Eine Sicht aus Russland

Ein Gespräch über Krieg, Freiheit und Mitgefühl

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Lidia Mikhailova ist eine begeisterte Reisende. Sie war weltweit unterwegs und lebte in Moskau, Amsterdam und Sydney, bevor sie nach Sankt Petersburg zurückkehrte. Geboren wurde sie 1982 in Togliatti an der Wolga. Sie hat einen Uniabschluss in Finanzen und Wirtschaft, doch dann führte das Leben sie weit davon weg: Sie arbeitete als freiberufliche Journalistin, im Marketing, als Managerin großer Veranstaltungen und als Übersetzerin aus dem Englischen. Für diese Mutter von drei Kindern ist Anthroposophie zum roten Faden und zum Engagement als Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft geworden. Nach fünf Jahren Studium hat sie vor Kurzem ihr Eurythmie-Diplom erhalten. Aus dieser facettenreichen Biografie – durch und durch russisch und doch in der weiten Welt zu Hause – spricht sie hier mit Louis Defèche.


Eine kurzzeitige Öffnung

Louis Defèche: Hier in Europa haben wir natürlich mehr Kontakt zur westlichen Welt als zu Russland. Deshalb wollte ich die Stimme von jemandem hören, der dort lebt.

Lidia Mikhailova Sieh, in deiner Frage trennst du Russland bereits vom Westen. Wir sind tatsächlich etwas anderes. Russland gehört zu den Ländern, die nicht wirklich verwestlicht sind. Für Menschen, die nicht wissen, wie wir denken, können wir fremd und dadurch gefährlich wirken. Ich glaube nicht, dass das speziell mit der aktuellen Krise zu tun hat; das war fast immer so. Es gab nur eine sehr kurze Zeit, etwa dreißig Jahre, in der sich die Türen plötzlich weit öffneten. Da hatten wir dieses berauschende, beflügelnde Gefühl, dass die Welt eins ist, dass wir alle eine Familie sind.

Für Russen wurde das Reisen seit den 1990er-Jahren möglich, und im Jahr 2000 wurde ich 18. In der Sowjetzeit war die Trennung absolut: zwei Welten, die sich nie begegneten. Dann wurde die Welt eins, und es fühlte sich wunderbar an, in die westliche Familie aufgenommen zu werden. Dann schlossen sich plötzlich die Türen. Es war ein gewaltiger Schock. Als uns die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde, fragten wir uns, ob der Westen uns jemals wirklich als Gleichberechtigte angesehen hatte.

Wann, denkst du, hat sich die Tür geschlossen?

Der erste Akt begann mit der sogenannten Annexion der Krim im Jahr 2014 und den ersten Sanktionen der Europäischen Union. Zwar traten einige Schwierigkeiten auf, doch sie waren nicht gravierend. Als 2022 der Krieg ausbrach, wurden die Sanktionen verschärft. Sie trafen auch die normale Bevölkerung und erschwerten insbesondere das Reisen erheblich. Reisen sind nicht von der EU verboten, aber sehr schwierig geworden. Selbst mit einem Visum, das mittlerweile schwer zu bekommen ist, können Russen von der Grenzpolizei im Ausland abgewiesen werden. All dies scheint darauf ausgerichtet zu sein, den Kontakt zwischen Europäern und Russen zu verhindern.

Natürlich ist ein Teil der russischen Bevölkerung stark prowestlich eingestellt. Sie halten die Sanktionen für gerechtfertigt und fair und sind der Meinung, Russland müsse für sein Handeln bestraft werden. Für die Mehrheit jedoch fühlt es sich ungerecht an: Als der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ausbrach, wollte niemand wissen, warum Russland so handelte. Wenn zwei Kinder streiten, fragt ein guter Lehrer beide, was passiert ist, und bildet sich erst dann ein unabhängiges Urteil darüber, was zu tun ist. Von Beginn des Krieges an war klar, dass es im Westen niemanden interessierte, worin der Schmerz Russlands bestand – ein Schmerz, der stark genug war, um Russland zu militärischen Maßnahmen gegen einen Nachbarn zu treiben. Das war zutiefst demütigend.

Eine russische Perspektive

Kannst du genauer erklären, wie du die russische Sichtweise verstehst und warum du meinst, dass sie nie Gehör gefunden hat?

Eines kann man nicht ignorieren: den Bürgerkrieg in der Ukraine. Im Donbass tobte über mehrere Jahre ein Bürgerkrieg.1 Als der Krieg mit Russland begann, wurde diese Tatsache jedoch völlig ausgeblendet. Aus russischer Sicht war es zunächst kein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, sondern ein Konflikt innerhalb der Ukraine. Die Russen bemühten sich diplomatisch sehr, eine Militärintervention zu vermeiden. Sie legten zahlreiche Lösungsvorschläge vor, die jedoch alle vom Westen abgelehnt wurden – was aus russischer Sicht zeigte, dass kein wirklicher Wille zu einem konstruktiven Dialog bestand. – Und tatsächlich wird die Situation in Russland nicht als Krieg gegen die Ukraine wahrgenommen, sondern als Krieg zwischen Russland und dem gesamten Westen.

Da muss man sagen, dass man sich auf die Medien kaum verlassen kann: Sie verzerren Tatsachen, und zwar auf beiden Seiten. Der Westen nennt dies einen unprovozierten Angriff. Russland sagt, dass eine akute militärische Bedrohung bestand. Beides wird von der anderen Seite widerlegt. Wie finden wir heraus, was stimmt? Indem wir selbst nachforschen, klar denken und uns ein unabhängiges Urteil bilden. Dann beginnen wir zu erkennen, welche Kräfte tatsächlich im Spiel sind – über nationale Grenzen und den materiellen Bereich hinaus.

Aber schon die Annexion der Krim wurde als inakzeptabel angesehen, da sie die anerkannten Grenzen der Ukraine verletzte – und sie wird meist als Übergang der Krim von einer freien, demokratischen Ukraine zu einer russischen Diktatur geschildert. Wie siehst du das?

Politik muss auch pragmatisch betrachtet werden, ausgehend von Wirtschaft und militärischer Sicherheit. Auf der Krim liegt mit Sewastopol Russlands strategisch wichtigster Flottenstützpunkt am Schwarzen Meer. Nach dem Maidan erschien die neue ukrainische Regierung weder freundlich noch verhandlungsbereit; für Russland wurde der Stützpunkt zur lebenswichtigen Sicherheitsfrage. Es war ein hoch umstrittener, aber pragmatischer Schachzug: Russland nutzte die Gelegenheit, den Stützpunkt zu sichern, bevor es zu spät war, und übernahm Verantwortung für die umliegende Bevölkerung. Dass diese Sicherheitsfrage immer wiederkehrt, zeigt: Der Kalte Krieg ist nie wirklich beendet worden; Russland und Europa sehen einander weiterhin als Bedrohung.

Menschen, die ich kenne und die vor Ort waren, sagen, dass es beim Referendum auf der Krim keine Zwangsmaßnahmen gab.2 Ich habe nie davon gehört, dass irgendjemand mit Waffengewalt zur Stimmabgabe gezwungen wurde. Nach Kiew und dem Maidan fühlten sich viele sicherer, sich Russland anzuschließen, als ähnliche Unruhen in Sewastopol zu riskieren. Der Maidan selbst wurde als aggressive und nicht als friedliche Lösung ziviler Fragen empfunden.3 Und Russland als Diktatur darzustellen, empfinde ich als Manipulation. Wann immer der Westen mit einem Land unzufrieden ist, bezeichnet er dieses Land als Diktatur – Venezuela, Iran, Russland. Saudi-Arabien oder die Türkei werden selten als Diktaturen bezeichnet, da der Westen dort seine Interessen hat. Ehrlich gesagt gibt es nirgendwo Demokratie; vielleicht ist sie weitgehend eine Illusion.

Die Illusion äußerer Freiheit

Kannst du das näher erläutern? In Frankreich, Deutschland und den USA bezeichnen wir unsere Systeme als demokratisch. Warum würdest du sagen, dass das keine Demokratie ist?

Demokratie bedeutet wörtlich ‹Herrschaft des Volkes›. Als 2018 in Frankreich die ‹Gilets jaunes›-Bewegung entstand, reagierte der Staat mit harter Repression; Tausende wurden verletzt, manche verloren eine Hand oder ein Auge.4 In Deutschland denke man nur an die kürzlich hart unterdrückten Demonstrationen zur Unterstützung Palästinas.5 Man sieht es überall: Regierungen verfolgen ihre eigene Linie, nicht das, was die Demonstrierenden verlangen. Vielleicht gibt es in der Schweiz etwas wie echte Demokratie, aber es ist in der Welt selten.

Viele werden dir antworten, dass es einen großen Unterschied gibt, denn in Russland darf man weder demonstrieren noch das System kritisieren.

Natürlich gibt es einen Unterschied: Im Westen kann man politisch Sachen tun, die man in Russland nicht tun kann. Und doch halte ich diese äußere Freiheit weitgehend für eine Illusion – worüber alle nachdenken können, die ‹Die Philosophie der Freiheit› gelesen haben.6 Die äußere Freiheit ist daran gebunden, dass eine äußere Autorität sie gewährt. Im Westen darf ich demonstrieren, weil es erlaubt ist; in Russland ist diese Autorität weniger liberal. Dass äußere Freiheit in beiden Fällen von Autorität abhängt, zeigt: Wirkliche Freiheit beginnt im Inneren.

Überall auf der Welt werden wir weniger frei. In Russland ist äußere Freiheit eingeschränkt, doch Europa ist nicht viel freier: viele Regeln und der Druck, ‹westliche Werte› zu beachten. Freiheit liegt nicht im Befolgen von Werten, sondern im individuellen Denken und im geistigen Leben.7 Die Russen haben damit große Erfahrung: Äußere Freiheit ist seit Jahrzehnten eingeschränkt – durch die Revolution, unter Stalin und danach, mit Arbeitslagern für alle, die nicht mitgingen. Deshalb muss sich äußere Freiheit in eine innere verwandeln: Welche Werte sind wirklich meine – nicht die, die ich äußere, um akzeptiert zu werden, sondern die, die ich trotz Einschränkungen leben kann?

Lidia Mikhailova und Louis Defèche im Gespräch, Foto: Xue Li

Heute in Russland leben

Ich war schon mehrmals in China. Viele nennen es eine Diktatur, doch die Lage ist viel differenzierter, als westliche Klischees vermuten lassen. Wie ist das Alltagsleben in Russland derzeit, und wie fühlst du dich dort?

Wir haben eine lange Tradition, das private Alltagsleben vom politischen Leben zu trennen – so war es unter dem Zaren und unter der Sowjetunion. Man hatte immer das Gefühl, dass die Regierung ihr eigenes Ding macht und die einfachen Leute ihres. Ich glaube nicht, dass sich Menschen in Gefahr, überwacht oder kontrolliert fühlen – außer wenn sie sich stark in der politischen Opposition engagieren. Handlungen haben Konsequenzen, wie Naturgesetze: Wer ohne Regenschirm in den Regen geht, wird nass. Junge Menschen können in Schwierigkeiten geraten, wenn sie aus Wut auf die Straße gehen. Ich habe von Fällen gehört, in denen Menschen ohne eigenes Zutun verhaftet wurden. In meinem Umfeld habe ich so etwas nie erlebt, aber ich glaube schon, dass es vorkommen kann. Die Aufgabe ist, für unsere Rechte einzustehen und auf respektvolle Weise menschliche Würde aufzubauen – ohne sich wie Teenager zu widersetzen.

Zu den Kosten des Krieges zählt auch die Propaganda im Inland, was nachvollziehbar ist: Wir befinden uns im Krieg und ein gewisses Maß an Propaganda geht immer mit Krieg einher. Für Menschen aus dem Kunstbereich kann das schwierig sein, weil sie sich in ihrer Ausdrucksfreiheit eingeschränkt fühlen. Einige beklagen die Zensur durch das Kulturministerium, das Kunstschaffende dazu drängen kann, den Krieg zu rechtfertigen. Doch es gibt auch die andere Seite: Seit Kriegsbeginn wurden russische Kunstschaffende aus dem Ausland zurückgedrängt. Valery Gergiev verlor deutsche Verträge, weil er die Militäraktion nicht verurteilte; andere verloren Arbeit aus demselben Grund oder allein wegen ihrer Staatsbürgerschaft. Wem nützt das – beendet es einen Krieg oder dient es humanistischen, demokratischen Zielen?

Du hast vorhin den Unterschied zwischen der westlichen und der russischen Kultur angesprochen, ohne näher darauf einzugehen. Wie würdest du ihn beschreiben?

Was ich an Russland schätze, ist, dass die Menschen dort menschlicher wirken: manchmal unhöflich und ungeschliffen, aber oft herzlicher und wärmer als etwa die Deutschen. Europäer mit Russen zu vergleichen, ist wie Stadtmenschen mit Landmenschen zu vergleichen: einfacher, aber mit einer lebendigen Substanz. Es herrscht nach wie vor eine starke Abneigung gegen Deutsche – selbst in meiner Generation. Viele mögen die deutsche Sprache nicht, weil sie wie die Sprache der Invasionsarmee klingt, und in fast jeder Familie ist ein Großvater oder Urgroßvater im Krieg gefallen. Man darf nicht vergessen, dass Millionen Russen infolge der deutschen Invasion ums Leben kamen. Doch wenn ein Deutscher die Straße entlanggeht, wird er möglicherweise sofort umarmt, mit nach Hause genommen, mit Essen verwöhnt, und es wird dafür gesorgt, dass er sich willkommen und wohlfühlt. Abstrakt betrachtet sind Deutsche ‹schlecht›; im direkten Kontakt sind die Menschen hingegen freundlich. Diese Offenheit des Herzens mag zwar etwas kindlich anmuten, spiegelt jedoch eine Kultur wider, die sich noch in einer Art Kindheit befindet.

Polarität ist eine typisch russische Eigenschaft: Neben dieser Naivität findet man außergewöhnliche kulturelle, intellektuelle und technische Errungenschaften. Liebe und Hass zugleich zu empfinden, ist sehr russisch. Ausländer fragen oft, was die Russen von Putin halten. Gefällt ihnen, was er tut, jubeln sie ihm zu. Missfällt ihnen, was er oder die Regierung tut, ist er schuld – das ist etwas naiv. Aber Menschen sind überall mit ihrer Regierung unzufrieden. Wenn mir also jemand sagt, die Russen seien mit Putin unzufrieden, frage ich: Sind die Deutschen mit Bundeskanzler Merz zufrieden? Stehen die Franzosen voll hinter Präsident Macron? Warum sollte man von den Russen erwarten, dass sie immer zufrieden sind, wenn die Franzosen und die Deutschen es nicht sind?

Die gleiche Polarität zieht sich auch durch den Krieg in der Ukraine. Viele sind wütend auf die Ukrainer, weil diese sich in ihren Augen der westlichen Propaganda hingegeben haben, weil sie zu einem Werkzeug des Westens geworden sind, weil sie sich weigern anzuerkennen, dass der Westen sich nicht um sie kümmert, sondern sie nur ausnutzen will. Und doch auf der anderen Seite: Das sind unsere Brüder – warum müssen wir unsere Brüder bekämpfen? Wir wünschten uns wirklich, der Konflikt hätte anders gelöst werden können.

Krieg, Frieden und Verantwortung

Du denkst, es sei dazu gekommen, weil keine andere Lösung gefunden wurde – doch es hat dazu geführt, dass Menschen getötet werden, dass auf beiden Seiten unzählige Menschen ihr Leben verlieren und Familien auseinandergerissen werden. Wie fühlst du dich persönlich dabei?

Zunächst einmal habe ich Glück: Ich habe niemanden verloren. Dennoch macht mich der Verlust von Menschenleben sehr traurig; es wirkt sinnlos, und ich weiß nicht, wohin das führt. Wenn Leute fragen, warum Putin nicht einfach aufhört, komme ich auf die erste Frage zurück: Warum hat er überhaupt angefangen? Ich glaube nicht, dass er Krieg wollte. Er suchte verzweifelt nach einer diplomatischen Lösung, die Russlands Sicherheitsbedenken respektiert. Ich glaube, er dachte – oder ihm wurde geraten –, eine Machtdemonstration würde den Westen an den Verhandlungstisch bringen. Nur Wochen nach Kriegsbeginn, bei den Verhandlungen in Istanbul im Frühjahr 2022, lag bereits ein Rahmen auf dem Tisch. Aus russischer Sicht war eine Einigung nah. Es ist bekannt, dass der britische Premier Boris Johnson nach Kiew reiste und riet, weiterzukämpfen.8 Jetzt sieht die russische Regierung keinen Sinn mehr in Gesprächen: Sie hat erneut festgestellt, dass niemand sie ernst nahm. Also macht sie weiter, in der Hoffnung, dass der anderen Seite die Ressourcen ausgehen und sie sich endlich an den Tisch setzt, um wirklich darüber zu reden, wie wir Frieden schaffen können.

Bei diesem Krieg – und jedem anderen, der derzeit stattfindet – habe ich das Gefühl, dass wir alle mitschuldig sind. Wir sind schuldig, weil wir uns als Menschheit nicht weit genug entwickelt haben, um Krieg zu vermeiden. Ich möchte gegen niemanden kämpfen, doch auch ich trage Schuld, weil wir als Menschheit unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben. Wir haben die Vorstellung nie überwunden, dass Stärke und Gewalt Probleme lösen können. Als Weltgemeinschaft sind wir in unserer Friedensfähigkeit nicht weit genug gegangen. Doch dafür müssen wir alle es lernen, nicht nur Russland.

Aus deiner Sicht: Was müsste geschehen, damit Russland sagen kann: «Wir haben, was wir brauchen»?

Vor einigen Jahren – im Juni 2021 – veröffentlichte Putin in der ‹Zeit› einen Gastbeitrag, in dem er für eine Partnerschaft mit Europa und eine gemeinsame Sicherheit warb.9 Für mich war das ein echter Aufruf – ähnlich wie Gorbatschows ‹Neues politisches Denken› –, eine Einladung, gemeinsam die Grundlagen zu erarbeiten, auf denen Frieden in Zukunft bestehen könnte, im Geiste eines gemeinsamen europäischen Hauses. Ich fand das wirklich inspirierend. Und es wurde einfach abgetan. Historisch gesehen waren es die Deutschen und die Franzosen, die in Russland einmarschierten, nicht umgekehrt. Wenn Leute fragen, ob Putin Europa angreifen will, frage ich: Wozu brauchen wir das? Wir sind bereits das größte und ressourcenreichste Land der Erde. Wir brauchen Europa nicht; aber wir können uns gegenseitig helfen.

Der Westen bietet nur Bestrafung, doch das Schema von Schuld und Unschuld löst nichts. Die wirkliche Lösung wäre, dass alle Seiten innehalten – nicht, weil jemand ‹gewonnen› hat, sondern weil wir alle erkennen, dass dies nicht der richtige Weg ist –, sich an einen Tisch setzen und sich eine neue Art des Zusammenlebens vorstellen, unter Berücksichtigung der Herausforderungen und des neuen Bewusstseins, das sich gerade herausbildet. Für die Zukunft der Menschheit wäre das das beste Szenario.

Aus meiner Sicht ist die erste Voraussetzung für ein Ende des Krieges, dass Europa seine Angst vor den Russen ablegt. Man darf nicht vergessen, dass in der Nacht, als 1989 die Berliner Mauer fiel, kein einziger Tropfen Blut vergossen wurde. Die Sowjetunion wurde nicht vom Westen zerschlagen; anstatt sein Imperium mit Gewalt zusammenzuhalten, entschied Gorbatschow, dass das Spiel zu lange gedauert hatte, und trat zurück. Das war wahrscheinlich die friedlichste Geste des zwanzigsten Jahrhunderts, und Russland als Land erhielt dafür kaum Anerkennung. Die Überwindung der Angst ist oberste Priorität, und dafür müssen wir den Kontakt aufrechterhalten – nicht nur zwischen Delegationen, sondern zwischen den Menschen –, bis wir aufhören, uns voreinander zu fürchten, anfangen, einander zu respektieren, und das Gefühl haben, dass wir eins sind.

Es gibt noch einen schwierigeren Punkt: Das Beschuldigen anderer ist oft eine Projektion. Normale Europäer sollten erkennen, wie Propaganda davon profitiert. Wir müssen alle lernen, die Medien kritisch zu hinterfragen. Letztendlich kommt es weniger auf die Staatsform an – mehr demokratisch oder mehr autoritär – als auf die Frage, ob man sich ein unabhängiges Urteil bilden kann. Wenn wir Menschen daran arbeiten, aufzuwachen und unsere Menschlichkeit zu entwickeln, wird sich die Welt verändern. Sie wird sich nicht verändern, wenn wir uns nur beschweren und mit dem Finger auf andere zeigen.

Wahrheit, Mitgefühl und Freundschaft

Man könnte einwenden: Diese Lidia steht unter dem Einfluss russischer Propaganda. Oder: Sie kann nicht frei sprechen!

Man muss lernen, Lügen zu erkennen. Wir leben in einer Welt voller Lügen, und dieser ganze Krieg beruht darauf. Für alle, die sich ernsthaft mit Anthroposophie beschäftigen, ist das eine zentrale Frage: Wie erkennen wir Lüge? Ich denke, wir müssen echtes Interesse am anderen Menschen entwickeln, statt ihm vorgefertigte Konzepte wie eine Baseballmütze aufzusetzen. Wenn du einen Sinn für Wahrheit entwickelst, wirst du in einem lebendigen Gespräch spüren, ob ich wie jemand klinge, der unter dem Einfluss von Propaganda steht, oder ob man mir zutrauen kann, aufrichtig zu sein. Es erfordert ein wenig Herz. Wenn also jemand darauf besteht, dass ich nicht frei bin, lade ich die Person ein, zu mir zu kommen und mit mir zu sprechen!

Was würdest du jemandem in der Ukraine sagen, der wütend auf Russland ist, leidet und sich für die Freiheit der Ukraine einsetzt?

Das ist eine schwierige Frage. Einerseits tut mir jeder, der unter diesem Krieg leidet, aufrichtig leid. Andererseits ist es nicht meine persönliche Schuld: Ich habe niemanden getötet, also kann ich nicht um Vergebung bitten, wo es nichts zu vergeben gibt. Ich habe das Glück, nie angegriffen worden zu sein, obwohl ich vor zwei oder drei Jahren auf Reisen in Europa oft Angst davor hatte. Und ich habe ukrainische Wurzeln: Ich habe einen ukrainischen Mädchennamen, und meine Großeltern kamen aus der Ukraine. Wie eine typische Russin bin ich vielleicht zu 75 Prozent Ukrainerin, zu 15 Prozent Karaimin; der Rest ist etwas anderes. Dennoch betrachte ich mich durch und durch als Russin. Wenn mich jemand angreifen würde, sähe ich wenig Sinn darin, zu streiten. Ich würde einfach sagen: Es tut mir leid. Nicht leid dafür, was mein Land tut, sondern leid, dass du leidest – denn dein Leid ist auch mein Leid. Ich leide mit allen, die leiden.

Auch Russen sterben in diesem Krieg.

Ja, und ich leide auch mit ihnen. Allerdings habe ich auch Russen getroffen, die sich freiwillig an die Front gemeldet haben. Ich kann das nicht beurteilen. Doch viele, die nicht am Kampf teilnehmen, leiden ebenfalls. Wenn wir als Menschheit mit mehr Mitgefühl auf das Leid der Menschen blicken würden – und weniger auf Politik und Wirtschaft –, würden wir in einer anderen Welt leben. Sobald man den Weg des Mitgefühls einschlägt, kann man nicht mehr selektiv sein: Man fühlt mit allen mit und möchte Frieden schaffen. Rechtlich oder politisch befinden wir uns praktisch in einer Sackgasse; ich glaube, die Lösung liegt auf rein menschlicher Ebene.

Solange Mitgefühl selektiv bleibt, wird der Konflikt weiter schwelen. Das ist das Problem an diesem Krieg: So viel Unterstützung für die eine Seite und so viel Schuld, die der anderen Seite zugeschoben wird, ohne dass wirklich nachgefragt wird. Es ist nicht nur ein Krieg zwischen zwei Ländern, sondern ein Problem der Menschheit – und kein Einzelfall, da gleichzeitig sechs oder sieben Kriege toben. Die Menschheit ist fiebrig, und wir behandeln jedes Symptom isoliert, anstatt die Krankheit zu erkennen. Das sind Anzeichen dafür, dass wir etwas falsch machen und es anders angehen müssen. Um das zu erkennen, müssen wir alle unser Bewusstsein schärfen – eine passende Aufgabe für das Zeitalter der Bewusstseinsseele. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Menschheit.

Zum Schluss: Wie siehst du die Anthroposophie heute in Russland?

Die lebenswichtige Verbindung zwischen der russischen Anthroposophie und ihren deutschen und schweizerischen Partnern ist institutionell weitgehend abgebrochen. Nur wenige westliche Anthroposophen unterstützen Russland und wollen nach Russland reisen. Nun müssen wir lernen, auf eigenen Beinen zu stehen – vermutlich eine gesunde, aber schwierige Entwicklungsphase. Doch die Anthroposophie lebt. Viele Initiativen kämpfen, weil nur wenige neue Menschen hinzukommen. Waldorfschulen stehen etwas besser da, weil immer wieder Kinder hinzukommen, während andere, die von Erwachsenen abhängen, teils träge werden. Die ersten Generationen brannten vor Begeisterung, viele sind inzwischen über die Schwelle gegangen, und Jüngere kommen nur vereinzelt nach. Rechtliche Hindernisse wie zu Sowjetzeiten gibt es nicht; Veranstaltungen sind öffentlich. Durch den Krieg sind europäische Unterstützungen weggebrochen, nicht nur finanziell: Camphill-Dörfer vermissen junge Freiwillige aus Europa. Es ist amüsant zu hören, wie Leute sagen: «Die Russen lassen uns nicht rein», wo man doch online innerhalb von vier Tagen ein Visum bekommen kann!

Russland ist in mancher Hinsicht weniger frei und in anderer Hinsicht freier: Wenn man einen ungewöhnlichen Weg einschlagen möchte, gibt es Spielraum dafür, aber man muss sich dafür einsetzen. Im Gegensatz zu Deutschland ist Homeschooling in Russland erlaubt.10 Meine Kinder besuchen eine Waldorfschule, die nicht registriert zu sein braucht. Es gibt eine Bewegung kleiner Waldorfschulen, die die Kinder so unterrichten können, wie sie wollen. Deutsche Landwirte mit Interesse an biodynamischen Initiativen kommen hierher, weil die Landwirtschaft nicht so stark reguliert ist. In Russland gibt es etwas Freiraum, wenn man danach sucht.

Ein letztes Wort?

Als ich Teenager war und Deutsche zu Besuch kamen, sagten sie immer: ‹Freundschaft›. Das ‹Make love, not war› klingt mittlerweile etwas abgedroschen, daher würde ich es anders formulieren: ‹Schafft Freunde, nicht Feinde›. Frieden ist schwer zu erreichen, aber es ist noch möglich!

Vielen Dank – es hat mich sehr gefreut, mit dir zu sprechen.


Das Gespräch fand auf Englisch statt. Wie bereits beim Interview mit Serhii Kopyl (‹Goetheanum› 18/2026), das die Sichtweise eines ukrainischen Anthroposophen darstellte, übernimmt das ‹Goetheanum› auch hier nicht die Interpretationen der Interviewten, sondern bietet lediglich Raum für deren Meinungsäußerung und lädt zum Mitdenken ein.

Titelbild Lidia Mikhailova, Foto: Xue Li

Fußnoten

  1. Die Forschung beschreibt den Donbass-Krieg 2014–2022 als Mischform: eine reale lokale Aufstandsdimension mit einer Mehrheit lokaler Kämpfer und zugleich eine militärische Unterstützung Russlands, die spätestens ab August 2014 dokumentiert ist. Vgl. Serhiy Kudelia, Domestic Sources of the Donbas Insurgency, in: PONARS Eurasia Policy Memo 351/2014; Ivan Katchanovski, The Separatist War in Donbas: A Violent Break-up of Ukraine?, in: European Politics and Society 17/2016.
  2. Unabhängige Umfragen von 2014 und 2019 bestätigen eine mehrheitliche Zustimmung der Krim-Bevölkerung zum Anschluss an Russland. Das Referendum wird jedoch international nicht anerkannt. Vgl. John O’Loughlin, Gerard Toal, The Crimea Conundrum: Legitimacy and Public Opinion after Annexation, in: Eurasian Geography and Economics 60/2019; UN-Generalversammlung, Resolution 68/262, 27.3.2014.
  3. Die Maidan-Proteste 2013/14 forderten über 100 Todesopfer. Laut Umfragen vom April 2014 nahmen viele Menschen im Süden und Osten der Ukraine sowie auf der Krim den Umbruch als bewaffneten Umsturz wahr. Vgl. KIIS, Opinions and views of the citizens of Southern and Eastern regions of Ukraine, April 2014.
  4. Bei den ‹Gilets jaunes›-Protesten 2018/19 wurden Tausende Menschen verletzt; unabhängige Zählungen dokumentieren rund 30 Augenverluste und mehrere abgerissene Hände. Vgl. Amnesty International, Gilets jaunes en France: un bilan inquiétant, 18.11.2019
  5. 2023 wurde in Deutschland ein Großteil der propalästinensischen Versammlungen verboten; UN-Expertinnen und -Experten kritisierten Kriminalisierung und Polizeigewalt, ein Berliner Gericht erklärte 2025 die Auflösung des Palästina-Kongresses für rechtswidrig. Vgl. Amnesty International, Europe: Right to protest must be protected during latest escalations in Israel/OPT, 12.10.2023; OHCHR, UN experts urge Germany to halt criminalisation and police violence against Palestinian solidarity activism, 16.10.2025.
  6. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. GA 4, Berlin 1894.
  7. Eine ähnliche Beobachtung machte Alexander Solschenizyn 1978 in seiner Harvard-Rede: Auch ohne Zensur herrsche im Westen eine «Mode im Denken», die unmodische Ideen kaum zu Wort kommen lasse und «gefährliche Herdeninstinkte» fördere – Freiheit sei darum nicht rechtlich, sondern nur innerlich zu sichern. Vgl. Alexander Solschenizyn, A World Split Apart. Rede an der Harvard University, 8.6.1978.
  8. Dass Boris Johnson Kiew im April 2022 vom Unterzeichnen abriet, geht vor allem auf eine Aussage des ukrainischen Delegationsleiters Davyd Arachamija zurück. Vgl. Ukrajinska Prawda, 24.11.2023.
  9. Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion veröffentlichte Putin einen Gastbeitrag in der ‹Zeit›. Vgl. Wladimir Putin, Offen sein, trotz der Vergangenheit, in: Die Zeit, 22.6.2021.
  10. Das russische Bildungsgesetz erkennt Familienbildung als Form der Allgemeinbildung an (Art. 17); in Deutschland schließt die Schulpflicht Homeschooling faktisch aus. Vgl. Föderales Gesetz Nr. 273-FZ ‹Über die Bildung in der Russischen Föderation›, 29.12.2012, Art. 17; EGMR, Wunderlich gegen Deutschland. Urteil vom 10.1.2019.

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