Ohne Freiheit keine Entwicklung

Den Kindern ihr Kindsein zu lassen, sie nicht einzubauen in die vermeintlichen Notwendigkeiten der Erwachsenen, war schon vor 100 Jahren Reformpädagoginnen und -pädagogen ein Anliegen. Gedanken zu Freispiel und religiöser Toleranz in Waldorfkindergärten.


Als Emmi Pikler Anfang der 1930er-Jahre in Budapest ihre Praxis für Kinderheilkunde eröffnete und ihr erstes Kind bekam, wurde Ungarns Politik von einer rechtsgerichteten Regierung unter Miklós Horthy bestimmt, die antisemitische Gesetze erließ und Andersdenkende brutal verfolgte. In diesem Kontext begann Pikler ihre Kleinkindpädagogik auszuarbeiten. In deren Mittelpunkt steht die Idee, dass das Wichtigste für die kindliche Entwicklung die freie Initiative ist: «Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das Wichtigste ist.»1

Genau zur selben Zeit entwickelte in Berlin der Musikpädagoge Heinrich Jacoby zusammen mit der Bewegungstherapeutin Elsa Gindler revolutionäre pädagogische Ansätze. Das Revolutionäre bezog sich darauf, dass in der Erziehung die Erwachsenen ihr Verhalten ändern müssten, anstatt die Kinder laufend zu drangsalieren: «Ändern müsste sich Mentalität und Verhalten der lehrenden Erwachsenen. Durch Vorschriften, ungeeignete Fragestellungen und voreilige Hilfestellungen wird die Entfaltung des Kindes gestört, es verliert die Fähigkeit und den Mut, selber auszuprobieren, zu improvisieren und spontan eigene Äußerungen zuzulassen, sei das nun im Bereich der Musik, der Bewegung oder des sprachlichen Ausdrucks.»2 Jacoby musste seine Zusammenarbeit mit Gindler überstürzt beenden und in die Schweiz flüchten. Er wusste, dass er sonst wie alle sich zur Freiheit bekennenden Menschen und als jüdischer Mitbürger in einem Vernichtungslager des Nazi-Regimes enden würde.

Als Maria Montessori 1932 vor dem Völkerbund in Genf eine Rede zur Friedenspädagogik hielt und unterstrich, dass nur eine Erziehung zur Freiheit und Autonomie dauerhaft zum Frieden führe,3 war auch in Italien der Faschismus auf dem Vormarsch. Mussolini wandte sich ab 1934 gegen Einrichtungen seiner großen Zeitgenossin, die unermüdlich betonte: «Das Kind hat einen unwiderstehlichen Drang zur Freiheit. Es ist nicht wie eine Vase, die man auffüllt, sondern wie eine Quelle, die man sprudeln lassen soll.»4

Genau wie die Montessori-Einrichtungen in Italien wurden die Waldorfschulen in Deutschland zu dieser Zeit noch ein paar Jahre geduldet, bevor auch sie schließen mussten. Rudolf Steiner hatte schon 1919 die revolutionäre pädagogische Tonart angestimmt: «Uns erwächst dann die Aufgabe, nicht durch unseren Willen allerlei dem Kinde beibringen zu wollen, sondern […] so zu sein in seiner Umgebung, dass das Kind die betreffende Sache nachmachen kann.»5 Vor allen Dingen durch Selbsterziehung des Erziehenden fördere man die Entwicklung des kleinen Kindes. Das Wichtigste sei, ihm Zeit und Raum für freies Spiel in einer gemäß seinen Bedürfnissen gestalteten Umgebung zu lassen.

Lernprogramme, Tests und Sicherheitsvorschriften

Obwohl namhafte Autorinnen und Autoren nicht müde werden hervorzuheben, dass durch Unterdrückung der Eigeninitiative der Lern- und Entwicklungswille des kleinen Kindes nachhaltig gestört wird, kann man den Eindruck haben, dass die Bildungspolitik vieler Länder die pädagogische Revolution, die vor 100 Jahren begonnen hat, endgültig rückgängig machen möchte. Freies, vom Kind selbst initiiertes Spiel ist wieder suspekt oder besser: Es wird als sympathisch-romantische Erscheinung geduldet, in der Vorschulpädagogik wird ihm aber kein wesentlicher Platz eingeräumt. Heute sind es keine totalitären Regimes, die Einrichtungen verbieten, die diese grundlegende Idee der oben genannten Pädagoginnen und Pädagogen anwenden. Es sind besorgte Eltern und Beamte in Erziehungsministerien, die meinen, die Kinder hätten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie nicht ab drei Jahren ihre Zeit in der Vorschule mit von Erwachsenen programmierten und kontrollierten Lernschritten zubringen. In Frankreich ist das Buch der kanadischen Erziehungswissenschaftlerin Catherine L’Ecuyer ‹L’émerveillement et la curiosité naturelle de nos enfants› ein Bestseller – gleichzeitig wird die Schulpflicht ab drei eingeführt und der juristische Status des Kindergartens abgeschafft. Dabei heißt es in dem auch in Spanien, Grossbritannien und den USA gut verkauften Buch: «Wenn wir kleine Kinder mit externen Stimuli überschütten, lähmen wir ihre angeborene Fähigkeit des Staunens und ersticken ihre Eigenmotivation.»6 Im Vereinigten Königreich machen Lernprogramme, Tests und Sicherheitsvorschriften das freie Spiel in Vorschulen weitgehend unmöglich. Gleichzeitig publiziert die bekannte Journalistin Sue Palmer auf ihrer Website: «Research connects too early school start to long term damage to mental health›.7

Raum zum Staunen

Waldorfkindergärten in aller Welt bieten seit Jahrzehnten eine natürliche, künstlerisch ansprechende, zur Eigenaktivität, zum Staunen und zum Lernen anregende Umgebung – ideal für das freie Spiel. Hier und dort kann man aber besorgte Stimmen hören und lesen, die einwenden, dass die Gedankenfreiheit in diesen Einrichtungen nicht gewährleistet sei, weil Rudolf Steiner bekanntlich eine spirituelle Weltanschauung gehabt habe, die sich auf dem Umweg über die Erziehenden auch auf die Kinder übertrage.8 Selbst wenn man darauf hinweist, dass Steiner wiederholt betont hat, dass Waldorfeinrichtungen auf keinen Fall irgendeine Religion oder Weltanschauung und auch nicht die von Steiner beschriebene Anthroposophie vermitteln sollen,9 bleibt bei manchen diese Sorge bestehen, war doch Spiritualität und Religion jahrhundertelang mit strengen Vorschriften und mit als Dogmen vertretenen Ideen verbunden. Unterwarf man sich den Regeln und glaubte man an die Dogmen, gehörte man zu einer bestimmten Gruppe, wenn nicht, wurde man ausgeschlossen.

Wer Steiner genauer liest, kann aber finden, dass er in Bezug auf Weltanschauung genauso denkt wie über die Rolle der Eigeninitiative in der Erziehung: So wie ein Kind unter sechs sich am besten durch Eigeninitiative und freies Spiel entwickelt, so auch jeder Erwachsene in Bezug auf Spiritualität und Weltanschauungsfragen. Zwang, Vorschriften, Verhaltensmaßregeln und Dogmen sind die Welt von gestern, eine offene und freilassende Stimmung lädt zum Experimentieren, Suchen und Staunen ein und spornt jeden zur Entwicklung an – Erwachsene und Kinder. Ganz gleich, ob Kinder einen riesigen Bewegungsdrang haben und ständig rennen, springen und balgen oder ob sie kontemplativ sind, dauernd Fragen stellen oder Hütten bauen, im Waldorfkindergarten ist Platz und Zeit für ihre Initiativen. Ganz gleich, ob Eltern Muslime, Jüdinnen, Christen oder Atheistinnen sind, sich für Yoga oder Basketball interessieren, im Waldorfkindergarten ist die Erzieherin oder der Erzieher bemüht, gemeinsam mit allen Eltern eine geeignete Umgebung für das freie Spiel der Kinder zu schaffen. Erziehung zur Freiheit und Toleranz gehören zu den wichtigsten Idealen des Waldorfkindergartens – und der Anthroposophie: «Da handelt es sich darum, dass eben, weil die Menschen immer individueller und individueller werden, versucht wird, vom Dogma freizukommen. In unserer Zeit muss immer mehr und mehr Toleranz gerade in Bezug auf die Gedanken des religiösen Lebens eintreten.»


Illustration von Ella Lapointe

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Footnotes

  1. https://erzieherauge.blogspot.com/p/zitate.html.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Jacoby.
  3. «Wenn das Kind in dieser kostbaren und zarten Zeit seines Lebens Unterdrückung und Zwang ausgesetzt ist, werden die Keime seines zukünftigen Lebens unfruchtbar und es wird ihm später als Erwachsenem nicht möglich sein, die großen Werke zu vollbringen, die ihm das Leben auferlegt.» Zitiert auf Französisch auf http://journaldecole.canalblog.com/archives/2014/11/10/30931216.
  4. M. Deny, A.-C. Pigache, Le grand guide des pédagogies alternatives. Eyrolles, Paris 2017.
  5. Rudolf Steiner, Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens. 7. Vortrag, GA 303, Dornach 1987.
  6. Catherine L’Ecuyer‘s Internetseite auf Englisch: https://catherinelecuyer-eng.com/thewonderapproach/ Auf Spanisch: https://catherinelecuyer.com/2016/07/06/la-importancia-de-educar-en-el-asombro-y-en-la-realidad/.
  7. https://www.upstart.scot/research-connects-too-early-school-start-to-long%c2%adterm-damage-to-mental-health.
  8. So zum Beispiel im französischen Magazin ‹Le Point›: https://www.lepoint.fr/societe/je-suis-la-cible-d-un- harcelement-des-pro-ecoles-steiner-02-10-2019-2338941_23.php#xtmc=steiner&xtnp=1&xtcr=1.
  9. «Dieses Allgemein-Menschliche […] das muss sich im Waldorfschul-Prinzip besonders dadurch ausleben, dass diese Waldorfschule nach keiner Richtung hin eine Schule der religiösen oder philosophischen Überzeugung oder eine Schule einer bestimmten Weltanschauung ist. […] Es war notwendig […], darauf hinzuarbeiten, dass nun diese Waldorfschule weit davon entfernt sei […], etwa eine anthroposophische Schule zu werden.» Rudolf Steiner, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung. Vortrag am 15. August 1923, GA 307, Dornach 1986.

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