesetz der therapeutischen Beziehung: «Wenn der Kranke […] einfach durch die Individualität des Arztes dahin gebracht wird, dass er empfindet, wie der Arzt vom Heilwillen durchsetzt ist, so gibt das beim Kranken einen Reflex, der dann vom Gesundwerdewillen durchsetzt wird. Dieses Aufeinanderprallen von Heilwillen und Gesundwerdewillen spielt eine ungeheuer große Rolle in der Therapie, sodass man schon sagen kann: Da ist schon ein Abbild darinnen des Pädagogischen, und im Pädagogischen wieder ein Abbild vom Heilen.»(10)

Die Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der zum Geistigen des Weltalls führen möchte. Sie entfaltet gleichermaßen eine heilende Wirksamkeit auf Seele und Leib. Im Jahr des 100. Geburtstags der Anthroposophischen Medizin möge diese heilende Wirksamkeit der Anthroposophie hereinstrahlen in das nächste Jahrhundert.


(1) R. Steiner, Anthroposohische Leitsätze. GA 26, Dornach 1998, 1. Leitsatz.
(2) H. Friedmann, L. Martin, Die Long-Life-Formel. Beltz, Weinheim 2012.
(3) R. Steiner, I. Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst. 2. Kapitel.
(4) R. Steiner, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit. GA 130, Dornach 1995. Vortrag vom 1.10.1911.
(5) Ebenda.
(6) R. Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24. GA 260, Dornach 1994. Grundsteinlegung am 25.12.1923.
(7) R. Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, Dornach 1993.
(8) V. S. Ulset , N. O. Czajkowski, B. Kraft, P. Kraft, E. Wikenius, T. H. Kleppestø, A. Bekkhus, Are unpopular children more likely to get sick? Longitudinal links between popularity and infectious diseases in early childhood. PLoS One. 10.9.2019;14(9):e0222222. doi: 10.1371/journal.pone.0222222. eCollection 2019.
(9) Siehe Anmerkung 6.
(10) R. Steiner, Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst. GA 316, Dornach 2008, Vortrag vom 25.4.1924.

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