Was meine ich mit Denken?

Jeder bildet eine eigene Vorstellung und versteht es doch, wenn ich ‹Dreieck› sage.


Grafik: Sofia Lismont

In seinen ‹Grundlinien› schrieb Rudolf Steiner unter der Zeichnung zweier Dreiecke: «Was haben die wirklich gleich, wenn man bei der Sinneserfahrung stehen bleibt? Gar nichts. Was sie gleich haben, nämlich das Gesetz, nach dem sie gebildet sind und welches bewirkt, dass beide unter den Begriff ‹Dreieck› fallen, das wird erst von uns gewonnen, ‹wenn wir die Sinneserfahrung überschreiten›.» Dieses Gesetz ist selbst kein Wort, aber ohne Begriff davon gibt es weder Wortbedeutung noch Vorstellung, auch wenn dieser Begriff unter dem Wasserspiegel des Bewusstseins bleibt. Obwohl ein Kind weiß, was ein Stuhl oder eine Zahl ist, fällt es ihm schwer, es genau zu sagen. Auch wenn der Mund verstummt, können die Hände sprechen, denn der Begriff lebt in der Gliederbewegung und erstirbt im Kopfbewusstsein. Während aus einer stillstehenden Vorstellung der formende Begriff entweicht, kann er in ihrer Bewegung wirken und ergriffen werden. Durch begriffsgemäße Bewegung der Vorstellung stößt man innerlich auf Gesetze, unverbrüchlicher als die dickste Mauer. Wenn man Begriffe miteinander oder mit Wahrnehmungen verbindet, urteilt man. Wenn ihre stillschweigenden Voraussetzungen stimmen, können Urteile wahr oder falsch sein. Sind Urteile wahr, gelten auch ihre Folgen. Aus einer Handvoll Axiome folgt die ganze euklidische Geometrie. Es brauchte viele Jahrhunderte und Mathematiker und Mathematikerinnen, um ihre Sätze zu formulieren, und manche Voraussetzung wurde erst nach Jahrtausenden entdeckt. Das versunkene Begriffsgewebe ans Licht zu bringen, heißt Denken. Es stärkt die freie Urteilskraft und ist eine oft mühsame, aber immer lohnende Tätigkeit.

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