Ein Ginkgo, drei Zeiten und eine leise Sehnsucht. ‹Silent Friend›, der neue Film von Ildikó Enyedi, erzählt in zarter Entschleunigung von Menschen, Pflanzen und einer stillen freundschaftlichen Welt.
Wer den Trailer gesehen hat, geht in Erwartung eines untypischen Films ins Kino. Man weiß, dass hier kein Thriller mit gewaltigen Spannungsbögen, keine von Emotionen getragene Tragödie läuft. Man weiß auch, es ist keine klar strukturierte Dokumentation darüber, wie Pflanzen wahrnehmen und kommunizieren. Und trotz der offenen Haltung, die man vielleicht mitbringt, ist ‹Silent Friend› überraschend. Im Vergleich zu unserer sonst so schnelllebigen Welt ist diese träumerische, zarte Inszenierung eine Entschleunigung, die vielleicht nicht für jeden leicht auszuhalten ist. Während der Film seinen Lauf nimmt, verfällt das Publikum in eine Art unaufgeregtes Interesse, in eine gefühlvolle Betrachtung der Szenen, die einen irgendwie berühren, auch wenn man nicht ganz versteht, wie.
‹Silent Friend› spielt an der Universität Marburg und in dem dazugehörigen botanischen Garten, in dem der ‹Mittelpunkt des Films› lebt und wächst: ein alter, großer Ginkgo biloba. Er verbindet die drei Zeitebenen, in denen der Film erzählt wird. Durch ihn hat man das Gefühl, dass die Figuren sich trotz der zeitlichen Distanz nah sind und ihre Leben als Erinnerung des Baums nachhallen.
Im Jahr 1908 will Grete, eine angehende Biologin (Luna Wedler), an die Universität. Ihr stehen einige Hürden im Weg. Speziell die Szene ihrer Aufnahmeprüfung zeigt die Widerstände einer streng patriarchalen Wissenschaftswelt gegen die erste junge Frau am Institut. Während ihr Studium beginnt, kommt sie privat in Schwierigkeiten und muss sich nach einer neuen Unterkunft umsehen. Gegen Kost und Logis wird sie Assistentin eines Fotografen und beginnt schließlich mit der Fotografie von Pflanzen, dargestellt in feinen, sphärischen Szenen, die ihre Neugier und Entdeckungsfreude spiegeln.
Die zweite Zeitebene spielt 1972 und erzählt die Geschichte des jungen Studenten Hannes (Enzo Brumm), der vom Land kommt, unbeholfen in der Stadt und unter den Gleichaltrigen. Er scheint in seine Mitbewohnerin verliebt, die auch Biologiestudentin ist. Aber es kommt nie zu einem klassischen Sich-Näherkommen. Ihre Zuneigung zueinander drückt sich darin aus, dass sie ihm ihre Geranie anvertraut, mit der sie ein langfristiges Experiment durchführt. Über den Sommer, den Hannes zum größten Teil allein verbringt, baut er eine starke Bindung zu dieser Geranie auf.
Der dritte Erzählstrang begleitet im Jahr 2020 den chinesischen Hirnforscher Tony Wong (Tony Leung Chiu-wai), der von Hongkong nach Marburg kommt, um an der Uni zu arbeiten. Doch die Coronapandemie lässt schnell Stille einkehren und Tony Wong findet sich allein mit dem Hausmeister Anton (Sylvester Groth) auf dem Gelände des botanischen Gartens wieder. Keine richtige Aufgabe zu haben und sozial isoliert zu sein, zieht ihm Stück für Stück den Boden unter den Füßen weg. Irgendwann stößt er online auf einen Vortrag der Biologin Alice (Léa Seydoux) und beginnt sich dafür zu interessieren, wie und ob Pflanzen ihre Umgebung wahrnehmen. Er nimmt Kontakt zu Alice auf, um von ihr zu lernen und ein Experiment aufzubauen. Die beiden kommen immer wieder per Videochat zusammen und tauschen sich aus. Tony installiert an dem großen Ginkgo seine wissenschaftlichen Gerätschaften und beginnt die Regungen des Baums zu messen. Nachdem Hausmeister Anton ihm und seinem Experiment anfänglich feindselig gegenübersteht und sich von Tony in seinem Reich gestört fühlt, entwickelt sich über den Sommer eine stille Freundschaft zwischen den beiden.
Als Publikum erwartet man immer wieder bestimmte Geschehnisse im Verlauf der drei Erzählungen, die dann nicht eintreten. Der Film will keine Fragen beantworten, vielmehr berührt er verschiedenste Aspekte des Seins und überlässt dem Zuschauer, was er damit macht. Während der Star-Cast durch die zurückhaltenden Rollen in den Hintergrund rückt, werden die Pflanzen zu den Hauptdarstellern. Man freut sich, wenn die Geranie wieder auftritt, man fühlt sich geborgen, ist der mächtige Ginkgo gerade auf der Leinwand. Teilweise gibt es Passagen, die kaum Text enthalten. Aber durch die voluminösen Klänge und den kinematografischen Detailreichtum werden starke, ruhige Gefühle transportiert – man begegnet sich selbst in dieser friedvollen und klaren Stimmung.
Nach dem Film fühlte ich mich wie eingeweiht in eine Schönheit und Wahrheit der Pflanzen, die mir bisher verborgen war. Wieder zu Hause angekommen, galt der erste Blick meiner Zimmerpflanze, und ich fragte mich, ob es ihr wohl gerade gut geht. Meine Freundin fragte halb scherzhaft, halb ernst, wie die Beziehung zwischen der Monstera und mir aktuell laufe. Ich betrachtete die Pflanze einen Moment lang und dachte darüber nach, wie sie in ihrem Topf steht und wächst und wie ich das neue Blatt, das sie gebildet hat, oft erst entdecke, wenn es schon erstaunlich groß ist. «In letzter Zeit etwas angespannt, da es jetzt oft kalt im Zimmer ist und ich sie neulich aus Versehen etwas beschädigt habe. Aber wir haben das geklärt und jetzt geht es ihr schon viel besser.»
Der 1955 in Budapest geborenen Regisseurin Ildikó Enyedi ist es gelungen, einen Film zu machen, der seinen Blick auf das Schöne richtet. Er erinnerte daran, dass Leben in ruhigen Rhythmen verläuft, dass Dinge sich langsam entwickeln und nicht möglichst effizient und schnell fertig sind. Vielleicht kann uns das Verstehen der Pflanzenwelt eine heilsame Erfahrung sein. Sie überstürzen nichts, sind nicht kriegerisch, lehren uns, unser Gegenüber als Ganzes zu sehen, das stetig wächst. Wer sich von der Flut katastrophaler Neuigkeiten etwas krank fühlt, dem ist ‹Silent Friend› klar zu empfehlen. Denn Ildikó Enyedi besitzt die Fähigkeit, uns zurückzuholen.


