Rotkehlchentote

Ich staunte neulich über ein Rotkehlchen, das in meinem Garten wohnt. Dieses Wesen ist so anders als ich, dass es mich fassungslos gemacht hat.


Es lebt in der schwingenden Bewegung der Zweige, im sich Fallenlassen auf den Rasen, als gäbe es sich bis kurz vor dem Aufprall der Schwerkraft hin und hebe sie dann wieder auf. Diese Fassungslosigkeit jedoch kam mir bekannt vor. Sie erinnerte mich an Momente, in denen ich nicht fassen konnte, dass jemand aus meinem Umraum ‹schicksalsschlagmäßig› gestorben war. Vielleicht ist es hier die Fassungslosigkeit dem Schicksal gegenüber, von dem ich zwar als ‹Vorstellungstatsache› glaube zu wissen, genauso wie ich glaube, vom Leben des Rotkehlchens zu wissen, mit dem ich aber keinen Direktumgang habe, so wenig wie mit der tiefsten Seinssphäre des Rotkehlchens. In diesem Zusammenhang kommt die Fassungslosigkeit etwas schwerer daher, als sei sie die Gravitations- und nicht die Leviationsvariante ihrer selbst.

Wenn es nun aber die gleiche Fassungslosigkeit gegenüber dem Tod und dem Leben ist, kann ich sie auffassen als Bezeugung für einen Bereich des Ganzen, in den ich noch nicht eingetreten bin, mit dem ich keine Berührung habe? Als Seelenreaktion in mir spricht sie von meiner Grenze, nicht aber von Nichts. Und kündet vielleicht von einem unbekannten Leben.

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