Entwicklung geschieht in Sprüngen, im Kleinen wie im Großen. Wenn wir als Mensch oder als Menschheit zum Sprung ansetzen und alles in Bewegung kommt, zählt das Beständige, das Ewige als Widerlager zum Wandel. Es wundert deshalb nicht, dass in Momenten großer Transformation man selbst auf das ganze Leben schaut und die Menschheit auf das, was das Leben trägt und spendet: die Sonne. Sie erfüllt, bezeugt, besiegelt, dass im Wandel die Identität nicht verloren geht. Als mit Echnaton 1350 v. Chr. dem Glauben an den einen Gott eine Revolution geschah, da erklang sein Sonnengesang, und die Sonne ist Gott. Als im 4. Jahrhundert das tausendjährige Orakel von Delphi seine «murmelnden Wasser» schloss, schrieb der junge Kaiser Julian seinen Sonnengesang. Dieses ‹Loblied an den Gott Helios› lässt sich in dem Sinne lesen, dass die Gaben der Sonne göttlich sind. Als im 12. Jahrhundert Franz von Assisi die Sonne anruft, macht die Kultur erneut einen Satz, mit der Scholastik zum modernen Denken. In seinem Sonnengesang ist das Gestirn als ‹Werk Gottes› auf der Erde angekommen. Es sind heute die Dichter und Dichterinnen, die den nächsten Schritt zeigen. Novalis: «Der Mensch ist eine Sonne, seine Sinne sind seine Planeten.» Ingeborg Bachmann: «Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.» Mit der Religion von Assisi sind wir auf der Erde angekommen, mit der Kunst erheben wir uns von ihr.
Bild ‹Der heilige Franziskus predigt zu den Vögeln›, Greg Tricker, Portland-Kalkstein. Cover ‹Fasten am Perugia-See›, Greg Tricker, Tempera auf Holz.

