Der Wille zur Verwandlung

Wenn ich die lebendige und kompromisslose Wahrheit meines Wesens sehe, entsteht eine Tendenz, mich von der geistigen Welt und der Realität meiner selbst abzuwenden und der materiellen Welt zuzuwenden. Oft ist diese Tendenz stärker als die Willenskräfte, die mir zur Verfügung stehen. Eine Selbstbeobachtung zur Nebenübung der Gedankenkontrolle.


Welche Befriedigung, dass die zunächst bedeutsamste Begegnung mit einem Wesen der übersinnlichen Welt die ist mit der eigenen Wesenheit in ihrer Wahrheit, die man in der Menschheitsentwicklung weiterführen soll!»

Rudolf Steiner, Von dem «Hüter der Schwelle» und einigen Eigenheiten des übersinnlichen Bewusstseins1

Würde ich einen Zaubermantel anlegen und die Leute auffordern, die verrückteste Aufgabe zu erfüllen, z. B. um Mitternacht einen Berg hinauflaufen, um etwas Blödsinniges zu tun, glauben Sie mir, sie würden es alle tun! Alle würden mir hinterherlaufen. Aber jahrelange Anstrengungen zu unternehmen, um vielleicht nur eine einzige charakterliche Schwäche oder schlechte Angewohnheit zu überwinden und abzulegen – das ist einfach nicht interessant, oder? Die Leute glauben einfach nicht, dass eine einzige Veränderung ihres eigenen Charakters – wie etwa ein eitler Mensch, der sich seine Eitelkeit eingesteht und sich dafür schämt – mehr Einfluss auf ihren spirituellen Fortschritt haben könnte als das Hören von Hunderten von Vorträgen oder das Auswendiglernen aller meiner Vortragszyklen […].»

-Adelheid Petersen, Dornach in den Jahren 1914/152

Rudolf Steiner rät uns, die Tendenz zur Abkehr zu erkennen. Wenn man mit einem Schatten konfrontiert ist, der scheinbar nicht erhellt werden kann, ist die Erkenntnis ein Weg, um den Willen zur Veränderung zu aktivieren. Es ist eine neue Theorie der Veränderung jenseits von Gewalt, Enthaltung oder Zwang – nennen wir es Erkenntnis oder Aufmerksamkeit, oder nennen wir es Liebe. Von diesen Zitaten inspiriert, habe ich mir diese Frage gestellt: Wo ertappe ich mich dabei, dass ich meine besten Vorsätze nicht einhalte? Wie kann sich mein Wille stärker einbringen? Wann trifft mein Bestreben auf eine unverrückbare Kraft? Ich entschied mich, mit der Kontrolle meiner Gedanken zu experimentieren, denn die von Steiner empfohlene Konzentrationsübung war die schwierigste, die ich je versucht hatte. Acht Jahre lang war ich mit meinen Versuchen immer wieder gescheitert. Jedes Mal, wenn ich einen Monat lang jeden Tag fünf Minuten darauf verwendete, wich ich wiederholt und erbärmlich aus. In der Zwischenzeit habe ich das stärkende Erlebnis der anderen Nebenübungen sehr genossen: Kontrolle des Willens, Gleichmut in Freude und Leid, Unvoreingenommenheit und Positivität. Die Übung zur Kontrolle des Denkens fiel mir jedoch sehr schwer, ja sogar bis zur Undurchführbarkeit. Sie erfordert, dass man sich eine Auszeit vom Alltag nimmt und sich auf einen Gegenstand konzentriert. Die vorgeschlagene Dauer hängt von der Fähigkeit des Einzelnen und den Lebensumständen ab: Es ist wichtig, eine Zeitspanne zu finden, die machbar ist und dennoch eine Herausforderung darstellt. Schon dreißig Sekunden können ein Anfang sein. Wenn wir zu müde oder abgelenkt dafür sind, ist es besser, die Übung zu unterlassen, bis sich bessere Bedingungen ergeben, als sie schlecht auszuführen. In der Regel sollte der Gegenstand so einfach wie möglich sein, zum Beispiel ein Löffel oder eine Büroklammer. Wenn das Objekt uninteressant ist, sind es nur unsere innere Entscheidung und unser Bemühen, welche die Konzentration aufrechterhalten. Ein vom Menschen geschaffenes Objekt ist einem von der Natur geschaffenen Objekt vorzuziehen, weil die Erzeugung eines anorganischen Objekts mit größerer Sicherheit erkennbar ist. Das Wesentliche bei der Konzentration ist, beim Thema zu bleiben. Alle Alltagssorgen, Sinneseindrücke und unzusammenhängenden Vorstellungen sind Ablenkungen von der Übung. Ich habe festgestellt, dass zunächst die Ablenkungen aus zwei Richtungen intensiv und überwältigend sind: von oben und unten. Gedanken tauchen auf, die so faszinierend sind, dass sie mich in ihre Bereiche des geistigen Lichts emporziehen. Im Gegensatz dazu meldet mein Körper plötzlich das dringende Bedürfnis, sich zu bewegen, zu kratzen oder zu entspannen. Ich muss durch diese Ablenkungen hindurch oder über sie hinweg zurück auf das Thema schauen. Ablenkungen sind Aspekte von uns selbst, die wir noch nicht gemeistert haben und die in die bewusste Erfahrung kommen. Wir können nicht meistern, wessen wir uns nicht bewusst sind, also können wir für Ablenkungen dankbar werden.

Üben

Georg Kühlewind schlägt vor, die Übung so durchzuführen, als würde man sich hinsetzen, um ein Instrument zu üben. Das veränderte meine Herangehensweise und erinnerte mich an eine ähnliche Tätigkeit, mit der ich positive Assoziationen hatte: Mir wurde klar, dass die Konzentrationsübung wie das Fantasiespiel ist, das ich als Kind spielte. Ich verbrachte Stunden damit, mir Gespräche, Schlachten und dramatische Ereignisse auszumalen. Ich erinnerte mich an das Maß an ununterbrochener Konzentration, das ich während meiner Kindheitsfantasien erreichte. Diese Feststellung brachte mir Selbstvertrauen durch Selbsterkenntnis und gab der Praxis mehr Leichtigkeit. Jeden Tag änderte ich den Schwerpunkt und wechselte zwischen Gestalt, Funktion und Idee. Für die Gestalt begann ich damit, die verschiedenen physischen Aspekte des Löffels imaginär durchzuarbeiten, indem ich mir jeden Winkel und jedes Detail vorstellte. Für die Funktion habe ich die Herstellung des Löffels, die Empfindung seines Gebrauchs in der Hand, die Nützlichkeit verschiedener Aspekte seines Designs und den Impuls hinter der ursprünglichen Schöpfung betrachtet. Wozu braucht man überhaupt einen Löffel? Bei der Idee schließlich habe ich mich in Richtung Kontemplation bewegt, was beinhaltet, dass man direkt über das Thema nachdenkt und nicht, wie bei der Konzentration, um das Thema herum. Hier wird die Besonderheit des Objekts in die allgemeine gestalterische Idee übertragen: Ich stelle mir verschiedene Löffel vor und löse das Bild immer wieder auf, bis die Uridee des Löffels so stark in mir zu schwingen beginnt wie ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand.

Die Ausrichtung auf die Idee selbst ist ein halber Schritt von der Konzentration zur Kontemplation oder zum Nachdenken über das Thema. Ich versuche, das Wesen der Idee selbst jenseits ihrer Manifestation als eines physischen Gegenstands oder ihrer Darstellung in einem Wort oder Bild zu erfassen. Dazu muss ich aus Raum und Zeit heraustreten und in die Schöpfung eintreten. Es ist derselbe ‹Ort› im Bewusstsein, den ein Kind erlebt, wenn es eine neue Idee aufnimmt, oder den eine Erfinderin erlebt, wenn sie eine Idee vom Potenzial bis zur Verwirklichung realisiert. Es ist eine ungewöhnliche Erfahrung, an den Anfang der Erkenntnis ‹zurückzugehen› und eine Idee zu erleben, die ich bereits kenne. Gleichzeitig erschaffe ich und nehme im Licht wahr.

Erinnern und Gegenwart

Als diese Übungen begannen, waren sie voller Worte und schnell fließender Vorstellungen, die meinen Fokus zusammenhielten. Als meine Konzentrationsfähigkeit zunahm und ich das Wesen der Ablenkungen besser verstand, begannen sich die Worte aufzulösen und die Bilder sich zu vereinfachen. Während meine Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu schenken, zunahm, nahm der Inhalt ab. Durch die Beibehaltung des gleichen Übungsthemas über einen langen Zeitraum hinweg wurde die Unterscheidung zwischen dem Erinnern vergangener Gedanken und dem Denken in der Gegenwart immer deutlicher. Das Erinnern an vergangene Gedanken lenkt von der Übung ab. Das Ziel ist das Denken als Aktivität und Wahrnehmung, das in der Gegenwart stattfindet, und nicht als Gedächtnisübung. Wenn ich jeden Tag dieselben Gedanken denken kann, ohne das Gedächtnis zu gebrauchen, macht es sogar Spaß. Ich beginne zu spielen. Nach einiger Zeit wurde mir dank Kühlewind die Brücke zum Monismus bewusst, die diese Übung darstellt. Um die Übung durchzuführen, spalten wir uns oft in einen, der das Denken will, und einen anderen, der die Konzentration tatsächlich ausführt. Es ist eine feinsinnige, aber mächtige Erkenntnis. Gibt es ein Selbst, das vom Thema abgerückt ist, um die Durchführung der Übung zu erzwingen? Das Ziel der Übung ist nicht das gewollte Denken, sondern der Wille, der im Denken lebt. Wie Georg Kühlewind in ‹The Schooling of Consciousness›3 sagte: «Je mehr ich merke, was ich tue, desto weniger tue ich es.» (Anm. der Redaktion: vom Autor übersetzt) Ein Weg, dies zu erreichen, besteht darin, die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt der Übung durch wiederholte Fehlstarts zu lenken, bis wir eine einheitliche Bewusstseinsleistung erleben können.

Schwelle zur Liebe

Diese scheinbar quälend langweilige Übung wurde ein Pfad zur Entwicklung wertvoller Fähigkeiten. Ich lernte das Denken als einen Vorgang kennen – nicht als Mittel zum Zweck, sondern als einen Zweck an sich. Es war nicht leicht, aber es war machbar, nachdem ich das Selbst konfrontiert hatte, das die Übung nicht machen konnte. Jeden Tag, wenn ich mich zu der Übung hinsetzte, erlebte ich zwei Wesen: dasjenige, das dies nie tun wollte, und dasjenige, das bereits beschlossen hatte, es zu tun. Ich versuchte zu verstehen, wie die Aufmerksamkeit selbst erteilt wird, unabhängig vom Thema. Gleichzeitig lief ich vor der Tätigkeit davon, die mir eine lebendige Erfahrung der Aufmerksamkeit vermitteln konnte. Was wir suchen, ist gerade in dem verborgen, was wir mühsam ertragen. Die Erkenntnis ist der Schlüssel zur Schattenarbeit. Hier ist eine wirkungsvolle Theorie der Veränderung, insbesondere wenn die Tendenz zur Abkehr den Willen überwältigt. Die Welt wird durch Liebe, nicht durch Zwang. Wenn ich meine Aufmerksamkeit schenke, fange ich an, bewusst in Beziehung zu treten. Aus der intimen Beziehung erwächst eine neue Tiefe des Verstehens. Nachdem wir verstanden haben, werden wir mit Vergebung gesegnet. Hier wird die Schwelle zur Liebe geöffnet. Wenn Liebe anwesend ist, ist der Wille mühelos verfügbar. Dann vermähle ich das Selbst mit der Welt und werde. Aufmerksamkeit schenken, schafft Intimität, Verständnis, Vergebung, Liebe, Weltwerdung.


Grafik Fabian Roschka

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Fußnoten

  1. Die Schwelle der geistigen Welt. GA 17, 7. Aufl., Dornach 1987, S. 49.
  2. , in: E. Beltle, K. Vierl, Wir erlebten Rudolf Steiner. Freies Geistesleben, Stuttgart 2001, S. 193
  3. Dieser Titel ist eine Übersetzung des Kühlewind-Buches ‹Vom Normalen zum Gesunden. Wege zur Befreiung des erkrankten Bewusstseins›, Freies Geistesleben, Stuttgart 1983.

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