Wechselbeziehungen zwischen Sprache und Menschlichkeit

Zur Erklärung ‹Gegen Rassismus in der Anthroposophie›, ‹Goetheanum› 13/2021, mit einer Buchempfehlung.


I Die Sensibilität gegenüber Rassismus und Diskriminierung hat in jüngster Zeit erkennbar zugenommen. Darin zeigt sich ein Streben nach einem integrierend angewandten, für alle gleichermaßen geltenden Menschenrecht. Die von Rassismus Betroffenen wollen angehört werden. Jeder Mensch will selber bestimmen, welches Verhalten seiner Mitmenschen es an Respekt fehlen lässt oder ausgrenzt. Wenn anthroposophische Einrichtungen von Kritikern in Verbindung mit Rassismus oder rechtsradikalem Gedankengut gebracht werden, dann wird Anthroposophie offenbar nicht erkennbar als das, was in ihr intendiert ist als eine ‹Versuchsmethode des allgemein Menschlichen›1. Es wird nicht zum Erlebnis, dass diese Methode zu tun hat mit Übung, ohne jeden Anspruch auf Autorität, aber doch der unbedingten Anerkennung des Gleichheitsprinzips. Es wird zusätzlich ihr Weltbezug offenbar als nicht förderlich und sich abhebend aufgefasst. Das hat unmittelbar mit Denk- und Sprachgewohnheiten zu tun und betrifft nicht nur die Rassismusfrage. Was damit zusammenhängt, lässt sich nicht einfach mit Absichtserklärungen lösen. Denn es steckt in solcher Kritik nicht nur feindlich gesinnte Abneigung, sondern auch eine berechtigte Suche nach mehr Respekt und Menschlichkeit.

Die ‹Versuchsmethode des allgemein Men­schlichen› entwickelt einen um­fassend integrativen Ichbegriff. Sie bezieht in ihrer spirituellen Selbst- und Welterkenntnis die verbindenden Naturgrundlagen und die Rechtsgleichheit aller Menschen ebenso ein wie die Fragen der Bildung, der kulturellen Diversität und der Ökonomie. Anthroposophie zeigt sich demnach erst in der Beschaffenheit des jeweils individuellen verantwortungsbewussten Weltbezugs, in der Hinwendung zum anderen. Nicht ein Lehrgebäude, ein Anspruch oder ein Dünkel zählen, sondern vielmehr die Qualität, ob und wie aneinander menschlich und anerkennend angeschlossen wird. Nur dadurch wird der Ansatz einer angestrebten «Entwicklung des Individuums zu Mündigkeit und Selbstverantwortung» verständlich.2 Fehlt diese Qualität, egal wodurch, wird das als unzugänglich und ausschließend kritisiert.

Wenn in der ‹Erklärung› geschrieben steht, dass Anthroposophie von der geistigen Freiheit und der geistigen Vielfalt lebt3, dann ist das zunächst eine körperlose und unbeseelte allgemeine Selbsterklärung, zielt aber nicht deutlich genug auf den Unterschied zu den rassistisch einschränkenden Markierungen durch Sprache oder durch den Mangel an Repräsentanz kultureller oder religiöser Vielfalt in unserer Gesellschaft.

Der Begriff des Geistigen schwebt dann frei, aber unverbunden über den konkreten Lebensverhältnissen. Darum heißt es in dem bekannten Spruch Rudolf Steiners, ‹Suchet das wirklich praktische Leben›: «Wendet an den alten Grundsatz: ‹Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist› […].» Das bedeutet, dass sich die von alltäglichen Missachtungen und Diskriminierungen Betroffenen nicht Verharmlosung und Ignoranz wünschen, sondern im Gegenteil warmherzige, menschliche Normalität. Das wird nicht zuletzt in Schulen und Lehrerseminaren wahrnehmbar unterschätzt, weil die Selbstgewissheit in Bezug auf die eigene Weltsicht die Wirkung von stigmatisierenden Worten nicht bemerkt. Verdrängung und Nichtbeachtung wollen in sensible und zusammenführende Beachtung verwandelt werden.

II Wer sich mit der aktuellen Rassismusthematik befassen will,4 dem möchte ich in diesem Zusammenhang das Buch ‹Sprache und Sein› der Hamburger Autorin Kübra Gümüşay empfehlen. Sie stellt ihren Ausführungen ein Motto von Rumi voran: «Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns.» Im Buch werden die «Wechselbeziehungen zwischen Sprache und […] Unmenschlichkeit»5 untersucht. Gümüşay beschreibt eindrücklich, wie jede Sprache ganz unterschiedliche Erlebnisse und Empfindungen transportiert. Sprache kann «unsere Welt begrenzen, aber auch unendlich weit öffnen».6 Gümüşay erzählt in erlebten Beispielen und klugen Gedankengängen, wie schmerzlich es ist, wenn sich Konformität, Falschheit und Absolutheitsanspruch gegen das Eingeständnis von Schwäche, Nichtwissen und Demut stellen. Aber gerade das sind Voraussetzungen dafür, die andere Person als Gleiche in einer nicht vereinnahmenden Weise wahrzunehmen. Fremdheit entsteht durch ausgrenzendes Benennen und Fremdmachen. Im Gegensatz dazu steht selbstverständliches, unhinterfragtes Dazugehören, das Gümüşay ‹Unbenannt-Sein› nennt. Die (meist europäisch geprägten weißen) Unbenannten, so Gümüşay, bemerken die Wirkung ihres Denkens und Sprechens meist nicht. Ausgrenzend sind Aussagen, die ‹Du bist nicht wie wir› bedeuten. Sie schildert in ihrem Buch diejenige innere Haltung, die geeignet ist, Augenhöhe und ein Erleben von einfühlsamer Mitmenschlichkeit in der Begegnung herzustellen. Das Einander-Zuhören und -Erzählen von biografischen Erlebnissen in Gruppen ist dabei eine von ihr regelmäßig gepflegte Methode. Es geht Gümüşay um mehr Wachheit für die Macht, aber besonders die Seele der verschiedenen Sprachen, ein gesteigertes Empfinden für den Wert der vielfältigen Nuancen des Menschlichen im Denken, im Fühlen und im Handeln.

Buchempfehlung Kübra Gümüşay, Sprache und Sein. Berlin 2020.

III Kübra Gümüşay ist eine politisch aktive und gebildete Muslima, die diverse schmerzvolle Erfahrungen mit rechtem und menschenverachtendem Hass gemacht hat. Im Zusammenhang mit Sprache analysiert sie im Kapitel ‹Die Agenda der Rechten› eine «Strategie rechter Ideologien», worin sie eine gefährliche Zeitsignatur erkennt. «Immer stärker bestimmen Rechte, worüber wir reden. Sie diktieren die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen. […] Sie errichten eine Diktatur der immerwährenden Wiederholungen. […] Bis wir uns selbst vergessen. In einer veränderten, digitalen Welt, in der die alten Regeln des politischen Diskurses nicht mehr greifen, büßen wir unsere Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit ein. Denn die Kontexte, in denen wir jeweils andere Facetten unserer Persönlichkeit ausleben – Arbeit, Freund*innenkreise, Freizeit, Familie –, verschmelzen zu einem einzigen Raum und die verschiedenen Aspekte unserer Persönlichkeit erstarren zu einer einzigen Identität. […] Wie können wir unser Selbst noch gestalten, wenn wir in der [zugewiesenen, Anm. des Autors] Identität gefangen sind, die der Spiegel des Internets uns zeigt? In dieser neuen Welt der Unfreiheit wächst eine polarisierende Diskurskultur, die kaum Raum für Positionen jenseits des Lagerdenkens lässt.»7 Gefährdet ist somit die Lebendigkeit des Unbestimmbaren. Den Verwerfungen der Gegenwart kann nur im Sich-Austauschen begegnet werden. Eine Illusion wäre es, sich einen störungsfreien Zustand zu wünschen.

Die erwähnten Vorwürfe rezipieren die Anthroposophie lediglich historisch und als Lehrgebäude. Dadurch sieht man sich gezwungen zu Gegendarstellungen. Die greifen jedoch nicht oder nur kurz, solange es nicht um Verstehenwollen geht, sondern das Rechthaben zählt, weil Äußerungen außerhalb der eigenen Gewohnheiten oder der als Gesetz geltenden materiellen Kategorien stehen. Wer ein ‹Haben› von Wissen oder ‹So-ist-es› behauptet, verlässt das Feld des Menschlichen, des Für-möglich-Haltens und nicht zuletzt der Wissenschaft. Wie kompliziert ist es doch heutzutage, vorbehaltlos von Gleich zu Gleich auf Augenhöhe über Dasselbe zu sprechen, mit Interesse am Begriffsverständnis beziehungsweise der Auffassung des anderen. Es ist an der Zeit, Wissenschaft vom und durch den Menschen zu vertiefen. Demokratie kennt keine Widerspruchsfreiheit, sie braucht den erwähnten Austausch. Zur dazu nötigen Geduld und Innigkeit reift die Menschheit insgesamt, mich inbegriffen, wohl erst langsam heran. Das macht den Übungsweg in der ‹Versuchsmethode des allgemein Menschlichen› so nötig und wertvoll.

Noch einmal Gümüşay: «Es lässt tief blicken, wenn ich beobachte, welchen Wert wir welchen Sprachen beimessen. Wie wir mit Perspektiven umgehen, die sich jenseits unseres sprachlichen Horizonts befinden. […] Wie wir jene betrachten, die mit neuen Begriffen unsere Wahrnehmung erweitern, und andere, die Begriffe prägen, um Menschen zu entmenschlichen. Sprache ist mächtig. Und Macht bedeutet Verantwortung. Wie ließe sich mit dieser Macht umgehen? Das ist ein Moment, in dem ich das türkische Wort ‹aciziyet› vermisse. Schwäche, Hilflosigkeit, Unfähigkeit – das sind die Worte, die mir die Übersetzungsmaschinen anbieten, wenn ich nach einem deutschen Pendant suche. Doch ‹aciziyet› bedeutet so viel mehr. Ein Wort, das mich dazu bringt, die Welt von unten zu betrachten. Ganz von unten. Machtlosigkeit und Kraftlosigkeit zu spüren, die Abwesenheit von Möglichkeiten, die Unerreichbarkeit von Dingen zu spüren – und auszuhalten. Dabei empfinde ich den Begriff nicht negativ. Eine merkwürdige Freiheit ist mit ihm verbunden. Denn ‹aciziyet› evoziert auch das besonnene Wahrnehmen einer Situation, der ein Mensch ausgesetzt ist. Eine emanzipierte Akzeptanz der Umstände des Lebens, keine demütige Unterlegenheit, sondern respektvolle Achtung.»8

Inwiefern Anthroposophie uns aus der Peripherie, aus allen Richtungen lebendig entgegenströmt und gesehen werden möchte, das mag jede und jeder für sich selbst befinden.


Buchempfehlung Kübra Gümüşay, Sprache und Sein. Berlin 2020.

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner 1923, nach dem Brand des Ersten Goetheanum, als Warnung vor Sektierertum, GA 259.
  2. Aussage in der ‹Erklärung gegen Rassismus›, ‹Goetheanum› 13/2021.
  3. Ebd.
  4. Liste empfehlenswerter Bücher zum Thema: 11 lesenswerte Bücher zum Thema Rassismus
  5. Kübra Gümüşay, Sprache und Sein. Hanser Verlag, Berlin 2020.
  6. Wie kontrovers, feindselig und politisch aufgeladen die Debatten über Rassismus derzeit nicht nur gegenüber Anthroposophen stattfinden, lese man in einem Artikel der Berliner TAZ vom 16.04.2021, der sprechende Titel ‹Canceln und abkanzeln›
  7. Kübra Gümüşay, a. a. O.
  8. Ebd.

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