Das Herz im Umkreis

‹Das Herz im Umkreis›, so heißt die kommende Jahreskonferenz der Medizinischen Sektion vom 13. bis 18. September. Sie richtet sich an alle in medizinischen Berufen Tätige, aber auch an allgemein Interessierte. Es geht dabei um die therapeutische Gemeinschaft. Wolfgang Held im Gespräch mit Georg Soldner, dem Coleiter der Medizinischen Sektion.


Was heißt denn ‹eine therapeutische Gemeinschaft›?

Anthroposophische Medizin ist von ihrer Konzeption her eine, wie wir sagen, multiprofessionelle Medizin. Ärzte, Psycho- und Kunsttherapeutinnen und vor allem Pflegende arbeiten zusammen. Schon ein Neugeborenes braucht eine Hebamme, eine Frauenärztin, einen Kinderarzt. Das gilt natürlich nicht nur in der Anthroposophischen Medizin, sondern zunehmend in der modernen Medizin. Diese professionelle Teambildung stellt uns vor Herausforderungen. Doch die Menschen werden in den verschiedenen Berufen gesondert ausgebildet und haben wenig bis keine gemeinsame Ausbildung, bevor sie sich dann in der beruflichen Tätigkeit begegnen.

Um ein Kind zu erziehen, brauche man ein ganzes Dorf, so lautet ein afrikanisches Sprichwort. Das gilt also in der Medizin auch?

Das gilt in der Medizin auch! Ein Beispiel aus unserer Jahrestagung ist die Arbeitsgruppe zur Herz-Schule mit Jakob Gruber, einem Kardiologen aus Herdecke. Viele Patienten und Patientinnen leiden nach einem Herzinfarkt unter einer chronischen Herzerkrankung. Es hat sich gezeigt, dass man ihnen besser helfen kann, wenn man Patientengruppen bildet. Das geschieht im besten Fall in einem therapeutischen Team, z. B. mit einer Ärztin, einer Biografieberaterin, mit Therapeuten und einer Ernährungsspezialistin. Interessanterweise sind die Erkrankten in der Gemeinschaft eher fähig, Gewohnheiten zu verändern, sich selbst zu erkennen. Das ist erfolgreicher, als wenn man nur einzeln mit ihnen arbeitet. Ein Pionier ist hier Dean Ornish in den USA, der schon als Medizinstudent angefangen hat, so zu arbeiten. Das entspricht ganz der Anthroposophischen Medizin.

Es geht also nicht nur darum, viele verschiedene therapeutische Berufe zusammenzuführen, sondern auch mehrere Patienten und Patientinnen?

Bei chronischen Erkrankungen spielt die Arbeit mit Patientengruppen eine zunehmende Rolle, z.B. bei Kindern mit Asthma. In der Psychiatrie ist das schon länger üblich. Wir stellen bei Schulungen fest, dass eine therapeutische Gemeinschaft, die Gemeinschaft auch von Therapeuten und Patientinnen, Kräfte freisetzen kann, die über das hinausgehen, was wir beim Einzelnen erleben. Gerade bei den heutigen chronischen Erkrankungen, wo Ernährung und Bewegung eine zentrale Rolle spielen, es also darum geht, Gewohnheiten zu verändern, kommt dieser Form der Behandlung eine wachsende Rolle zu. Aber auch jedes Krankenhaus ist ja eine therapeutische Gemeinschaft.

Warum geht das in der Gemeinschaft besser?

Weil ich dann bei anderen Patientinnen und Patienten sehe, die haben auch Probleme mit ihren Gewohnheiten. Das macht es leichter, auf meinen Willen zuzugreifen. Wer krank ist, fällt ein Stück weit aus der Gemeinschaft heraus – meinetwegen aus einer erfolgreichen beruflichen Karriere. Ein Herzinfarkt kann mich herausreißen aus dem, was mir Selbstvertrauen und Bestätigung schenkt. Jetzt ist es eine wichtige Erfahrung, dass ich damit nicht allein bin und dass es vielen anderen auch so geht und dass all diese jetzt auch vor der Herausforderung stehen, ihre Gewohnheiten zu verändern. Vielleicht kommt man im Rahmen solcher Therapien auch in Kontakt mit Menschen, denen es schon gelungen ist, ihr Leben zu verwandeln. Es geht um die Erfahrung, nicht allein zu sein und sich auch gegenseitig zu motivieren. Wir kennen das ja von den Anonymen Alkoholikern. Bei Suchterkrankungen geht von der Gemeinschaft eine starke Kraft aus.

Du erwähnst die Einsamkeit. Das erinnert mich an diesen Satz von Rainer Maria Rilke, wonach Einsamkeit heute ein Grundzug unserer Gesellschaft sei. Würdest du das auch so sehen?

Das ist ganz sicher so. Die Entwicklung des Bewusstseins hin zu dem, was wir in der Anthroposophie Bewusstseinsseele nennen, bedeutet eine Befreiung und dazu gehört im Schattenwurf eine zunehmende Vereinsamung. Wenn ich früher Teil einer Großfamilie war, die alles regulierte und kommentierte, mit sozialem Druck die Wege des Einzelnen bestimmte, so bietet die Entwicklung in der modernen Gesellschaft mit dem Abstand zum anderen, der ja mit der Pandemie noch einmal wuchs, die Möglichkeit, ein reflektiertes Bewusstsein zu bilden, nicht nur von anderen, auch von sich selbst. Das bringt mich dazu, mich mir selbst gegenüberzustellen, wie einem Fremden gegenüberzutreten, wie es Rudolf Steiner ausdrückt. Darin bin ich mit mir alleine. Einsamkeit ist somit ein prägender Zug moderner Gesellschaften. Auf der anderen Seite sind ja sehr viele Menschen auf diesem Weg, entweder durch Einsicht, durch Schulung oder auch durch Krankheit und Schicksal. Auf diesem Niveau wird eine neue Form der Gemeinschaftsbildung möglich.

Und Gemeinschaft hat mit dem Herzen zu tun, oder warum steht das Herz im Titel der Jahrestagung?

Für die modernen westlichen Gesellschaften mit dem materialistischen Menschenbild ist das Gehirn das Zentralorgan des Menschen, das nun wiederum als eine Rechenmaschine angesehen wird. Das Organ, mit dem wir Beziehung erleben, wahrnehmen, fühlen und letztlich auch das Gewissen spricht, ist aber das Herz. Ob wir uns empathisch oder verletzend zu einem anderen Menschen verhalten, empfindet nicht das Gehirn, sondern das Herz. Man kann weltweit Menschen bitten, dorthin zu zeigen, wo sie ihren Kern, ihre Persönlichkeit fühlen: Sie werden nicht auf den Kopf, sondern auf ihr Herz zeigen. Im Herzen leben wir, lebt das menschliche Ich in einer Art und Weise, die fähig ist, sich mit der Welt zu verbinden, in Resonanz zu treten zu dem anderen. Das Gehirn wiederum ist ein Spiegelapparat, der uns ermöglicht, Bewusstsein zu bilden. Mit dieser Bewusstseinsbildung ist die erwähnte Einsamkeit verbunden. Wir können da allerdings uns selbst, aber auch den anderen spiegeln. Erst wenn es uns gelingt, diese Qualitäten von Hirn und Herz und Hand zusammenzubringen, finden wir einen vollständigen Weltbezug, einen Weltbezug, der uns in die Lage bringt, sich warm mit anderen Menschen zu verbinden und aus dieser Einsamkeit herauszukommen.

Wie ist das möglich, dass ein Herz so fortwährend treu schlägt?

In unserem Organismus ist diese unablässige Arbeit des Herzens eine einzigartige Funktion. Wir können das vom Gehirn keineswegs so sagen oder von der Leber, dass sie Tag und Nacht in einer bestimmten Art und Weise funktionieren, wie das für das Herz gilt. Das Geheimnis ist der Rhythmus, also das, was unerschöpflich aktiv und aufnehmend sein kann. Das Herz füllt sich, das Herz nimmt wahr, was ihm zuströmt, und gibt es dann wieder an den Umkreis. Sehr fein nimmt es das wahr und gewinnt daraus seine Kraft zur eigenen Aktivität. Ein Großteil der Energie, die im Herzen wirksam wird, wird eigentlich aus der Peripherie eingespeist und dann verwandelt, transformiert auf ein höheres Niveau. Das Herz schöpft aus dem Umkreis und gleichzeitig macht es alles neu. So können wir diese pulsierende Herzaktion charakterisieren. In Atem und Herzschlag entfaltet sich, worüber wir gerade gesprochen haben: die seelische Verbindung mit der Welt.

Es geht an der Tagung auch um Erkrankung von Gemeinschaft?

Wir haben natürlich Arbeitsgruppen zu vielen medizinisch-praktischen Themen, beispielsweise zu Herzerkrankungen. Aber wir richten auch den Blick auf die therapeutische Gemeinschaft selbst: Jede Praxis, jedes Therapeutikum, jede Klinik ist ein Zusammenschluss von Menschen, die kranken Menschen helfen wollen, und das ist ja auch eine herausfordernde Tätigkeit. Nehmen wir eine Hospiztätigkeit oder eine Geburtsklinik mit 24 Stunden Bereitschaft, mit den unvorhergesehenen Notfällen! In einer solchen menschlichen Gemeinschaft bleibt es nicht aus, dass sich Konflikte entzünden. Mein Kollege Philipp Busche sagte kürzlich, es gebe drei große Lehrmeister: Krankheit, sozialer Konflikt und Irrtum. Zweifellos sind soziale Konflikte in therapeutischen Gemeinschaften nicht selten. Dabei geht es heute darum, zu lernen, diese Konflikte auf der Ebene der Bewusstseinsseele zu lösen, auf einer modernen Ebene, wo die Freiheit jedes Einzelnen gewahrt bleibt. Ja, das persönliche Engagement aller Mitarbeitenden sollte sich steigern können. Wir sollten einfühlsam miteinander umgehen, empathisch nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit den Kolleginnen und mit uns selbst. Die Herausforderung liegt darin, dass ich gerade als Mediziner mich natürlich im Ernstfall, im Notfall vergessen muss und ganz im Patienten zentriert bin. Dass ich aber auch wieder zurückkommen muss zu mir, zu meinem Umkreis, meiner eigenen Familie, meinen Kolleginnen und Kollegen. Das ist auf Dauer wichtig, damit wir als Gemeinschaft nachhaltig Patienten helfen können. In der Psychiatrie, wo das besonders herausfordernd ist, ist das schon professionalisiert worden. Aber das gilt für die ganze Medizin.

Letzte Woche fand in Zürich der Kongress für Inklusion statt. Ich hatte dort eine Arbeitsgruppe. Ein Teilnehmender hatte eine autistische Behinderung und war auf gestützte Kommunikation angewiesen. Es ging die Frage herum, welche Hilfe jeder denn brauche. Er sagte überraschenderweise, dass ihm helfen würde, wenn die Menschen untereinander dankbar sind. Er wollte nichts für sich, sondern ein Klima der Dankbarkeit. Was sagt es dir als Arzt?

Von einem Menschen mit einer Autismusspektrum-Störung können wir viel lernen und dabei versuchen, uns auf gleicher Augenhöhe miteinander zu verständigen. Ich kann nur aus der eigenen Praxisgemeinschaft sagen: Die Patientinnen nehmen die Qualität der Zusammenarbeit wahr, wenn sie durch die Tür kommen. Und ich kenne auch Studien, die belegen, dass die Atmosphäre in der therapeutischen Gemeinschaft für das, was an therapeutischen Ergebnissen erzielt wird, ebenso wesentlich ist wie die einzelne Leistung des Arztes, der Ärztin oder der therapeutischen Professionals.

In Bezug auf die Atmosphäre lotet ihr dann ja bei der Tagung auch die Grenzfragen aus, wie die Frage einer Gemeinschaftsbildung mit Maschinen. Was ist da die Fragestellung für euch?

Wenn wir in ein Land wie Japan schauen, wo wir eine Kultur haben, die besonders schambesetzt ist, dann besteht dort zum Beispiel die Tendenz, Körperhygiene und ähnliche Tätigkeiten in der Pflege durch Maschinen zu ersetzen, sodass die Patienten und Patientinnen dabei nicht mehr einem anderen Menschen begegnen. Wir brauchen hier ein klares, geschärftes Bewusstsein. Was ist der Unterschied? Wenn wir den Menschen als ein seelisch-geistiges Wesen betrachten, dann begegnet ihm in der Maschine auf dieser Ebene ein Nichts. Ich freue mich, dass Jan Vagedes, der die kinderärztliche Abteilung der Filderklinik leitet, und Rolf Heine, der in der Pflege Experte ist, über dieses Thema sprechen.

Ihr beschäftigt euch mit der Frage, wie man die Verstorbenen in die Gemeinschaft hinzunehmen kann. Wie gelingt das?

Die Wirklichkeit der Verstorbenen ist auch in meinem Leben eine zentrale Erfahrung, die mich überhaupt erst zur Anthroposophie gebracht hat. Die Gegenwart der Verstorbenen, das findet Eingang in die Literatur: Es gibt einige Romane, die ich jetzt gelesen habe, die in den letzten Jahren erschienen sind und die sich mit dieser Grenzfrage beschäftigen, wie ‹Das achte Leben› der georgischen Schriftstellerin Nino Haratischwilli, wo die Toten auftreten, oder auch das Buch ‹Die 40 Geheimnisse der Liebe› von Elif Schafak, einer führenden türkischen Schriftstellerin. Immer wieder wird die Wahrnehmung und die Präsenz von Toten in unserer Wirklichkeit thematisiert. Dabei handelt es sich um Bestseller-Romane. Viele Menschen haben hier Erfahrungen gemacht, gerade im anthroposophischen Leben. Wir wollen darüber sprechen, wie wir die Präsenz der Toten ernst nehmen können. Ich kann sagen, wir bemühen uns, in der Anthroposophie eine Sprache zu sprechen, die Lebende und Tote verstehen können. Eine Sprache, die Lebende und Tote verstehen können, ist eine Sprache, die vom Wesen spricht und sich nicht in dem verliert, was keine Bedeutung hat in der geistigen Welt, für die Verstorbenen. Insofern ist die Gemeinschaft mit den Toten eine ständige Erinnerung an das Wesentliche.

Ausgelöst vom Umgang mit der Coronapandemie, entfaltete sich im Frühjahr öffentlich eine Kampagne gegen Anthroposophie. Die Jahrestagung soll helfen, sich dagegen zu wehren. Was heißt das?

Ja, in den letzten Jahren hat sich in einigen Ländern eine starke negative öffentliche Stimmung gegenüber Anthroposophie gebildet. Es gehört zur Dynamik von Pandemien, dass Schuldige gesucht werden. Gerade in Deutschland mit den Erfahrungen zweier Weltkriege sitzt dieser Reflex im Unterbewusstsein. Das ist ein Phänomen, bei dem man im persönlichen Leben nicht lange suchen muss. Man will nicht der oder die Schuldige sein und so zeigt man auf andere. In einer solchen Situation ist es wichtig, sich auf das Eigentliche zu besinnen und zu fragen, was eigentlich wesentlich ist. An unserer Jahreskonferenz erwarten wir Menschen aus 50 Ländern. Wir erwarten eine große Gemeinschaft und das gibt uns gegenseitig Kraft. Wir wollen diese Kraft stärken und so zu innerem Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zurückkehren.

Ihr habt der Tagung ein Motto aus einem Text von Wolfgang Schad mitgegeben. Er schreibt über das periphere Ich und setzt dabei an die Stelle des ‹Wir› das ‹Menschheits-Ich›. Was unterscheidet das Menschheits-Ich vom Wir?

Da möchte ich die zweite Strophe der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner ins Bewusstsein rufen. Da ist die Rede von der Wirksamkeit im Seelischen und wie man sich mit dem Welten-Ich verbindet und dass in Christus der Tod zu neuem Leben wird. Dann ist da die Rede von einem Ich, das für jedes einzelne Ich von uns ein zukünftiges Ich, ein wahres Ich ist. Es ist das Christus-Ich, womit nichts Konfessionelles gemeint ist. Wenn wir uns im Sozialen erfassen wollen, wo wir unser Schicksal ergreifen und auch in das Schicksal anderer eingreifen und dafür Verantwortung übernehmen wollen, mächtig werden für unser Schicksal und für das Schicksal anderer, wenn wir das erfassen wollen, dann können wir uns ja nicht nur von uns selbst, sondern müssen wir uns auch vom Du her erleben. Was der oder die andere an mir erlebt, was das Du an mir erfährt, das ist das moralisch Entscheidende, das ist dasjenige, was nach dem Tode ins Bewusstsein tritt. Das ist das, was für mich für ein neues, künftiges Erdenleben Antrieb sein wird. Wo wir so verantwortungsvoll, frei und bewusst uns in die Gemeinschaft hereinstellen, verbinden wir uns immer mehr mit dem, was wir als das Welten-Ich, das große Menschen-Ich bezeichnen können. Unser Herz spiegelt dabei, wie sehr wir mit diesem großen, kosmischen Ich verbunden sind.


Podcast Das Gespräch gibt es bei Die Wochenschrift für Anthroposophie und Spotify, Apple Podcast u. a. auch als Podcast zum Hören.

Veranstaltung
‹Das Herz im Umkreis. Die Bedeutung der therapeutischen Gemeinschaft›, 13. bis 18. September 2022.
Internationale Jahreskonferenz der Medizinischen Sektion am Goetheanum.
Informationen und Anmeldung


Bilder Miriam Wahl, Dshamilja, zehnteilige Serie, Dispersion und Aquarell auf Papier, je 70 × 50 cm, 2018

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