«Von starkem Enthusiasmus durchsetzt»: Eugen Heinrich Schmitt

Im Vortrag vom 22. März 19241 erzählt Rudolf Steiner von einer kleinen Begebenheit, die sich 1888 abgespielt hatte – und die er sogar an der Wandtafel illustrierte.


Er hatte Eugen Heinrich Schmitt aus Budapest – «er war schmächtig und lang […] ein Mann, der wirklich, wenn auch äußerlich in einer etwas sehr stark zur Schau getragenen Weise, von einem starken Enthusiasmus durchsetzt war» – bei Marie Eugenie delle Grazie eingeführt, da sich beide für Byron interessierten: «Nun ging da eine furchtbar enthusiastische Byron-Diskussion los. Sie waren eigentlich einig, aber sie diskutierten lebhaft. […] Wir anderen schwiegen alle. Aber die beiden Leute unterhielten sich nun über Byron so: Da war der Tisch, etwas länglich, da saß delle Grazie, und hier saß Eugen Heinrich Schmitt, heftig gestikulierend. Plötzlich geht der Stuhl unter ihm weg, er fällt unter den Tisch, seine Füße bis zu delle Grazie hin. Ich darf wohl sagen, es war ein Schock, den man bekam.»2

Gedankenleben

Wandtafelzeichnung zum Vortrag vom 22. März 1924, GA 235 © Rudolf-Steiner-Archiv

Wer war dieser Eugen Heinrich Schmitt (Znaim, 5. Nov. 1851–14. Sept. 1916, Berlin), der bei delle Grazie «mit dem Fuß anstößig wurde»? Er war ein Philosoph und Schriftsteller aus Ungarn, dessen weltanschauliche Entwicklung äußerlich gesehen merkwürdige Parallelen zu derjenigen Rudolf Steiners aufweist. Er beschäftigte sich mit idealistischer Philosophie, begeisterte sich für Nietzsche und den Anarchismus und wendete sich schließlich der Gnosis zu. Nach einem kurzen Dienst als Offizier arbeitete er als Kanzleischreiber und eignete sich autodidaktisch Kenntnisse in der Philosophie an. 1887 reichte er eine Schrift bei der Berliner Philosophischen Gesellschaft ein – ‹Das Geheimnis der Hegelschen Dialektik› –, die eine außerordentliche Anerkennung bekam. In dieser Zeit lernte Karl Julius Schröer ihn bei einem Besuch in Ungarn kennen. Er erzählte Rudolf Steiner von Eugen Heinrich Schmitt, der diesem daraufhin zwei seiner Schriften übersandte. In seiner Antwort vom 20. November 1887 schrieb Schmitt: «Die Wärme, mit welcher Herr Prof. Schröer schon bei Gelegenheit seines Besuches in Zombor Sie, hochgeehrter Herr hervorhob, erregte in mir den lebhaften Wunsch mit Produkten Ihres Geistes Bekanntschaft zu machen. Sie hatten die Güte und Freundlichkeit mir zwei zukommen zu lassen, und muß ich mich vor Allem entschuldigen, daß ich Ihre Sendung so lang ohne Beantwortung ließ. In meinem Leben hat sich nämlich eine Revolution vollzogen. Vielleicht erfuhren Sie schon aus den Blättern, daß mich der Cultusminister Trefort nach B[u]d[a]pest citiren ließ, veranlaßte, daß ich jetzt Hörer der Philosophie an der Universität bin. Wahrscheinlich werde ich das Doctorat schon mit Ende dieses Schuljahres ablegen.»3

Im weiteren Verlauf des Briefes legt er seine philosophischen Überzeugungen in den Grundzügen dar. Er sieht Übereinstimmungen mit Rudolf Steiners Ansichten, aber auch Differenzen.

Bei seinem Besuch in Wien 1888 lernten sie sich persönlich kennen; Schmitt studierte zu dieser Zeit Philosophie an der Universität Berlin. 1890 erhielt er eine Stelle als Bibliothekar im Justizministerium in Budapest, die er 1896 aufgab, um sich Gedanken- und Gewissensfreiheit zu bewahren. Er schrieb fortan als Privatgelehrter philosophische Werke und entwickelte sich immer mehr in die anarchistische Richtung. Er gründete Zeitschriften und befreundete sich tief mit Leo Tolstoi, mit dem er einen regen Briefwechsel führte.4

1898 erschien sein Buch ‹Friedrich Nietzsche an der Grenzscheide zweier Weltalter›. Rudolf Steiner feierte ihn dafür im ‹Magazin für Litteratur› als «ein wirklicher ‹Jünger› Zarathustras»5 und blickt auf ihre erste Begegnung «vor etwa neun Jahren» in Wien zurück: «Ich ergötzte mich an den Keimen der Weltanschauung, die dieser Mann in sich trug und die er mit seltener Beredsamkeit […] mir vor Augen führte. Eine Fülle von zukunftsverheißenden Ideen lebte in ihm; und in schwungvoller, von philosophischem Enthusiasmus getragener Sprache legte er seine Ansichten dar. […] Seine Ansichten nahmen allmählich eine Gestalt an, die meiner Gedankenwelt so nahe als möglich steht. […] Ich habe lange kein Buch gelesen, das eine so freie, reine Geistesatmosphäre um mich verbreitet hat wie dieses.» Nietzsche, so schließt er den Artikel, würde von Eugen Heinrich Schmitt sagen: «Du bist ein Schüler Zarathustras; denn du folgst nicht seinen, sondern deinen Wegen.»

Betroffenheit

Nach der Jahrhundertwende wandte sich Schmitt immer mehr gnostischem Gedankengut zu. Seine 1903 veröffentlichte ‹Gnosis des Altertums› wurde wiederum von Rudolf Steiner rezensiert6: «Viele stehen nahe vor der Eingangstür zur Mystik und können nur die letzten Schritte nicht machen. […] Dann steht ihnen der Mystiker gegenüber und bewundert die Kraft, mit der sie nach der Wahrheit ringen, bewundert oft die unbefangene Kühnheit, mit der sie sich über alle Vorurteile ihrer Umgebung hinwegkämpfen; er muss sich doch gestehen, dass sie auf halbem Wege stehen bleiben. […] Hier soll auf einen der Besten aus diesen Reihen zunächst hingewiesen werden.» Er lobt die Art der Darstellung, doch bleibt sein Resümee kritisch: «Der Mystiker muss es mit Befriedigung sehen, wie hier erkannt wird, dass der Mensch in dem Ewigen ruht, wenn er sich in seine Gedanken versenkt […]. Allein, er muss zugleich sehen, wie nicht zum wahren, echten Leben des Geistes fortgeschritten wird.» Die Gedanken der Gnostiker hätten in Schmitts «Darstellung etwas Blasses, Schemenhaftes. Er kann nicht nachleben, was sich im Geiste dieser großen Mystiker abgespielt hat und was sie geschaut haben.»

Eugen Heinrich Schmitt, © Metropolitan Ervin Szabó Library, Budapest. Budapest Collection Sign. 0400341425, Wikimedia.org

Von dieser Kritik war der Autor tief getroffen. In diesem Sinne schrieb er Rudolf Steiner aus Budapest am 15. November 1903 einen langen Brief: «Bei der Liebe und Verehrung, die ich Ihnen stets widmete und heute noch in erhöhten Maße, da ich Sie als begeisterten Kämpfer der himmlischen Weisheit begrüßen muß, hat es mich gefreut wieder etwas, was mein Wirken berührt aus Ihrer Feder in Druck zu lesen, aber anderseits betrübt, mich, wie leicht zu zeigen, ganz gewiß in einem wesentlichen Punkt verkannt zu sehen.» Er bittet, seinen Brief «nicht etwa als Ausfluß verletzter Eitelkeit, sondern als Ausfluß derjenigen Liebe zu nehmen, die ich Ihnen schon so lange widme». Er sieht sich mit Rudolf Steiner in einer gemeinsamen Mission: «Wir mussten uns mit jenen Regionen, in denen die kalte Verstandeskultur lebt, so eingehend beschäftigen, weil wir eben die belebenden Himmelsstrahlen sind, die dieses Eis zu schmelzen haben. Darin liegt unsere höchste Kraft und unsere Welterlösermission. […] Bei dieser Arbeit, der größten, die die Erden hat, seit dem Auftreten des Nazareners, wollte ich gerade mit Ihnen brüderlich Hand in Hand gehen, denn Sie vereinen Verstandesklarheit mit mystischer Vertiefung.»

1905 äußerte Rudolf Steiner über Eugen Heinrich Schmitt, seine Denkweise sei «eine zu mathematische, sie ist zu konstruktiv-mathematisch, und beruht auf zu wenig Anschauung. Seine Denkweise ist auch zu wenig tolerant gegen andere Anschauungen.»7

Verschiedene Schauungen

Von Berlin aus, das ihm zur zweiten Heimat wurde, da er aus politischen Gründen endgültig aus Ungarn flüchten musste, wandte sich Eugen Heinrich Schmitt am 22. März 1906 erneut an Rudolf Steiner. Für den zweiten Band seiner Gnosis, ‹Die Gnosis des Mittelalters und der Neuzeit› (Jena 1907), bat er Rudolf Steiner um die Beantwortung einiger Fragen: «Ich lege hier besonderes Gewicht auf Ihre Conception vom selbstschöpferischen Hervorbringen der Objekte höherer Schauungen. – 1.) An welchem Kennzeichen vermögen Sie zu erkennen, ob irgendeine Schauung sich wirklich in höheren Regionen über dem Kreis der bloßen Phantoms (des Astral) bewege? […] – 2) Und im Falle Sie wie ich entnehme in Ihren höheren Schauungen in mehreren solchen höheren Kreisen der Schauung sich bewegen sind diese durch angebbare Kennzeichen der Wahrnehmung zu unterscheiden? […] – 3.) Vor Allem aber bitte ich die Frage zu beantworten, in welcher Weise und auf welcher Grundlage Ihnen die Objektivität solcher Schauungen in dem Sinne fest steht, daß solche Sphären nicht als bloße Funktionen Ihrer individuellen Innerlichkeit erscheinen, sondern auch etwas für andre geistige Individualitäten Geltendes, ihnen notwendig gemeinsam Wahrnehmbares darstellen?»

Man sieht, dass sich die Fragen genau um den Punkt drehen, den Rudolf Steiner in seiner Rezension des ersten Bandes der ‹Gnosis› angesprochen hatte: Was ist die Qualität der geistigen Schau, die nicht nur über, sondern aus den Dingen spricht?

Schmitt schlägt Rudolf Steiner zur Beantwortung der Fragen ein Treffen im Café vor – ob dieser darauf einging oder zurückschrieb, ist unbekannt. Im zweiten Band der ‹Gnosis› findet sich dann folgende kurze Passage: «Im Kreise der Führer dieser [theosophischen] Bewegung, die meist nur das, was die bekannten Autoritäten vortragen, reproduzieren, und über diese Autoritäten selbst ragt durch selbständige Fassung des Problemes der höheren Ebenen Dr. Rudolf Steiner in Berlin hervor […], schon durch den Gedanken, den er aus Nietzscheschen Ideenkreisen hierher übertrug, dass der Menschengeist sich produktiv selbsttätig seine individuelle Sphäre in jenen höheren Ebenen schaffen muss.»8

Eugen Heinrich Schmitt hielt bis zu seinem Tod 1916 in Berlin Veranstaltungen ab, an denen er eine Art «Neugnosis» propagierte, «in dem sich idealist. Pantheismus mit christlichem Gedankengut verband»9.

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Fußnoten

  1. GA 235
  2. Dieser Schock löste bei Rudolf Steiner «das lebhafteste Bedürfnis» aus, «zu wissen, wie die karmischen Zusammenhänge bei Byron sein können»; davon handelt der weitere Vortrag.
  3. Die Briefe Eugen Heinrich Schmitts befinden sich im Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach.
  4. Ernst Keuchel (Hg.), Die Rettung wird kommen … 30 unveröffentlichte Briefe von Leo Tolstoi an Eugen Heinrich Schmitt. Hamburg 1926.
  5. In GA 31
  6. In GA 34, S. 411–414.
  7. Fragenbeantwortung vom 30.3.1905, GA 53.
  8. S. 399.
  9. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950. Bd. 10, Wien 1994, S. 253 f.

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