Der Traum vom dritten Goetheanum

Ist das erste Goetheanum architektonisches Bild innerer Entwicklung, so ruft das zweite dazu auf, innere Schulung mit äußerem Engagement zu verbinden. Ein drittes Goetheanum geht einen Schritt weiter.1


1923 wurde die Anthroposophische Gesellschaft neu organisiert, indem einzelne Landesgesellschaften gegründet wurden, die sich zur Weihnachtstagung in Dornach versammelten. Es war eine dramatische Zeit, der Erste Weltkrieg war erst kürzlich beendet, in Europa herrschte Chaos und innerhalb der Gesellschaft traten schwere Konflikte auf. Am ersten Tag des Jahres, in der Nacht zum Neujahrstag, brannte das erste Goetheanum nieder, am letzten Tag, dem 31. Dezember, beschrieb Steiner zum ersten Mal das Konzept für das zweite, das künftige Goetheanum.

Selbst wenn lediglich zehn Jahre zwischen diesen Häusern liegen, so handelt es sich um zehn Jahre, in denen sowohl in der Welt als auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung derart viel geschah, dass man es am Unterschied zwischen den beiden Gebäuden deutlich ablesen kann. Das erste Goetheanum war eine gebaute Struktur, die den Erfahrungen eines inneren Raums Schutz bieten sollte. Worauf es ankam, war dieser Innenraum. Das zweite Goetheanum hingegen sollte dieses nach innen Gekehrte mit einer gesellschaftlichen Wendung nach außen kombinieren.

In der ersten Nummer dieses Jahres schreibt die Vortragsrednerin und Heileurythmistin Anna Hallström in der schwedischen Mitgliederzeitschrift 2 einen Artikel über die Anthroposophische Gesellschaft als «kulturkreative Bewegung». Sie hebt etliche positive Zukunftsmöglichkeiten hervor, beginnt aber mit der Feststellung, dass Stimmen laut geworden seien, wonach «die anthroposophische Bewegung versagt hat».

Noch deutlicher ist Niels Henrik Nielsen, der Vorsitzende der dänischen Landesgesellschaft. In einem Artikel mit dem Titel ‹Die Anthroposophische Gesellschaft in der Zukunft› stellt er fest, dass sich nach hundert Jahren «Ermüdungserscheinungen» in der Gesellschaft zeigen. Er fragt, ob die Ursache dafür, dass sie sich nicht zu erneuern vermag, darin besteht, dass es heikle Fragen gibt, die man lieber nicht stellen möchte.3 Siebzehn solcher Fragen zählt er auf, wovon eine zu bedenken gibt, ob möglicherweise Formen und Strukturen der Gesellschaft veraltet sein könnten. Rudolf Steiner, fährt er fort, habe bei der Neubildung der Gesellschaft großen Wert darauf gelegt, dass alle Strukturen, Formen, Statuten und so weiter aus dem Leben heraus geschaffen sein müssen, und da sich Mensch und Leben in ständiger Veränderung befänden, sollten diese Formen und Strukturen ebenfalls kontinuierlich verändert werden. «Sind sie tatsächlich verändert worden?», fragt er rhetorisch.

Diese Frage faszinierte mich, da Begriffe wie Form und Struktur zu meiner Fachterminologie als Architekt gehören. Ich konnte die Frage auf das Gebiet übertragen, auf dem ich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Denn gerade hinsichtlich der Frage nach Form und Struktur sind die beiden so grundverschiedenen Goetheanumgebäude geeignet, die Entwicklung aufzuzeigen, in der man sich vor hundert Jahren befand.

Nach außen unscheinbar

Die Architektur spielt eine ungewöhnliche Rolle innerhalb der Entstehungsgeschichte der anthroposophischen Bewegung. Überall sind die anthroposophischen Tätigkeitsfelder dadurch gekennzeichnet, dass sie in der Hauptsache jeweils von einer bestimmten Darlegung ihres Gebiets ausgehen. Die Waldorfschulen haben ihre Pädagogik, die Ärztinnen ihre Medizin, die Landwirte ihren Landwirtschaftskurs und so weiter. Zwar vereinfache ich ein wenig, aber man kann doch sagen, dass die Architekten nicht nur über eine, sondern über zwei Darstellungen verfügen, die nämlich durch die beiden Goetheanumgebäude beschrieben sind. Die Unterschiede zwischen beiden deuten an, warum das so ist – und in welche Richtung die anthroposophische Bewegung unterwegs ist. Denn auch wenn die Gebäude Variationen über dasselbe Thema sind, repräsentiert das erste lediglich eine bestimmte Stufe einer Entwicklung. Diese Stufe war Bild eines inneren Schulungswegs und nur nach innen gerichtet. Steiner sagt: «Der äußere Anblick ist für die äußere profane Welt da, die das Innere nichts angeht. Der Innenraum wird das sein, um was es sich handelt: den Bau in erster Linie als Innenarchitektur zu denken, nach außen hin so einfach wie möglich zu gestalten, unscheinbar.»4 Nicht nur, dass der Bau nach außen unscheinbar sein sollte, sondern Steiner hegte auch den Gedanken, ihn in einen mit Gras bewachsenen Hügel einzuarbeiten. Allerdings gab er den Gedanken auf, weil er sich als unpraktisch erwies. Aber der Standpunkt war unmissverständlich: Der Bau gehörte kaum in die äußere Welt.

Nach nur zehn Jahren war die Situation eine vollständig andere. Bei der Weihnachtstagung, als er das Konzept für das zweite Goetheanum vorstellt, konstatiert Steiner: «Und so kann man auch wirklich […] 1924 nicht ebenso bauen, wie man 1913/1914 gebaut hat.»5 Das zielt vor allem auf die Änderungen innerhalb der anthroposophischen Bewegungen ab, die praktischen Initiativen, die entstanden sind. In diesem Zusammenhang äußerte er seinen Jahrhundertseufzer: «Wenn heute einer die Dinge in derselben Weise vertritt, mit der man sie 1919 vertreten hat, [ist] man um Jahrhunderte zurückgeblieben.»6 Man müsse von den letzten zehn Jahren eben doch manches lernen und «die denkbar größte Öffentlichkeit […] verbinden mit wahrster, innerlichster Esoterik».7 Die «alten Goetheanum-Formen, meine lieben Freunde, werden schon der Geschichte angehören müssen, das heißt Ihren Herzen.»8 Das Innere sollte weiterhin den Kern ausmachen, aber die Arbeit musste sich von nun an auch nach außen wenden und an der «denkbar größten Öffentlichkeit» teilhaben. Ein völlig neues Kapitel dieser Erzählung begann sich abzuzeichnen.

Das erste Goetheanum

Als Rudolf Steiner mit der Anthroposophie hervortrat, war es für das Okkulte, das stets im Verborgenen gewirkt hatte, ‹an der Zeit›, innerhalb des allgemeinen Kulturlebens in Erscheinung zu treten. Daher kam es zur ersten Wirkungsphase der Anthroposophie, die zunächst Theosophie hieß, bis etwa 1910 dauerte und von Steiner in Vorträgen und den Grundbüchern ausgearbeitet wurde. Dann ging er dazu über, die Mysteriendramen zu schaffen. Sie sind gerade hier von Bedeutung, da sie, wie Steiner sagt, aus der Notwendigkeit heraus geschrieben wurden, dieselbe Weltanschauung, die bislang ‹gedanklich› geschildert worden war, auch künstlerisch darzustellen. Auf diese Weise entstanden die Dramen, die später in einer dritten Form, nun physisch und aus dem ‹Willen› heraus erscheinen: als erstes Goetheanum.

Dreifacher Ausdruck des Dahinterliegenden also, künstlerisch gestaltet in Denken, Fühlen und Wollen.9 Der Ausdruck war jeweils unterschiedlich, aber was wirkte, war dasselbe. Steiner vergleicht es zuweilen mit einem Baum und dessen verschiedenen Ästen. Alle Äste gehen vom selben Stamm aus: dem Dahinterliegenden, Okkulten, ‹Verborgenen›. Das Bauwerk ist ebenso authentisch und originell, hat dasselbe Anliegen, zur inneren Schulung beizutragen, wie die Grundbücher und Dramen, wirkt aber auf andere Weise. Indem man mit den Formverwandlungen und Farbqualitäten lebt, soll die eigene Fähigkeit geweckt werden, Zutritt zu den Bereichen hinter der äußeren Sinneswelt zu gewinnen – ein Einweihungsprozess. Die Wände des Gebäudes sind daher nicht solche, wie wir sie kennen, die abschirmen und verschließen. Hier sind sie Instrumente der eigenen inneren Entwicklung, Werkzeuge, um den Schleier zu lüften. Steiner sagt: «Wände haben und keine Wände haben».10 In diesem Sinn ist das erste Goetheanum kein gewöhnliches Haus, sondern ein Wegweiser zu innerer Schulung. Gleichzeitig wurde es als Gebäude ein natürlicher Sammelpunkt für Mitarbeitende, die während des Ersten Weltkriegs aus etlichen Nationen herbeiströmten, um ihren Beitrag beim Bau zu leisten, und Steiner selbst erhielt in seinem unsteten Dasein mit ständigen Vortragsreisen endlich eine Basis.

Das zweite Goetheanum

Nur kurz vor seinem Tod konnte Steiner das Konzept für das zweite Goetheanum ausarbeiten, um zu zeigen, wie durchgreifend alles verwandelt worden ist. Holz wird gegen Beton ausgetauscht. Das neue Gebäude zeigt sich selbstbewusst und frei und steht in deutlichem Verhältnis zur Natur der Umgebung. Das Universum aus fließenden Formen, Farberlebnissen und Plastizität, das zum ersten Goetheanum gehörte und den inneren Schulungsweg veranschaulichte, ist nicht mehr zentral. Dennoch weist das Gebäude, sogar deutlicher als das erste, eine Einordnung in das Kräftespiel der Himmelsrichtung von Ost nach West auf und demonstriert auf diese Weise seine kosmische Zugehörigkeit. Die expressive äußere Form ist das Ergebnis des Spiels gleichwertiger Kräfte, die man als von innen kommend erlebt, und solcher, die von außen gegen das Gebäude strömen. Die wichtigste Veränderung, neben der Abschwächung des Bildes eines inneren Schulungswegs, besteht darin, dass der Bau für praktische und soziale Anwendung vorgesehen ist. Hier sollen Forschung und künstlerische Arbeit betrieben werden, die Weltgesellschaft soll administriert werden, und es soll eine soziale Begegnungsstätte sein, wo Menschen zusammenarbeiten oder einander informell treffen. Dies stand in starkem Kontrast zum ersten Goetheanum, in dem es, gemäß einer bedeutenden Aussage Steiners, nur möglich war, die Mysteriendramen zu zeigen und Vorträge zu halten.11

Man ahnt eine Entwicklungsrichtung vom ersten Bau, der Instrument innerer Schulung war, zum zweiten Goetheanum, das nicht nur ein Ort der Vertiefung und Kontemplation sein, sondern auch praktischen, sozialen und öffentlichen Aktivitäten Raum bieten sollte: Esoterik verbunden mit «denkbar größter Öffentlichkeit».

Innerhalb von nur zehn Jahren vollzog sich die Bewegung vom ersten zum zweiten Bau, vom Inneren und Verborgenen zum Gleichgewicht zwischen dem Inneren und größter denkbarer Öffentlichkeit. Bei der Weihnachtstagung warnte Steiner vor den Folgen, falls man die Notwendigkeiten nicht einsehe: «Je mehr wir uns um dasjenige, was die Zeichen der Zeit sind, nicht kümmern, desto mehr wird sich im feindlichen Sinne dasjenige, was irgendwie nur dastehen kann als gegnerisch von uns, um uns bekümmern.»12

Umweltkrise und künstliche Intelligenz

Heute leben wir mit neuen Fragen, wie Umweltkrise und künstliche Intelligenz. Als Architekten und Architektinnen sind wir früh geschult worden, Computer zu benutzen. Dabei haben wir es mit Zeichenprogrammen zu tun, die ihre immanenten Tendenzen haben, sodass wir lernen müssen, wo die Grenze verläuft, zwischen selbst Geschaffenem und dem, was die Maschine tut. Heutzutage können Maschinen durch künstliche Intelligenz Gebäude mit sogenannten ‹organischen› Formen entwerfen, die vollendeter scheinen, als es die meisten anthroposophisch inspirierten Architektinnen und Architekten zuwege bringen würden. Auf unserem Gebiet werden daher hohe Ansprüche gestellt, die Motive, mit denen wir arbeiten, von denen der Maschine zu unterscheiden. Dabei geht es nicht darum, hier gegen Maschinen anzukämpfen, mit denen wir leben müssen und die Teil der menschlichen Entwicklung sind.13 Aber das Problem wird dringender: Wie können wir mit Maschinen arbeiten und dabei selbstständig bleiben und unsere Freiheit behalten? Es wird zu einem Kampf um unser ‹inneres Individuum› kommen.

Als ich vor einem halben Jahrhundert mit meinem Beruf begann, war es üblich, einen Bau als eine lokale, begrenzte Aufgabe aufzufassen. Bei moderner Planung ist unser Augenmerk verstärkt auf den Verbrauch von Rohstoffen gerichtet, auf Fragen der Energie und inwieweit unser Tun einen globalen Fußabdruck hinterlässt. Wir leben in einem Zusammenhang mit der Welt. Diese Perspektive auf Zentrum und Peripherie ist im Lauf der Zeit gewachsen und erinnert an das Menschenbild, das wir in der Anthroposophie haben: Unsere Lebenswelt ist in Wirklichkeit nicht ‹etwas anderes›, sondern unsere eigene Anwesenheit in der Peripherie. In der Theosophie gibt es eine Beschreibung, unser eigenes Ich nicht nur in den Entwicklungsimpulsen zu erkennen, die von innen kommen, sondern auch in dem, was von außen in unser Leben eingreift, uns widerfährt.14 Die Schilderung findet sich in dem Abschnitt über Reinkarnation und die Wirkungen des Karmas. Was uns widerfährt, ist letztlich Karma, das draußen in der Peripherie tätig ist, unser äußeres Individuum.

Reinkarnation und Karma

Karma hat hier nichts mit Bestrafung und Belohnung zu tun. Entscheidend ist die Einsicht, dass die karmischen Gesetzmäßigkeiten bei der Abfolge verschiedener Leben für Kontinuität von einem Leben zum nächsten sorgen, sodass Entwicklungsprozesse aufgenommen und weitergeführt werden. Aber auch wenn uns die Wirkungen karmischer Gesetze als Notwendigkeiten von außen begegnen, steht es uns frei, in welcher Formwir uns ihrer annehmen.

In der Anthroposophie ist also die Freiheitsfrage unlöslich mit der Frage wiederholter Erdenleben verbunden. Man kann nachempfinden, dass Steiner ahnte, was kommen würde, als er zu Beginn seiner Laufbahn ein erkenntnistheoretisches Fundament errichtete, das derart auf die Freiheitsfrage ausgerichtet war. Freiheit ist an die Bedingungen menschlichen Handelns gebunden, an die Auseinandersetzung mit dem, was uns im Leben widerfährt. Der Erdball wird Teil des Freiheitsprojekts, denn ein solches Verständnis vom Menschen deutet darauf hin, dass wir erst vollständig werden, wenn wir Karma, die Lebenssituationen, in denen wir uns befinden, zu unserem Selbstverständnis fügen. Diese Lebenssituationen sind immer irdisch. Wir wollen daher die Umweltkrise nicht nur bewältigen, weil sie diejenigen betrifft, die nach uns kommen. Durch die Idee von Reinkarnation und Karma verstehen wir, dass wir selbst diese kommenden Generationen sind. Der Tag, an dem dies allgemeine Auffassung wird, dieser Tag wird ‹game changer› hinsichtlich der Umweltfrage sein.

Die Vorstellung von Reinkarnation und Karma drängt sich heute sowohl bei der Umweltfrage als auch bei der Herausforderung durch die künstliche Intelligenz an die Oberfläche. Die Frage nach der menschlichen Freiheit ist das Bindeglied. Reinkarnation war auch das Thema, das Rudolf Steiner 1924, in seinem letzten aktiven Arbeitsjahr, vorrangig behandelte. Er hielt mehr als achtzig sogenannte Karmavorträge. Viele halten es für seine «eigenste Mission».15 Wenn wir Anthroposophen nicht bereit sind, dieses Thema aufzunehmen und es über die anthroposophische Binnenkultur hinauszuheben, um dadurch in einer Weltsituation beizutragen, in der diese Einsichten dringend benötigt werden – wer, meinen wir, sollte es denn sonst tun? Sind es nicht wir, die das notwendige Verständnis besitzen, die Fähigkeit, die Sprache der Zeit und den Zugang zur öffentlichen Meinung zu finden?

Der Traum

Weil wir jetzt die Vergangenheit und die Zukunft feiern, möchte ich gern sagen: «I have a dream.» Ich träume von einem dritten Goetheanum, einem, das die Richtung weiterverfolgt, die die ersten beiden angeben, also vom Internen zum Öffentlichen, nun bis zum Globalen. Ein derartiges drittes Goetheanum ist kein Gebäude mit Dach und Wänden, sondern die Summe von allem auf der Erde Geschaffenen, das von der Haltung ausgeht, wonach das Innerste in uns mit dem Innersten der Welt um uns verbunden ist. Hier zeigt sich, dass die Lehre von Reinkarnation und Karma in uns lebt, in unserer Schulung, unseren Meditationen, dass sie zu einem Ganzen gehört, in dem die Erde ihren Platz hat. Nicht weil die Erde selbst wegen ihrer spektakulären Katastrophen unsere Aufmerksamkeit erfordert – das wäre ja lediglich die äußere Seite des Bildes –, sondern weil ihr Wesen so eng mit der Frage verknüpft ist, wer wir sind. Schon das Wort ‹Reinkarnation› besagt ja, etwas volkstümlich ausgedrückt, ein ‹Ständig-zur-Erde-Zurückkehren›, und der Tummelplatz des Karmas besteht nun einmal aus Zeit und Raum – etwas, das allein die Erde bietet. Diese Auffassung, die einen so zentralen Platz innerhalb der Anthroposophie einnimmt, ist heute nötig, um diese Herausforderungen aus der richtigen Perspektive zu sehen. Die Menschen erfüllen ja ihre Lebensaufgaben, nutzen ihren Teil der Erde, hinterlassen ihre Fußabdrücke. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, nicht nur Wind in Sturm, Regen in Sturzflut zu verwandeln, sondern auch den Erdball in ein Kunstwerk – das Anthropozän. Die Umweltkrise ist ein künstlerisches Problem. Die Erde ist unser gemeinsames Kunstwerk.

In diesem Sinn lebt im Traum vom dritten Goetheanum ein Kunstverständnis, das nur wenig mit dem zu tun hat, was wir heute in Galerien finden. Es geht um einen Kunstbegriff, der damit zusammenhängt, wie Steiner Goethe beschreibt, ein Verständnis, das im Lauf des letzten Jahrhunderts allmählich herangewachsen ist. Ungefähr in der Mitte dieser Periode schuf Joseph Beuys den viel zitierten Satz, wonach jeder Mensch ein Künstler sei. Ich meine, dass er auf demselben Grund gebaut hat, auf dem auch das erste und zweite Goetheanum standen, und zentral bei dem, worauf sie bauten, war die Idee der Reinkarnation. Daher könnten wir sagen, dass Beuys’ Ideen der 1970er-Jahre bereits auf diesen Traum vom dritten Goetheanum hindeuteten.

Das erste Goetheanum ist ein Bild des Schulungswegs, das zweite wird aktiv und vermittelt zwischen innerer Schulung und äußerer Welt, und das dritte, das ich hier als Traum beschreibe, verschmilzt mit Schulung und Weltwirkung.

Gemäß Steiners Beschreibung ist es diese Verschmelzung, die der Mensch vornimmt, wenn er etwas in der Außenwelt gestaltet, wenn er sein Seelisch-Geistiges die Grenzen des Leibs überschreiten lässt, in die Welt hinausströmt und sich in Liebe mit Zeit und Raum verbindet, um sich schließlich in das Kosmische einzusenken. Kann man es rücksichtsvoller sagen als mit dieser Beschreibung im Geist Goethes? Wir Heutigen nennen es ‹Fußabdruck›.

Mit einem Schema lassen sich die beiden konkreten und das geträumte Gebäude in ihrem Verhältnis zu innerer und äußerer Welt, zu Mikrokosmos und Makrokosmos, folgendermaßen ausdrücken:

• Sich schulen

• Sich aktivieren

• Sich identifizieren

Früher und jetzt

Jetzt feiern wir das hundertjährige Jubiläum der Weihnachtstagung, und bei dieser Gelegenheit wird auch auf die allererste Präsentation des zweiten Goetheanum aufmerksam gemacht. Das Verhältnis der beiden Gebäude und der bedeutende Unterschied zwischen ihnen wird wieder thematisiert. Ich kenne keinen anderen Anlass, bei dem Steiner bezüglich einer derart wesentlichen Veränderung sagt: So haben wir es früher gemacht, aber das geht nicht mehr, jetzt müssen wir es auf andere Weise tun. Das Besondere an diesem ‹Früher und Jetzt› liegt ja darin, dass es die Richtung anzeigt, die ich angesprochen habe. Tut man es, fällt der Blick auf jenes grundlegende Verständnis des Menschen, das mit der Idee von Reinkarnation und Karma verknüpft ist. Dieses Verständnis braucht die heutige Zivilisation, da die größten Herausforderungen, vor denen wir stehen, schwierig zu bewältigen sind, falls man keine Auffassung darüber hat, was der Mensch ist. Ich kann keine andere Gruppierung als die anthroposophische erkennen, die natürlichere Voraussetzungen hätte, derartige Ideen sachlich, frei und ohne Sensationen hervorzuheben. Welcher Tag ist besser dazu geeignet, eine solche Vision zu teilen, als das Jubiläum, bei dem wir auf hundert Jahre zurückblicken und uns selbstredend Gedanken über die Zukunft machen? Ein Tag wie geschaffen für Träume. Denn im Traum sind wir frei.

Als vor dreißig Jahren der Saal des Goetheanum renoviert wurde und man Elemente des ersten Goetheanum in das zweite einbaute, waren etliche Mitglieder erstaunt. Man fragte, ob dieser Ausbau Zeichen einer Sehnsucht nach rückwärts sei, zu früheren Formen und Strukturen, die eher Majestätisches und Erhabenes enthielten und zu einer vergangenen Periode gehörten, als der Bau ebenso gut in einer Katakombe vergraben sein mochte und Anthroposophen am liebsten ungestört unter sich blieben. Zweifellos fördert ja eine solche ungestörte, kontemplative Arbeit die eigene innere Entwicklung. Wie aber soll diese Entwicklung für die Welt und die Mitmenschen brauchbar und nützlich gemacht werden? Judith von Halle beschreibt das Dilemma folgendermaßen: «Es kommt nach meiner Erfahrung nicht selten vor, dass sich Menschen unter dem Schulungsweg in der Hauptsache das allmähliche Erwachen des Bewusstseins in höheren Sphären der geistigen Welt vorstellen. Das ist aber tatsächlich nur ein Teil des Schulungsweges, nämlich die Hälfte. Von einem bestimmten Standpunkt aus kann man sogar sagen, dass der zweite Teil noch wichtiger ist als der erste, und ihn zu vollenden ist in der Regel auch noch schwieriger. […] Das Geistige zur Erde zu tragen und es für sich und seine Mitmenschen nutzbar zu machen, darin besteht nicht nur dieser zweite Teil des Schulungsweges, sondern auch der Sinn und Zweck des gesamten Schulungsweges.»16

Die Worte von der Nutzbarmachung bilden den roten Faden dieser Erzählung, bei der Steiner selbst, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, einsah, dass eine Sache für noch Wichtigeres geopfert werden müsse, damit die Entwicklung in Einklang mit der gesamten Menschheit und der herrschenden Not kommen konnte. Steiner im März 1920: «Diese schläfrigen Seelen – oh, man möchte sie so gerne aufwecken! –, sie fühlen sich so ungeheuer wohl, wenn sie innerlich Mystiker sind, wenn sie die ganze Welt erfassen innerlich, wenn sie den Gott in ihrer eigenen Seele entdecken und dadurch so vollkommene Menschen werden! Aber diese Innerlichkeit hat nur einen Wert, wenn sie heraustritt ins Leben. Ich möchte wissen, ob sie einen Wert hat, wenn jetzt, in der Zeit, wo alles drängt, wo die Welt in Flammen steht, der Mensch den Weg nicht findet, mitzusprechen in den öffentlichen Angelegenheiten. Das ist ein schönes Interesse für Anthroposophie, das sich nur für Anthroposophie interessieren will und nicht einmal die Möglichkeit findet, mitzureden bei dem, wozu Anthroposophie anregen will.»17 Auch heute steht die Welt in Flammen.


Zu den Fotos Der Fotograf Stefan Pangritz fotografiert seit bald zwanzig Jahren immer wieder am Goetheanum, fokussiert auf seine bauliche Erscheinung. Während der großen Renovierung 2014 inspirierte ihn die Atmosphäre des Großen Saales, vor allem die starkfarbigen Glasfenster und die Ausmalung der Decke, und er interpretierte diese räumliche Gegenwart mithilfe seiner Kamera. Web Stefan Pangritz

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Footnotes

  1. Rede zur Hundertjahrfeier der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen, 13. Mai 2023. Inwiefern die Entwicklung der Mainstream-Architektur in den letzten hundert Jahren entsprechende Phasen durchlaufen hat, wie hier beschrieben ist, war Thema eines Vortrags, den Tharaldsen in Bergen, no, gehalten hat: Siehe auf Youtube: ‹Rudolf Steiner – Architecture – 100 years – by Espen Tharaldsen›
  2. Forum Antroposofi 1/2023.
  3. Antroposofi i Norge 2022.
  4. Zitiert nach: Sonja Ohlenschläger, Rudolf Steiner (1861–1925) – Das architektonische Werk, Petersberg 1999, S. 80. Die Äußerung fällt im Zusammenhang mit der Skizzierung des Vorläufers zum ersten Goetheanum, dem Johannesbau, in München 1912. Der Plan wurde von den Behörden abgelehnt – und daher nach Dornach in die Schweiz verlegt. Dennoch gilt das Zitat, da es zur Stimmung bei Beginn des ersten Goetheanum gehört. In einem kunsthistorischen Kontext ist das Bild komplizierter. Da wird deutlich, wie sich die Entwicklung der äußeren Erscheinung, etwa die charakteristischen Dachrinnen, und später die Gestaltung des umgebenden Parks im Lauf der nächsten zehn Jahre entfalten und also unserer Darstellung nicht widersprechen. Dadurch wird unsere zentrale These unterstrichen, wonach Entwicklung ständig stattfindet und auf das zweite Goetheanum hinweist.
  5. Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924. GA 260, Dornach 1994, S. 219.
  6. Ebd.
  7. Ebd. S. 93.
  8. Ebd. S. 220.
  9. Vgl. Rudolf Steiner, Der Baugedanke von Dornach. Vortrag vom 2. Oktober 1920, ‹Der Bau als Umrahmung der Mysterienfestspiele›, Dornach 1942, S. 13.
  10. Rudolf Steiner, Wege zu einem neuen Baustil. GA 286, Vortrag vom 12. Dezember 1911, Dornach 1982, S. 25.
  11. Vgl. GA 260, S. 219.
  12. GA 260, S. 86.
  13. Vgl. Rudolf Steiner, Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen. GA 178, Vortrag vom 25. November 1917, ‹Individuelle Geistwesen und einheitlicher Weltengrund›, Dornach 2015, S. 218 f.
  14. Vgl. Rudolf Steiner, Theosophie. GA 9, Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach 1962, S. 66 f.
  15. Vgl. Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner – eine Chronik. Stuttgart 1988, S. 203, sowie Thomas Meyer, Rudolf Steiners «eigenste Mission», Arlesheim 2018.
  16. Judith von Halle, Die sieben Mysteriendramen Rudolf Steiners. Dornach 2016, S. 17 f.
  17. Rudolf Steiner, Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis. GA 337a, Dornach 1999, S. 160.

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