Trauma überwinden

Christian Schoppers Buch ist eine gelungene Einführung in den Bereich Trauma. Für Betroffene, Angehörige und Menschen, die sich vertiefen wollen in den Zustand des ‹Eingefrorenseins› und dessen Heilung.


Dass seelische Wunden zu einer Biografie gehören und wie wir durch ihre Bewältigung zu Reifung und Wachstum gelangen, zeigt Christian Schopper in seinem Buch ‹Trauma überwinden›. Anliegen des Autors ist es, in das Gebiet der Psychotraumatologie einzuführen und dabei ein anthroposophisches Traumaverständnis zu entwickeln. Es ist kein Leitfaden zur Selbsttherapie und dennoch ein Gewinn für Therapeuten und Betroffene.

Eine Zeit würde kommen, sagte Rudolf Steiner, in der ein einziges Wort einen Menschen seelisch zerstören könnte. Heute wird an amerikanischen Universitäten mit ‹Triggerwarnings› gearbeitet. Damit wird ein Konstitutionswechsel bezeichnet. In der «psychischen Labilisierung» im Zeitalter der Bewusstseinsseele liegt aber für den Autor gleichzeitig die «großartige Möglichkeit der Spiritualisierung». Von diesem positiven Geist ist das Buch getragen.

Bei aller Spiritualität zeigt sich das Buch dennoch gut geerdet. Christian Schopper, der als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychologie und Anthroposophische Medizin in der Schweiz tätig ist, schafft einen umfassenden Überblick psychotraumatischer Therapieverfahren. Ein traumatisches Erlebnis bedeutet, dass den Betroffenen die Seele einfriert. Das Ich verliert den Bezug zu den anderen Wesensgliedern. Mitunter kommt es zu Gedächtnis- oder Persönlichkeitsstörungen. Durch eine am Körper ansetzende Therapie kann die traumatische Erstarrung aufgelöst werden. «Was der Geist vergessen hat, das hat der Körper nicht vergessen», sagte Sigmund Freud.

Im Rahmen der Einführung weiterer Therapiekonzepte führt der Autor neben medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten auch eine Auswahl homöopathischer Medikamente sowie kurze Einführungen in Formen der Psychotherapie und der Leibtherapie auf. Die Lesenden werden hier wirklich breit informiert. Zur Vertiefung einzelner Aspekte kann das Literaturverzeichnis als Quelle dienen.

Vor dem Hintergrund der Anthroposophischen Medizin zeichnet Schopper einen Gesundheits- und Krankheitsbegriff, der die Lebenskräfte als konstituierendes Prinzip des Organismus in das Zentrum stellt. In diesem Sinne wird das Konzept des Lebendigen für das Verständnis von Traumata grundlegend. Das Lebendige steht dem traumatischen ‹Einfrieren› diametral gegenüber. Schopper verweist auf die Epigenetik: «Das Gehirn ist kein starrer Schaltkasten», sondern ein ätherisches Organ. Der Mensch hat die Möglichkeit lebenslanger neuronaler Beweglichkeit.

Resilienz stärken

Das vielleicht wichtigste Kapitel des Buches widmet Schopper einem Punkt, der auch in der Pädagogik wesentlich ist: der Resilienz, der Frage innerer Stärke. Als Mensch ist uns die Fähigkeit gegeben, Herausforderungen und Krisen zu meistern und sie zum Anlass für Entwicklung zu nehmen.

«Das Leben des Menschen ist ein Fluss voller Gefahren. Aus pathogenetischer Perspektive würde ein Außenstehender den ertrinkenden Menschen aus dem Fluss ziehen. Aus salutogenetischer Sicht hingegen stellt sich die Frage: Wie macht man den Menschen zu einem guten Schwimmer?», fragte Aaron Antonovsky. Systematisch führt Schopper die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung von Resilienz auf, wobei eine positive frühkindliche Bindung entscheidend ist.

Das Buch offenbart schon im Titel seine Ausrichtung: Trauma überwinden. Aus Schicksalsschlägen kann der Mensch gestärkt hervorgehen. Gerade in Krisen sind positive Erlebensräume und das Hineinfinden in sogenannte Flow-Erlebnisse im Rahmen künstlerischen Schaffens existenziell wichtig.

Die Affinität des Autors zum Salutogenetischen, Sinnhaften, Künstlerischen atmet aus allen Seiten. Besonders schön gestaltet der Autor die Einleitungen seiner Kapitel mit Gedichten und Sinnsprüchen, die auf den Inhalt einstimmen. Balsam für die Lesenden. So findet sich im Kapitel zum anthroposophischen Schulungsweg in der Traumatherapie eine Auswahl von Übungen und Meditationstexten.

Schön lesefreundlich sind neben der übersichtlichen Gliederung auch die farblich hervorgehobenen Blöcke für besonders Wissenswertes. Das Buch zeichnet sich damit nicht nur durch formale Klarheit und eine liebevolle Gestaltung aus. Es baut auch eine Brücke zwischen internationalen Verfahren der Traumatherapie und dem gesunden Menschenverstand. So können wir lesen: «Wenn wir einen einfachen Schock, einen Unfall erlebt haben oder Zeuge von etwas Schlimmem geworden sind, ist die archaische, erste heilsame Handlung, die wir machen bzw. brauchen, eine feste Umarmung.»

Neben Hintergründen, Symptomen und therapeutischen Möglichkeiten integriert das Buch die Dimension der Spiritualität als Weg der Heilung. Eine inhaltliche Fülle, die in einzelnen Aspekten ein klein wenig Tiefe vermissen lässt. Gewiss aber bietet das Buch eine weite Orientierung für alle, die mit dem Thema Trauma in Berührung kommen. In diesem Sinne bietet es ein höchst relevantes und zugleich wohltuendes Leseerlebnis.


Buch Christian Schopper, Trauma überwinden, aethera Verlag, Stuttgart 2019

Grafik: Fabian Roschka

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