Begriff und Anschauung des Geistes

Ein philosophischer Geburtstagsgruß zum 250. Jahrestag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 27. August.


Vereinfacht kann man sagen: Wie Rudolf Steiner die Geistanschauung brachte, hat Hegel den Geistbegriff gebracht. Indem Rudolf Steiner die übersinnliche Wahrnehmung lehrte und praktizierte, ermöglichte er die Geisterkenntnis. Der Geistbegriff ist dazu eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Übersinnliche Wahrnehmung befähigt zu Vorstellungen vom Geistigen. Wer nur sinnliche Wahrnehmung kennt, neigt dazu, Sinnesvorstellungen auch für Geistiges zu verwenden. Dann sind reine Begriffe besser, wie Hegel sie hervorbrachte. Aber sie sind bewegt und unanschaulich. Jemand schrieb, dass es ihm dabei so unheimlich zumute wurde, dass er sich nach greifbaren Vorstellungen sehnte. Gegen Ende seines Lebens schrieb Hegel zu diesem Einwand, dass das Herüber- und Hinübergehen von der Vorstellung zum Begriff und vom Begriff zur Vorstellung in der wissenschaftlichen Meditation vorhanden sei und dass es keine unredliche Forderung wäre, dass es auch in der wissenschaftlichen Darstellung ausgesprochen werde. Dass das bei ihm selten geschehe, entschuldigte er, indem er daran erinnerte, dass der Anfang ihn dazu genötigt habe, «sich fester an den der Vorstellung in oft hartem Kampfe abgerungenen Begriff und dessen Entwicklungsgang […] anzuschließen […]. Die erlangte größere Festigkeit in der Bewegung des Begriffs wird es erlauben, gegen die Verführung der Vorstellung unbesorgter zu sein und sie unter der Herrschaft des Begriffes freier gewähren zu lassen.» (1) Die saure Arbeit des Begriffs bringt einem in die Nähe Ahrimans. Um darzustellen, wie Hegel das Ewige in seiner Logik Ahriman abgerungen habe, verwendete Rudolf Steiner das Bild des Menschheitsrepräsentanten. (2) Er sagte, ohne die Hegel’sche Logik würde die Geisteswissenschaft rachitisch werden. Bildhaft: Das Knochengerüst des Hegel’schen Denkens erhält erst durch die Geistanschauung Fleisch und Blut.

Hegel prägte drei Geistbegriffe, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fruchtbar sind. Hiermit wurde der Geistbegriff in der ‹Philosophie der Freiheit› eingeführt. Rudolf Steiner tat das mit einem Satz Hegels: «Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste.» (3) Wenn man das Denken und die dabei tätige Wesenheit beobachtet, kann das die erste geistige Wahrnehmung sein. Viele erwachen heute eher am seelisch-geistigen Wesen des anderen Menschen. Wilhelm von Humboldt und Hegel bildeten dazu eine geeignete Begrifflichkeit aus. Es ist der zweite Geistbegriff, den der junge Hegel in Jena entwickelte. (4) Aber erst als der Wechsel sozialer Rollen bewusster wurde und Seelen sich hüllenlos gegenüberstanden, wurde die Erfahrung allgemeiner. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde sie epidemisch und im 20. Jahrhundert zur Quelle moderner Sozialphilosophie und dialogischer Unternehmensführung. Meines Wissens hat nur Steiner darauf aufmerksam gemacht, dass zum Erleben des Wesens anderer Menschen Sinneswahrnehmung gehört, und hat den Begriff eines Ichsinnes geprägt. Auch zum dritten Geistbegriff wurden die Weichen im 19. Jahrhundert gestellt, aber er ist der schwierigste und seine Entfaltung gehört noch der Zukunft an.

Um Hegels dritten Geistbegriff zu fassen, muss sich die anthroposophische Begrifflichkeit nicht ändern, aber die anthroposophische Vorstellungsart radikal, denn sie ist inzwischen zum Hindernis für Geistverständnis und Geisterschauen geworden.

Zum dritten Geistbegriff erhielt Hegel Anregung von Goethe. Goethe und Hegel waren polare, aber verwandte Geister. Bislang hat man sich die Identität einer Idee oder eines Wesens und das ewige Sein als unbewegt vorgestellt. Das höhere Wesen des Menschen wurde dargestellt als unveränderliche Einheit, mit der es in allen wechselnden Zuständen übereinzustimmen gelte. So erhaben diese Vorstellung sein mag, so ist sie doch verkehrt. Welchen Sinn hätte die Existenz, wenn das Wesen sich durch sie nicht änderte? Je höher eine Idee ist, je mehr Bewegung erfordert es erfahrungsgemäß, sie zu erfassen. Auch geistige Wesen wirken und offenbaren sich durch die Bewegung des Werdens. Wechsel gehört zu ihrem Wesen. Ein Ich kann im Augenblick gegenwärtig sein, aber wirkt und offenbart sich in der ganzen Biografie eines Menschen. Die Überzeugung von der Starre des Ewigen ist die abstruse Projektion irdischer Vorstellung auf eine höhere Ebene. An sich ist Identisches mit sich gleich, aber das ist nur vorausgesetzt. Erkannt wird es erst, wenn es im veränderlichen Dasein erfasst wird. Das ist der rhythmische Dreischritt des Hegel’schen Denkens: vom Ansichsein über das Dasein zum Fürsichsein. Als Rudolf Steiner die Entwicklungsidee in den Bereich geistiger Wesen hereintrug, war das eine anstößige Großtat. Aber Zeit im menschlichen Sinne entsteht erst durch die Geister der Zeit. Um die Wesenheiten höherer Hierarchien zu verstehen, muss man ein anderes Denken erwerben. Hegels dritter Geistbegriff ist dazu eine entscheidende Hilfe. Die Urpflanze ist eine Idee. Um sie zu erfassen, muss man die Pflanze werdend betrachten. Entsprechend verwandelt gilt Goethes Methode für alle Wesen. Hegel begriff die Verschiedenheit philosophischer Systeme als die fortschreitende Entwicklung der Wahrheit und sagte: «Das Wahre ist das Ganze» und «das nackte Resultat ist der Leichnam.» (5)

Porträt von G.W.F. Hegel

An der Metamorphose der Pflanzen lassen sich zwei gegenläufige Zeitströme beobachten. Dieselben Ströme durchdringen sich in Hegels Wissenschaft der Logik, ein vorwärtsschreitendes Bestimmen und ein rückwärtsgehendes Begründen. (6) Es ist ein überzeitliches Werden zu sich. Wenn die logische Bewegung zum Dasein übergeht, entsteht die Zeit. Die Zeit ist der Begriff selbst, der da ist, schrieb Hegel. (7) «Der ewige göttliche Prozess ist ein Strömen nach zwei entgegengesetzten Richtungen, die sich schlechthin in Einem begegnen und durchdringen.» (8) Wurde die Einsicht in diesen Doppelstrom bei Steiner, wie er schrieb, «ganz aus dem okkulten Leben dirigiert», war sie bei Hegel Frucht philosophischer Erkenntnis. (9) Das im Dasein lebendig wirksame Gewebe der Begriffe ist dasselbe, was wir die ätherische Welt nennen. Als Zeit gestaltet es den Raum und alles darin, das Lebendige direkt und das Sonstige mittelbar. Aufzuwachen zu dieser Welt ist an der Zeit. Die Menschheit kann sonst den Folgen der Misshandlung der natürlichen und der sozialen Umwelt nicht wirksam begegnen.

Um Hegels dritten Geistbegriff zu fassen, muss sich die anthroposophische Begrifflichkeit nicht ändern, aber die anthroposophische Vorstellungsart radikal. Sie war in der Frühzeit zur Ausbildung anthroposophischer Geisteswissenschaft nötig, ist aber zum Hindernis für Geistverständnis und Geisterschauen geworden. Hegels rhythmische Logik erzeugt ein Herzdenken. Rudolf Steiners Warnung für die Gefahr der Knochenerweichung bedenkend, sollte man erkennen, dass ein Herzdenken ohne höhere Logik die freie Urteilsfähigkeit des Menschen beeinträchtigen und einen Rückschritt seiner Entwicklung bedeuten würde. Der gewöhnliche Menschenverstand sieht überall Gegenstände. Die Gliederung der Welt in Gegenstände ist sinnvoll, aber sie sind unser Erzeugnis und wir sollten beobachten, was wir dabei tun. Weder in der Wahrnehmung noch im Weltensein gibt es in Wirklichkeit Gegenstände, sondern nur Prozesse. Bringen wir die Sinneswahrnehmung in Bewegung, können wir mit der Sonne des Geistes im Rücken wie Faust rufen: «Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.»


(1) G. W. F. Hegel, Berliner Schriften 1818–1831. Werke, Bd. 11, Frankfurt 1970, S. 378/379.
(2) R. Steiner, Vortrag vom 27.8.1920, Dornach 1958, GA 199, S. 145 ff.
(3) G. W. F. Hegel, Enzyklopädie der phil. Wissensch. Vorrede zur 2. Ausgabe. Werke, Bd. 8, Frankfurt 1970, S. 25 und R. Steiner, Philosophie der Freiheit. GA 4, Dornach 1995, S. 25.
(4) J. Habermas, Technik und Wissenschaft als ‹Ideologie›, Frankfurt 1969, S. 9 ff.
(5) Hegel, Phänomenologie des Geistes. Werke 3, Frankfurt 1970, S. 12 ff.
(6) G. W. F. Hegel, Wissenschaft der Logik II. Werke 6, Frankfurt 1969, S. 570 und M. Theunissen, ‹Hegel und die Dialektik› in Meyers Universallexikon.
(7) G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes. a. a. O., S. 584.
(8) G. W. F. Hegel, Einleitung zur Naturphilosophie, Enzyklopädie der phil. Wissenschaften II, Zusatz § 249.
(9) R. Steiner, M. Steiner, Briefwechsel und Dok. GA 262, Dornach 2002, S. 15.

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare