In den 70ern sang Udo Jürgens in ‹Aber bitte mit Sahne› von der Kundschaft am Kuchenbuffet und deren Sturm auf Kirsch und Sahne-Baiser. Das Lied endet für die Zuckersüchtigen, Sahneverliebten tragisch. Die Sahne von heute ist digital, serviert von Facebook, Instagram und Tiktok.
Im März wurde Meta wegen «mangelnden Schutzes von Kindern auf seinen Plattformen» vom US-Staat New Mexico zu 375 Millionen US-Dollar Strafe verurteilt. Wegen drohender Strafen von 200 Milliarden Dollar stimmte der Konzern Ende August dem Vergleich mit 29 US-Bundesstaaten zu: 18 Milliarden Dollar Strafe und Auflagen, die sicherstellen sollen, dass man die Sahne weniger suchtanregend anrührt. Künftig sollen Kinder unter 13 keinen Zugang mehr zu den Plattformen haben. Für 13- bis 17-Jährige wird die Nutzung auf zwei Stunden pro Tag begrenzt. Gelingt es so, die Anziehung des digitalen Kuchenbuffets einzudämmen? Einige Wissenschaftler haben Zweifel. In einer in ‹Nature› veröffentlichten Studie haben sie nachgewiesen, dass intensive Social-Media-Nutzung mit psychischen Schäden und Depressionen zusammenhängen: «Soziale Netzwerke haben einen bedeutenden negativen Effekt, weil sie mit Depression in Zusammenhang stehen, genauso, wie Autofahren in Zusammenhang steht mit Umweltverschmutzung und Unfällen.»1 Der soziale Druck und die suchtmachende Wirkung seien so groß, dass nur ein Mindestalter wie beim Führerschein und intensive frühzeitige Aufklärung etwas bewirken würden.
Lehrpersonen sind nicht weniger alarmiert und beziehen sich auf die jüngste PISA-Studie, die mit 750 000 15-jährigen Schülern und Schülerinnen in 91 Ländern durchgeführt wurde: Ergebnis: «Die schulischen Leistungen gingen in den OECD-Ländern zurück, wobei in den Fächern Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik die niedrigsten jemals verzeichneten Durchschnittswerte erreicht wurden.»2 Die europäischen Länder schneiden besonders schlecht ab. «Eine Katastrophe», «die schlimmste Krise der Schule» konnte man in den nordischen Ländern lesen,3 «ein Erdbeben für unser Land, das auf die intellektuelle Dekadenz zusteuert» hieß es in Frankreich,4 «Die Ergebnisse der PISA-Studie für Deutschland sind alarmierend», meinte Hessens Kultusminister5, während in der Schweiz, wo die Ergebnisse etwas besser sind, die NZZ anmerkt: «Ein Viertel der Schweizer Kinder leidet unter Leseschwäche.»6
«Nichts ist wichtiger, als die Schule neu zu gestalten, eine Schule, die Bildung und Emanzipation ermöglicht.»7 Mit diesem Statement des französischen Präsidentschaftskandidaten Gabriel Attal sind sich alle einig. Das alte Lied: mehr standardisierte Tests, mehr Schulstunden, strengere Aufsicht, frühes schulisches Lernen. Der französische Politiker Bruno Le Maire hat den Vogel abgeschossen: Er fordert Schulpflicht ab einem Jahr.8 Anders die Forschenden der PISA-Studie. Ihre Empfehlung liest sich als Wertschätzung dessen, was Waldorf will: Es «bedarf […] mehr als nur solider akademischer Kenntnisse. Da lebenslanges Lernen, die Erweiterung und Umorientierung der eigenen Kompetenzen zunehmend an Bedeutung gewinnen, benötigen Schüler die Motivation, Eigeninitiative und Lernstrategien, die es ihnen ermöglichen, ihr Lernen ihr ganzes Leben lang selbst in die Hand zu nehmen.»9
Als Erzieher in einem Waldorfkindergarten gebe ich den Kindern geeigneten Raum, anregendes Material und passende Zeit, in denen sie ihre eigenen Bau- und Lerninitiativen im freien Spiel entfalten können. Frei von theoretischen Erklärungen sind solche Erfahrungen emotional tiefgehend, weil selbstgesucht und nicht durch Analyse verflacht. Auf diesen mit Freude gemachten Erfahrungen bauen die Lehrpersonen in der Schulzeit dann auf. Auch da zählt die Eigenaktivität. Hefte werden selbst gemacht, erst wird gemalt, geschrieben und dann gelesen, erst wird erkundet, dann verstanden. Die zuerst körperliche Anstrengung wird jetzt seelisch. Mit dem, was man anschließend bei Exkursionen oder durch Anschauungsmaterial in der Schule entdeckt, kann man sich tiefer verbinden, weil man vorher sich angestrengt hat, ein inneres Bild zu erzeugen. – Die Tatsache, dass Lehrpersonen längerfristig mit Kindern und Eltern eine Beziehung aufbauen, kommt einer anderen Bemerkung der PISA-Autoren entgegen: «Enge Beziehungen zu Familien und Lehrkräften spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Förderung sowohl des Engagements als auch der schulischen Leistungen.» Die Empfehlung einer deutschen Lehrergewerkschaft folgt der Idee des Epochenunterrichts: «Was wir den Schülerinnen und Schülern mühsam beibringen müssen und uns Erwachsenen übrigens auch wieder, ist das Entschleunigen und das tiefgehende Beschäftigen mit einer Materie, weil wir nur so lernen.»10
Zucker und Fett vermitteln ohne Verdauungsanstrengung schnellen Genuss und Energie. Soziale Netzwerke ebenso: Man gewöhnt sich ohne Mühe etwas zu lesen, zu verstehen, zu lernen. Mahnende Bücher gibt es seit Udo Jürgens Zeiten, jetzt hat die Sorge alle erreicht. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung: «Wie viel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?»11 Und ‹Le Monde› schreibt in einem Leitartikel: «Gute Leistungen in den Naturwissenschaften stehen in Zusammenhang mit einem geringeren Einsatz von KI und einem bewusst dosierten Umgang mit digitalen Geräten.»12 Schlagsahne sollte nicht verboten, aber bewusst dosiert werden. Für Bildung und Kultur hängt viel davon ab, ob wir den Gebrauch von digitalen Programmen «bewusst dosieren» können.
Die Pädagogische Sektion veranstaltet eine World Teachers’ Conference zum Thema: «For Learning and for Work».
Foto David Trinks / Unsplash
Fußnoten
- Social media use and depression across 11 years of U.S. adult data.
- PISA 2025 Results.
- PISA 2025 : longtemps bons élèves de l’enquête, les pays nordiques meurtris par leur chute.
- PISA 2025 : le récit du « déclinisme français » de retour dans la présidentielle.
- Reaktionen auf PISA-Studie 2026: „Die Ergebnisse sind alarmierend.
- Neuster Pisa-Test zeigt: Ein Viertel der Schweizer Kinder leidet unter Leseschwäche.
- PISA 2025 : le récit du « déclinisme français » de retour dans la présidentielle.
- Bruno Le Maire veut «avancer l’entrée en maternelle de trois ans à un an» face à la baisse du niveau des élèves français.
- PISA 2025 Results.
- Reaktionen auf PISA-Studie 2026: „Die Ergebnisse sind alarmierend.
- Neuer Pisa-Schock: Wie Politik und Experten reagieren.
- PISA 2025 : alerte globale sur les savoirs des enfants.

