Antike Eurythmie

Basilika des antiken Namensgeber der Eurythmie entdeckt. Die Folge: Vitruv war nicht nur Kunsttheoretiker, sondern er schuf auch Werke.


Rekonstruktion der Vitruv-Basilika von Cesare Cesariano (1521), Quelle: Wikipedia

Der römische Architekt Vitruv findet gerade in die Tagespresse, weil es gelungen ist, das einzige ihm sicher zugeschriebene Gebäude zu entdecken und auszugraben. Die Basilika ist zugleich das einzige Bauwerk, das er in seinem fünften Band zur Architektur erwähnt. Vitruv war nach heutigem Wissensstand der Erste, der das Wort ‹Eurythmie› verwendete. Marcus Pollio Vitruvius (ca. 84 bis 27 v. Chr.) war ein römischer Architekt und Ingenieur und verfasste mit ‹De architectura libri decem› (dt.: ‹Zehn Bücher über die Baukunst›) das einzige aus der Antike überlieferte Werk der Architekturtheorie. Mit den drei Idealen ‹firmitas, utilitas, venustas› (Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit) prägte er die westliche Literaturgeschichte. Im zweiten Band heißt es: «Eurythmia est venusta species commodusque in compositionibus membrorum aspectus. Haec efficitur, cum membra operis convenientia sunt altitudinis ad latitudinem, latitudinis ad longitudinem, et ad summam omnia respondent suae symmetriae.» Deutsch: «Eurythmie ist eine ansprechende und harmonische Anordnung der einzelnen Teile eines Werkes. Sie entsteht, wenn die Teile eines Werkes in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen – Höhe zu Breite, Breite zu Länge – und wenn alles seiner eigenen Symmetrie entspricht.» Dann vergleicht Vitruv, um den Begriff der Symmetrie zu klären, ein Bauwerk mit dem menschlichen Körper: «Uti in hominis corpore e cubito, pede, palmo, digito ceterisque particulis symmetros est eurythmiae qualitas, sic est in operum perfectionibus.» Deutsch: «So wie im menschlichen Körper die Proportionen von Ellbogen, Fuß, Handfläche, Finger und anderen Teilen ein Merkmal der Eurythmie sind, so verhält es sich auch bei vollkommenen Kunstwerken.» Interessant: Der Gedanke der organischen Baukunst, dass der Bau Bild von uns Menschen sei, findet sich so bereits bei dem Wortschöpfer der ‹Eurythmie›. Eine zweite Linie: Leonardo da Vincis Gemälde des Menschen in Kreis und Quadrat geht ebenfalls auf Vitruv zurück und wird deshalb auch als ‹Vitruv-Mensch› bezeichnet. Es ist der gleiche Gedanke, der Vitruv zum Wort ‹Eurythmie› führt, denn Vitruv beschreibt, dass der menschliche Körper ideale Proportionen habe. Indem Leonardo da Vinci Kreis und Quadrat um die menschliche Gestalt zeichnet, zeigt er im Bild, dass wir Menschen bis ins Leibliche Brücke zwischen Erde und Himmel sind. Das Quadrat ist die Erde, der Kreis der Kosmos in der menschlichen Gestalt – ganz eurythmisch.


Bild Ausgrabung der Basilika in Fano/Italien, Foto: Wikipedia

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