Ich war es

Die Gemüter der einen schwanken, weil sich gerade zu Weihnachten die Bestimmungen verschärfen, während andere sich gerade über das Für oder Wider einer Impfpflicht empören.


Illustration: Adrien Jutard

Das Schwingen zwischen aufblasenden Gefühlen und verkleinernder Angst hat sich durch das Jahr 2020 gezogen. Es scheint wie vor jeder Prüfung, nur in diesem Jahr ist es kollektiv: Die Seele wird entblößt und verwundbar gemacht; sie greift sich selbst von allen Seiten an, weil der Prüfende in und nicht außer mir sitzt. Er zeigt auf jedes Detail, das nicht mit dem Ganzen zusammenklingt, das nicht mitklingen will, weil es sich für in sich selbst erfüllt hält oder einfach schläft. Eine Prüfung dieser Größe lässt zusammenzucken. Und nicht nur mich; ich muss auch meine Mitmenschen in ihrem Zucken annehmen. Dank Corona kann ich die Angst sehen: Angst vor dem Tod, Angst vor Freiheit, Angst vor Verantwortung, Angst vor Erkenntnis. «Es kann doch nicht richtig sein, wenn etwas so viel Angst macht?» Schnell könnte ich jetzt dem Eindruck erliegen, dass das alles gar nichts mit mir zu tun hat, sondern an mich nur herankommt, von außen, von anderen, von dem Bösen. Man sucht nach einem, der verantwortlich sein könnte, nach einem, der das antut. Da steigt vielleicht eine Ahnung auf, die flüstert: Wie ist dein Verhältnis zur Welt? Und wie war es bei deinen Großeltern und Eltern? Wie halten wir es mit Geist, Erde, Atmosphäre, Tieren? «Wir? Aber es kann doch nicht richtig sein, dass ich für den Schaden einer Welt leide, den ich nicht verursacht habe?» Es flüstert: Nein, du hast es nicht verursacht. Oder vielleicht doch? Nimmst du nicht die ganze Zeit, was du nicht geschaffen hast? Wie nah bist du da deinen Nächsten? Es klingt vielleicht großmäulig, aber ich sehe ein: Alles, was, und jeder, der bisher war, hat mich hervorgebracht. Und ich habe sie und mich hervorgebracht, immer und immer wieder. Ich muss weit dafür zurückreichen, aber: Ich habe mich selbst hervorgebracht. «Du willst also sagen, dass ich das alles gewählt habe? Dass ich das getan habe?» Nein, ich will nicht sagen, dass du es getan hast. Ich will sagen: Das war ich.

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  • Hallo Celestine, ein sehr schöner,interessanter Bericht über dein Aufwachsen in...
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    Adelheid Lucas-Wijgmans, Leer Ostfr.
  • Ich finde den Inhalt des Artikels gut und kann ihm...
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  • Es scheint, als ob Sie nicht dazu in der Lage...
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  • (bezugnehmend auf Wagner in seiner Bestärkung Wellbrucks) …zu allen drei...
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  • Ja, Superherzlichen Dank Ihnen ! Endlich mal was Konstruktives !...
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  • Vielen Dank für diesen horizonterweiternden Beitrag. Aus meiner Beschäftigung mit...
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  • Die Massnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie werfen Fragen auf. Da...
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    Hugo Jäggi
  • Vielen Dank für die „ungewöhnliche“ und öffnende Perspektive, die dieser...
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