Rudolf Steiner Fragment einer spirituellen Autobiografie

Menschen, die die Anthroposophie in der Öffentlichkeit zu vertreten haben, sorgen sich zurzeit mehrheitlich um ganz anderes als um die Schicksalszusammenhänge der Vita Rudolf Steiners, auch diejenigen, deren Kinder die Waldorfschule besuchen. Das Ansehen der Anthroposophie sinkt rapide, sofern die Schlagzeilen der Presse repräsentativ für die Meinung der Öffentlichkeit sind – Anthroposophen werden zu ‹Querdenkern›, ‹Esoterikern›, ‹Covidioten› oder gar ‹Reichsbürgern›.


Aber auch dann, wenn man sich nicht in erster Linie Sorgen um die Zukunft der anthroposophischen Institutionen macht, sondern viel eher um die Lage der Erdenwelt, um ihre Biosphäre und ihre freiheitlichen Gesellschaften, um die Gesundheit der Menschen und das Klima, erscheinen Fragen nach der Biografie Rudolf Steiners fernliegend, vielleicht selbst an seinem Geburtstag. Was hat die Anthroposophie zur Wendung der Not beizutragen? – Dies scheint viel eher die heutige Herausforderung zu sein. Oder auch: Was habe ich selbst beizutragen, als Anthroposoph oder als durch Anthroposophie – hoffentlich – inspirierter Mensch?

Die Rettung der Erde

Sergej O. Prokofieff, wäre er noch physisch unter uns, hätte sich, wie ich denke, über die Dynamik der Probleme und Katastrophen, der kleinen und großen, die aktuell alle in Atem halten, nicht gewundert. Die Kräfte der Destruktion im Dienst des «Fürsten dieser Welt», auch die Kräfte der «Unternatur», beschäftigten ihn bis zuletzt – und die Frage, wie Anthroposophie als «Übernatur» ihnen die Waage halten kann. «Verwirrung und Verwüstung wird herrschen, wenn das Jahr 2000 herannaht», hatte Rudolf Steiner einmal gesagt.1 Freilich war diese Entwicklung für Sergej, der als überaus wacher Beobachter und Verfolger des Zeitgeschehens lebte, nie eine Frage von Steiner-Zitaten, sondern der gesamten, mehr oder weniger evidenten Zivilisationsrichtung, in der sich alles bewegt. Auf der anderen Seite hatte Rudolf Steiner von einer gegen Ende des 20. Jahrhunderts anbrechenden ‹großen Epoche› zur, so wörtlich, «Rettung der Erde» gesprochen und gesagt, dass dabei nicht zuletzt auf dasjenige gerechnet werde, «was Anthroposophen vermögen». Die anthroposophische Bewegung tue gut daran, ja ‹müsse› ihr «geistiges Leben» so stark machen, «dass wir in der rechten Weise vorbereitet erscheinen», wenn diese Epoche beginne. Es werde dann um einen «großen Anstoß» für das «spirituelle Leben auf Erden» gehen; wenn dieser jedoch ausbleibe, werde sich ein sehr rascher Verfall ereignen, wie sich heute schon sehr stark zeige.2 Das Heute Steiners war 1924 gewesen, sein Vorblick aber meint unsere Zeit, unsere Epoche der notwendigen Erdenrettung, und seine Andeutungen scheinen überaus aktuell, irgendwo zwischen Klimabruch und Naturzerstörung, Covid-19, der Verelendung von Milliarden Menschen und der «Pandemie des Autoritarismus» (Amartya Sen). Man kann sich am Geburtstag Rudolf Steiners selbstkritisch fragen, ob wir uns gut genug vorbereitet haben – und wir können und müssen uns wohl auch fragen, wie stark unser geistiges Leben tatsächlich ist und was wir nun konkret zur Rettung der Erde unternehmen. Von ‹Flammen›, die man anzünden müsse, sprach Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang.

Sergej O. Prokofieff integrierte diese Bemerkungen seines geistigen Lehrers Mitte der 1980er-Jahre in das erste Kapitel eines Buches, das er über die spirituelle Biografie Rudolf Steiners schrieb. Er war durchaus und bis zuletzt der Auffassung, dass diese spirituelle Biografie Steiners trotz oder gerade wegen aller akuten und sich weiter zuspitzenden Zivilisationskrisen von großer, ja herausragender Bedeutung ist und zum geistigen Leben der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft gehört. Es ging ihm – vom Anfang bis zum Ende – um ein tieferes Verständnis von Rudolf Steiners Werk und Wesen, seiner Entwicklung und Eigenart, um seine «wirkliche Individualität» und die Beziehung zu ihm, auch im Reich der sogenannten Verstorbenen, die Sergej als geistig Lebendige und Anwesende – oder anwesend sein Könnende – verstand. Für ihn war die Wesenheit des geistigen Lehrers außerordentlich wichtig, auch – gerade auch – für den weiteren Weg der Anthroposophie auf Erden. «[Rudolf Steiners] Hilfe und seinen Beistand brauchen wir heute mehr als je zuvor. Denn nur mit diesen können wir, die Anthroposophie und die Anthroposophische Gesellschaft, ihre Aufgaben in der Welt erfüllen», formulierte er in den Schlusssätzen seiner letzten Arbeit vor dem Tod.3

Vom Auftreten Enkidus

Den Ausgangspunkt seiner Suche nach den «richtigen Gedanken über Rudolf Steiners Individualität», nach der «geistigen Biografie seines eigentlichen ‹Ich›», fand Sergej bei der Weihnachtstagung, genauer: in den Abendvorträgen derselben (‹Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes›), die er als eigentlichen Beginn der Karmavorträge betrachtete. Sergej O. Prokofieff begann 1984, zwei Jahre nach dem Erscheinen seines ersten großen Werkes über ‹Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien›, mit der Niederschrift einer umfangreichen Einleitung seines ‹Biografie›-Buches (‹Der Menschheitslehrer und die Mission Rudolf Steiners›) und dem ersten Hauptkapitel über Enkidu (und Gilgamesch), nach dem Besuch der Londoner Ausstellung 1982 ‹The Epic of Gilgamesh› und umfangreichen, tiefgründigen Studien zum Epos vor dem Hintergrund der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Was er dabei zum Verständnis Enkidus zu Tage förderte, zur Wesenheit seiner jungen, sonnenhaften Seele, zu ihrer engen Beziehung zur «großen Mutterloge der Menschheitsführung» und zur sogenannten ‹nathanischen Seele›, ist spirituell hochinteressant – und kann hier nicht dargestellt werden. Das Epos wurde sprechend für Sergej, er konnte in ihm geistig ‹lesen› und in seiner Niederschrift ansichtig machen, was in der Michael-Epoche 3000 v. Chr. begann. Selbst der sumerische Name des Enkidu – ‹Enki – Utu›–, der unter der inspirativen Führung des ‹Sonnengeistes der Weisheit› (‹Enki›) aus der Sphäre der Kyriotetes und dem Sonnenerzengel ‹Utu›, dem ‹Sohn der Sophia› und späteren ‹Michael›, stand, konnte auf diese Weise von ihm entschlüsselt werden, gewann Sinn und geistigen Hintergrund. Das Epos schildert, wie die noch «gottbeseelte» junge Wesenheit Enkidus aus kosmischen Höhen ohne wirklich eigenes Schicksal, mit «alter Hell-Erkenntnis» und ohne verwandtschaftliche Bindung, aber mit großer Nähe zur nathanischen Wesenheit und zu Michael, sich irdisch einzuleben beginnt – der «absolut heimatlose Mensch», der das Schicksal der Menschheit erstmals auf sich nimmt, um den Freund Gilgamesch zu unterstützen und zu schützen, «heil halten den Gefährten». Das Epos schildert – in der geisteswissenschaftlichen Lesart Sergej O. Prokofieffs – die erste Auseinandersetzung Enkidus mit Luzifer und Ahriman und seinen frühen, unschuldigen Tod, der im Zuge der Menschheitsentwicklung Richtung Golgatha lag, in, so Prokofieff, «leidvoller, intensiver Erwartung des Kommens des Christus». Das Epos skizziert aber auch Enkidus nachtodliche Geleitung Gilgameschs in Richtung des Sonnenerzengels und der Sonnensphäre, mithilfe der hibernischen Mysterien.

Ein Menschheitsfreund

Sergej O. Prokofieff hat ein grandioses erstes Kapitel seines Werkes geschaffen, das er dann aus verschiedenen inneren und äußeren Gründen nicht mehr weiterführen konnte. Noch in seiner allerletzten Lebenszeit, ja im letzten halben Lebensjahr, diktierte er schließlich ein Vorwort und ein umfangreiches Schlusskapitel (‹Ein Beitrag zum karmischen Werdegang Rudolf Steiners›), in dem er die Hauptlinien dessen aufzeigte, worum es ihm ging. Er beschrieb die Individualität Rudolf Steiners im Geistesgang der letzten 5000 Jahre menschheitlicher Geschichte, angefangen mit Enkidus Erdenbiografie – und arbeitete heraus, dass diese Individualität in der Vergangenheit nicht den abgesonderten, ‹übermenschlichen› Weg der großen Eingeweihten bzw. der «Meister des esoterischen Christentums» gegangen war, sondern «konsequent mit der ganzen Menschheit verbunden» blieb, völlig in die allgemeine Kulturentwicklung integriert war, anteilnehmend und mitleidend, und diese Kulturentwicklung geradezu spiegelte, oftmals im Licht der vollen Öffentlichkeit. Er zeigte auch auf, dass Rudolf Steiner von 1861 bis 1925 zwar hohe Inspirationen erhielt und seine Arbeit über viele Jahre in den Dienst geistiger Wesenheiten stellte, aber mit seinem spiritualisierten Denken einen «Weg für alle Menschen» eröffnen wollte und diesen Weg tatsächlich menschheitlich zugänglich und praktikabel machte, auf der Grundlage der menschlichen Freiheit und Liebe. Er unterschied sich in seiner Wirkensart damit radikal von den spirituellen Meistern der Vergangenheit und wirkte dabei stets aus seinem Ich heraus – das «eigne Ich dem Welten-Ich vereinend», intensivierend und vergeistigend.

Das Heute Steiners war 1924, sein Vorblick aber meint unsere Zeit der Erden-Rettung, und seine Andeutungen scheinen überaus aktuell.

Rudolf Steiner war ein ‹Menschenfreund›, wie gerade – nach vielen sehr anderen Artikeln – in ‹Zeit online› überraschend stand4, und er war ein ‹Menschheitsfreund›, wie ich mit Sergej O. Prokofieff ergänzen möchte. Sergejs letztes Buch ist ein großes Geburtstagsgeschenk für die anthroposophische Bewegung, ihre Gesellschaft und Hochschule. Die Herausgabe des fragmentarischen Werkes durch den Verlag am Goetheanum, die sorgsame Arbeit von Astrid Prokofieff und Hans Hasler sowie die außerordentlich gelungene künstlerische Gestaltung von Wolfram Schildt (Berlin) bedeuten ein Licht in schwierigen Zeiten. Fragmente sind oft nachhaltiger wirksam als das Vollendete – und die Geschichte Enkidus in ihrer Beziehung zur nathanischen Seele bildete den Auftakt zu dem, was bis heute Anlass zur Hoffnung und zum Glauben an die Zukunft gibt.


Buch Sergej O. Prokofieff Rudolf Steiner – Fragment einer spirituellen Biografie, Dornach 2020.

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Bilder okkulter Siegel und Säulen. Der Münchner Kongress Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen. GA 284, Dornach 31993, S. 168
  2. Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Vierter Band, GA 238, Dornach 61991, S. 104.
  3. Sergej O. Prokofieff, Rudolf Steiner – Fragment einer spirituellen Biografie. Dornach 2020, S. 280.
  4. Wolfgang Müller, ‹Ein Menschenfreund›. In: ‹Zeit online›, 10.2.2021.
  1. Peter Selgs Artikel über Prokofieffs Buch
    interessiert mich ganz stark!
    Überhaupt finde ich Peter Selgs Schriften (fast) immer als außerordentlich interessant: sehr klar, ungemein tiefgründig und zugleich auf ganz großem Wissen basierend, niemals (!)auch nur ein Hauch von Fanatismus. Zuweilen, meine ich, einen zu finsteren Blick auf die Welt.
    Einige von Prokofieff’s Büchern las ich schon teilweise – nicht ganz, weil ich seine Texte zum Teil als fantastisch empfand. P. Selg scheint ihn ja gut gekannt zu haben; und weil Peter Selg, der Klargeist, ihn so positiv hervorhebt, dachte ich, soll ich nun dieses Buch Prokofieffs studieren.-
    Was die Angriffe auf die Anthroposophie betrifft (Z.B. in „DIE ZEIT“).
    (Ich habe auch darauf reagiert.) Man will – wie z.B. Ronald Düker in „DIE ZEIT“, der auf H. Zander verweist – eigentlich immer Rudolf Steiner schlecht machen. Und geht von Verirrungen aus, die gegenwärtig im Rahmen der Auseinandersetzungen zum Thema Corona von anthroposophischer Seite leider auch passieren. –
    Doch – ich denke – so große, überragende Geister wie Steiner, werden immer wieder scharf angegriffen; das gehört zur Realität auf der Welt.

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