Anthroposophischer Antirassismus

Seit drei Monaten hallt der Tod von George Floyd, der durch die Polizei von Minneapolis am 25. Mai verursacht wurde, über den Erdball. Obwohl das Verbrechen ein weiterer schmerzhafter Tod in einer langen Geschichte solcher Gewalt bedeutet, hat er doch wie im Brennglas deutlicher und so schrecklich miterleben lassen, wie präsent der systemische Rassismus in den USA ist.


Die Bewegung Black Lives Matter, die 2013 ins Leben gerufen wurde, organisierte in den Vereinigten Staaten Proteste, und in der ganzen Welt gab es Solidaritätsdemonstrationen. Auch wenn sich eine noch nie da gewesene Zahl von Menschen aller Rassen und Klassen an den Protesten beteiligt hat, stellt sich die Frage: Wird sich der systemweite Rassismus in der Polizeiarbeit, bei den Budgetzuweisungen und in diskriminierenden Gesetzen tatsächlich ändern oder werden die Proteste mit dem Stürzen von Statuen enden – ein symbolischer, aber kein struktureller Wandel?

Foto: Corey Oconnell via unsplash

Die Fragen der Rasse und des Rassismus sind hier in den USA virulent. Jetzt haben die Themen um die kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Dimension des Rassismus auf eine Weise in das tägliche persönliche und gemeinschaftliche Leben Einzug gehalten, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Jeder Bereich steht auf dem Prüfstand, einschließlich Gesundheit, Wohlstandsgefälle und der Art und Weise, wie Macht eingesetzt wird. Überall ist die ungebrochene Vorherrschaft von Menschen mit weißer Hautfarbe zu fassen. Wut, Ungeduld und die Forderung nach Veränderung sind überall präsent. Dabei ergreifen auch diejenigen das Wort, manchmal sogar in Führungspositionen, die den Fortbestand der Vorherrschaft der weißen Kultur unterstützen und sich öffentlich dafür aussprechen.

Ich kann hier nicht die gesamte Geschichte der USA, den Völkermord an den indigenen Völkern durch europäische Siedler und Siedlerinnen und später durch das Militär, die Versklavung der afrikanischen Bevölkerung seit 1619, in Erinnerung rufen. Außerordentliche Reichtümer wurden von ehemaligen Europäern aus der unbezahlten Arbeit ihrer Sklaven, aus der privaten Aneignung von Gemeindeland und nun aus der fortgesetzten Unterdrückung und Verweigerung von Menschenrechten und wirtschaftlichen Möglichkeiten für Afroamerikanerinnen und -amerikaner gewonnen und angehäuft. Und noch heute nehmen Polizei und sogenannte Vertreter des Rechts ihren Mitbürgern dunkler Hautfarbe weiterhin ohne Rechenschaftspflicht das Leben.

Jetzt, im Jahr 2020, sind die Ideale, die in der sozialen Dreigliederung liegen, sinnvoll und können als unendlich praktische Einsichten und Leitlinien dienen. Protest ist eine direkte kulturelle Aktion, die als Reaktion auf den Missbrauch von Rechten ausgeübt wird. Ein Akt des Protests, eine rechte Tat, entspringt dem Sinn eines Einzelnen oder einer Gruppe für das, was moralisch und ethisch im Gegensatz zum Unmoralischen und Unethischen ist. Die Anerkennung dessen, was moralisch ist, ist Ausdruck geistiger Freiheit. Als Gesellschaft müssen wir uns darüber im Klaren sein, gegen was wir arbeiten: Angst, Hass, Rassismus, Macht über andere und jede Theorie oder Praxis, die ein Individuum entmenschlicht. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, worauf wir hinarbeiten.

Wenn die Liebe der Wegweiser der spirituellen Freiheit ist, wird sie durch Gerechtigkeit in unseren Beziehungen und in der Gemeinschaft praktiziert.

Wenn wir der Anthroposophie nahestehend in den USA Teil der voranschreitenden Transformationsarbeit sein wollen, müssen wir zuerst das Anhören der Erfahrungen anderer kultivieren und die gesamte Kultur-, Rechts- und Wirtschaftsgeschichte kennen, in die wir eingebettet sind. Und wir werden uns mit Aspekten des Werks von Rudolf Steiner beschäftigen müssen, die als rassistisch empfunden werden. Wir werden auch mit Aspekten der Geschichte der Anthroposophie leben müssen, die untrennbar mit ihren mitteleuropäischen Wurzeln verbunden sind. Nicht alles davon ist das, was wir uns von den Idealen der Anthroposophie wünschen. Die Geschichte braucht auch nicht unsere eigenen Handlungen und Einsichten zu lenken, wenn wir daran arbeiten, zu verstehen, wo wir stehen, was auf spiritueller Ebene heute in den USA von uns verlangt wird und wie wir die Würde jedes Menschen, dem wir begegnen oder mit dem wir arbeiten, stärken können.

Die Anthroposophische Gesellschaft in den USA beschäftigt sich intern damit und arbeitet über den Rat der Anthroposophischen Organisationen (CAO) auch eng mit unseren Schwesterorganisationen zusammen. Jede Gruppe stellt sich auf ihre Weise den besonderen Herausforderungen dieser Zeit, in dem Wissen, dass Rudolf Steiner und die Anthroposophie ein Teil ihres Erbes und ihrer aktuellen Entwicklung sind. Ob Waldorfpädagogik, Biodynamik oder andere anthroposophische Lebensgebiete, jede Gruppe muss ihre Beziehung zu diesen Wurzeln finden, auch wenn der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit ertönt. Niemand hier in den USA ist von den Kräften des Wandels ausgenommen, auch nicht die Anthroposophische Gesellschaft und ihre Schwesterorganisationen, die historisch ‹weiß› gewesen sind. Das können wir uns zu eigen machen, vorausgesetzt, wir setzen die bereits begonnene Bewegung für soziale Gerechtigkeit fort. Einige Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft haben sich dabei unwohl gefühlt, und eine der Befürchtungen ist, dass wir uns dabei von der Anthroposophie lösen könnten. Anthroposophie und soziale Gerechtigkeit lassen sich nicht voneinander trennen. Wenn die Liebe der Wegweiser der spirituellen Freiheit ist, wird sie durch Gerechtigkeit in unseren Beziehungen und in der Gemeinschaft praktiziert. Wie respektieren und garantieren wir sonst die Freiheit der anderen? Hier geht es um Vertiefung, nicht um Trennung. Rudolf Steiner hat uns ein Vermächtnis von kraftvollen Werkzeugen hinterlassen. Wir müssen auf einem Weg der Selbsterkenntnis auf die geschickten Mittel hinarbeiten, diese Werkzeuge aus tiefem Interesse heraus einzusetzen.


Übersetzung: Wolfgang Held

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