Schulen öffnen, Zukunft sichern!

Öffentliches Statement des Bundes der Freien Waldorfschulen Deutschlands.


Die derzeit 254 deutschen Waldorfschulen haben sich zum Bund der Freien Waldorfschulen (BDFWS) mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen, wo 1919 die erste Waldorfschule eröffnet wurde. In Deutschland besuchen 90 000 Schülerinnen und Schüler eine Waldorfschule. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. In diesem Sinne wendet sich der Bund der deutschen Waldorfschulen jetzt an die Öffentlichkeit und fordert für die Zeit nach den Sommerferien ein klares Bekenntnis zu offenen Kindertagesstätten und Schulen.

«Kinder und Jugendliche werden durch fortgesetzte Schul- und Kindergartenschließungen schwerer geschädigt als durch Covid-19», so Nele Auschra, Sprecherin des BDFWS. Erwachsene könnten sich inzwischen selbst schützen. Ein interdisziplinärer Expertenrat zur Anpassung der Pandemiebekämpfungsstrategie sei überfällig, um dem Anspruch der jungen Menschen auf nachhaltige Bildung in Gemeinschaft gerecht zu werden. Damit Schulen und Kindertagesstätten im Herbst und Winter geöffnet bleiben – was erklärtes Ziel der Kultusministerkonferenz ist –, müssten Bund und Länder jetzt ein interdisziplinäres Expertenteam einrichten, das die Rechte der jungen Menschen auf Entfaltung und Bildung in Gemeinschaft vorrangig bewertet. «Es kann nicht sein, dass in einer Gesellschaft, in der jede/r Erwachsene ein Impfangebot erhält und sich und das Gesundheitssystem dadurch vor einem schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung schützen kann, die Schulöffnung weiterhin mit Verweis auf die Delta-Variante von Inzidenzzahlen oder womöglich einer Impfung von Kindern und Jugendlichen abhängig sein soll», fasst Vorstandsmitglied Nele Auschra zusammen.

Ben Mullins/Unsplash

«Die Erkenntnis, dass wir lernen müssen, mit dem SARS-CoV-2-Virus dauerhaft zu leben1, setzt sich immer mehr durch. Kinder und Jugendliche sind nach heutigem Stand2 durch Covid-19 weniger gefährdet als durch die Grippe (Influenza). Schul- und Kindergartenschließungen gefährden die seelische3. und körperliche4 Gesundheit der Kinder mehr als das Virus5. Es ist absurd, Kindern und Jugendlichen weiterhin zum Nutzen anderer Opfer zuzumuten, während Erwachsene wieder zu Zehntausenden in Fußballstadien eingelassen werden», unterstützt der Kinder- und Jugendarzt Georg Soldner die Forderung des BDFWS. Gemeinsam mit den medizinischen Fachleuten, zu denen Virologen und Epidemiologinnen, aber auch Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiaterinnen sowie Vertreterinnen der Jugendhilfe gehören sollten, müssten Bildungs- und Erziehungswissenschaftler variable und pragmatische Lösungen für offene Schulen und Kindertagesstätten erarbeiten. «Nur wenn Kinder und Jugendliche sowie Studierende wieder einen regelmäßigen, breiten und sicheren Zugang zu Bildung in sozialer Gemeinschaft erhalten, können sie sich altersgemäß und gesund entfalten», sind sich Auschra und Soldner sicher.

Der Auftrag an die Politik ist klar: Entscheidungen für die Pandemiebewältigung dürfen nicht auf die Bundestagswahl ausgerichtet sein und auf dem Rücken der Noch-Nicht-Wählenden ausgetragen werden. Hygienemaßnahmen müssen auf Nutzen und Nebenwirkungen für die Gesundheit der betroffenen Kinder evidenzbasiert geprüft sein. Sie dürfen die jungen Menschen und den Unterricht nicht noch länger behindern. Distanzlernen und hybride Unterrichtsformen ersetzen nicht den Präsenzunterricht, den die Gesellschaft ihrer jungen Generation schuldet.

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Footnotes

  1. Covid-19 will become endemic but with decreased potency over time, scientists believe. BMJ 2021, 372:n494.
  2. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH): Hospitalisierung und Sterblichkeit von Covid-19 bei Kindern in Deutschland: «Die nun seit Beginn der Pandemie gemachte Beobachtung, dass von den schätzungsweise 14 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland nur etwa 1200 mit einer SARS-CoV-2-Infektion im Krankenhaus (< 0,01%) behandelt werden mussten und 4 an ihrer Infektion verstarben (< 0.00002%), sollte Anlass sein, Eltern übergroße Sorgen vor einem schweren Krankheitsverlauf bei ihren Kindern zu nehmen. In der Saison 2018/19 wurden nach Angaben des RKI insgesamt 7461 Kinder unter 14 Jahren mit Influenza als hospitalisiert gemeldet, 9 Kinder verstarben. […] Diese Zahlen sollen und dürfen keinesfalls gegeneinander aufgerechnet werden, mögen aber bei der Einordnung helfen.»
  3. Christner, N. u. a., Children’s psychological well-being and problem behavior during the COVID-19 pandemic. An online study during the lockdown period in Germany. PlosOne, Veröffentlicht 23.6.2021. Berndt, C., Wenn Verbote auf die Seele schlagen. SZ 19.5.2021.
  4. Rodriguez, C. u. a., The Perfect Storm. Hidden Risk of Child Maltreatment During the Covid- 19 Pandemic. Child Maltreat. 26.5.2021 (2):139-151. Epub 23.12.2020. Mehr häusliche Gewalt und Kindesmisshandlungen im Zuge der Pandemie. Dt. Ärztebl. 3.7.2020.
  5. Wingeier, B. u. a., Sollen wir Kinder und Jugendliche gegen COVID-19 impfen? 7.7.2021. Prim Hosp Care, Allg. Inn. Med. 2021; 21(07):223–225
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