Wenn Worte durchscheinend werden

Dieses Buch ist ein Baustein für unsere Bewusstseinsentwicklung und den Umgang mit Sprache.


Das Buch ist lesenswert, nicht nur für Pädagogen, sondern auch für jeden Menschen, der zur geistig-seelischen Entwicklung seiner selbst und zum Frieden im Sozialen beitragen möchte, das heißt für die Zukunft. Warum? Rainer Patzlaff ist promovierter Germanist, gründete und leitete das Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM), war Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart und Professor für Kindheitspädagogik an der Alanus-Hochschule in Alfter und hat zahlreiche wichtige Werke zur Sprache verfasst. Er versteht es, sich mit Liebe und Fachwissen an uns zu wenden. Sein neuestes Buch ist reich und macht begierig auf mehr. Dies gelingt Rainer Patzlaff durch seinen klaren methodischen Aufbau der Kapitel und seinen wechselnden Schreibstil. So folgt beispielsweise dem im Tatsachenstil geschriebenen ersten Kapitel ‹Ein Blick in die Zeit› und dem daraus sich ergebenden zweiten Kapitel ‹Von der Imagination zur Abstraktion› das zur Wendung führende dritte Kapitel ‹Zukunft durch ein neues Verhältnis zur Sprache›. Erst wenn wir unseren astralischen Leib erziehen, und das können wir mit unserem Ich1, kommen wir an unsere ureigenste Mission für unser diesmaliges Leben heran. So nennt Patzlaff sein im charakterisierenden, nicht definierenden Stil verfasstes viertes Kapitel folgerichtig ‹Bildschaffende Sprache in der Pädagogik› – die Mission seines Buches.

Der erfahrene Schreiber spannt im ersten der zwölf Kapitel den Bogen bis zum ‹Überraschenden Fund›, um schließlich zur ‹Verlorenen Kunst des Heilens› zu gelangen. Dazu zitiert Patzlaff den Kardiologen Bernard Lown: «Ich kenne nur wenige Heilmittel, die wirksamer sind als ein sorgfältig gewähltes Wort.»2 Patzlaff geht einen Schritt weiter: «Wir werden uns fragen müssen: Steckt die wirkende Kraft der Sprache […] gar nicht […] in den hörbaren Worten selbst? Dringt sie geheimnisvoll von einer höheren Ebene durch die Worte hindurch in das Innere des Zuhörers? Was gibt der Sprache eine solche Kraft?»

Interesse weckend und sprachlich feinfühlig führt uns Patzlaff im zweiten Kapitel durch die «wichtigsten Stränge der Kulturentwicklung»: Von ‹Sterne sprachen einst zu Menschen› über ‹Ihr Verstummen ist Weltenschicksal›3 zu der Aussage: Es «hätte sich nicht das bilden können, was wir heute als Zentrales ansehen: die Freiheit der sich selbst bestimmenden Individualität»4, wenn die Sterne nicht verstummt wären. Dem dritten Kapitel ‹Zukunft durch ein neues Verhältnis zur Sprache› stellt der Autor ein Zitat Rudolf Steiners voran: «Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Sprache, wenn wir in der Menschheitsentwicklung vorwärtskommen wollen.»5 Im dritten Teil dieses Kapitels kommt Patzlaff auf Steiners Schlüsselwort ‹Gebärde› zu sprechen, die jeglicher Sprache zugrunde liegt6, und nennt diese passend «eine Brücke vom Irdischen ins Überirdische, von der sinnlich-materiellen Realität in die Welt der geistigen Mächte des Kosmos». Und schließlich zeigt er uns auf, was seinem neuesten Buch den Titel gab: «Die Worte werden durchscheinend für eine höhere Wirklichkeit.»7

Was ich vermisse, ist der deutliche Hinweis darauf, dass die Kunst der Sprachgestaltung, wie sie von Marie und Rudolf Steiner inauguriert und für die ersten Waldorflehrer und Redner der Sozialen Dreigliederungsbewegung entwickelt wurde, heute im neuen Jahrtausend weiterentwickelt wird. Sie könnte werdenden Pädagogen und allen an der Menschheitsentwicklung Interessierten durch wenige praktische Hinweise methodisch-künstlerisch eine innere Ausrichtung an die Hand geben. So würde deutlicher, wie ein imaginierendes Sprechen erübt wird und wie die Worte dadurch durchscheinend werden können. Denn in der Pädagogik wirkt nicht der Meister, der vom Himmel gefallen ist (Begabung), sondern das in dieser Inkarnation Erworbene, denn «Haben Sie dieses Gefühl von der Heiligkeit des Aufrufens des Ich durch die Sprache, dann werden Sie es auch durch die verschiedenen Maßnahmen bei den Kindern erwecken können. Und dann werden Sie namentlich das Ich-Gefühl bei den Kindern nicht in egoistischer Weise erwecken.»8

Diese aphoristischen Hinweise mögen interessierten Lesenden genügend Anreiz geben, sich dieses für die Arbeit mit der Sprache wichtige Buch zu Gemüte zu führen. Es weist zukunftsgestaltend tätigen Pädagoginnen und Rednern einen Weg auf: über das «imaginierende Sprechen» zugleich auf die eigene seelisch-geistige Entwicklung zu wirken. Zugleich hilft es, Heranwachsenden und suchenden Erwachsenen das zu geben, wonach sie mehr oder weniger bewusst suchen: einen eigenen Zugang zur geistigen Welt, aus der sie kommen. Und es zeigt, wie man diese geistige Welt hier auf Erden sucht, um auf individuellem Wege wieder zu ihr zu gelangen. Der Weg führt durch die Sprache zum Geist, oder wie Rudolf Steiner dies im oben genannten Zitat ausspricht: «Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Sprache, wenn wir in der Menschheitsentwicklung vorwärtskommen wollen.»


Buch Rainer Patzlaff: Wenn Worte durchscheinend werden. Imaginierendes Sprechen als pädagogischer Auftrag und Zukunftsimpuls. Freies Geistesleben, Stuttgart 2026

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Heilpädagogischer Kurs. GA 317, Rudolf Steiner Verlag, Basel 2024.
  2. Rainer Patzlaff, Wenn Worte durchscheinend werden. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2026, S. 23.
  3. Rudolf Steiner, Wahrspruchworte. GA 40, Dornach 2005.
  4. Siehe Anm. 2, S. 30.
  5. Rudolf Steiner, Grenzen der Naturerkenntnis. GA 322, Dornach 1981.
  6. Rudolf Steiner, Sprachgestaltung und Dramatische Kunst. Vortrag vom 6.9.1924. GA 282, Dornach 1996.
  7. Siehe Anm. 2, S. 59.
  8. Rudolf Steiner, Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches. Vortrag vom 26.8.1919. GA 294, Basel 2015.

Letzte Kommentare