Das Herz ist ein Raum der Verwandlung, in dem Empfangen und Geben, Mensch und Natur, Augenblick und Ewigkeit zusammenfinden. Oft handelt es schneller als der Verstand und lässt erfahren, dass Liebe und Mitgefühl eine Sprache sprechen, die alles Lebendige verbindet.
Schneller, als ich denken kann
Einkauf am Düsseldorfer Kö-Bogen. Da ist das Handy verschwunden. Wo habe ich es verloren? Die Gedanken stolpern, kalkulieren die Folgen. Dort? Nein. Dort? Nein. Dann der Einfall: im Restaurant! Ich laufe zurück, der Kellner sieht mich, lächelt, nickt und reicht es mit einer Geste, die weiteren Dank von mir verbietet. Erleichterung! Draußen im Augenwinkel eine Frau, die im Mülleimer nach Pfandflaschen sucht. Schneller, als ich denken kann, führt das Herz die Füße zu ihr. Schneller, als ich denken kann, ist die Hand mit dem blauen Euroschein bei ihr. Und schneller, als ich denken kann, die kurze Erklärung: «Ich hatte gerade Glück!» Schneller, als ich denken kann, lasse ich sie und gehe zehn Schritte, um ihr die mögliche peinliche Nähe zu ersparen. Und schneller, als ich denken kann, drehe ich mich aus sicherer Ferne noch einmal um. Da bleibt für einen Augenblick die Zeit für mich stehen. Ich sehe ihr erstauntes, schönes Gesicht und höre ihre Frage, die mich zum so viel mehr Beschenkten macht: «Ist das für mich?» Wolfgang Held
Wo die Natur zuhört
«Hat ein Baum ein Herz?», fragt mich meine kleine Freundin. Wir sitzen im Schatten einer Hasel. Ich habe ihr gezeigt, wie wir unseren Herzschlag im Handgelenk hören können. Ein Baum hat einen Puls: Sein Saft steigt und fällt, das Holz dehnt sich und zieht sich wieder zusammen in gleichmäßigen Rhythmen. Wasser fließt durch den Baum in die Luft und kehrt als Regen zurück in die Erde. Das Kreislaufsystem eines Baumes ist seine ganze Umgebung. Aber wo ist sein Herz? Vielleicht ist ‹wo› nicht das richtige Wort. Die Frage meiner kleinen Freundin fragt nach etwas Herzvollem, nicht nach einer mechanischen Antwort. Was bedeutet es für ein menschliches Herz, hinauszutasten und das Herz der Natur zu fühlen? Unsere Herzen umfassen eine beständige Verwandlung unseres Blutes, das mir wundersam erscheint. Aber auch das ist keine Erklärung für eine Siebenjährige. Außerdem ist es auch nicht, was wir für gewöhnlich darüber denken. Man sehe sich nur unsere Sprache an: gutherzig, herzzerreißend, herzlos, herzerwärmend, Sweetheart (Liebling). Das sind keine Bezeichnungen für ein physisches Herz. Die edelsten Qualitäten der Seele – Freundlichkeit, Mut, Ehrlichkeit, Mitgefühl – schreiben wir dem Herzen zu. Am allermeisten gehört Liebe zum Herzen. Vielleicht lässt sich daraus ein Bild bauen. Ich denke an das Blut, das vom Herzen ausströmt und in sich die Impulse trägt, die von den Gliedmaßen ausgeführt werden sollen. Und im Blut, das zum Herzen zurückfließt, werden all die Sinneseindrücke nach innen genommen und besonnen. Tugenden – nicht von unseren Herzen geschaffen, aber dort entzündet – fließen in unsere Handlungen und schöpfen dann wieder neue Kraft im Herzen, durch das Besinnen dessen, was zurückkehrt. Ich denke an Maria, die göttliche Mutter, die alles gehört und in ihrem Herzen bewegt hat. Dann ist das Herz kein Ort und auch kein Ding. Es ist der gehaltene Raum für Veränderung und ohne es ist keine Veränderung möglich. Immer empfangend und immer gebend. Endlose Liebe. Ich schaue mich um und sehe die Schönheit und Fülle der Natur, die mir beständig frei, liebevoll und unaufhörlich geboten wird. «Vielleicht ist die Erde das Herz des Baumes», sage ich zu meiner kleinen Freundin. Sie streckt die Hand aus und hält ein Haselblatt, als würde sie jemandes Hand nehmen. Laura Liska
Sprache des Herzens
‹Was geht dich wirklich an?›, war die Frage. Und sechs Worte schwebten am Ende eines windigen, aber goldenen Nachmittags über dem Gartentisch. Das weiße Tischtuch blähte sich manchmal wie ein Segel. Liebe. Der Mensch. Heilung. Die Welt. Heilige Erde. Ich. Sechs verschiedene Antworten für heute. Oder vielmehr Perspektiven oder auch Verwurzelungen, von denen aus ein Mensch geht. Oder die seinen Blick richten. Oder seinem Handeln ein Kompass sind. Oder sie sind seine Sehnsucht. Vom Herzen aus gesprochen, in einen Herzraum hinein. Und eins lag im andern geborgen. Aber diese stille Tatsache bemerkten wir erst später. Was mich wirklich angeht, geht seltsamerweise alle an. Geht mich in allen an. Geht alle in mir an, auch Tiere, Pflanzen, den Fluss, den Regen. Die Sprache des Herzens hat keine 8,3 Milliarden Vokabeln, vermute ich. Ihr Wortschatz bildet, umfasst und ermöglicht ein ganz bestimmtes Leben. In ihr drücken sich Gesten aus, und Orte, in denen diese tätig sind, und Wesen, die diese im Vollziehen erkennen. Die Sprache des Herzens ist warm, denn Himmel und Erde bilden ihre Grammatik. Sie verbindet die Zeit mit der Ewigkeit. Und sie vermag uns frei zueinander zu stellen, ohne dass wir uns aus den Augen verlieren. Die Sprache des Herzens ist und schafft Lebensraum. Und sie ist die Ursprache der Menschen. Gilda Bartel

