Mein Verkörpertsein kann ein innerer Kampfplatz werden. Es bedingt und ermöglicht uns. Aber wer ist es, der sich verkörpert hat? Andreas Laudert lädt ein, die Signaturen unserer Inkarnation als Bilder zu lesen.
«Warum ist die Jugend die üppigste Zeit des Lebens? […] Noch ist nichts bestimmt, und alles möglich – Noch spielt die Hand, mutwillig, zögernd, mit den Losen in der Urne des Schicksals […] Ach, das Leben des Menschen ist, wie jeder Strom, bei seinem Ursprunge am höchsten. Es fließt nur fort, indem es fällt – In das Meer müssen wir alle – […].» Heinrich von Kleist, ‹Geschichte meiner Seele›1
Vielleicht werden wir eines Tages auf unsere Zeit zurückblicken als auf die Zeit, in der wir körperlos wurden: Wir tauschten irgendwann keine Waren mehr aus, sondern nur noch Daten und Informationen, wir zahlten nicht mehr mit Münz- oder Papiergeld, sondern per digitalem Transfer, wir gaben uns nicht mehr die Hand, sondern schickten einander Textnachrichten, wir besuchten einander nicht mehr in einem Haus aus Lehm, Holz oder Beton, sondern ausschließlich auf unseren Websites, wir druckten keine Texte mehr aus und auch keine Bücher mehr, sondern luden alles in die Wolken hoch. Und von dort schauten wir eines Tages erstaunt auf uns selber herab: War es das, was wir wollten? War es so anstrengend gewesen, in einem Körper zu leben? Wir kamen ins Schwitzen. Endlich wieder. Wir wollten wieder zurück und die Geschichte umschreiben. Das Wort war ja nicht ohne Grund Fleisch geworden, und es hat nicht ohne Sinn unter uns gewohnt, denn in ihm war das Leben gewesen, und auf das Lebendige kam es an, kommt es immer an, stets und überall, ob wir nun Himmlische sind oder Irdische, Verkörperte oder Vergeistigte, ob wir Bücher schreiben oder Häuser bauen, eine Mahlzeit bereiten oder eine Schlafstätte, ob wir Beheimatete sind oder keinen Ort haben, wo wir das Haupt niederlegen können.
Annäherung an den eigenen Körper
Alles im Umfeld meiner Inkarnation, in den Umständen des räumlichen Aufwachsens, war eng. Unser Haus hatte kleine Zimmer und ein schmales Treppenhaus, und das Seitental des Rheins, in das sich unser Winzerdorf schmiegte, war so eng, dass im Winter in die Dorfmitte, wo wir wohnten, kein Sonnenstrahl fiel. Immer wieder nahmen sich Menschen im Dorf das Leben: Sie hingen sich in Scheunen auf oder nahmen Pflanzengift. «E 605», hieß es dann flüsternd. Die Ursachen waren Alkohol, Einsamkeit und Armut. Dass ich selber einer ‹armen› Familie entstammte, wurde mir erst klar, nachdem ich die Schule verlassen hatte. Wenig später kam heraus, dass mein Vater, ohne es jemandem zu sagen, eine viertel Million Schulden angehäuft hatte. Er war wohl – unter anderem – ein Träumer gewesen. Seitdem gehörte unser Haus jahrzehntelang der Bank. Der fehlende Besitz, die nicht vorhandenen sogenannten Rücklagen, das Wissen, bald auch kein Elternhaus mehr zu haben, geschweige denn ein eigenes, machten etwas mit meinem Körper- und damit meinem Lebensgefühl in der Welt. Ich fühlte mich immer irgendwie körper- und heimatlos, wie ein ewiger Gast, wie identitätslos.
Das Wort ‹Angst› geht auf Enge zurück. Als Kind hatte ich oft Angst vor allem Körperlichen, auch als Jugendlicher. Ich hasste es, zum Arzt zu gehen, und vermied es am liebsten, was auch heute noch so ist. Ich bin selten krank, aber eine Mischung aus einem ständigen ‹Zu spät Sein› und einem ‹Zu früh Sein› – und die jeweilige Sorge darum – prägte mich früh. Ich fühlte mich im Leben sozial oft dazwischen, selten in einem geborgenen Gleichstrom mit den jeweiligen anderen, zwar äußerlich schon, aber nicht in mir drin. Ich hatte faktisch drei Geschwister, aber war im Alltag der Kindheit und frühen Jugend ein Einzelkind, weil meine Mutter und mein Vater beide schon fast 45 waren, als ich zur Welt kam, und die Geburt meiner Geschwister schon 13, 15 und 17 Jahre zurücklag. Als ich drei war, waren sie alle schon aus dem Haus. Ich empfand eine permanente Ungeduld, aber genauso eine starke Zögerlichkeit. Sogar die Prägung durch die Sterne katapultierte mich gleichsam symbolisch in ein immerwährendes Morgen: Wassermann bestimmt meine Persönlichkeit. Sonne, Aszendent, Mond und Merkur stehen alle in diesem Zeichen. Nichts war mir stets heiliger als das Gefühl von Freundschaft in einem tiefen, treuen Sinne, als Menschheitsfreundschaft, als gemeinsames geistiges Streben. Und trotzdem riss es mich oft aus gerade solchen ideellen Bezügen heraus. Als wiederholte sich jenes Fremdheitsgefühl aus der Herkunftsfamilie. Ich fühlte mich als Freund und als Fremder, als Gast, und dennoch als jemand, den man irgendwie ‹im Blick› hat. Ich fühlte mich beobachtet, aber nicht gesehen. Fühlte mich zugehörig, aber doch als Unverbundener. Ich wurde Schriftsteller – und erlebte, dass die einen meine Texte und mein Schreiben als ungewohnt persönlich, auch zu persönlich, empfanden, vor allem im anthroposophischen Milieu. In der literarischen Szene hatte man mit solchen «Spuren des Lebens», wie es in einem Porträt in der ‹Süddeutschen Zeitung› einmal hieß, keine Probleme. Vielmehr wurden meine Themen, meine Plots und Figuren als eher unpersönlich empfunden, so, als sei für die Dramaturginnen und Dramaturgen in Wahrheit noch etwas anderes, Überpersönliches in den Theaterstücken enthalten, das aber nie klar herauskäme. Es gab da etwas nicht Greifbares, etwas Verhaltenes, Verborgenes, nicht sich Verkörperndes, nicht aus sich Heraustretendes; man wusste nicht, was man von mir halten, wie man mich einordnen, vielleicht auch, ob man mir vertrauen konnte. Ich bin am Faschingssonntag geboren: ein anderer zu sein; das Motiv der Maske und der Gespaltenheit kam hinzu. Die Natur zeigte sich bei meiner Geburt verhüllt, es fielen tagelang Unmengen von Schnee, alles war weiß, alles Leben im Februar war unter der Erde zwar schon regsam, aber noch verdeckt und unbemerkt. In meiner Jugend spürte ich, dass da ein Überschuss an Vitalität, an Energie in mir war; schon mein bester Freund bescheinigte mir dies und bewunderte es wohl. Ich mag es, unbedarft forschend und beweglich an Dinge heranzugehen. Aber ich beschäftige mich nicht gern auf einer Metaebene mit dem Physischen: wissenschaftlich, medizinisch, betrachtend, bezogen auf die Natur, auf Handwerk, Biologie, Materie. Ich gehe naiv und ‹seelisch› mit dem Irdischen um. Ich fühle mich noch immer nur halb auf der Erde.
Gehört mir mein Leib?
Wie geht es anderen, fragte ich mich oft. Wie fühlen sie sich in ihrem Leib? Wie passt ihnen das Kleid ihres Vor- und Familiennamens, wie bewegen sie sich in den Landschaften und Wohnungen ihrer Kindheit, wie riechen und schmecken diese? Wie fühlt sich Verkörperung für sie an?
Auch die Vorsilbe Ver- ist beweglich: Ich kann mich verlieben, ich kann mich vertun, ich kann Verbrechen begehen und Verrat, ich kann mich an jemandem vergehen und ich vergehe selber, ich kann Verzückung hervorrufen und Verluste betrauern, ich kann unter der Vergänglichkeit leiden und Verständnis signalisieren, ich kann verrückt sein und vernünftig und verstrickt und verzweifelt.
Und ich kann mich verkörpern. Wir sind Verkörperte. Ich kann etwas verkörpern, und etwas verkörpert etwas, ich bin verkörpert worden und lebe doch autonom in meinem Leib, und wenn ich ihn verlasse, vergeistige ich. Aber vergeistigt sein meint im Alltag auch eine Eigenschaft. Niemand sagt hingegen: Der und der wirke so verkörpert. Das Verkörpertsein ist vielmehr die selbstverständliche Voraussetzung dafür, dass ich vergeistigt erscheinen kann. Kann ich auch ‹verseelen›? Warum gibt es nur die Ausdrücke ‹beseelt› oder ‹seelenlos sein›?
Alles Verkörpern ist ein Manifestieren. Erst ein Körper macht die Dinge sichtbar im Raum und besprechbar. Am Körper nehme ich Anstoß. Er ist, als Körperschaft, ein Impressum auf einer Website und ein Unternehmen mit Steuernummer. Und trotzdem ist allen Verkörperungen ihre Vergänglichkeit eingeschrieben. Die Form, die eine Sache für eine Zeit angenommen hat, stirbt, wie der physische Körper stirbt. Ich kann mich bis ins hohe Alter in Form halten, und doch arbeitet das Wesen der Form an mir.
Alles, was mit Formwerdung zu tun hat und mit Wandel und Vergänglichkeit, ist konfrontiert mit der Frage nach Besitz. In meinem Heimatdorf wurden wir Kinder nicht nur als Angehörige, sondern als den Eltern oder der betreffenden Familie gehörend vorgestellt: «Das ist unser …», und Mädchen waren «das Anja, das Christine» – Objekte. Ein Dämon kann von einem Körper Besitz ergreifen; in den Evangelien wird Christus gerufen, um ihn auszutreiben. Auch der Christus-Jesus selbst war ein von einem göttlichen Wesen ergriffener menschlicher Leib, und doch würden wir hier niemals sagen, dass Jesus besessen war. Ich kann geistig Herr werden der verschiedensten Ebenen und Glieder meiner Konstitution. Ich gehöre mir. Mein Körper gehört mir. Und mein Mir-Gehören gehört dem Kosmos, eignet ihm; ich wohne ihm inne und er mir.
Hier beginnen die Gratwanderungen der Moral, denn «Mein Körper gehört mir» war der bittere Ausruf des Feminismus im Zusammenhang mit der Abtreibungsfrage. Junge Frauen machen sich ihn heute ausdrücklich zu eigen, wenn sie etwa in Unterrichtsdiskussionen die Position vertreten, auch in Partnerschaften, nicht nur bei Vergewaltigung, dürfe einzig die Frau am Ende entscheiden, ob ein Kind zur Welt kommt, also ein Mensch sich verkörpern darf, oder nicht. Bei der Frage nach der Verkörperung spielt zutiefst der physische Schmerz eine Rolle und in diesem Fall das gefühlte Unrecht, dass nur die Frau diesen Preis ihrer Weiblichkeit ein halbes Leben lang zu zahlen hat – und überdies seit Jahrhunderten, bis heute, körperliches Leid durch männliche Gewalt erleiden musste. Auch das gehört zur Geschichte der Dörfer.
Wer verkörpert?
Die Aussage, wir verkörperten uns nun einmal als Frauen oder Männer, oder gar der Hinweis auf die Gesetzmäßigkeit, dass wir uns in der Regel abwechselnd als Frauen oder Männer inkarnierten, ist heute nicht mehr normativ. Denn gerade hier geraten im Irdischen die geistigen Signaturen und irdischen Etiketten offenbar seit einiger Zeit durcheinander und in Bewegung. Menschen erleben die geschlechtliche Wahl, die ihr Körper getroffen hat, oft nicht mehr als die Wahl, die ihre Seele, die ihr Ich treffen wollte. Sie empfinden sich als im falschen Körper Steckende. Wer oder was hat aber dann die Konstitution ihres physischen Leibes bestimmt oder gewählt? Spricht nicht schon die Grammatik im Satz ‹Ich habe mich verkörpert› dem Ich eine aktive, bewusste Beteiligung zu? Als ich meine Mutter einmal fragte, warum sie nach so langer Pause auch noch mich geboren habe, überlegte sie und sagte dann: «Ach, du solltest einfach leben!» Oder sagte sie: «Du wolltest …?» Wenn mich damals Freunde besuchten, meinten sie häufig: «Komisch, irgendwie gehörst du hier gar nicht hin!» Aber wohin dann, dachte ich. Was hilft der Konjunktiv? Wohin hätte ich denn gehört? Wann bindet mich Herkunft, obwohl ich sie selber als unverbindlich erfahre oder mich selber als unverbunden in ihr?
Über die persönliche, eigene Verkörperung zu sprechen, ist sonderbar und nicht einfach. Man kann es in einer Geste tun, die Rudolf Steiner als diejenige der Bewusstseinsseele bezeichnet hat. Sie meint, dass man dabei auf sich selber mit einem gewissen Staunen, einem wissenschaftlichen Forscherinteresse schaut, vielleicht auch mit dem neutralen Interesse des Schriftstellers. In diesem Sinne bezeichnet sich etwa die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux als Ethnologin ihrer selbst. Und kürzlich beschrieb der Unternehmer Daniel Häni an dieser Stelle seinen Impuls, den Gedanken von Wiederverkörperung und Karma öffentlich besprechbarer zu machen.
Ansetzen kann ich vielleicht beim eigenen Lebensgefühl. So nahe es jedem ist, so unzulänglich oder vage lässt es sich beschreiben, vielleicht gerade, weil es einem so nahegeht und man kaum darüber nachsinnt. Wirkt es sich auf das Lebensgefühl aus, wie ich mich verkörpert habe? Wie fühlt sich meine Inkarnation an? Was antworte ich auf die Frage: Wie – oder wann – fühlst du dich?
Am Mittelrhein
«Von Mainz aus fuhr ich mit Ulriken auf dem Rheine nach Koblenz – Ach, das ist eine Gegend, wie ein Dichtertraum, und die üppigste Phantasie kann nichts Schöneres erdenken, als dieses Tal, das sich bald öffnet, bald schließt, bald blüht, bald öde ist, bald lacht, bald schreckt.» Kleist, ‹Geschichte meiner Seele›2
Im Laufe der Jahre gewann es für mich an Stimmigkeit und Bedeutung, dass ich am Mittelrhein aufgewachsen bin. Die Gegend ist UNESCO-Kulturerbe, und fast jeder ist schon einmal die Zugstrecke zwischen Mainz und Koblenz gefahren und war beeindruckt von der Landschaft mit den vielen Burgen. Zugleich haftet dem Mittelrheintal etwas Verwunschenes und Retrospektives an. Die weißen Dampfer und die Campingplätze gegenüber dem Loreleyfelsen erinnern an Polaroid-Urlaube aus den Siebzigerjahren, die ‹Anlieger frei›-Schilder auf den Feldwegen durch die Weinberge vergilben und verwittern, das Weiß in der Mitte ist dreckig und rostig und der rote Kreis drum herum kraftlos und blass. In den Dörfern verloren seit der Globalisierung viele ihren Besitz, andere passten sich an und adaptierten ihre Weingüter an den Zeitgeist.
Immer habe ich am Mittelrhein die Mitte geliebt. Schon als Kind wurde man so wundersam fraglos von den Leuten in die Mitte genommen, auf den Festen im Winzerkeller oder am Waldrand im nahe gelegenen Hunsrück, auf den hinauf eines von vier Nebentälern führte, in dem unser Dorf lag. Ich habe diese Mitte eigentlich nie verstanden, ich fühlte mich außerhalb von ihr, aber gerade deshalb tat sie so gut und war vielleicht sogar überlebensnotwendig: die Selbstverständlichkeit, dass man als Kind dazugehörte, dass alle einen kannten und sich mit Wohlwollen freuten, wenn man durch eine Tür kam, wenn man auf dem Fußballturnier Obertal gegen Untertal ein Tor schoss, wenn man seine erste Freundin hatte. Immer brauchten die Menschen dort die Mittellage. Diese Sehnsucht nach Harmonie, die Gabe des Humors. Zwar wurde, wie meistens auf dem Land, alles Fremde oder Ungewöhnliche erst einmal begafft oder bestaunt, aber immer habe ich die Menschen meiner Heimat als offen erlebt, als jederzeit bereit, einen anderen einfach dazuzuwinken zum Glas Wein vor dem Haus an den Sommerabenden. Ich nahm die Leute als Kinder wahr, die es einfach schön haben wollten, als Menschen, die immer eher vermitteln als sich abwenden wollten. Sie wussten, in ihren Wohnzimmerschränken aus der Nachkriegszeit standen keine gebildeten Bücher, sondern ‹Der große Brockhaus›, Romane von Uta Danella und das ‹Heimatjahrbuch von Rheinland-Pfalz›. Aber es machte sie nicht verstockt, sondern sie gingen in die immer herzliche Offensive. Oder sie waren berührt, wenn jemand etwas Tiefschürfendes sagte, wenn es vielleicht um den Tod ging, Worte, die sie vielleicht nicht bis in alle Winkel verstanden, aber sie nickten ernst und der Ernst war wahrhaftig. Am Mittelrhein wird das Rheintal eng, der Fluss fließt nicht durchgängig lieblich und breit, sondern auch zwischen schroffen Felsen hindurch, dunkel und triumphal. Das Dorf war wie ein dunkler Schoß, in dem man sich zusammenkrümmt, Schnaps trinkt, sich geborgen fühlt und gleichzeitig schwer und wehmütig, auf die Geburt wartend und aufs Licht der Welt, das man im selben Moment auch fürchtet.
Sich aktiv beheimaten
Vielleicht ist deshalb das Lebensgefühl gerade von Künstlerinnen und Künstlern oft davon geprägt, sich in Objekten, Textkörpern oder Klangkörpern ein zweites Mal zu inkarnieren, weil das Leben im wirklichen Leib, oder in der jeweiligen Gesellschaft, sie überfordert. Oder weil die Lebensaufgabe, die man fühlt, von einem anderen Ort her weiterbearbeitet werden muss. Für viele Schreibende war das eigene Werk wie ein Ersatzleib, mit dem man sich beheimatete in der Welt. Sich beheimaten wird dabei wie das Beseelen eine Aktivität, so wie dem ‹Verkörpern› als Wort jene Nuance des Verkehrten innewohnen kann. Viele jener nur wie andeutend Inkarnierten wurden nicht alt, wie Novalis und Kleist, der in seinen Briefen wehmütig einiger Jugendtage in Mainz gedenkt und den Rheinstrom wie einen Menschen beschreibt, oder wie Karoline von Günderrode, die sich im Rheingau am Ufer erdolchte, oder Georg Büchner, oder wie bis heute manche Musiker und Musikerinnen.
Was bedeutet es aber, dass wir heute alle mehr oder weniger körperlos werden? Dass wir gerade mehr oder minder eine Ersatzkörperwelt des Digitalen erschaffen? Das Bargeldlose ist ja auch das Haltlose, Körperlose, Immaterielle, der digitale Text, der nicht mehr zwingend als Papierausdruck veröffentlicht wird, der kein ‹Fleisch› mehr haben muss, das Verfassen von Textnachrichten in jedweder Form als bereits ausreichende soziale Berührung – befördern sie das Flüchtige? Vielleicht muss die Frage offen bleiben. Vielleicht ist es einfach der Lebenslauf der Welt. Aber trotzdem gibt es eine Bedeutung und eine Wort-Kraft im ‹Verkörpern›, die unzerstörbar und wesentlich bleibt: Denn ob ich es luftig tue oder intensiv, ob ich massiv bin oder zart, fest oder weich – erst der Leib gibt einer Sache Gewicht und Bedeutung. Auch die Seele, die Sternenwelt, braucht im Menschen einen Sitz, einen astralen Leib, um zu sein, was sie ist, und um uns fühlen zu lassen, dass wir existieren.
Lebe
Pack dein Bündel Trost,
den Tabak den Wein deine Kindheit,
schnür deine Schuh und lebe.
Lass deine Liebe lass sie sein.
Und auch den Tau auf ihren Lidern,
weil ihr Schlaf in Tränenweihern treibt,
ohn Ruh
ohn Lieb
lebe.
Vertrau deinen Wahnsinn der Stille an,
behalt ihn den Worten nicht vor, behalt ihn,
halt ihn fest.
Streichle die Hunde auf den Höfen,
denk an die Menschen, die kommen werden,
lebe.
Pack dein Bündel Trost,
den Tabak den Wein,
schnür deine Schuh und geh.3

