Verlust – ein Schlüsselbegriff unserer Zeit

Es gibt Begriffe, die mit einem Schlag ein Licht werfen, den Blick in die Tiefe der Zeit freigeben. Das Wort ‹Verlust› ist solch ein Schlüsselbegriff. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat ihn mit seinem Buch ‹Verlust – Ein Grundproblem der Moderne› ins Gespräch gebracht.


Reckwitz beginnt mit einer Zahl: 84 Prozent der Deutschen schauten 2022 negativ in die Zukunft und diejenigen nehmen zu, die erwarten, dass es der nächsten Generation materiell schlechter geht. Hinzu kommt: Das Vertrauen schwindet, dass die Demokratien die gegenwärtigen Probleme zu lösen vermögen. Eine unsichere Zukunft prägt die Gegenwart und auch die Vergangenheit wirft Schatten ins Jetzt, weil Schädigungen und Traumata aus früherer Zeit nach Beachtung und Heilung rufen. Die Erfahrung von Verlust ist zu einem Grundgefühl geworden. Diese Erfahrung spannt sich von materiellen Einbußen und daraus folgendem Statusverlust bis zum schwindenden Erlebnis von Sinnhaftigkeit und Reichhaltigkeit der eigenen Existenz. «Transzendentale Obdachlosigkeit» nennt der ungarische Philosoph Georg Lukács diese geistige Verlusterfahrung. Wie immer man zu dem Angriff der usa und von Israel auf den Iran stehen mag, er ist ohne un-Mandat und ohne Entscheid des us-Kongresses jüngstes Beispiel der heutigen Ordnungsverluste. Dass der Klimawandel als Aufgabe so eigenartig in den Hintergrund rückt, spiegelt den Kontrollverlust. Diese vielfältigen Verlusterfahrungen, so Reckwitz, steigern sich zu einer Eskalation an Verlusterfahrung, bei der selbst diejenigen, die von Verlusterfahrung verschont sind, sehr oft in der Erwartung von Verlusterfahrung leben.

Die Moderne bricht ihr Versprechen

Natürlich hatten wir Menschen zu allen Zeiten mit Verlust zu tun und auch in viel dramatischerem Umfang, als das heute in wohlhabenden Staaten mit Versicherungswesen und sozialer Absicherung der Fall ist. Man muss nur wenige Jahrhunderte zurückgehen und der Tod eines Kindes, der Verlust von Hab und Gut gehörten zum alltäglichen Schicksal. Nicht die Menge an Verlusterfahrung, so Reckwitz, sondern unsere Empfindung von Verlusterfahrung ist das Problem. Die Moderne hat mit technischem Aufschwung, mit medizinischer Versorgung und sozialer Absicherung ein nahezu verlustfreies Leben versprochen und war mit ihren Methoden der Verlustreduktion auch ziemlich erfolgreich. Wo man durch Alter oder Krankheit etwas vom Leben verliert, der Verlust unleugbar wird, nehmen die Altenheime und Kliniken uns aus dem allgemeinen Blick heraus. Die Moderne hat Strategien der Verlustvermeidung entwickelt und zugleich – und hier fangen die Widersprüche an – entwickelt sie mit tausend therapeutischen Angeboten eine hochgradige Verlustsensibilität. ‹Verlust› soll nicht sein und wird doch überall bewirtschaftet. Ja, wenn zum Narrativ der Moderne das ‹Schneller›, ‹Höher›, ‹Weiter› gehört, dann bedeutet das, dass fortwährend etwas als ‹Altes› auf der Strecke bleibt. Die Moderne will uns vom Verlust befreien und erzeugt ihn durch ihren Fortschrittsglauben. Außerdem ist das Vertrauen brüchig geworden, dass unsere Gesellschaft Verlust vermeiden kann, und so gewinnt der Populismus Boden, weil er die Verlusterfahrung zu bewirtschaften vermag. Er verspricht, die Verlusterfahrung ungeschehen zu machen: ‹Take back control› war in Großbritannien die Losung und ‹Make America great again› in den usa. Indem der Populismus Schuldige für die Verlusterfahrung findet, verspricht er seinen Wählerinnen und Wählern, sie aus der Opferrolle zu befreien. Negative Erfahrungen passen nicht zum «antitragischen» Programm der Moderne, schreibt Reckwitz, und weiter: «Für die Trauer um das Verlorene, Gescheiterte und Misslungene hat das moderne Fortschrittsdenken keinen wirklichen Ort. Je mehr der Fortschrittsglaube heute erodiert, desto weniger mag man daran glauben, dass ein Verlust nur eine kurzlebige Delle im eigentlichen Aufstieg ist.»

Trauern lernen und erwachsen werden

Zur Klärung, dass es eine Sache der Wahrnehmung, der Interpretation und schließlich der Bewertung ist, skizziert Reckwitz vier Stufen des Verschwindens: Manches verschwindet, ohne dass man es bemerkt – als der Lauf der Dinge. Anderes verschwindet, und dies wird bemerkt und neutral bewertet. Wieder anderes verschwindet und es wird begrüßt: Neues verdrängt das Alte. Dem vierten Fall gilt das Buch, hier wird Verschwinden als Verlust verstanden. Interessant dabei: Der Ärger über ein negatives Ereignis ist tiefgreifender und anhaltender als die Freude über ein positives Geschehen. Gleiches gilt für Erwartungen. Tritt eine negative Vermutung nicht ein, so wird man sie schnell fallen lassen. Anders bei einer positiven Erwartung. Wird sie nicht erfüllt, fällt es ungleich schwer, sie gehen zu lassen. Das Unvermögen, der Unwille, Verlust anzuerkennen, gerinnt in die Frage: Haben wir verlernt zu trauern?

In Rudolf Steiners ‹Zwölf Stimmungen›, in denen er die zwölf Tierkreisbilder mit je sieben Färbungen der Planeten durchkonjugiert, lohnt es sich, die letzte der 84 Zeilen in den Blick zu nehmen: «Der Verlust sei Gewinn für sich!» Den gleichen Ratschlag gibt Andreas Reckwitz im letzten Kapitel seines Buches. Sollte die Moderne nicht von selbst auf den Pfad des Aufstiegs gelangen, so empfiehlt der Soziologe drei Eigenschaften zu üben: Verletzlichkeit von Mensch, Gesellschaft und Erde, Resilienz und Integration von Verlust. Kants Leitfrage ‹Was darf ich hoffen?› drehe die Verlusterwartung in ‹Was müssen wir fürchten?›. Reckwitz schließt sein Buch mit einem Ratschlag und zeigt dabei eine Perspektive zu Kants positiver Haltung. «Die Moderne war von Anfang an von einem mitreißenden Ideal der Jugendlichkeit geprägt. Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass sie erwachsen wird und lernt, klug mit den Verlusten umzugehen.»


Buch Andreas Reckwitz, Verlust – Ein Grundproblem der Moderne. Berlin 2024.

Bild Überschwemmungen in Bradford (UK) 2019, Foto: Wes Warren/Unsplash

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