Kenntnis und Erkenntnismut

Auf 500 Seiten kann man sich einlesen in die äußeren und inneren historischen Geschehnisse der Anthroposophischen Gesellschaft bis 1952. Der erste Band des Mammutwerkes von Lorenzo Ravagli führt in die Selbsterkenntnis.


Mit dem ersten Band seiner geplanten Trilogie zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft legt der Autor Lorenzo Ravagli ein Werk vor, das die Lesenden wahlweise als Goldmine oder Sprengsatz empfinden können – noch vor der Lektüre. Damit wären wir bereits beim Kernpunkt des Problems, nämlich der Gruppenbildung, der Spaltung, der individuellen Neigung zum Anschluss an ein Kollektiv als Machtgebilde innerhalb eines gesellschaftlichen Zusammenhangs. Eine äußerst aktuelle Fragestellung. Damit wird klar, dass es sich in der vorliegenden Publikation der historischen Aufarbeitung um einen Entwurf handelt, dessen Problematik weit über den ‹anthroposophischen Tellerrand› hinausführt. Es ist der Kernpunkt der sozialen Frage ans eigene Ich, was Engel und Teufel in meiner Seele tun und wie ich damit umgehe.

Rückblick auf sich selbst

‹Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert. – Band 1: Von den Anfängen bis zur zweiten großen Sezession 1875–1952›, herausgegeben von der Ernst-Michael-Kranich-Stiftung, erschienen im Glomer Verlag. So gewichtig wie der Titel ist der Inhalt des rund 500 Seiten dicken Werkes.

Die Lesenden sind gefordert, sich ein Urteil zu bilden, aus dem heraus, was überhaupt ein sachgemäßes Urteil möglich macht: Unabhängigkeit, Beweglichkeit des eigenen Standpunkts, ohne das Standvermögen, die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber preiszugeben. Nötig ist nur Liebe zu dieser Handlung – dem Akt der Wahrheitsfindung als eigenem seelischem Beobachtungsresultat, im Verständnis des anderen. Es ist eine ganz konkrete Philosophie der Freiheit, die Ravagli geschrieben hat. Ein Glücksfall für die Leserinnen und Leser. Zeiträume werden so transparent, unendliche Verwicklungen zwischen Menschen so durchdringend dargestellt, dass jederzeit Einblick, Überblick und Rückblick auf sich selbst gegeben ist.

Das macht, wie jedes Kunstwerk, viel Arbeit, mit unzähligen Verweisen, Fußnoten, Zitaten. Dennoch bereitet diese Lesearbeit mehr Vergnügen als Mühe. Ein Geheimnis dieser Publikation: Man kann sie linear, im Zeitverlauf, lesen und wird doch immer wieder Luftsprünge machen, vor und zurück, seitwärts um sich schauend. Vieles wird in Wiederholung unter verschiedenen Aspekten beleuchtet. Oder man steigt irgendwo ein, um ein Häppchen zu konsumieren, und spürt sofort einen Sog in die Tiefe. Jede Stelle kann zum Abgrund oder Gipfel werden.

Psychohistorisch

In vier große Kapitel ist das Ganze ge­gliedert: ‹Vorgeschichte und Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft bis zu Rudolf Steiners Tod 1925›, ‹Kaskade sozialer Katastrophen 1925–1935›, ‹Streit um das wahre Erbe 1936–1952›, ‹Die Witwe und der Kronprinz. Eine psychohistorische Tiefenbohrung›.

Nun, sagen wir, man schlägt das Buch aus persönlichem Interesse auf Seite 161 auf: ‹1933. Anthroposophie im Jahr der Machtergreifung›. In diesem Kapitel erwartet uns eine Überraschung, das Tagebuch von Albert Steffen. Wer ihn für einen weltfremden, esoterischen Schöngeist hielt, der kann sich überzeugen von seiner politischen Urteilskraft. Schon im Vorjahr, während eines Berlinbesuchs, wird ihm absolut klar, worum es sich beim Nationalsozialismus handelt, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen. Nicht nur Thomas Mann hat bekanntlich das verbrecherische Regime anfänglich verkannt, auch Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre vergnügten sich zeitgleich in Nazideutschland und waren – wie ihre Tagebücher belegen – hauptsächlich mit sich beschäftigt; kein Wort zur politischen Totalitarismuslage.

Zeitgenossenschaft

Von unzähligen solchen ‹Poren› durchzogen, ist Ravaglis Textgebilde jederzeit offen und durchlässig für die Lesenden. Der Autor versteht seinen Text als Erzählung. «Den Schwerpunkt der Untersuchung bilden nicht Institutionen oder Organisationen, sondern die Debatten, die zwischen den Anthroposophen über ihr Selbstverständnis geführt werden.»1

Wir sind als Lesende zugleich Hörende dieser lebendigen Wechselrede. Es sind neben Briefen, Tagebuchauszügen und anderen Zeugnissen vor allem Gesprächsprotokolle, die den Text ausmachen. Unmittelbar mit den Wortlauten der Beteiligten konfrontiert, ergibt sich so die Perspektive der sowohl teilnehmenden als auch kritischen Beobachtung, gleichzeitig die Schreibhaltung des Autors, für die Lesenden wie von selbst – im Kontext der zeitgenössischen Geschichte. Letzteres hat einen wundervollen Doppelsinn.

So wie der einzelne Mensch ein persönliches Unbewusstes besitzt, besitzt eine Gemeinschaft oder Gesellschaft ein kollektives Unbewusstes, einen kollektiven Doppelgänger.

Wir sind die Zeitgenossen und Zeitge­noss­innen in unserer Gegenwart und Gegenwärtigkeit. Nicht nur, weil wir in einer durchaus ähnlichen Lage scheinen, deren Muster sich bis in die jüngste Vergangenheit zyklisch wiederholt. Das immer gleiche Schema des Schismas: zwischen Esoterik und Exoterik zwei Gruppierungen, ob offen oder insgeheim. Immer die Tendenz, sich zugehörig zu fühlen oder anzuschließen an eines der beiden Lager, und beide im erbitterten Kampf um die ‹wahre Anthroposophie›. Das war und ist die erschütternde Erscheinung, die Ravagli ins Bild setzt, mit einem ebenso erschütternden wie einleuchtenden Erklärungsangebot: «Die Anthroposophische Gesellschaft soll, zumindest in ihrem Kern, eine Gemeinschaft von Geistesschülern sein. Ihr ist die Aufgabe eingeschrieben, die Schwelle zur geistigen Welt zu überschreiten. So wie der einzelne Mensch ein persönliches Unbewusstes besitzt, besitzt eine Gemeinschaft oder Gesellschaft ein kollektives Unbewusstes, einen kollektiven Doppelgänger, der nicht nur aus den Doppelgängern der einzelnen Menschen besteht, die diese Gemeinschaft bilden, sondern eine ‹eigenständige Wesenheit› darstellt. Der spirituelle Leib des Hüters der Anthroposophischen Gesellschaft ist zusammengesetzt aus ihrer Geschichte, aus den Folgen ihrer Handlungen, Gefühle und Gedanken. Diese sind zu Ursachen des Schicksals und des Charakters dieser Gesellschaft geworden. Durch die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte kann der Gesellschaft klar werden, wie sie in der Vergangenheit selbst die Grundlagen für ihre Gegenwart gelegt hat.»

Mitglied

Hier liegt eine Geistesbrücke und eine Versöhnungsgeste vor. Denn wer Anthroposophie ernst nimmt – und das tun beide Gruppen –, der kann sich auf dieses Angebot einlassen. Statt sich in endlosen Debatten und ermüdenden Verweisen in abstrakter Art um Klärung der jeweils anderen Position zu bemühen, kann man sich einfach ein Herz fassen und sich sagen: Das bin ich!

Ich bin ein Teil dieses Organismus, des Lebewesens Anthroposophie. Mitglied, einmal wörtlich genommen. Wenn ich mich so verstehe, dass ich in dieser Gesellschaft tatsächlich den übersinnlichen Leib mitbilde und ausmache – der aufgrund seiner übersinnlichen Natur zeitlos beziehungsweise überzeitig ist, also aktuell – ja, was sollte mich hindern, dessen gewahr zu werden? Im Vertrauen, dass Rudolf Steiner in den individuellen Menschen setzt, ins Ernstnehmen der eigenen Geistesgegenwart. In jedem Streitfall bin ich dann Klägerin und Verteidigerin zugleich. Welch interessante Position.

Da der Autor es geschafft hat, einen vollkommen suggestionsfreien Text zu bündeln, kann es den Lesenden ebenso glücken, sich in der Lektüre mit dem eigenen Bewusstsein freilassend zu verständigen. Man fühlt sich an keiner Stelle ‹überredet› oder gar manipuliert, sich einer Auffassung anzuschließen. Urteilsmäßig gefordert fühlt man sich aber sehr wohl. Es entsteht ein fortdauerndes, interessebildendes Staunen. Aus der daraus getragenen Einsicht wird Verstehen, und aus diesem Anteilnahme. Nicht umgekehrt, und das ist bedeutsam!

Rein sachlich legt Ravagli den Finger auf die Wunde mit der konkreten Fragestellung, ob nicht das ganze Dilemma aus dem Problem einer pseudoesoterischen Weihevorstellung resultiert? Also einerseits Zukunft aufzufassen als fortwährenden Strom aus der Vergangenheit und andererseits unablässiges Impulsgeschehen als Präsenz des Zukünftigen? In beiden Fällen liegt die Einseitigkeit des Gefühls, sich persönlich auserwählt zu empfinden, diese Position um jeden Preis zu behaupten und das Gegenteil zu bestreiten.

So zeichnet sich tatsächlich im Schattenwurf, im Schlagschatten des Doppelgängers, in indirekter Beleuchtung des Negativs, das Licht der beiden großen Geistesströmungen – Platoniker und Aristoteliker – ab. Manchmal verläuft der Riss geradezu im Lebenslauf eines Einzelnen, der zeitlich, durch die Umstände genötigt, mal zu dieser, dann zur anderen Position neigt. Welch ein Drama.

Der durchgehend gehaltene Fokus des Menschlich-Individuellen lässt das Buch zum Roman werden. Eine epische Erzählung, deren Fortsetzung man gespannt erwartet. Der zweite und der dritte Teil sollen im Lauf dieses Jahres erscheinen. Es ist eine Parzival-Lektüre. Wir sind mitten darin, in der Geistesschau der Wunde. Erinnern, besinnen wir uns, die Frage nicht zu versäumen. Dazu ist Ravaglis Buch sehr hilfreich.


Buch: Lorenzo Ravagli, Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert. – Band 1: Von den Anfängen bis zur zweiten großen Sezession 1875–1952.

Herausgegeben von der Ernst-Michael-Kranich-Stiftung, Glomer Verlag, Sauldorf-Roth 2020.

Grafik: Fabian Roschka

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Fußnoten

  1. Alle Zitate im Text stammen aus dem Buch.

Letzte Kommentare

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  • Danke Herr Soldner für diese ausgewogene Ausführung. Man würde ja...
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