Von der Schuld zum Geschenk

Geld als spirituelles Element der Wirtschaft

Was ist Geld? Brauchen wir Geld? Wenn wir das Wasser von der Quelle holen und in den Wald gehen und die Nahrung besorgen, dann brauchen wir kein Geld. Wenn wir unternehmerisch, kreativ als Menschen unseren individuellen Impulsen zur Gestaltung folgen, dann wird etwas wie Geld relevant. Geld ist in dem Sinne das «spirituelle Element der Wirtschaft» – so nennt es Rudolf Steiner –, und es hat mich gereizt, das zu verstehen.


Wenn Geld das spirituelle Element der Wirtschaft ist, wie wirkt es dann, dass über 90 Prozent des Geldes auf Schuld basiert und Schuld Stress, Unruhe und Angst mit sich bringt? Für mich war folgerichtig, dass ich das besser verstehen könnte, indem ich zu einer Bank gehe. So wurde ich dann Nachhaltigkeitsverantwortliche bei einer Schweizer Privatbank und es waren sehr spannende Lehrjahre. Ich suchte den Archimedes-Hebel für die größtmögliche Veränderung. Ich wollte wissen, wer etwas verändern kann. Ich habe festgestellt, dass auch der oder die Geschäftsführende einer Bank es nicht wirklich kann. Selbst wenn es gewollt ist und Nachhaltigkeitsprojekte gemacht werden, bleiben sie unfrei. So habe ich weiter nach noch Größeren und Mächtigeren gesucht. Das war meine Hypothese: Je größer und mächtiger, desto eher können sie etwas verändern oder wissen, wo der archimedische Punkt für Veränderungen in unserer Gesellschaft ist.

Ich hatte dann die Möglichkeit, für den WWF das Thema ‹Geld und Natur› zu entwickeln. Erst in der Schweiz und dann in internationalen Projekten. Dafür habe ich ganz viele Forschungsarbeiten mit McKinsey, Credit Suisse, KPMG u. a. gemacht, um herauszufinden, wo der Bruch liegt zwischen den Entscheidungen von Finanzinstituten und ihren Auswirkungen. Bis hin zu G20-Verhandlungen und Zentralbanken, bei denen wir noch höhere Verantwortungstragende zu beeinflussen versucht haben. Ich dachte, wenn die Banken das nicht können, kann es die Bank for International Settlement oder das Financial Stability Board vielleicht. Schließlich musste ich feststellen, dass das Thema, über das nicht gesprochen wurde – oder über das nicht gesprochen werden konnte –, die Geldschöpfung war. Und darum habe ich mich doch noch aktiv mit der Geldreform-Bewegung auseinandergesetzt.

Ein Teil der Lösung werden

Im Namen der Nachhaltigkeit hatte ich verschiedene Erlebnisse, aber eines ging mir besonders nahe. Ich flog über den Atlantik für eine Sitzung zum Thema ‹Dekarbonisierung von Banken-Portfolios›. Ich war in New York eingeladen, in einem Fünf-Sterne-Hotel, wo J. P. Morgan, Goldman Sachs, Credit Suisse, UBS dabei waren. Ich wusste natürlich und sie auch, dass sie nicht aus der Kohle aussteigen würden. Trotzdem lieferte der Bericht, an dem wir mitgewirkt hatten, relevante Erkenntnisse. Doch habe ich dort wahrgenommen, dass es ein ‹Feld› unter uns gibt, in dem ich bestimmte Sachen äußern kann und andere, wie die Frage der Geldschöpfung, aber auch viele weitere, nicht. Ich habe gemerkt, dass dieses Feld einen sehr großen Einfluss auf mich hat und dieser wahrscheinlich deutlich größer ist als der Einfluss, den ich auf das Feld je haben könnte. Das wirklich zu erkennen, auch meine eigene Hybris und das Unvermögen, wirklich etwas zu verändern, zu erkennen, war ein Moment in diesem Hotel, in einer Kaffeepause. Ich bin rausgegangen, um erst mal Luft zu holen. Auf der Straße waren die Leute von Occupy Wall Street und ich habe jemanden sprechen hören: Das war Charles Eisenstein.

Das hat mein Herz geöffnet. Aber ich habe gleichzeitig Wut, Angst und Trauer in mir gespürt, weil wir gar nicht miteinander verbunden waren. Ich war nicht verbunden mit denen, die dort protestierten. Ich war irgendwie auf der falschen Seite, aber auch wieder nicht, denn die Leute, mit denen ich es zu tun hatte, wollten alle auch etwas bewegen. Diese Unfähigkeit, wirklich miteinander in Verbindung zu sein und gemeinsam der inneren Wahrheit zu folgen, hat mich überwältigt. In dem Moment wusste ich: Wenn ich noch länger bleibe und weiterhin Studien schreibe und Konferenzen besuche, werde ich Teil oder bin schon lange Teil des Problems – und nicht Teil der Lösung. Da gab es also keinen Archimedes-Hebel. Mir war schlagartig klar, dass ich, um wirklich etwas gestaltend zu verändern, Unternehmerin werden musste. Und dass es für mich wichtig war, wieder zu dem zurückzukommen, worum es in der Essenz geht. Das sind die ganz einfachen Dinge: gesunder Boden, gesundes Wasser, Essen, Gemeinschaft. Was braucht es, damit Bäuerinnen und Bauern regenerativ arbeiten können? Was braucht es in einer Region? Was braucht es, damit Kunstschaffende Kunst machen können, die die Seele ernährt? Welche assoziativen Strukturen kreieren wir in den Regionen? Auf diese Reise habe ich mich gemacht, zusammen mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern, mutigen Menschen.

Gemeinschaften und Böden regenerieren

Irgendwann vor einigen Jahren bin ich mit zwei Kollegen, mit denen ich Food Networks CH gegründet habe, an einen Workshop nach Portugal gereist, dem Land, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Es ging um assoziative Strukturen im ländlichen Raum. Da kam eine Frau auf mich zu, die Marta heißt, und fragte: Machst du eigentlich nur Workshops oder kommst du jetzt auch nach Hause und machst das mit uns? Da wusste ich, dass ich das machen musste. Plötzlich sah mein Leben ganz anders aus. Ich war wieder zurück in Portugal, wo ich meine Kindheit verbracht hatte. Doch diese Region hatte sich sehr verändert. Zunächst waren wir zu dritt, drei Frauen, mit dem Impuls, diese Region zu regenerieren. Und das ist ja gar nicht so einfach in einer Region am Rand Europas, wo die Böden kurz vor der Verwüstung stehen und die Menschen wenig Perspektiven haben. Wir wussten ja auch nicht, wo man den Hebel für Veränderung ansetzen soll. In dieser Region waren mittlerweile nur noch fünf Einwohnende pro Quadratkilometer übrig geblieben. Der Rest war in die Städte abgewandert. Nur die, die ‹es zu gar nichts bringen› – so sagte man es den Jüngeren dort –, gingen in die Landwirtschaft. Das war die Ausgangslage. Mir war klar, dass es hier wirkliche Pionierinnen und sehr erfahrene Landwirte braucht. In unserem Fall war es ein Glück, dass wir Ernst Götsch, einen Pionier der Agrarökologie, gewinnen konnten. Er hat den Begriff der Syntropischen Landwirtschaft geprägt. Mithilfe von zwei seiner Schüler konnte einer der lokalen Bauern die erste Pilotfläche regenerieren. Später haben wir ein Aus- und Weiterbildungsprogramm für regenerative Landwirte aufgebaut, die immer mehr Flächen regenerieren.

So entstand ein assoziativer Ansatz, bei dem immer mehr Landwirtinnen und Landwirte mitwirken und mit geeigneten Pflanzenkollaborationen einen biodynamischen Agroforst aufbauen. Dieser Impuls bringt Menschen wieder in ihre grundlegende Aufgabe, von Anfang an Sorge zu tragen für die Erde, für ihren Boden. Hierbei arbeitet die Syntropische Landwirtschaft mit beständigen Verjüngungsimpulsen durch häufiges Beschneiden. Darüber und über die permanente Bedeckung und Beschattung des Bodens gelingt es, dass die Pflanzengemeinschaften wesentlich besser Wasser aufnehmen und sich auch gegenseitig unterstützen. Einer der Bauern hat gesagt, es sei so, als hätte der Boden Demenz gehabt. Wenn wir einen Heilungsimpuls hineingeben, erinnert er sich wieder und es wird möglich, ihn neu aufzubauen. Es geht um das Wahrnehmen vom Ganzheitlichen im Kleinen, um etwas zu heilen.

Richtig spannend wurde es, als wir begannen, in den Schulen der Region syntropische Schulgärten aufzubauen, mit Kindern zu arbeiten und das Schulzimmer nach draußen zu verlegen. Die Großmütter kamen dann im Übrigen auch dazu, denn sie wollten sich involvieren. So haben wir einmal im Monat miteinander gekocht. Mittlerweile ist das Ganze relativ groß geworden. Die Initiative ist noch nicht ganz erwachsen, aber schon einigermaßen selbständig. Parallel ist eine Initiative für die Regeneration von Böden entstanden. In einem Gebiet von 10 000 Hektar begeben sich die dort mitwirkenden Bauern und Bäuerinnen in einen Prozess des gegenseitigen Lernens und Ausprobierens.

Das Geldwesen in Bewegung bringen

Allerdings ist es immer noch so, dass ich Schenkgeld dafür finden muss, und daran stimmt etwas nicht. Immer wieder habe ich das Phänomen beobachtet, das ich ‹Ein Riese kommt ins Dorf› nenne. Das ist, wenn eine große Kette in eine Region kommt. Die kleinen Initiativen oder die kleinen Landwirtschaften, die man aufgebaut hat, dürfen dann glücklich sein, wenn sie den Großen beliefern können. Aber ganz viel Kleines, auch im Handwerk, geht natürlich verloren. Die, die Glück haben, bekommen einen Job und alle kaufen beim Riesen ein. Aber was passiert dabei mit dem Geld? Das wird aus dem regionalen Kontext hinausgezogen, wie durch einen Staubsauger. Wie kann es uns gelingen, dieses Phänomen von oben nach unten umzudrehen oder umzustülpen? Wie ließe sich ein Geldwesen kreieren, das die Ressourcen, die wir lokal haben, ernst nimmt und nur dazu da ist, zu zirkulieren? So wie das Wasser sich fein verteilt und im Fluss bleibt, damit alle bekommen, was sie brauchen?

Ich habe mich weiter nach Menschen umgeschaut und bin Arie Ben David begegnet, mit dem ich mittlerweile das israelische Impact-Startup Shareitt weitergestalte. Er sagte mir: Das größte Kaufhaus der Welt sind unsere kollektiven Haushalte. Wenn es uns gelingt, Ressourcen, Dinge oder auch Talente, die wir weitergeben möchten, sichtbar zu machen, dann sind wir gemeinsam das größte Kaufhaus der Welt. Er hatte begonnen, dieses Projekt mit 5000 Frauen, vor allem Müttern, aufzubauen. Mittlerweile sind es 77 000 Menschen, die diese Plattform benutzen. Nach Israel haben wir das Gleiche in Brasilien und seit diesem September auch in der Schweiz aufgebaut.

Schließlich kam etwas auf uns zu, das ganz spannend ist und mit dem wir nicht gerechnet hatten. Lehrerinnen und Lehrer fragten uns an, ob wir die Plattform nicht auch verwenden könnten, um den Unterricht dezentraler zu gestalten. Alles Mögliche in der Welt hat sich verändert, aber die Schulen sind immer noch wie im Jahr 1800. Die Kinder sitzen ständig und für die Lehrenden wird es zunehmend schwierig. So haben wir Pilotversuche gemacht, um diese Plattform für Lehrerinnen und Lehrer einzusetzen. Das Prinzip ist, dass die Kinder sich gegenseitig unterrichten und sich in assoziativen Projekten engagieren. Denn wenn man wirklich gut ausgeschlafen ist, wirklich gut zuhört und der Vortrag wunderbar ist, dann kriegt man vielleicht 10 Prozent des Stoffes mit. In einer Arbeitsgruppe 40 Prozent vielleicht, aber wenn man nachher selbst unterrichtet, dann beherrscht man den Stoff wirklich zu 90 Prozent. Es ist wieder die Idee der Assoziation: die schlummernden Talente peer-to-peer frei werden zu lassen. Die Kinder selbst nutzen die Technologie fast nicht. Mithilfe der Technologie können Lehrende Prozesse des gegenseitigen Lernens, Unterstützens und gemeinsame Gestaltungsprojekte aufsetzen, beispielsweise regenerative Schulgärten.

Was mich fasziniert, ist nicht das, was wir schon gemacht haben, sondern es sind vor allem die Dinge, die wir noch nicht entdeckt haben. All die schlummernden Talente und Potenziale, die wir nicht zum Leben erwecken, weil das Geld da nicht hinkommt. Genau da setzen wir an, und ich bin gespannt, wie sich Gemeinschaften, Kommunen und Netzwerke entwickeln, wenn sie mit den neuen co-kreativen und dezentralen Plattformen Ressourcen in Fluss bringen. Statt Geld als Schuld weiterhin zu akzeptieren, als Naturereignis, können wir ihm seinen richtigen Platz wiedergeben. Wir können es nicht nur anders denken, sondern es heute schon anders umsetzen, und wir können etwas tun, damit es zu dem wird, was es wirklich ist. Für mich ist Geld nichts anderes als ein Dankeschön. Es kann eben auch zu dem werden, weshalb Steiner gesagt hat, dass es das spirituelle Element der Wirtschaft sei. Dann könnte es uns Entscheidungen ermöglichen, die individuell sind und uns helfen, großzügig und liebend miteinander umzugehen. Und ein solches gesundes Geldwesen ermöglicht freies und intuitives Handeln. Daran zu forschen und zu wirken, ist der wichtigste Archimedes-Hebel der modernen Zeit. Wenn wir das hinkriegen, werden viele schlummernde Träume wahr.


Katharina Serafimova hat beim diesjährigen World Goetheanum Association Forum am 24. September diese Keynote gegeben: ‹Weltwirtschaft wirklich verändern – Geld als ‚Archimedes-Hebel‘ für diese Veränderung nutzen›. Zusammenfassung des Forums

Podcast-Interview mit ihr und Arie Ben David in der Reihe Die Welt gestalten

Web
Shareitt
Regenerate Forum
Terra Sintrópica


Illustration Fabian Roschka

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  1. Wunderbar! Statt reden handeln – oder besser beides. Frage: Gilt für Geld nicht notwendig eine Polarität je nachdem, welche Aufgabe es erfüllt? Beim Konsum erwerbe ich Geschaffenes, bei der Finanzierung künftiger Leistungen trage ich Verantwortung gegenüber denen, die mir die vorbereitende Arbeit ermöglichen. Nicht umsonst scheint mir der ganze Nationalökonomische Kurs von einer Polarität durchzogen, aus das gesunde Dritte entsteht – so wie jede Pflanze die Polarität von Helio- und Geotropismus zeigt. Gemeint ist die Polarität von Zentral- und Umkreiskräften, deren Gleichgewicht gesucht werden muss. Spiegelt sich das nicht in den Geldarten- oder – funktionen?

  2. Zwei Anmerkungen dazu. Die Verknüpfung von Geld und Schuld wird übertrieben. Leider hat David Graeber mit seinem Buch „Schulden – die ersten 5000 Jahre“ keinen geringen Anteil daran. Wenn man einmal von „Blutgeld“ absieht – wo das Geld die Schuld tilgt – kann gesagt werden, dass nicht „culpa“, also etwas, was man im moralischen Sinne verschuldet hat, den Normalfall bei Geld bildet, sondern „debet“. Aus einer freien gegenseitigen Vereinbarung resultieren zwei Versprechen, die eingehalten werden müssen. Pacta sunt servanda. Das ist eigentlich selbstverständlich und sollte nicht mit Unruhe oder Angst belegt werden.
    So beruht auch die sogenannte „Geldschöpfung“ auf einer Doppelschuld: Dem Versprechen des Kreditgebers, jetzt Zahlungsmittel zur Verwirklichung eines Vorhabens bereitzustellen und dem des Kreditnehmers, diese Zahlungsmittel in Zukunft von den Erträgnissen des Projekts zu tilgen. Nicht die Geldschöpfung ist der Skandal, sondern die Zwecke für die dieses Instrument der Kreditwirtschaft eingesetzt wird.

    Die zweite Bemerkung knüpft an die Formulierung an: „Wie ließe sich ein Geldwesen kreieren, das die Ressourcen, die wir lokal haben, ernst nimmt und nur dazu da ist, zu zirkulieren? So wie das Wasser sich fein verteilt und im Fluss bleibt, damit alle bekommen, was sie brauchen?“
    Das Prinzip der Geldschöpfung in einer freien Vereinbarung braucht keine Bank als Intermediär mehr. Es kann dort zum Einsatz kommt, wo es gebraucht wird und in der Höhe, in der es gebraucht wird, wenn in einer Gemeinschaft nicht alles sofort gezahlt werden muss, sondern wenn man sich ein Zahlungsziel setzt, etwa den Monatsende. Dann können die offen gelassenen Zahlungsverpflichtungen gegenseitig kompensiert werden. Das ist kein individueller Tausch, sondern eine Verrechnung, zu der es die Gemeinschaft braucht, um die Grenzen der einzelnen Buchführungen zu überwinden.
    Es braucht dann nicht mehr das Bargeld, das als wandernde Buchführung ausgleichend arbeitet, sondern ein gemeinschaftlicher Bewusstseinsvorgang schafft den Ausgleich. Je kleiner der Bewußtseinshorizont ist, desto mehr Bargeld wird benötigt, je größer desto weniger.
    Die Gemeinschaft der Banken der Londoner City hat dies vor 250 Jahren für sich entdeckt und profitabel nutzbar gemacht im Clearinghouse. Es gibt keinen Grund, dass die Zivilgesellschaft sich nicht auch dieses Instruments bedient.

    Bein Interesse kann hier mehr dazu gelesen werden:
    https://makroskop.eu/40-2022/regionales-clearing-erganzung-der-regionalgelder/

  3. Weil ich mich darüber wunderte, dass Steiner das Geld als „spirituelles Element“ bezeichnet hat, habe ich versucht, den Zusammenhang zu finden.
    Ich hatte keinen Erfolg. Kann mir da geholfen werden?
    Klar ist, dass Kapital ein geistiges Element ist. Kapital lässt sich aber nicht einfach in „Geld“ übersetzen.

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